Das Leben ist ein Traum der Autokraten
Haben wir einen freien Willen oder ist alles vorbestimmt? Diese philosophische Frage beschäftigte in der Barockzeit viele Denker und Autoren, auch der spanische Theologe und Schriftsteller Pedro Calderon de la Barca setzte sich mit ihr auseinander. Das Ensemble des Augsburger Theaters brachte nun dessen bekanntestes Stück „Das Leben ein Traum“ im Martinipark zur Aufführung.
Von Halrun Reinholz
Patrick Rupar, Sebastian Müller-Stahl, Jenny Langner, Julius Kuhn (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)
Zwei vermummte Gestalten kommen von hinten durch den Saal und erreichen einen Turm auf der Bühne. Dort wird Sigismund (Julius Kuhn) wie ein Tier an Ketten gehalten, weil seinem Vater Basilio (Michael Schrodt), dem König von Polen, einst prophezeit wurde, sein Sohn würde ein Tyrann. Nur Clotaldo (Sebastian Müller-Stahl), der Vasall des Königs, hat Zugang zu ihm, er hatte die ganzen Jahre über für seine Erziehung gesorgt. Die beiden Wanderer sind die als Mann verkleidete Rosaura (Katja Sieder) und ihr Diener Clarin (Kai Windhövel), der, wie ein Narr, immer Wahrheiten ausspricht und seine Meinung nicht hinter dem Berg hält („Eh man sie mir aus der Nase zieht, drück ich dir die Wahrheit rein.“) Rosaura dagegen hat einen triftigen Grund für die Reise aus Russland nach Polen, denn der russische Prinz Astolfo (Patrick Rupar), mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte, hat sie verlassen und damit ihre Ehre gekränkt. Sie hat einen Dolch dabei, den ihr Vater – der sich auch aus dem Staub gemacht hat, noch bevor sie geboren war – der Mutter hinterlassen hat. Den erkennt Clotaldo als den seinen wieder, hält sich mit dem Outing aber erst einmal zurück. Doch er rät Rosaura, sich als Dienerin Estrellas (Jenny Langner), Basilios Nichte, am Hof einzuschleichen. Auf Estrella ist Astolfo scharf, denn er hofft durch eine Heirat mit ihr auf den Thron des Onkels.
Das barocke Verwirrspiel der Charaktere erhält sein Sahnehäubchen mit dem Beschluss des Königs, die Prophezeiung der Sterne auf die Probe zu stellen und Sigismund an den Hof zu holen. Scheitere er, solle das Projekt abgebrochen und ihm als „Traum“ verkauft werden. Genau das tut es, der Prinz tritt in jedes sich bietende Fettnäpfchen frei nach dem Motto: „Wer gehalten wird wie ein Tier, wird selbst zum Tier.“ Also wird er schlafend wieder in seinen Turm gebracht. Doch sein Erscheinen bei Hof hat eine Revolution zur Folge, er wird befreit und „das Volk“ jubelt ihm zu und will ihn als König sehen. War alles Traum oder kann das Wirklichkeit sein? Diesmal tritt der Prinz seine Rolle bedächtig an: „Also will ich noch mal träumen … aber wenn ich wieder träume, will ich vorsichtiger sein.“

Die beiden starken Frauen im Stück: Jenny Langner als Estrella und Katja Sieder als Rosaura
Das christlich-versöhnliche Ende im Sinne der Gegenreformation bleibt in der Inszenierung von Fanny Brunner in Augsburg mit einem dicken Fragezeichen versehen. Zu offensichtlich steht die Frage nach der Macht des Einzelnen im Blickpunkt des gegenwärtigen Weltgeschehens. Der „aufgeklärte Monarch“, der umsichtige und um das Wohl seines Volkes bemühte Herrscher – kann es den geben? Sigismund lässt bei seinem Vater und Clotaldo Gnade walten, aber beim Schlussbild steht er als Sinnbild der Macht mit der als First Lady aufgedonnerten Estrella hoch auf einer Art Gangway und blickt in Trumpscher (oder Putinscher oder …) Manier auf eine als Video eingeblendete Fliegerparade. „Was ich falsch, was richtig mache, ist alleine meine Sache.“ Schnell kann da der Traum des Einen für die anderen zum Alptraum werden.
Als zentrale Figur ist auch Rosaura herausgearbeitet – eine Frau, die zur Selbsthilfe greift, weil sie erkennt, dass man sich auf die Männer nicht verlassen kann. Und die Astolfo zum Schluss noch nimmt, nachdem alle Unklarheiten beseitigt sind. „Denn wo Vernunft sich ungenügend zeigt, spricht der am besten, der am besten schweigt.“

Julius Kuhn als smarter Prinz Sigismund
Die Übersetzung von Georg Holzer bietet einen publikumsfreundlichen Zugang zum Text, der im Original gereimt ist. Reime im engen Sinn hat hier zumeist der hellsichtige „Narr“ Clarin, der als tragische Figur einen Zufallstod stirbt, was Kai Windhövel sehr plastisch umsetzt. Das Bühnengeschehen lebt im Martinipark überhaupt von der Interaktion der hervorragenden Darsteller, allen voran Julius Kuhn als bedauernswerter Gefangener und dann als zwischen Jähzorn und staatsmännischer Überlegenheit changierender Prinz Sigismund. Facettenreich auch Katja Sieder als Rosaura, die in den Videoeinblendungen oft in Nahaufnahme zu sehen ist. Der leichtfüßige Astolfo wird von Patrick Rupar bewegungsreich wie ein Zwitter aus Asterix und Prinz Eisenerz verkörpert, zumindest suggeriert das sein sehr farbenfrohes Kostüm. Sebastian Müller-Stahl gibt als Clotaldo das Abbild des loyalen und vorsichtigen Politikers, der kein Aufsehen erregen will, Michael Schrodt als König Basilio schwankt zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und Experimentierfreude und Jenny Langner als Estrella ist eine Frau, die genau weiß, was sie will – und was nicht. Und selbst die beiden Statisten als „Diener“, „Wachen“, Volk“ (Luca Nenning und Juna Kornmann bzw. Lea Mandl) zeigen Kontur.
Mit den fantasievollen Kostümen folgt Daniel Angermayr dem bunten Geschehen im Stück. Unverständlich, warum er das Bühnenbild – abgesehen von dem vielseitig verwendeten Turm – die meiste Zeit im tristen 80er-Jahre-Stil belässt – schwarzer Durchblick zur Hinterbühne, nackte Metallgestelle. Hin und wieder nur gibt es Einblendungen von Gemälden. Videobilder werden in der Inszenierung zwar oft und bewusst eingesetzt, dienen aber nicht der Auflockerung des Bühnenbilds, sondern der Erweiterung der Handlung um eine zusätzliche Ebene. Auch die Musik (Alex Konrad) lässt leider nicht wirklich einen kongenialen Zusammenhang zum Bühnengeschehen erkennen.
Ein Stück, das in Zeiten wie diesen unbedingt aufgeführt gehört. Im Martinipark wurde daraus ein witziger, pointierter Bühnenabend, was der kräftige Premierenapplaus bestätigte.




