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Samstag, 13.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

„Ich bin eine Frau für die Gegenwart“

Clownin Glucks über die Freiheit der roten Nase und den harten Alltag der freien Szene

Kirstie Handel ist in Augsburg und der Region vor allem als Clownin „Glucks“ bekannt. Mit ihrem mobilen Theater bringt sie Kultur an Orte, die her­kömmliche Bühnen selten erreichen. Kürzlich ist ihr Buch „Naserot: Geschichten aus dem Alltag einer Clownin“ erschienen. Wir treffen die Künstlerin dort, wo die Magie zwischen­gelagert wird: in einem wunderbar voll­gepackten Lagerraum im Hinterhof des Augsburger Bismarckviertels.

Ein Interview von Sait İçboyun 

Der Blick in die Wunderkammer

Wer den Raum betritt, steht sofort inmitten eines kreativen Labors. An den Wänden stapeln sich Regale voller Geschichte: alte, schwere Lederkoffer, eine weiße Friedens­taube und der Kopf eines riesigen, braunen Stoff-Dino­sauriers, der von ganz oben herabblickt. Trans­parente Plastik­boxen, prall gefüllt mit bunten Kostümen, Requisiten und Stoffen, reichen bis unter die Decke; dazwischen stehen Sackkarren und Rollkoffer bereit für die nächste Fahrt.

An den weißen Wänden hängen Theater­plakate neben einer bunten, mit Farb­spritzern übersäten Holzleiter. Am Fenster­brett lehnt eine große, gold­glänzende Tuba, daneben lugen Flöten­futterale hervor, während auf einer hölzernen Cajon die druck­frischen Exemplare ihres Buches liegen.

Kirstie Handel blickt sich um, lacht und bittet zum Gespräch auf zwei einfachen Stühlen zwischen all ihren Schätzen.

Das Interview

DAZ: Kirstie, wir sitzen hier inmitten von unzähligen Kisten, Instru­menten und Kostümen. Auf dem Cover deines Buches „Naserot“ sieht man dich dagegen mit der roten Nase inmitten von Herbstlaub. Für viele ist der Clown ein Klischee, manche haben sogar Angst vor ihm. Was bedeutet diese Maske für dich persönlich?

Kirstie Handel: Ich mag die rote Nase wahnsinnig gerne. Ich weiß, dass viele Komiker sie nicht so mögen, aber ich habe sie von Anfang an geliebt, seit ich in der Clown-Ausbildung war. Ich mochte dort besonders den Lehrer, der das Fach „Rotnasen­clowns“ unter­richtet hat und von dem ich sehr viel gelernt habe. Für mich ist die rote Nase eine Form von Freiheit – sie ist ja schließlich die kleinste Maske der Welt. Es gibt grandiose Clowns ohne rote Nase, sie ist also nicht zwingend erfor­derlich, aber zu mir als „Glucks“ passt sie einfach.

Foto: Frauke Wichmann – frabauke Fotografie

In der Rolle bin ich natürlich ganz anders, als wie ich jetzt hier sitze und seriös versuche, ein Interview zu halten. Ich hatte trotzdem eine ganz andere Vorstellung von Clowns als viele. Manche mögen Clowns überhaupt nicht. Ich habe irgendwann gemerkt: Das hat gar nicht so viel mit mir zu tun, sondern mit dem, was die Leute sich oft unter Clowns vorstellen. In Filmen gibt es ja auch diese grausige Gestalten, die Angst machen. Und es gibt halt auch Leute, die setzen sich einfach eine rote Nase auf und sind nicht wirklich ein Clown. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand wirklich eine Figur ist, die spielt, die authen­tisch ist, wo die Kinder einen fragen, wie alt man ist oder ob man nicht morgen wieder in den Kinder­garten kommt – oder ob man das halt so wie ein Faschings­kostüm trägt.

DAZ: Ein wiederkehrendes Thema in der gesell­schaft­lichen Debatte ist die Frage nach der Herkunft. Du hast selbst eine sehr inter­nationale Familien­geschichte. Wie nimmst du das wahr?

Kirstie Handel: Mir fällt auf, dass die Frage ‚Woher kommst du?‘ häufig gerade von jenen gestellt wird, die meinen, besonders weltoffen zu sein – und zwar wird sie vor allem an Menschen gerichtet, die dunkel­häutig sind. Wenn dann deren Antwort ‚Ich komme aus Deutschland‘ lautet, sollen sie trotzdem noch ihre ganze Herkunfts­geschichte erzählen. Ich erwähne das, weil meine Mutter auch aus einem anderen Land kommt – von den Shetland­inseln – und mir diese Frage nie gestellt wird. Mein Vater ist aus Deutschland, ist aber ausgewandert – ihm hat’s gereicht in Deutschland. Er ist tatsächlich nach Namibia aus­gewandert, wollte dann auch wieder zurück, hat das dort aber nicht mehr auf die Reihe bekommen. Deswegen, und auch weil meine Verwandt­schaft überall auf der Welt lebt, kann ich sagen: Wenn ich Menschen mag, mag ich sie einfach. Das ist unabhängig von dem ganzen anderen Drumherum.

DAZ: Spiegelt sich diese Haltung auch in deiner Arbeit auf der Bühne wider?

Kirstie Handel: Das ist der Ansatz mit meinem mobilen Theater, dass ich tatsächlich zu den Kindern komme, zum Publikum in Schulen, Kinder­gärten, Stadt­biblio­theken, auf die grüne Wiese, in Unterkünfte für Geflüchtete – genauso wie ich auch bei wohl­habenden Menschen schon gespielt habe. Dadurch habe ich einen Einblick in die unter­schied­lichen Lebens­wirklich­keiten bekommen.

Trotzdem spielt es für meine Arbeit keine Rolle, wer die Menschen sind, wer mein Publikum ist. Es ist mir völlig egal, wen sie wählen, wo sie herkommen, welche Religion sie haben oder welchen Pass sie haben. Oder vielleicht auch, welchen Gesund­heits­pass sie haben, was ja auch Thema war, wo ich gesagt habe: Dann spiele ich nicht, wenn solche Schilder an den Theatern hängen. Insofern will ich mich nicht politisch verein­nahmen lassen, sondern einfach meinen Humor, meine Geschichten und meine Weltsicht künst­lerisch auf die Bühne bringen.

Vom freien Kind zum Kontrast des Gymnasiums

DAZ: Dein eigener Weg zur Bühne begann schon sehr früh in deiner Kindheit in München. Wie kamst du zum Theater?

Kirstie Handel: Ich bin in München aufgewachsen. Meine Eltern hatten nicht so viel Geld, ich habe zwei Geschwister. Aber meine Eltern haben mich trotzdem auf eine Schule geschickt, die neu gegründet war und Schulgeld gekostet hat: eine Montessori-Schule im Olympia­park, die damals noch kein bisschen elitär war. Da habe ich tat­sächlich gelernt, wie es ist, ein freies Kind zu sein. Es gab nur einen Wochenplan, den musste ich erfüllen, und sonst hatte ich sehr viel freie Zeit.

Foto: Frauke Wichmann – frabauke Fotografie

Wir haben viele Stunden in der Schule ver­bracht, in der Garde­robe, um irgend­welche Stücke zu spielen und die Leh­rerin hat uns das alleine tun lassen. Das sind Lern­pro­zesse, die, glaube ich, gar nicht gegangen wären, wenn mir jemand die ganze Zeit Anwei­sungen gegeben hätte. Bei einem Auf­tritt in der Schul­aula habe ich mal eine Hosen­rolle gespielt, einen betrun­kenen Ehemann. Ich habe impro­vi­siert und das Publikum hat Tränen gelacht. Meine Mama auch, sie saß da nämlich. Das habe ich schon sehr, sehr schön gefunden.

DAZ: Nach dieser sehr freien Zeit kam der Wechsel auf ein staatliches Gymnasium. Wie war dieser Kontrast für dich?

Kirstie Handel: Als ich aufs Willi-Graf-Gymnasium kam, habe ich noch mal ein ganz anderes Schulsystem kennengelernt. Dass man benotet wird, kannte ich vorher gar nicht. Ich bin in einer anderen Welt gelandet und eigentlich nur deswegen weiter gerne in die Schule gegangen, weil da meine Freunde waren. Und ich hatte halt die 68er-Lehrer. Ich habe gemerkt, dass einige Lehrer zwar sehr gerne über die Schwabinger Krawall­nächte berich­teten, aber gleich­zeitig wollten, dass wir uns (anders als sie selbst) sehr brav verhalten.

DAZ: Nach der Schule hast du dich erst einmal für ein akademisches Studium entschieden. Hat dich das ausgefüllt?

Kirstie Handel: Erst habe ich mich in Politik einge­schrieben und dann wenige Semester Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert. Als ich an die Humboldt-Uni nach Berlin gegangen bin, war ich unglaublich fasziniert von dem Wissen der Studenten in meinem Alter. Anstatt Geschichte zu studieren habe ich aber gemerkt, dass ich doch eine Frau für die Gegenwart bin. In meiner Arbeit als Clownin befasst man sich ja sehr viel mit dem Moment und mit dem Jetzt.

Trotzdem habe ich natürlich auch durch die Prägung meines Vaters, der selber viel geschrieben hat und mich als Kind ins Anne-Frank-Haus mitgenommen hat, viel über die Grausam­keiten der Geschichte erfahren. Das hat mich als Jugend­liche sehr erschrocken. Es ist bis heute geblieben, weshalb meine Antwort darauf nur ist, dass ich Pazi­fistin bin. Für mich gibt’s da gar keine andere Option.

Die Absage an die Hierarchie

DAZ: Trotz des Studiums zog es dich zurück zur Bühne. Du hast an einer Schauspielschule in München vorgesprochen. Wie lief das ab?

Kirstie Handel: Ich habe an einer Prinz­regenten­schule vor­gesprochen. Zum Selber­aussuchen hatte ich mir was von Ionesco genommen, was total Schräges. Ich habe eine alte Dame gespielt, ich habe mich auch nicht schön gemacht – so wie die anderen in meinem Alter –, sondern eher so schräg. Und dann musste ich den Pflicht­monolog machen mit Miss Sara Samson von Lessing. Da habe ich schon gemerkt: Boah, da finde ich nicht so rein. Ich sollte irgendwie den Boden putzen, was mich gar nicht gestört hat. Aber ich habe gespürt, dass die mir jetzt sagen, was ich machen soll, und diese alt­modische Sprache – das ist nicht so meins.

Als Reaktion hat mich eine, die in der Jury war, angerufen: Regine Lutz, die damals so groß angekündigt wurde, weil sie mit Brecht zusammen­gearbeitet hatte. Sie hat mich zu Hause am Fest­netz­telefon angerufen und gesagt, ich sollte doch Komikerin werden. Es gibt eh viel zu wenige Frauen, die Komike­rinnen sind. Bei einer klassischen Schau­spiel­schule hatte sie das Gefühl, das ist nicht so ganz was für mich.

DAZ: Aber der Schritt in die professionelle Kunst ist ohne finanzielles Netz nicht leicht. Wie hast du das gelöst?

Kirstie Handel: Ich dachte mir: Ja, gut, aber wie soll man denn jetzt Komikerin werden? Weil ich aus einer Familie komme, die nicht so viel Geld hat, dachte ich mir: Ach, ich mache quasi nebenbei Schau­spielerei und fange mal ein Studium an. Dann habe ich irgendwann über diese Clown-Ausbildung in Hannover was gelesen und mich ganz spontan beworben. Das Tolle eben am Clown ist, dass du oft ohne Regie arbeitest. Du schreibst halt auch selber oder überlegst dir alles selbst, weil ich halt so jemand bin: Dieses Hierar­chische mag ich nicht so.

Ich habe dann die Ausbildung gemacht. Während­dessen habe ich, weil ich immer Geld gebraucht habe, einfach Auftritte gemacht. Ich bin hin, einfach ohne ein Programm eigentlich wirklich zu haben, weil ich viel daneben arbeiten musste. Der BaföG-Anspruch ging dann auch nicht mehr weiter. So habe ich mich durch­geschlagen. Ich war dann halt schon sehr jung im Vergleich zu meinen Freunden mit Arbeit kon­fron­tiert, wirklich Geld zu verdienen. Ich hatte viele Nebenjobs die erste Zeit.

Fantasie auf Rollen und das echte Scheitern

Davonfliegen im Keller (Foto: Sait İçboyun)

Während Kirstie erzählt, steht sie auf und geht auf eine fili­grane, selbst­gebaute Flug­zeug­kon­struk­tion auf Rollen zu. Das Draht­gestell ist mit bunten Stoff­bahnen in Pink, Blau und Türkis bespannt. Mit einem ver­schmitz­ten Lächeln nimmt sie auf dem schmalen Sitz Platz, den blau-weißen Schal um den Hals, die Hände fest am Steuer­knüppel. Mitten im Keller fliegt sie für einen Moment davon.

DAZ: Inzwischen hast du dein eigenes Buch „Naserot“ herausgebracht. Warum der Wechsel von der flüchtigen Bühne zum gedruckten Wort?

Kirstie Handel: Vor zwei oder drei Jahren habe ich angefangen, Geschichten aufzu­schreiben über das, was ich als Clown den Tag über erlebe – wie ein Tagebuch. Das Publikum sieht ja nur das, was auf der Bühne passiert. Aber wenn ich unterwegs bin, passieren einfach so viele Sachen, auch die ganzen Schwierig­keiten und Hinder­nisse im Alltag. Es sind so viele Geschichten geworden, dass ich sie jetzt in die Offline-Welt bringe. Ich habe mir gewünscht, ein Buch zu schreiben, das ich auch selbst gerne lesen würde – mit Selbst­kritik und Humor, dass man sich selber auch nicht so ernst nimmt. Die Leute nehmen sich alle wahnsinnig ernst, ich kann mich leider nicht so ernst nehmen. Bin aber auch im richtigen Beruf dafür.

Was ich auch total faszinierend fand, war, über das eigene Scheitern zu schreiben. Man kriegt so ganz viele Einladungen zu Workshops: „Lerne die Kunst des Scheiterns“. Und ich dachte mir: Wer traut sich eigentlich mal wirklich über das zu schreiben, was auch in unserer Branche scheiße läuft? Das habe ich eben auch gemacht, aber immer mit einem Augen­zwinkern. In den Illu­stra­tionen im Buch sieht man das auch. Das ist Humor, der direkt aus dem Leben kommt.

DAZ: Du sprichst im Buch auch die unschönen Seiten der freien Kunst an, besonders das Finanzielle. Wie nimmst du die aktuelle Situation wahr?

Kirstie Handel: Wenn man wie ich frei ist – und „frei“ verstehe ich als politisch unabhängiges Theater, also dass man sich nicht in städtische oder staatliche Abhängig­keiten begibt –, kriegt man eben Projekt­zuschüsse oder eine Gage von Kunden. Was natürlich immer eine finan­zielle Unsicher­heit heißt. Ich habe keinerlei Absicherung. Das ist die Kehrseite an meinem Beruf: dass es halt überall einfach am Geld mangelt. Mein Publikum, die Kinder, verdienen kein eigenes Geld. Das heißt, man ist abhängig von Leuten, die Geld zusammen­legen, um uns zu buchen. Seit 20 Jahren ist dieses Thema nicht wirklich besser geworden. Das Verständnis, dass das jetzt nicht aus dem Hobby heraus entsteht, sondern dass ich und meine Kollegen davon leben und viele Menschen einen häufig nicht angemessen bezahlen wollen oder können – das ist halt einfach die unange­nehme Seite. Ich habe einmal einen Anruf bekommen, da wollte mich ein Kind für einen Geburtstag einladen. Da dachte ich mir: Wenn wir nicht im Kapita­lismus leben würden, würde ich glatt kommen.

DAZ: Wie sieht denn euer mobiles Konzept konkret aus, mit dem ihr durch die Region tourt?

Kirstie Handel: Ich habe mit meinem Team sieben verschiedene Stücke zu unter­schied­lichen Themen für Kinder von 4 bis 10 Jahren, und die bieten wir als Gastspiele an. Wir kommen zu den Menschen: in Turnhallen, Stadt­büchereien, auf die grüne Wiese, in Schlössern. Auch im Schwimmbad habe ich schon gespielt, neulich im Titania. Es ist Theater mit einfachen Mitteln, aber der Zauber entfaltet sich überall.

DAZ: Trotz aller Hürden bist du seit zwei Jahrzehnten feste Macherin in der Szene. Was gibt dir die Kraft dazu?

Kirstie Handel: Ich habe unglaublich viel Glück gehabt in meinem Leben an Kollegen und Kolleginnen, die mir über den Weg gelaufen sind: Judith Gorgass, Anil Jain, Christian Baier, This Zogg, Julien Kneuse le Ray, Ingrid Irrlicht, Detlef Winterberg – das sind Leute, mit denen ich wirklich sehr, sehr gerne zusammenarbeite. Meine Texte für das Buch hat der Michi Sailer aus München gelesen und redigiert, und es ist eine sehr schöne Korres­pondenz entstanden und Nontira Kigle hat die schönen Illu­stra­tionen dafür gemacht. Ich bin sehr glücklich, dass ich den richtigen Menschen begegnet bin. Weil so was kann man auch nur zusammen schaffen. Oder auch meine Familie, denen ich abends Geschichten vorgelesen habe als ich unsicher war welche ich ins Buch nehmen soll.

Ein Schatz zum Abschied

„Jedes Buch kann ein Schatz sein.“ (Foto: Sait İçboyun)

Zum Abschied kniet sich Kirstie auf den Kork­boden vor ein rie­siges, auf­klapp­bares Kulissen­buch. Über dem Heiz­körper steht der Globus im weichen Fenster­licht, darunter spiegelt sich das bunte Lager in einem prunk­vollen Goldrahmen.

Kirstie hält das riesige Buch ge­öffnet, in dessen Inne­ren sich ein detail­reiches Pop-up-Bühnen­bild ent­faltet. Zwi­schen un­zäh­ligen kleinen, auf­ge­klebten Buch­um­schlägen ragt ein hand­ge­schrie­bener Spruch hervor: „Jedes Buch kann ein Schatz sein.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht. Es ist das perfekte Bild für diese Begegnung: Eine Frau, die sich im grauen Alltag ihre ganz eigene, bunte Freiheit bewahrt hat. Ein einfacher Hinterhof im Bismarck­viertel wird hier Tag für Tag zur Startbahn für die Fantasie.