Turan Dursun – Der Mufti, der das Schweigen brach
Dies ist die Geschichte eines religiösen Gelehrten, der durch seine Suche nach Wahrheit seine eigene Welt verlor.
Von Sait Içboyun
Die Bilder aus Berlin haben mich nicht losgelassen. Nicht allein wegen der Gewalt, die sie zeigen, sondern wegen der Fragen, die sie wie ungelöste Schatten hinterlassen, wenn die Kameras längst weitergezogen sind und die ersten Schlagzeilen schon verblassen. Jede Gesellschaft kennt den Schmerz des Moments: die Namen der Opfer, die Trauer der Angehörigen, die Fassungslosigkeit darüber, dass ein Mensch das Leben anderer Menschen auslöschen konnte, als sei es nichts als eine Störung in einem höheren Plan.
Töten im Namen einer höheren Wahrheit?

Bild: Monica Smekal / Gemini
Doch irgendwann, wenn der Lärm der Empörung verebbt und die öffentliche Aufmerksamkeit sich neuen Bildern zuwendet, bleibt eine schwierigere, zähere Frage zurück – eine Frage, die sich nicht mit schnellen Verurteilungen oder pauschalen Urteilen über Millionen Menschen beantworten lässt, die ihren Glauben in stiller Alltäglichkeit leben: Wie entsteht eine Weltanschauung, in der ein Mensch glaubt, im Namen einer höheren Wahrheit töten zu dürfen?
Diese Frage verlangt kein vorschnelles Urteil, sondern Wissen. Denn wer die Gefahren des religiösen Extremismus verstehen will, darf nicht nur auf die Täter schauen, die am Ende der Kette stehen. Er muss auch jene Stimmen hören, die diese Entwicklungen lange vor uns erkannt haben und die häufig einen hohen Preis dafür bezahlen mussten – Stimmen, die aus dem Inneren einer Tradition kamen und sie dennoch verließen, nicht aus Leichtfertigkeit, sondern aus einer Erkenntnis, die sich nicht mehr zurücknehmen ließ.
Die heimlichen Koranschulen
Es gibt Biografien, die wie ein Verhängnis wirken, weil in ihnen die Widersprüche einer ganzen Kultur wie in einem Brennglas zusammenlaufen und sich nicht mehr voneinander lösen lassen. Die Lebensgeschichte Turan Dursuns ist eine solche. 1934 im mittelanatolischen Şarkışla geboren – einem kleinen Ort in der zentralanatolischen Provinz Sivas, weitab von den Küsten und den großen Städten –, in ärmlichen, tief religiösen Verhältnissen, war sein Weg von Anfang an vorgezeichnet: Der Vater, selbst Imam, hatte für seinen Sohn nichts Geringeres im Sinn, als aus ihm einen der größten islamischen Gelehrten seiner Zeit zu machen, und Dursun folgte dieser Bestimmung mit einer Hingabe, die seinesgleichen suchte.
Er durchlief die sogenannten gizli medreseler, jene heimlichen Koranschulen, die trotz des offiziellen Verbots religiöser Ausbildung in der jungen türkischen Republik im Verborgenen weiterlebten, reiste von Dorf zu Dorf, von Lehrer zu Lehrer, lernte bei Scheichs und Mollahs, und mit neunzehn Jahren sprach er bereits fließend Kurdisch, Tscherkessisch und Arabisch. Er wurde Hadith-Gelehrter – Kenner der überlieferten Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed –, religiöser Ethnologe, ein Ulema im klassischen Sinne, also ein islamischer Rechts- und Schriftgelehrter, dessen Wissen über den Islam kaum jemand in seiner Umgebung übertraf.
Systematische Erosion der eigenen Gewissheiten
1958 erreichte er, was das Ziel seines Lebens hätte sein sollen: die Anerkennung als Mufti, als offizieller islamischer Rechtsgelehrter und Amtsträger der staatlichen Religionsbehörde Diyanet. Er diente dieser Behörde in mehreren Provinzen, als Imam und Rechtsgelehrter, und es war genau in dieser Position, im täglichen, professionellen Umgang mit den heiligen Texten, dass jener Prozess begann, der sein Schicksal besiegeln sollte. Je tiefer Dursun in die Quellen eindrang, je genauer er die Überlieferungen, die Widersprüche, die historischen Brüche in Koran und Hadith studierte, desto brüchiger wurde sein eigener Glaube. Was als gelehrte Vertiefung begann, wurde zur systematischen Erosion der eigenen Gewissheiten. Es ist dies das alte Muster jedes redlichen Denkens: Wer genau genug hinschaut, kann die Augen vor dem, was er sieht, nicht mehr verschließen. Dursun zweifelte, verwarf und wandte sich schließlich offen von der Religion ab, deren Amtsträger er einst war.
„Din Bu“ – Kompendium der Kritik
Der Bruch kostete ihn zunächst nicht das Leben, sondern die Existenz. Sein Mufti-Amt endete 1966, er wurde angefeindet, zeitweise nach Sinop strafversetzt – jene nordtürkische Hafenstadt am Schwarzen Meer, die seit den Tagen des Osmanischen Reiches als Verbannungsort galt, weil sie so abgelegen und karg war, dass man sie als Strafe empfand –, verlor seine gesellschaftliche Stellung und schlug sich in Istanbul zeitweise als einfacher Müllmann durch. Doch aus dieser Erniedrigung erwuchs sein eigentliches Werk. In den achtziger Jahren begann er zu schreiben – unerbittlich, akribisch, mit der Präzision dessen, der die Waffen seiner einstigen Gegner besser kennt als sie selbst. Er übersetzte Ibn Khalduns Muqaddima ins Türkische, jenes monumentale Geschichtswerk des arabischen Gelehrten aus dem 14. Jahrhundert, das als eine der frühesten soziologischen Analysen der Menschheit gilt, und verfasste zahllose Bücher und Kolumnen, in denen er die islamischen Quellen einer historisch-kritischen Lektüre unterzog, wie sie im sunnitisch-orthodoxen Raum bis dahin kaum stattgefunden hatte. Sein Hauptwerk, „Din Bu“ – Das ist Religion –, wurde zum Kompendium seiner Kritik: eine schonungslose Konfrontation der islamischen Gelehrtenwelt mit ihren eigenen Texten, ihren Ungereimtheiten, ihrer historischen Bedingtheit. Für viele Leser, die später über ihren eigenen Glaubenszweifel berichteten, war die Lektüre dieses Buches der Moment, in dem sich etwas unwiderruflich verschob.
Ewige Regeln nur Produkt menschlicher Machtkämpfe
Was Dursun besonders gefährlich machte, war nicht bloß die Tatsache, dass er kritisierte, sondern die Art, wie er kritisierte. Er argumentierte nicht von außen, mit den Begriffen der westlichen Aufklärung oder des Marxismus, sondern mit den Werkzeugen der Tradition selbst. Er zitierte die Hadithe, die der orthodoxe Gelehrte nicht leugnen konnte, legte die Widersprüche zwischen den verschiedenen Überlieferungen offen, zeigte, wie bestimmte Verse des Korans in ihrer historischen Einbettung ganz andere Bedeutungen trugen als die, die man ihnen später zuschrieb, und führte vor, dass viele der angeblich ewigen und unveränderlichen Regeln in Wahrheit das Produkt menschlicher Machtkämpfe, politischer Interessen und kultureller Übernahmen aus älteren Zivilisationen waren. Er forderte die großen Namen der islamischen Theologie öffentlich zum Streitgespräch heraus – und keiner von ihnen wagte es, ihm gegenüberzutreten. Diese Verweigerung war vielleicht das beredteste Eingeständnis: Man fürchtete nicht den Ungläubigen, der von außen kam, sondern den ehemaligen Mufti, der die eigenen Quellen besser beherrschte als die Hüter der Orthodoxie.
Sprache, zugleich gelehrt und volkstümlich
Seine Artikel in der Zeitschrift „2000’e Doğru“ und in anderen linken und säkularen Publikationen hatten in den späten achtziger Jahren eine seltene Durchschlagskraft. Sie erreichten nicht nur Intellektuelle, sondern auch Arbeiter, Lehrer, junge Menschen in den Provinzen, die zum ersten Mal sahen, dass man die heiligen Texte lesen konnte, ohne sie zugleich zu verehren. Dursun schrieb in einer Sprache, die zugleich gelehrt und volkstümlich war, streng und doch voller Ironie. Er sezierte den Mythos der Unfehlbarkeit, legte die sexuellen, politischen und ökonomischen Interessen bloß, die sich hinter dem Deckel der Heiligkeit verbargen, und zeigte, wie aus dem Glauben an eine absolute Wahrheit die Bereitschaft zum absoluten Gehorsam und letztlich zur absoluten Gewalt entstehen konnte. In einer Zeit, in der die islamistische Bewegung in der Türkei an Einfluss gewann und die säkulare Republik von innen her unter Druck geriet, war dieses Schreiben ein Akt der Wehrhaftigkeit.
Am 4. September 1990 endete dieses Leben auf offener Straße, keine dreißig Meter von seiner Wohnung entfernt, im Istanbuler Stadtteil Koşuyolu. Islamistische Attentäter feuerten sieben Schüsse auf ihn ab. Der Mörder entkam, tauchte unter, wurde nie gefasst; erst Jahre später wurde ein mutmaßliches Mitglied der Organisation „İslami Hareket“ – einer radikal-islamistischen Gruppe, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren mehrere Attentate auf säkulare Intellektuelle verübte – verurteilt. Man drang zudem in seine Wohnung ein, zerstörte seine Bibliothek, seine Manuskripte – als reiche es nicht, den Mann zum Schweigen zu bringen, man müsse auch sein Werk vernichten. Es war, in aller Deutlichkeit, ein Mord an einem Denker, verübt von jenen, die das geschriebene, das kritische Wort als die eigentliche Bedrohung erkannt hatten – mehr noch als jede politische Waffe.
Die Bücher leben weiter
Doch der Mord hat ihn nicht zum Schweigen gebracht. Im Gegenteil: Gerade nach dem 4. September 1990 begannen seine Bücher, die er zu Lebzeiten nur in begrenzten Auflagen gesehen hatte, sich in zehntausenden Exemplaren zu verbreiten. „Din Bu“ und die anderen Schriften wurden zu einem stillen, hartnäckigen Gegengewicht, das in säkularen wie in zweifelnden Kreisen weitergelesen wurde und bis heute gelesen wird. Und während wir hier über die Schriften eines Mannes sprechen, der von innen her die Gefahren erkannt hat, begegnet uns diese Weltanschauung längst nicht mehr nur in fernen Attentaten. Sie zeigt sich in der stillen Separation von Kreisen, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen von vornherein als Verfehlung gelten, in denen Frauen unter dem Vorbehalt religiöser Reinheit stehen – und, was mich in letzter Zeit besonders berührt, in den Gesichtern kleiner Mädchen, die kaum dem Kindergartenalter entwachsen sind und bereits das Kopftuch tragen. Dann wird diese Art der Religion öffentlich. Nicht als private Glaubenspraxis, sondern als sichtbare Markierung, die dem Kind schon früh sagt, wo die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen verläuft.
Und nun, mehr als drei Jahrzehnte später, bereitet ein kleiner deutscher Verlag die Übersetzung seiner Texte ins Deutsche vor. Es werden keine Bestseller daraus werden, keine Bücher, die in den Schaufenstern der großen Ketten liegen. Aber sie werden jenen, die sich die Mühe machen, tiefer in das Gedankengut jener hineinblicken lassen, die im Namen einer höheren Wahrheit das Töten rechtfertigen. Sie werden zeigen, wie eine Weltanschauung entsteht, die keine Zweifel duldet und die Toleranz, die eine offene Gesellschaft einräumt, als Schwäche missversteht. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre, die aus den Bildern aus Berlin und aus dem Leben Turan Dursuns zugleich hervorgeht: dass man die Stimmen derer, die von innen her die Gefahren erkannt haben, nicht überhören darf – und dass die Toleranz, die man gewährt, nicht so leichtfertig gegeben werden sollte, als sei sie selbstverständlich und unerschöpflich.




