StadtGestalten
„Eine Stadt besteht nicht aus Steinen, sondern aus den Menschen, die darin leben.“
StadtGestalten: Frédéric Zucco
In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Frédéric Zucco, Vorsitzender des Integrationsbeirats der Stadt Augsburg.
Ein Interview von Sait İçboyun über Integration, das Erbe des Café Neruda und die Stadt als lebendiger Organismus | Ort: Vor dem Café Neruda, Augsburg | Datum: 28. Juni 2026
Frédéric Zucco
Eigentlich war ein anderes Treffen verabredet. Doch der 28. Juni 2026 hat seine eigene, unerbittliche Dynamik entwickelt: Das Café Neruda hat an diesem Sonntag vorerst zum letzten Mal seine Türen geöffnet. In dieser Stunde der Ungewissheit gibt es keinen passenderen Ort für unser Gespräch als genau hier – an dem Ort, an dem sich Fikret Yakaboylu, dieser unermüdliche Geist der Augsburger Vielfalt, so leidenschaftlich für die Stadt eingesetzt hat.
Ich komme später als geplant an. Die Tische vor dem Café sind bereits gut gefüllt. Wir begegnen uns seit Jahren in verschiedenen ehrenamtlichen Kontexten, doch heute tauchen wir tiefer ein, suchen das Gespräch über das Engagement und den Menschen dahinter. Frédéric Zucco, der Vorsitzende des Integrationsbeirats, ist selbst eine komplexe Geschichte. Wenn er spricht – mit jenem markanten französischen Akzent, der einen gedanklich sofort nach Paris entführt, nur um einen Moment später zu erfahren, dass seine Wurzeln eigentlich in Italien liegen –, wird das verborgene Leben der Stadt Augsburg greifbar.
Während wir sitzen, füllt sich das Neruda stetig. Der Musiker Riccardo Ferrara spielt vor dem Café auf der Gitarre mit wunderbarer Stimme „Imagine“, begleitet von Fabiano Martucci, der mit einem Fuß-Perkussionsinstrument – einem Instrument mit drei Glocken, das rasselnde, raspelnde Geräusche erzeugt – den Takt vorgibt. Passanten, eine bunte Mischung aus Jung und Alt, bleiben stehen und lauschen der Musik; obwohl es langsam zu tröpfeln beginnt, lässt sich niemand aus der Ruhe bringen.
Sait İçboyun: Lieber Frédéric, wir sind heute vor dem Café Neruda zusammengekommen. Du warst und bist jemand, der Fikret gekannt hat – nicht nur als Mensch, sondern auch in deiner Funktion als jemand, der hier den Kitt der Gesellschaft zusammenhält. Was bedeutet das Café Neruda für die Kulturszene, aber auch für die Vielfaltsgesellschaft in Augsburg und warum darf das Café Neruda nicht geschlossen werden?
Frédéric Zucco: Zunächst möchte ich sagen, dass ich Fikret sehr bewundert habe, auch wenn wir uns persönlich nicht besonders nahestanden. Ich war oft Gast im Café Neruda – als Mitglied dieser Stadtgesellschaft, als Mensch mit Migrationsgeschichte und als Musikliebhaber. Gerade das machte diesen Ort für mich besonders. Hier gab es keinen Konsumzwang, sondern Begegnungen. Man traf interessante Menschen, hörte unterschiedlichste Musik und erlebte eine Vielfalt, die weit über Kultur im engeren Sinn hinausging. Das Neruda war ein Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft ganz selbstverständlich zusammenkamen. Diese Atmosphäre war das Lebenswerk von Fikret. Deshalb fällt es mir bis heute schwer zu begreifen, dass er nicht mehr unter uns ist.
Sait İçboyun: Nun hast du sehr schnell reagiert und im Namen des Integrationsbeirats an die Stadt Augsburg und die Stadtregierung appelliert, dafür zu sorgen, den Kültürverein und das Café Neruda mit Zuschüssen am Leben zu halten. Was steckt hinter dieser Forderung und diesem Anspruch?
Frédéric Zucco: Natürlich hat mich sein Tod als Mensch sehr betroffen gemacht, aber als Verantwortlicher im Integrationsbeirat war es mir wichtig, die Kontinuität seiner Arbeit zu gewährleisten und zu unterstützen. Wir haben uns mit Menschen getroffen, die im Neruda aktiv sind, sowie mit der Familie. Natürlich respektieren wir ihre Trauer und ihre Entscheidung, wie sie weiter verfahren möchten. Als Integrationsbeirat fordern wir jedoch, dass sich die Stadt aktiv bei der Arbeit des Café Neruda und des Kulturvereins einbringt. Finanzielle Unterstützung ist dabei sehr wichtig, aber es geht auch um eine strukturelle Unterstützung. Das Neruda hat das geleistet, was wir im Integrationsbeirat seit 50 Jahren fordern: integrative Arbeit und das Einbinden aller Kräfte dieser Stadt für die Vielfalt – und das darf nicht verloren gehen.
Wir sind als Beirat nicht nur ein Gremium mit bürokratischen Vorgaben, sondern ein politisches. Wir setzen uns für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ein, aber vor allem für ihre Interessen. Das fängt bei Themen wie Flucht und Asyl an, betrifft den Umgang mit der Ausländerbehörde und reicht bis zur Vielfalt in der Gesellschaft. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Vielfalt überall in der Verwaltung präsent ist. Augsburg besteht zu über 50 % aus Menschen mit Migrationshintergrund, doch sie sind in den politischen Strukturen, den Parteien, im Stadtrat und in der Stadtverwaltung bisher kaum vertreten. Es ist unsere Aufgabe, diese Vielfalt sichtbar zu machen. Wenn Migranten Probleme mit der Ausländerbehörde haben, liegt das oft auch daran, dass dort zu wenige Menschen mit eigener Migrationserfahrung arbeiten. Es fehlt dann an Empathie.
Sait İçboyun: Integration ist für dich also keine Einbahnstraße, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die in der Verwaltung beginnt. Doch wenn wir auf deinen eigenen Weg schauen, wie hat deine persönliche Geschichte eigentlich deinen Blick auf dieses Engagement geprägt?
Frédéric Zucco: Ich möchte nicht zu lange über mich sprechen, aber es ist unvermeidbar. Ich bin vor 67 Jahren in Paris als Sohn italienischer Migranten geboren. Meine Eltern wollten sich unbedingt integrieren und nicht auffallen – zu Hause wurde nur Französisch gesprochen, über die Herkunft wurde geschwiegen. Wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen, aber dank des französischen Bildungssystems hatte ich die Chance zu studieren und mir ein schönes Leben aufzubauen. Mit 29 Jahren zog ich der Liebe wegen nach Augsburg. Ich hatte eine deutsche Frau im Urlaub kennengelernt. Da ich Informatiker bin, fand ich schnell Arbeit, und was mich hier besonders erfreute, war die freundliche Aufnahme. Ich erlebte ein „positives Vorurteil“: Die Menschen mochten den französischen Akzent. Das war berührend und eine große Hilfe, wenn ich an meine Eltern denke, die damals oft mit Ausländerfeindlichkeit zu kämpfen hatten.
Als ich später Vater von drei Kindern wurde, bewunderten alle, dass sie zweisprachig aufwuchsen. Da wurde mir klar: Es gibt hier in Augsburg 15 % der Menschen, die auch dieses Glück haben. Es ist genauso wertvoll, Türkisch und Deutsch zu sprechen wie Französisch und Deutsch, Arabisch und Deutsch oder Russisch und Deutsch.
Sait İçboyun: War das der Moment, in dem dir bewusst wurde, wie unterschiedlich Mehrsprachigkeit gesellschaftlich bewertet wird?
Frédéric Zucco: Genau. Diese Klassifizierung von „guten“ und „weniger guten“ Ausländern hat mich immer schockiert – das war der Grund, warum ich mich politisch engagiert habe. Ich begann in den 90er-Jahren im Arbeitskreis Asyl und half Menschen aus französischsprachigen afrikanischen Ländern. Später wuchs ich in die politischen Bewegungen hinein, durch „Tür an Tür“ und die Grünen. 1993 stieß ich zum ersten Mal zum Integrationsbeirat und wurde 1996 gewählt – als einziger Nicht-Türke auf einer vielfältigen Liste. Es war ein Dilemma: Die Mehrheit der Gewählten war damals nicht gerade progressiv, aber das war das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Doch ich habe gelernt: Wer sich engagiert, hat mehr Chancen, etwas zu bewegen, als die, die nichts tun.
Sait İçboyun: Frédéric, wir haben heute über den Verlust von Fikret gesprochen, über deine Anfänge im Integrationsbeirat und die harten Kämpfe für eine fortschrittliche Gesellschaft. Was ist das eine Bild oder die eine Begegnung, die dich in all den Jahrzehnten deines Engagements immer wieder daran erinnert hat, warum es sich lohnt, diesen langen Weg zu gehen?
Frédéric Zucco: Ich dachte lange Zeit, ich hätte kein Vorbild. Doch ich bin geprägt von vielen Menschen und Organisationen, die Unglaubliches für diese Gesellschaft geleistet haben. Durch den Tod von Fikret wurde mir bewusst, wie entscheidend der einzelne Mensch ist. Fikret war ein Vorbild für mich, ebenso wie der Verein „Tür an Tür“ oder die alevitische Gemeinde. Ich möchte auch Hüseyin Yalcin nennen, die mich einst in diese Arbeit mitgenommen hat. Darüber hinaus haben mich Menschen wie Mitra Sharifi, die Vorsitzende der AGABY – dem Dachverband der bayerischen Integrationsbeiräte –, tief beeindruckt. Seit 30 Jahren setzt sie sich für Migrantinnen und Migranten ein; ihre Feinheit, Intelligenz, Kraft und ihr Optimismus sind beispielhaft. Auch durch die Gewerkschaften – etwa die Migrationsarbeitskreise bei der IG Metall, beim DGB oder Verdi – sowie durch die Migrationsgruppen bei den Grünen habe ich gelernt, wie man politische Arbeit konkretisiert und durch Veranstaltungen voranbringt. In meinen 37 Jahren des Engagements gab es Momente, in denen meine Kräfte am Ende waren. Doch es tat immer gut, solche Menschen zu treffen, die sich unermüdlich weiter eingesetzt haben.

v.l.: Farhad Jooyenda, Michael Hegele, Frédéric Zucco
Der Nieselregen wird stärker, wir flüchten nach drinnen. Nach und nach füllt sich der Raum mit Neruda-Stammgästen und bekannten Gesichtern der Augsburger Kulturszene; die Solidarität ist in den Neruda-T-Shirts förmlich greifbar. Neben dem Bild von Fikret Yakaboylu steht eine Dreiergruppe und diskutiert – die Frage steht im Raum, ob die Stadt Augsburg bereits Unterstützung signalisiert hat oder ob die Kulturszene in dieser kritischen Phase tatsächlich ohne städtische Hilfe auskommen muss. Die ernüchternde Antwort scheint in den Gesichtern zu liegen: Die Kulturszene ist in dieser Stunde auf sich gestellt. Wir setzen uns hin…
Sait İçboyun: Was ist für dich der Kern der Integrationsarbeit? Wenn wir auf das Neruda schauen, sehen wir eine greifbare Bereicherung für die Vielfaltsgesellschaft, für die Integrationsarbeit. Ist das der Maßstab für alles? Was genau sollte ein Gremium wie der Integrationsbeirat in deinen Augen erreichen?
Frédéric Zucco: Die Kernfrage lautet doch: Sollen sich die Menschen, die hierherkommen, anpassen, oder soll die Gesellschaft durch die Zuwanderung bereichert werden? Wenn wir heute auf das Neruda schauen, dann ist diese Bereicherung greifbar, man kann sie hören, sehen und erleben. Der Integrationsbeirat ist dazu da, die hiesige Bevölkerung davon zu überzeugen, dass wir durch Vielfalt gewinnen. Integration kann nur gelingen, wenn Menschen positiv empfangen werden und ihre eigene Kultur und Sprache bewahren dürfen. Wir müssen mit dem Märchen aufhören, dass man sich zwischen „entweder oder“ entscheiden muss – also entweder Teil der deutschen Gesellschaft oder Mitglied seines Herkunftslandes zu sein. Jeder Mensch trägt verschiedene Kulturen in sich; das ist das Bereichernde einer Gesellschaft. Es ist unglaublich wichtig für diese Menschen, nicht zwischen zwei Identitäten wählen zu müssen, sondern sie beide als Teil ihres Lebens zu tragen.
Sait İçboyun: Du sprichst da etwas Wichtiges an. Während ich dir zuhöre, muss ich an Amartya Sen und sein Buch Die Identitätsfalle denken. Sen beschreibt, wie er als indischstämmiger Professor und Dekan einer renommierten Universität in England am Flughafen häufig nicht als Wissenschaftler wahrgenommen wurde, sondern als jemand, der illegal einreisen wolle. Seine zentrale These ist, dass wir Menschen keine eindimensionalen Identitäten haben. Du bist nicht nur Franzose, ich bin nicht nur Kurde. Du bist Franzose mit italienischen Wurzeln, ein in Augsburg lebender, französisch geprägter Deutscher geworden, Vater, Ehemann – wir alle tragen viele Identitäten in uns. Entscheidend ist, welche davon wir in einer bestimmten Situation in den Vordergrund stellen.
Lässt sich daraus nicht die Lehre ziehen, dass Frieden gerade dann entsteht, wenn wir diese Mehrfachzugehörigkeiten anerkennen – statt von Menschen zu verlangen, sie müssten sich ständig anpassen oder ihre Zugehörigkeit beweisen? Denn auch aus mir wird in hundert Jahren kein „blonder Deutscher“. Und selbst das Aussehen – die Physiognomie – führt oft dazu, dass Menschen unbewusst über äußere Erscheinungen Zugehörigkeit zu schreiben. Und aus dir wird vermutlich niemand, der so akzentfrei hannoverisches Hochdeutsch spricht, dass man den französischen Akzent nicht mehr hört.
Frédéric Zucco: (lacht) Eben! Wir müssen aufhören, uns an diesen unerreichbaren Idealen zu messen.
Wir legen eine kurze Pause ein, um ein weiteres kaltes Getränk zu bestellen. Dabei kommt es zu herzlichem Lachen über die zugespitzten Bilder, die wir gerade entworfen haben: der eine, ein kurdischer Deutscher, der plötzlich „blond“ sein soll, der andere, der seinen unverwechselbaren französischen Akzent verliert und auf einmal akzentfreies hannoverisches Hochdeutsch spricht. Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, setzen wir das Gespräch fort.
Sait İçboyun: Geht es deshalb nicht vielmehr darum, Verschiedenheit anzuerkennen, statt sie auslöschen zu wollen?
Frédéric Zucco: Es gibt nichts Schlimmeres, als von Menschen zu verlangen, dass sie auf einen Teil ihrer Identität verzichten – das ist krank und macht die Menschen krank. Eine Frau ist nicht nur Mutter, sie ist berufstätig und hat viele Seiten ihrer Persönlichkeit. Genauso ist es mit Menschen, die migriert sind oder verschiedene Kulturen in sich tragen. Wir sprechen immer über „Migranten“, aber unsere Kinder sind keine Migranten mehr, sie sind hier geboren. Dennoch tragen sie eine andere Kultur als Bestandteil ihrer Identität in sich. Von ihnen zu verlangen, darauf zu verzichten, heißt zu übersehen, was eine menschliche Gesellschaft eigentlich ausmacht.
Mein Sohn hat Humangeographie studiert und sagte einmal: Eine Stadt ist nicht etwas Statisches. Eine Stadt besteht aus den Menschen, die darin leben. Eine Bevölkerung verändert sich durch Erfahrungen und Migration. Statt das krankhaft zu bekämpfen, sollte man es als Reichtum unserer heutigen Gesellschaft begreifen – einer Gesellschaft, die im Übrigen auch vor zwei- oder dreihundert Jahren schon Migration in sich trug. Es wäre eine Aufgabe der Politik, dies nicht nur wahrzunehmen, sondern in ihrem Handeln zu verbreiten. Manchmal hören wir immer noch sehr konservative Kräfte, die über ein „Volk“ oder eine „deutsche Leitkultur“ sprechen. Statt sie nur als reaktionär zu beschimpfen, sollte man ihnen aufzeigen, wie schön sich eine Gesellschaft durch Vielfalt entwickelt.
Sait İçboyun: Wenn man dir so zuhört, wird klar: Integration ist kein abgeschlossener Prozess, sondern eine Bewegung. Du hast vorhin von deiner Familie erzählt – von diesem Treffen mit euren italo-französischen Verwandten. Wie fühlt sich das für dich an, wenn du siehst, wie sich dieser Kreis weiterentwickelt?
Frédéric Zucco: Es ist ein ständiges Suchen und Finden. Kürzlich saßen wir wieder zusammen – eine große Runde von Italo-Franzosen. Unsere Kinder sind in Deutschland unterwegs, studieren in Österreich, leben ihre eigenen Wege. In ihnen verschmelzen diese Kulturen so selbstverständlich, wie es für uns früher ein Kampf war. Der Mensch sucht, die nächste Generation übernimmt diese Suche, erweitert den Horizont, schafft und erschafft Neues. Wenn ich meine Kinder sehe, begreife ich: Wir als Generation haben den Grundstein gelegt, aber sie sind diejenigen, die diese Stadtgesellschaft wirklich lebendig machen. Sie tragen nicht nur eine Herkunft in sich, sie tragen die Zukunft in sich.
Sait İçboyun: Eine schöne Analyse! Nun, du bist ja auch in anderen Verbänden sehr aktiv. Du hast vor Kurzem deinen Staffelstab weitergereicht. Wie blickst du auf dein langjähriges zivilgesellschaftliches Engagement zurück?
Frédéric Zucco: Ich war 1993 Mitbegründer eines französischen Vereins in Augsburg; vor drei Jahren haben wir unser 30-jähriges Bestehen im Goldenen Saal gefeiert – das war ein grandioses Erlebnis. Ich war selbst 17 Jahre lang Vorsitzender und habe das Amt im Februar dieses Jahres an eine jüngere Generation übergeben. Zudem war ich sechs Jahre lang einer der Vertreter der Franzosen in Süddeutschland – für Bayern und Baden-Württemberg. Wir wurden auf einer „grünen Liste“ gewählt und haben uns für die Belange unserer Gemeinschaft eingesetzt, sei es für Kulturvereine, Kindergruppen oder die Sprache. Wir waren zwischen Freiburg und Regensburg sehr aktiv. Vor drei Wochen habe ich auch dieses Mandat einer jüngeren Person überlassen. Man muss wissen, wann es Zeit ist, den Staffelstab weiterzureichen, um die Dynamik zu erhalten.
Sait İçboyun: Doch trotz jahrzehntelangen Engagements wird deutlich: Das Miteinander ist keine statische Errungenschaft, sondern eine dauerhafte, menschliche Aufgabe. Eine Stadt ist am Ende nicht das, was in den Akten der Verwaltung steht, sondern das, was in solchen Momenten zwischen Menschen passiert.
Frédéric Zucco: Genau so ist es. Eine Stadt besteht nicht aus Steinen, sondern aus den Menschen, die darin leben. Und solange wir uns begegnen, solange wir den Mut haben, uns entschlossen aufeinander einzulassen, wird diese Stadt weiterleben – egal, wie viele Türen sich heute vielleicht erst einmal schließen. Wir müssen mit humanistischer Zuversicht voranschreiten: Jede Generation, die sucht, erschafft und weiterbaut, ist ein Beweis dafür, dass die Idee einer offenen, solidarischen Gesellschaft stärker ist als jede bürokratische Hürde.
Sait İçboyun: Ein schönes Schlusswort. Wir sitzen hier nun schon fast drei Stunden im Neruda und könnten noch lange über alle Facetten der Migration weiterreden. Danke dir, lieber Frédéric. Ich wünsche dir und euch allen weiterhin viel Kraft für dieses unermüdliche Engagement.

Das Neruda darf nicht sterben! (Fotos: Sait İçboyun)
…in dieser Ungewissheit zeigt sich der Geist des Ortes: Musiker nehmen ihre Plätze ein, bauen ihre E-Gitarren auf, und der Raum, der eben noch von Fragen erfüllt war, füllt sich auf einmal mit Leben. Es ist ein Zuhause, das sich hier in diesem Moment neu konstituiert – eine lebendige Solidarität, die Fikrets Erbe weiterträgt. Es ist ein lebendiges Mosaik: Ob bürgerliche Vertreter wie Lothar Roser von der Bürgerstiftung, der die Geschicke des Café Neruda in die Hand genommen hat und für uns alle eine Rolle übernimmt, die die Stadt Augsburg selbst nicht ausfüllen konnte, oder Menschen mit brasilianischen, kurdischen, afghanischen, türkischen, britischen oder deutschen Wurzeln – einfach Menschen! Sie alle sind da, um Fikrets Lebenswerk fest im Gedächtnis dieser Stadt zu verankern. Eines ist in jedem Gesicht zu lesen: Das Neruda darf nicht sterben. Aber nun wird es schließen – vorerst, hoffentlich.
Redaktionelle Notiz
Dieses Gespräch wurde am 28. Juni 2026 geführt, dem Tag, an dem das Café Neruda in Augsburg vorerst seine Türen schloss. Was als offizielles Interview begann, entwickelte sich zu einer dreistündigen Reflexion über das, was bleibt: Ein lebendiges, vielfältiges Miteinander, das sich nicht in Stein meißeln, sondern nur in täglichen Begegnungen fortführen lässt.





