StadtGestalten
„Integration ist keine Einbahnstraße“
StadtGestalten: Martin Schenkelberg
In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Martin Schenkelberg, berufsmäßiger Stadtrat und Referent für Gesundheit, Pflege, Integration und Gesellschaft.
Ein Interview von Sait İçboyun

Martin Schenkelberg
Martin Schenkelberg verantwortet eines der vielseitigsten Referate der Stadt Augsburg. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehören Gesundheit, Pflege und Pflegeplanung, die Heimaufsicht, Bürgerinnen- und Bürgerangelegenheiten, Integration und Migration, Frieden und Erinnerungskultur, Kirchen und Glaubensgemeinschaften, Brauchtumspflege, Stiftungen sowie Nachhaltigkeit. Im Gespräch spricht er über gesellschaftlichen Zusammenhalt, Integration und die Frage, wie Menschen in einer vielfältigen Stadt miteinander leben können.
Sait İçboyun: Herr Schenkelberg, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Sie wurden im Mai mit einem neu zugeschnittenen Referat erneut zum Referenten gewählt. Ihr Referat für Gesundheit, Pflege, Integration und Gesellschaft vereint ein außergewöhnlich breites Aufgabenspektrum. Neben den Bereichen Gesundheit, Pflege und Integration gehören unter anderem das Stiftungswesen, das Marktamt mit Veranstaltungen wie dem Plärrer und dem Christkindlesmarkt sowie das Amt für gesellschaftlichen Zusammenhalt mit den Bereichen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Integration dazu.
Sie bezeichnen Ihr Ressort selbst gerne als „Referat für gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Was bedeutet gesellschaftlicher Zusammenhalt für Sie ganz konkret im Alltag einer Stadt wie Augsburg? Und wo erleben Sie heute bereits Beispiele, in denen dieses Miteinander besonders gut gelingt?
Martin Schenkelberg: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht durch das Zusammenspiel vieler Menschen und Organisationen. An erster Stelle steht für mich die Zivilgesellschaft mit ihren vielen tausend Ehrenamtlichen. Hinzu kommen Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie zahlreiche soziale und karitative Einrichtungen.
Natürlich trägt auch die Stadt Verantwortung. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, dass allein mein Referat für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zuständig ist. Ich sehe vielmehr drei von sieben Referaten in einer besonderen Verantwortung: das Sozialreferat, das die soziale Sicherung organisiert, das Bildungsreferat, das sich um Schulen, Kindertagesstätten und Bildungsgerechtigkeit kümmert, und mein Referat.
Unser Schwerpunkt liegt in der Mitte der Stadtgesellschaft. Wir möchten dazu beitragen, dass sich die Menschen in Augsburg wohlfühlen, gut miteinander auskommen und Möglichkeiten finden, sich aktiv einzubringen.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich aus meiner Sicht selten in großen politischen Entscheidungen. Er entsteht vielmehr in vielen kleinen Begegnungen des Alltags.
Ein schönes Beispiel ist für mich die Ökumenische Vesperkirche in der Kirche St. Paul in Pfersee. Die evangelische und die katholische Kirche bieten dort einmal im Jahr für zwei Wochen ein preisgünstiges Essen an – ausdrücklich nicht nur für Menschen mit geringem Einkommen, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger. Ich war selbst mehrfach dort und habe beim Austeilen des Essens mitgeholfen. Dort sitzen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten an einem Tisch: Menschen mit wenig Geld, finanziell gut Gestellte, Ehrenamtliche und Einsame. Genau solche Begegnungen stärken den Zusammenhalt einer Stadt.
Ein weiteres herausragendes Beispiel ist das Augsburger Hohe Friedensfest. Ursprünglich entstand es als protestantisches Ausrufezeichen gegen die damaligen katholischen Machthaber. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich zunächst zu einem ökumenischen und schließlich zu einem interreligiösen Fest. Diese Entwicklung finde ich bemerkenswert. Wenn ich die Friedenstafel auf dem Rathausplatz sehe, erfüllt mich das mit Stolz. Sie ist für mich ein sichtbares Zeichen dafür, was gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeuten kann.
Auch die städtischen Feste leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Dazu gehören der Plärrer, der Christkindlesmarkt, die Dulten oder Stadtteilfeste wie das Gögginger Frühlingsfest und die Lechhauser Kirchweih. Natürlich sind solche Veranstaltungen nicht vollständig konsumfrei, und manche Menschen können sich einen Besuch nur eingeschränkt leisten. Deshalb bemühen sich Schausteller und Marktkaufleute mit Angeboten wie Kindertagen oder Rabattaktionen darum, die Feste möglichst vielen zugänglich zu machen.
Denn das Bedürfnis, gemeinsam zu feiern, miteinander zu sprechen, zu lachen und Zeit zu verbringen, gehört seit jeher zu jeder Gesellschaft – früher vor allem auf der Kirchweih, heute beispielsweise auf dem Plärrer.
Ein weiteres Beispiel ist für mich das Sommerfest des Integrationsbeirats. Ich nehme es nicht als Veranstaltung eines einzelnen Beirats wahr, sondern als ein großes interkulturelles Fest für die gesamte Stadt. Mehr als 60 Vereine und Initiativen gestalten es mit und machen sichtbar, wie vielfältig Augsburg ist. Für viele Menschen aus den migrantischen Communities besitzt dieses Fest einen hohen Stellenwert. Deshalb gehört es für mich inzwischen zu den wichtigsten Veranstaltungen im Augsburger Jahreskalender.
Sait İçboyun: Augsburg ist eine sehr vielfältige Stadt. Rund 160 Nationen leben hier friedlich zusammen. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie, dass inzwischen 61 Prozent der Kinder unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund haben. Die Frage ist: Ist die Aufgabe eines Referenten heute noch ausschließlich die Integration? Oder muss man den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiterdenken und neue Formen des Miteinanders entwickeln? Denn Integration wird häufig als etwas verstanden, das vor allem von Menschen mit Migrationsgeschichte erwartet wird. Tatsächlich aber leben, arbeiten und altern Menschen gemeinsam in dieser Stadt. Betrifft Integration deshalb nicht eigentlich alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens?
Martin Schenkelberg: Ich finde, dass der Begriff Integration grundsätzlich weiterhin passend ist. Ich bin kein Freund davon, dass wir in Deutschland ständig Begriffe verändern und jede gesellschaftliche Entwicklung mit neuen Definitionen versehen. Natürlich haben theoretische und philosophische Debatten ihre Berechtigung. Aber als Kommunalpolitiker muss ich Politik für die breite Mehrheit der Bevölkerung machen – für den Alltag der Menschen.
Ich verstehe aber den Gedanken hinter Ihrer Frage. Integrationsprozesse betreffen tatsächlich nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung. Kinder und Jugendliche müssen in die Gesellschaft hineinwachsen, um mündige Erwachsene werden zu können. Ältere Menschen wollen nicht an den Rand gedrängt werden, nur weil sie nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen. Menschen mit Behinderung wollen in allen Bereichen des Lebens dazugehören – in der Schule, im Beruf, beim Wohnen und in der Freizeit.
In diesem Sinne stellen sich Integrationsfragen für viele Menschen. Wenn wir aber über die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte sprechen, halte ich den Begriff weiterhin für richtig. Entscheidend ist doch die Frage: Was ist unser gemeinsames Zielbild? Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Und welchen Platz geben wir Menschen, die neu zu uns kommen?
Für mich ist Integration ein Prozess, der nur in beide Richtungen funktioniert. Die Aufnahmegesellschaft muss bereit sein, Menschen willkommen zu heißen. Gleichzeitig müssen diejenigen, die neu dazukommen, die Bereitschaft mitbringen, Teil dieser Gesellschaft werden zu wollen.
Beides müssen wir fördern. Die Offenheit der Gesellschaft entsteht durch Begegnung, durch Wissen über andere Kulturen, Religionen und Lebensgeschichten. Wo Menschen sich kennenlernen, entstehen Verständnis und Vertrauen. Gleichzeitig braucht Integration auch klare Rahmenbedingungen und Erwartungen.
Ein praktisches Beispiel ist der Pflegebereich. Ich bin weiterhin Pflegereferent und damit auch für den Eigenbetrieb Altenhilfe Augsburg zuständig. Wir stehen vor einem großen Fachkräfteproblem. Experten gehen davon aus, dass ab 2029 mehr Pflegefachkräfte in den Ruhestand gehen werden, als neue Menschen in die Ausbildung kommen.
Wir brauchen deshalb auch Fachkräfte aus dem Ausland. Gemeinsam mit professionellen Partnern im indischen Bundesstaat Kerala holen wir bereits ausgebildete Pflegefachkräfte und Auszubildende nach Augsburg. Unser Ziel ist es, jedes Jahr zehn Pflegefachkräfte und zehn Auszubildende zu gewinnen. Entscheidend ist dabei aber nicht nur die Anwerbung, sondern auch die Integration dieser Menschen. Dafür haben wir im Eigenbetrieb Kolleginnen, die sich gezielt um den Ankommensprozess kümmern.
Sait İçboyun: In Ihrem Referat wachsen die Themen Gesundheit, Pflege und Integration eng zusammen. Wo sehen Sie die größten Chancen, um beispielsweise älteren Migrantinnen und Migranten ein gutes Altern in Augsburg zu ermöglichen? Es gibt in Augsburg ein Projekt, aber auch in Mannheim, glaube ich. Gibt es neue Wege, die Sie beschreiten wollen?
Martin Schenkelberg: Das wollen wir und das tun wir teilweise schon. Sie sprechen drei Themenfelder an, die eine große Schnittmenge haben können. In der Gesundheit interessiert mich vor allen Dingen die Prävention und die Gesundheitsförderung. Ich glaube, das ist ein Bereich, den wir bei vielen migrantischen Familien noch ausbauen können und sollten. Viele migrantische Familien regeln Themen der Gesundheit und Pflege unter sich, privat unter hohem körperlichen Einsatz, teilweise bis zur Vernachlässigung eigener wirtschaftlicher Absicherung.
Sait İçboyun: Das bedeutet, dass die Herausforderung nicht nur darin liegt, medizinische Angebote bereitzustellen, sondern auch darin, Menschen überhaupt besser mit diesen Angeboten zu erreichen?
Martin Schenkelberg: Genau. Ich glaube, dass wir die Zugänge für Migranten zum deutschen Gesundheitssystem verbessern können. Es gibt Städte wie Essen, die Gesundheitskioske eingerichtet haben – einen niedrigschwelligen Zugang im Stadtteil für Menschen, die Schwierigkeiten haben, den Weg zum Arzt oder zur Klinik zu finden. Die will man im Stadtteil abholen mit einem unbürokratischen Angebot, wo sie schnell Beratung zu Gesundheitsthemen erhalten, die sie vielleicht schon lange mit sich schleppen, und wo kleinere medizinische Dienstleistungen vor Ort akut möglich sind.
Das System setzt die notwendigen Ressourcen voraus, aber ich könnte mir vorstellen, so etwas in Augsburg auszuprobieren.
Sait İçboyun: Gerade bei älteren Menschen mit Migrationsgeschichte spielt aber nicht nur der Zugang zum Gesundheitssystem eine Rolle, sondern auch die Frage, wie Pflege gestaltet wird. Wie kann eine Stadt sicherstellen, dass Menschen sich auch im Alter kulturell verstanden und gut aufgehoben fühlen?
Martin Schenkelberg: In der Pflege geht es um die kultursensible Pflege. Wir haben bereits ein Projekt im Rahmen des EU-Projektes „DIWA 4.0“ und hier das Teilprojekt „Aktiv Ankommen“ in unserem Eigenbetrieb Altenhilfe Augsburg. Ziel des Projektes ist es, dass wir uns auf eine sehr diverse Mitarbeiterschaft einstellen – unsere Mitarbeiter kommen aus über 60 Nationen.
Wir müssen etwas dafür tun, dass dieses Miteinander der Kulturen gut funktioniert. Wir müssen kultursensibel in Bezug auf unsere Belegschaft sein, und dann ist natürlich auch die kultursensible Pflege am Menschen sehr wichtig.
Sait İçboyun: Also betrifft Kultursensibilität nicht nur die Pflegebedürftigen, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kommen?
Martin Schenkelberg: Genau. Wir als städtischer Eigenbetrieb haben den Anspruch, dass Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sich gleichermaßen angesprochen fühlen und sich in unseren Häusern wohlfühlen.
Wir sind die städtische Altenhilfe und sollen ein Angebot für alle Augsburger machen, unabhängig von Herkunft, Sprache, Nationalität oder religiöser Einstellung. Diesen Auftrag nehmen wir ernst. Wir wollen da sein, zum Beispiel für Menschen muslimischen Bekenntnisses, oder aktuell sind wir in der Diskussion mit der Israelitischen Kultusgemeinde für einen Kooperationsvertrag, um die Altenpflege für jüdische Mitbürger sicherzustellen.
Sait İçboyun: Zu Ihren neuen Aufgaben gehört nun auch die Brauchtumspflege, die Bürgerbeteiligung und das Ehrenamt. Wie möchten Sie diese traditionellen Themen mit dieser modernen, vielfältigen Stadtgesellschaft verknüpfen, um alle Menschen mitzunehmen?
Martin Schenkelberg: Das ist eine große Herausforderung. Ein wenig scherzhaft möchte ich darauf hinweisen, dass ich es mit einigen Mitstreitern geschafft habe, seit einigen Jahren wieder einen Kinderfaschingszug in Augsburg zu etablieren, was viele eingeborene Augsburger für nicht möglich gehalten haben. Wir haben das geschafft und sind entschlossen, das weiter auszubauen und als Tradition beizubehalten.
Um etwas ernsthafter zu werden: Ich glaube, dass man die Qualität eines Integrationsprozesses daran ablesen kann, wie wir es schaffen, Menschen mit Migrationsgeschichte für das typisch deutsche Brauchtum zu begeistern. Nicht als Ersatz für die eigene Herkunft, sondern als Bereicherung des eigenen erlebten Kanons an Werten.

„Typisch deutsches Brauchtum“ (Bilder: privat)
Sait İçboyun: Sie verstehen Brauchtum also nicht als etwas Abgeschlossenes, das nur einer bestimmten Gruppe gehört, sondern als etwas, das neue Menschen mitgestalten können?
Martin Schenkelberg: Genau. Mein Ziel als Volksfest- und Brauchtumsreferent ist es, immer mehr Menschen mit Migrationsgeschichte für unseren Kinderfaschingszug, unseren Plärrer oder unseren Christkindlesmarkt zu begeistern.
Man kann diese Feste besuchen, völlig unabhängig von der religiösen Überzeugung. Mir ist klar, dass gläubige Muslime sicherlich nicht in ein Festzelt gehen, um eine Maß Bier zu heben. Diesen Anspruch sollten wir auch nicht haben. Biertrinken ist keine Voraussetzung, um bei einem Volksfest mitfeiern zu können.
Es mag eine gewisse kulturelle oder religiöse Zurückhaltung geben, aber wir müssen den Versuch unternehmen, dass wir auch bei solchen Veranstaltungen gemeinsam feiern und miteinander das Leben genießen.
Sait İçboyun: Sie sprechen davon, dass Integration in beide Richtungen funktionieren muss. Was bedeutet das konkret für die Mehrheitsgesellschaft?
Martin Schenkelberg: Die Gruppe der Migranten ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die Offenheit der deutschstämmigen Bevölkerung für Feste und Riten von Menschen mit Migrationsgeschichte.
Ich habe es mir zum Beispiel zum Ziel gesetzt, öfter zum Fastenbrechen zu gehen. Ich habe das bisher erst einmal gemacht, bin aber entschlossen, das in Zukunft öfter zu tun. Ich wünsche mir diese Einstellung bei mehr Menschen, die als Deutsche in Deutschland geboren worden sind. Das ist eine Frage der Wertschätzung.
Man kann Menschen nicht hier willkommen heißen und sie dann mit ihren geliebten Traditionen alleinlassen. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern muss in beide Richtungen gehen.
Sait İçboyun: Sie sind dafür bekannt, das direkte Gespräch zu suchen, so habe ich es auch bei den Bürgersprechstunden erlebt. Wie wichtig ist Ihnen der persönliche Kontakt mit der Bürgerschaft – auch in den Stadtteilen? Suchen Sie den Draht zu den Menschen, um über große politische Fragen zu reden oder eher über die alltäglichen Themen der Kommunalpolitik?
Martin Schenkelberg: Das ist eines der Kernthemen meiner Arbeit und meines gesamten Lebens. Ich suche ständig den Kontakt und das Gespräch mit den Menschen und rede dabei auch gerne über meine Leib- und Magenthemen: Politik, Religion oder rechtliche Fragen.
Ich bin der Auffassung, dass es möglichst wenig Tabuthemen in unserer aufgeklärten Gesellschaft geben sollte. Es gibt Themen, über die niemand gerne redet, wie eigene Fehler oder Krankheiten. Aber über Themen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bestimmen, müssen wir reden können. Die politische und die religiöse Einstellung haben einen starken Einfluss darauf, wie wir uns als Individuen definieren oder welchen Stellenwert die Gemeinschaft für uns hat.
Sait İçboyun: Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen immer stärker in eigenen Informations- und Lebenswelten bleiben: Wie schafft man wieder mehr Begegnung?
Martin Schenkelberg: Ich bin ein Referent, der regelmäßig Bürgersprechstunden anbietet, die sich an alle Bürger richten, die meinen, dass ich ihnen helfen könnte. Ich bin häufig in der Stadt unterwegs und immer ansprechbar. Das wird bei dem neuen Aufgabenzuschnitt eher noch mehr werden.
Es gibt tolle Projekte wie das „Ratschbänkle“ des Seniorenbeirats am Hospitalstift, das dazu dient, dass Menschen sich hinsetzen und miteinander ins Gespräch kommen, besonders wenn sie fremd sind.
Es gibt Initiativen, die sich darum kümmern, dass Nachbarschaften zusammenwachsen. Da sind Dr. Pia Hertinger und Maria Brandenstein ganz aktiv. Es gibt Menschen, die einen Garten haben, den viele in Augsburg nicht haben, und die ihn öffnen, damit man sich dort treffen kann, um zu reden oder zu feiern.
Oder die Zeitung „Die Zeit“ hat einmal ein Programm aufgelegt, in dem politische Einstellungen abgefragt wurden, um Menschen mit gegenteiligen Überzeugungen gezielt zusammenzubringen. Das alles sind wunderbare Ansätze, um die Gesellschaft wieder mehr zusammenzubringen.
Sait İçboyun: Also geht es letztlich darum, wieder Räume zu schaffen, in denen Menschen miteinander sprechen, auch wenn sie unterschiedliche Ansichten haben?
Martin Schenkelberg: Ich glaube, das ist elementar wichtig. Ich würde mich freuen, als Gesellschaftsreferent dazu beizutragen, dass es neue Formate gibt, um Menschen ins Gespräch zu bringen, die noch nicht miteinander gesprochen haben.
Wir müssen alle aus unseren Blasen rauskommen. Mein Ideal ist eine Gesellschaft, die in jeder Hinsicht horizontal und vertikal verflochten ist. Wir sollten alles dafür tun, dass wir in einer Gesellschaft leben, die geistig offen für die Begegnung und den Austausch mit anderen und Andersdenkenden ist.
Darin sehe ich auch eine staatliche Aufgabe und eine Aufgabe für die Stadt Augsburg, das zu fördern.
Sait İçboyun: Das Format heißt „StadtGestalten“. Was motiviert Sie persönlich, wenn Sie morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren?
Martin Schenkelberg: Die Zukunft von Augsburg mitzugestalten.
Mich hat immer am meisten motiviert, unmittelbar für Menschen arbeiten zu dürfen. Das ist das große Privileg der Kommunalverwaltung und Kommunalpolitik, dass wir ganz nah an den Menschen sind.
Ich habe den großen Vorteil, dass ich ein Referat leite, in dem diese Arbeit im Mittelpunkt steht. Für mich gibt es nichts Schöneres, als in glückliche Augen zu schauen oder ein Wort des Dankes und der Anerkennung zu hören.
Ich schöpfe einen großen Teil meiner Arbeitsmotivation aus der Anerkennung der Menschen, für die ich arbeite.
Das Gespräch mit Martin Schenkelberg fand in seinem Amtszimmer im Augsburger Rathaus statt. Er nahm sich dafür viel Zeit und gewährte Einblicke in die große Bandbreite seines neuen Aufgabenbereichs.
Zwischen den einzelnen Fragen entstanden immer wieder intensive Gespräche und Diskussionen, die über das eigentliche Interview hinausgingen – über Integration, Religion, Pflege, Ehrenamt und darüber, wie eine vielfältige Stadtgesellschaft miteinander im Austausch bleiben kann.
Dabei entstand der Eindruck eines Referenten, der sich der Größe und Vielfalt seines neuen Verantwortungsbereichs bewusst ist und zugleich bereit ist, die unterschiedlichen Lebensrealitäten dieser Stadt kennenzulernen. Nicht nur Strukturen und Aufgaben standen im Mittelpunkt, sondern immer wieder die Menschen dahinter: ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf Augsburg.
Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Fragen für eine wachsende und vielfältige Stadt: Wie gelingt es, nicht nur nebeneinander zu leben, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen? Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht letztlich dort, wo Begegnung möglich wird – und wo Menschen bereit sind, zuzuhören und gemeinsam an der Zukunft ihrer Stadt zu arbeiten.




