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Samstag, 13.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Rossinis „Cenerentola“ mit Augsburg-Bezug

Der allbekannte „Aschenputtel“-Stoff liegt der Rossini-Oper „Cenerentola“ zugrunde: das Mädchen, das sich „aus der Asche“ zur Prinzessin mausert. Für die Inszenierung in Augsburg hat Regisseur Manuel Schmitt eine Parallele zur Stadtgeschichte angekündigt, die auf den ersten Blick befremdet: Wie kann die Augsburger Textilindustrie, die in der Spielstätte Martinipark sozusagen fühlbar ist, in eine Rossini-Oper integriert werden?

Von Halrun Reinholz

Angelina (Ekaterina Aleksandrova) im Ballkleid mit dem Prinzen (li., Manuel Amati) und dessen Kammerdiener (re., Nicola Ziccardi)

Auf der Bühne steht schon gleich zu Beginn ein großer Webstuhl. Ein Video zeigt eine sizilianische Gastarbeiterin, die erzählt, wie sie 1965 nach Augsburg kam und in einem der Augsburger Textilbetriebe Arbeit fand. Während der Ouvertüre wuseln Arbeiterinnen in grauen Kitteln um den Webstuhl herum. Sie setzten sich auf ihre Koffer und tun so, als gäbe es viele Webstühle im Raum. Am „Haupt-Webstuhl“ sitzt Angelina, die „Cinderella“, und singt: „Es war einmal ein König …“, um das kommende Märchen anzukündigen. Ihren grauen Kittel behält sie an, doch zum Glück spinnt der Regisseu die Fabriks-Szenerie an dieser Stelle nicht weiter. Zwar wird offenbar, dass Don Magnifico, der Vater Cinderellas und der beiden Schwestern Clorinda und Tisbe, eine Schneider­werkstatt besitzt, in der Angelina die niederen Arbeiten verrichten muss. Das bietet Raum für eine üppige Kostüm­parade des (Herren-)Chors und auch der weiteren Darsteller (Kostüme: Dinah Ehm). Als bekannt wird, dass der Prinz eine Frau sucht und mit seinem Kammer­diener durchs Land reist, rüsten sich die beiden Schwestern hoffärtig und geziert im Wettstreit – nicht ahnend, dass Prinz und Kammer­diener ihre Rollen getauscht haben.

Das ist der Stoff, aus dem Rossini-Opern sind: Wegen der komischen Verwicklungen und wunderbaren Melodien dem Publikum sehr zugänglich, aber eine Heraus­forderung für den Chor und die Solisten. Ivan Demidov gibt sich Mühe, die Lautstärke des Orchesters „im Zaum“ zu halten, was im Martinipark immer sehr schwierig ist. Doch die durchwegs auf Augenhöhe agierenden Sängerinnen und Sänger erfreuen das Publikum mit lustvollen Arien und vor allem mit dem typischen „Geplapper“ bei Rossini, wenn alle im Terzett-Quartett usw. gleichzeitig (und mit hoher Geschwin­digkeit) singen. Ekaterina Alexandrova überzeugt als Angelina. Sie kam als Gast, ist dem Augsburger Publikum aber von einem kurzen Intermezzo als Ensemble­mitglied bekannt. Eine tragende Rolle spielt Don Magnifico, der Vater Angelinas und der anspruchs­vollen Töchter. Shin Yeo hat in dieser Partie Gelegenheit, außer seiner Stimme auch seine ganze komische Bandbreite zu zeigen. Olena Sloia und Luise von Garnier gaben die beiden Stief­schwestern ebenfalls mit außer­ordentl­ichem komischen Können. Manuel Amati sang die Partie des verliebten Prinzen Ramiro mit hinreißendem Tenor und stand in stetigem (oft auch von Komik geprägten) Dialog mit seinem Kammer­diener Dandini, dessen Partie Nicola Ziccardi sang. Eine große Rolle hatte auch Alidoro, gesungen von Avtandil Kasperli, dessen angenehmer Bass dem Publikum in Augsburg schon länger vertraut ist, auch wenn er nicht immer Gelegenheit zur Entfaltung hat.

Don Magnifico (Shin Yeo) will seine anspruchsvollen Töchter Clorinda (li.,  Olena Sloia) und Tisbe (re., Luise von Garnier) gewinnbringend verheiraten. – Fotos: Jan-Pieter Fuhr

Abweichend vom Märchen­stoff kommt keine Fee oder sonst jemand zu Angelina, um sie tauglich für den Ball zu machen. Auf den Rat von Alidoro ist sie es selbst, die sich darum kümmert. So rollt in der entscheidenden Szene eine Näh­maschine auf die Bühne und Angelina näht sich ein hin­reißendes Kleid aus einem Jaquard-Stoff der Augsburger Textilmuster-Sammlung, der im Textil­museum eigens für die Produktion gewebt wurde. Zum Schluss wird dann wieder der Bogen geschlagen zur Augsburger Textil­industrie, die italienische Gast­arbeiterin kommt erneut zu Wort. Das wirkt alles erstaunlicher­weise nicht aufgesetzt – wahrscheinlich, weil es nur eine Rahmen­handlung ist. Letztlich kommt ganz klar die Botschaft rüber: Der Traum vom sozialen Aufstieg verwirklicht sich nicht von selbst. Man muss selbst aktiv werden und sich „aus der Asche“ ziehen.

Großer Applaus für eine stimmige Inszenierung und hervorragende Akteure auf der Bühne!

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