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Mittwoch, 01.07.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Blind Date mit Angela Merkel?

Das Augsburger Kurzfilmwochenende ist ein Spezialformat der Filmtage. Am vergangenen Sonntag gab es zum Abschluss poetisches Daumenkino.

Von Lutz Gräfe



Am Sonntag den 11. Mai war es schon wieder vorbei, das Augsburger Kurzfilmwochenende: Von Mittwoch an hatten die Besucher die Gelegenheit, 30 Filme aus 10 Ländern zu sehen. Die Länge differierte dabei genau so wie die Genres: Zwischen einer und 30 Minuten dauerten die Filme und boten zugleich eine Vielfalt zwischen Animations-, Spiel- und Dokumentarfilm. Erstmals gab es auch wieder zwei (eigentlich drei) Puppentrickfilme, ein Genre das schon fast aus dem Kurzfilmformat verschwunden schien: In „Boles“ von Špela Cadež aus Slowenien leidet der Schriftsteller Filip unter Schreibhemmung, bis ihn seine Nachbarin, die gealterte Prostituierte Tereza bittet, für sie einen Brief an ihren Verlobten zu schreiben.

Oder auch „Oh Willy“ von Marc James Roels und Emma de Swaef aus Belgien, der weltweit die Kurzfilmszene gerockt und inzwischen über 40 Preise gewonnen hat: Willy besucht seine sterbende Mutter, die immer noch in dem FKK-Camp wohnt, in dem er einst seine Kindheit verbrachte. Detailreich animierte Figuren aus gefilzter Wolle in einem Film, dessen Hintergrund fast noch skurriler wirkt als der Film selber: Denn die Figur des Willy entstammt einem Dokumentarfilm, der von zwei Brüdern erzählt, die tagsüber die Fahrräder aus den Grachten Gents holen, die betrunkene Studenten in der Nacht zuvor dort versenkt haben. Zu den Bildern der Nudisten selbst ließen sich die Filmemacher von den Arbeiten der berühmten Fotografin Diane Arbus inspirieren.

Und auch wenn in „Las Palmas“ des Schweden Johannes Nyhohn die Hauptrolle von einem einjährigen Mädchen gespielt wird, ist das streng genommen doch ein Puppentrickfilm: Denn die anderen Figuren sind allesamt Marionetten; damit war der Film wie geschaffen für Augsburg und bot zudem beste Unterhaltung: Denn wenn sich das Mädchen verkleidet als Frau mittleren Alters in jeder Form daneben benimmt, hatte das Publikum allemal viel zu lachen.

Doch auch Augsburger Themen sind Gegenstand der Filmtage und dabei erfährt das Publikum auch so manch überraschende Neuigkeit aus Stadt und Region. So wusste der Besitzer des „Korsetthauses Anita“ nach dem gleichnamigen Kurzdokumentarfilm zu erzählen, dass seit dem Sieg des FC Augsburg über Bayern München die Nachfrage nach BHs in den Vereinsfarben des FCA sprunghaft angestiegen ist – einziges Problem: es gibt sie (noch) nicht. So gerne die Filmemacher auch persönlich nach Augsburg kommen – schließlich ist hier nach jedem Film der direkte Austausch mit dem Publikum möglich – es klappt nicht immer. So war Jochen Kuhn zwar zum sechsten Mal mit einem Film vertreten, es war aber das erste Mal, dass er auch selber dabei war.

„Sonntag 3″ ist der dritte Teil einer Reihe von Sonntagsausflügen. Diesmal erzählt er von einer Verabredung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und stellt dabei die Frage, wie denn das Gefühlsleben der Kanzlerin aussähe, wenn sie einfach nur die Angela bei einem Blind Date wäre.

Der intensive Austausch mit dem Publikum ist – ähnlich wie bei den Tagen des Unabhängigen Films – das, was die Filmemacher beim Kurzfilmwochenende besonders schätzen. Die Besucher machen sich ihre Gedanken, diskutieren engagiert mit, was man auch beim Rücklauf der Stimmkarten für den Publikumspreis spürt. Nahezu alle nehmen sich eine Stimmkarte und über 90% landen dann in der Wahlurne.

Besondere Zustimmung fand dieses Jahr „Stufe Drei“ von Nathan Nill aus Deutschland: Hier will Maik so schnell wie möglich seine Sozialstunden in einer Behinderten-Wohngruppe abreißen, doch er hat nicht mit den zuständigen Pädagogen und ihrem Drei-Stufen-Programm gerechnet. Als wäre das nicht genug, erweisen sich auch die Behinderten als durchaus widerspenstige „Objekte“ der Betreuung. Dafür gab’s den diesjährigen Publikumspreis, der am Sonntag vor dem poetischen Abschluss mit Volker Gerlings „Daumenkino“ verliehen wurde. Der Mann, der auf seinen langen Wanderungen von zufälligen Begegnungen 36 analoge Einzelbilder macht und diese zu einem Daumenkino montiert, brachte viele neue und einige alte Filme mit und verzauberte mit seinen Bildern, aber auch mit seinen Erzählungen, das Augsburger Publikum.

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