DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 28.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Festival

Bert Brecht – mausetot

Streckenweise peinlich: die Eröffnung des Brechtfestivals

Von Frank Heindl

Feierlich, sehr feierlich wurde am Freitagabend das Brechtfestival 2010 eröffnet. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch war da, Oberbürgermeister Kurt Gribl, die Festivalleitung, Vertreter der Medien, des Theaters, des Stadtrates, der Bürgerschaft. Brecht wäre stolz gewesen. Aber ob es ihm gefallen hätte?



Es ging los, wie so ein Festival wohl losgehen muss. Der Staatsminister lobte, Augsburg sei heute die Brecht-Stadt, sie zeige „beispielhaft, wie wir mit unserem literarischen Erbe in Bayern umgehen müssen.“ OB Gribl präsentierte anschließend die Bilanz der Eingemeindung Brechts über die Jahrzehnte hinweg, angefangen vom ersten Brechtabend am Theater in der Spielzeit 1947/48 über die Benennung einer Straße nach dem Dichter, den Kauf des Geburtshauses, den Brechtpreis, gipfelnd in der Feststellung, heute sei Augsburg stolz auf Brecht „und nutzt ihn als Standortvorteil.“

Um den Standortvorteil Brecht gehörig auszuspielen, hatte man den Abend dann auch gleich recht medienaffin aufgezogen: Durch die Eröffnung führte Anja Marks-Schilffarth im Stile einer schlechten Fernsehshow. Was man sich in der ersten Hälfte der Veranstaltung an dummen Banalitäten anhören musste, konnte ein inhaltlich dichterer zweiter Teil entschieden nicht mehr wettmachen. „Unheimlich viel Kreativität“ habe man fürs Festival freigesetzt, freute sich Schilffarth, „unheimlich viel Manpower“ setze man ein, und, glücklicherweise: „unheimlich viel Abwechslung“ sei in den kommenden zwei Wochen geboten. Der OB attestierte dankbar, es gebe „wahnsinnig viele“ Veranstaltungen, die er sich gerne anschauen würde – hätte er denn die Zeit. Ob so ein Brechtfestival eventuell auch ein künstlerisches Wagnis sein könnte, mochte man sich fragen – und erhielt auch darauf eine schlüssige OB-Antwort: „Das war ein Wagnis, die Brechtgala zweimal zu machen“. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat: Die zweifache Brechtgala ist zweifach ausverkauft, der Standortvorteil voll genutzt. Brecht haut rein, echt geil!

Alles „unheimlich“, alles „wahnsinnig“

Das war die blanke Oberfläche mit absolut überhaupt gar nichts darunter – und manches gut Gemeinte musste in der Folge darunter leiden. Der Sängerin Annett Louisan hätte man unter anderen Umständen womöglich wohlwollender zugehört. Nun nervte die Kleinmädchenstimme (sie kann auch anders!) und auf die Frage, was ihr die erste Beschäftigung mit Brecht gebracht habe, musste sie sich wohl dem geforderten Niveau anpassen: Brecht habe sie „sehr inspiriert“, das habe ihr „unheimlich Spaß gemacht“. Unheimlich und wahnsinnig – das schienen die Stichworte des Abends zu werden. Vielleicht eine Reaktion darauf, dass das vor dem Rathaus ertönende Megaphon demonstrierender Studenten die Befürchtung aufkommen ließ, die wahren Verhältnisse da draußen könnten wahnsinnig unvermittelt über die Festtagsgesellschaft hereinbrechen. Brecht hätte seine Freude an der surrealen Situation gehabt – aber er war nicht da, dürfte selten so mausetot gewesen sein wie in diesen Minuten.

Altherrenwitze und Klischees

Nun war Regine Lutz dran. Die 82jährige, als junges Mädchen in Zürich von Brecht engagiert, hatte ein paar Anekdoten zu berichten, deren Quintessenz war, dass Brecht unordentlich gekleidet und kein attraktiver Mann gewesen sei. Auch ihr hätte man das unter anderen Umständen gerne nachgesehen – aber so, wie die Dinge lagen, wurde es zu viel. Dass Brecht ihr „Meister wurde“, dass sie heute sagt, alles was sie getan habe, tue, lese, basiere auf dem, was Brecht ihr beigebracht habe, ging schnell unter, als die Moderatorin nun den Festivalleiter Joachim Lang nach vorne rief, „zu uns zwei Damen – das hätte dem Brecht sicher auch gefallen.“ Altherrenwitze und Klischees auf „DSDS“-Niveau – man wollte sich in Grund und Boden schämen. Bertolt Brecht war ein hässlicher Mann in langen weißen Unterhosen, der den Weibern an die Röcke ging, sich aber heute trotzdem als Standortvorteil vermarkten lässt. Tätä, tätä, tätä! Nun war dem Brecht alles ausgetrieben, was den Brecht ausmacht: Von Politik und Gesellschaftskritik keine Rede, von großer Dichtung nur in affirmativen, aber inhaltsleeren Phrasen – aber ein guter Augsburger. Man muss kein Brechtverehrer sein, um das entsetzlich zu finden, kein Kommunist, um derart staatstragende Vereinnahmung mit heftigstem Widerwillen zur Kenntnis zu nehmen.

Wegzappen ging nicht, und so hatte Joachim Lang die Chance, zu retten, was kaum mehr zu retten war: Er gab Ausblicke auf ein Programm, das Hoffnungen weckte; das Unbequeme, das Widersprüchliche an Brecht wolle er zeigen, mit dem diesjährigen Festival könne sogar „eine neue Zeitrechnung in der Brechtrezeption anbrechen.“ Man darf noch gespannt sein – kann sich aber nach diesem Intro einer gewissen Skepsis nicht erwehren. Vielleicht war’s kein Zufall, dass die „Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Planens“ ebenso erklang wie das Gedicht „An die Nachgeborenen“, das da endet mit den Worten „Gedenkt unsrer mit Nachsicht.“

» www.brechtfestival.de

Siehe auch die heutigen Artikel:

» Kommentar: Glamour – oder was man in der Provinz dafür hält

» Zum Fernsehen ins Stadttheater

gesamten Beitrag lesen »



Zum Fernsehen ins Stadttheater

Brecht für Kinder: Nur Kinder retten die Veranstaltung Von Frank Heindl „Brecht für Kinder“ nannte sich die Veranstaltung, dafür hatte man Klaus Marshall von der Augsburger Puppenkiste gewonnen, hatte Kinder verschiedener Augsburger Schulen mitarbeiten lassen, hatte zwei Moderatoren aus dem Kinderfernsehen angeheuert. Der Erfolg war trotzdem mäßig. Denn im Großen Haus des Stadttheaters wurde, in […]

gesamten Beitrag lesen »



Brecht, ganz nah

Heute Abend: Breloers „Bi und Bidi“ im Thaliakino Von Frank Heindl Heute Abend geht’s los, mal wieder: Von der städtischen Finanzmisere (noch?) verschont, wird um 18 Uhr im Goldenen Saal des Rathauses das diesjährige Brechtfestival feierlich eröffnet. Wie solche „offiziellen“ Termine es eben an sich haben: Man wird dem Dichter dabei womöglich nicht allzu nahe […]

gesamten Beitrag lesen »



Haushalt 2010: Mittel für Modularfestival und Kulturpark-West gestrichen?

Ohne großes Federlesen hat offensichtlich Kämmerer Hermann Weber seinen „Giftstift“ über das Modularfestival und den Kulturpark-West gesetzt. Weder die vom Kulturausschuss beschlossenen 161.000 Euro für Modular noch die vertraglich ausgehandelten Zahlungen von 50.000 Euro für den Kulturpark-West tauchen im aktuellen Haushaltsentwurf auf. Ein Versehen, so Weber auf der Stadtratspressekonferenz am Donnerstag. Pro Augsburg und die […]

gesamten Beitrag lesen »



Mal wieder: Mozart hat Geburtstag

Veranstaltungen rund ums Augsburgs liebsten Sohn Am 27. Januar 2010 jährt sich zum 254. Mal Wolfgang Amadé Mozarts Geburtstag – kein „runder“, aber immerhin. Augsburg bietet auch in diesem Jahr wieder Veranstaltungen rund um dieses Datum. Verfrüht, sozusagen zur Einstimmung, heißt es am 22. Januar um 20 Uhr im Kleinen Goldenen Saal „un-er-hört: Haydn und […]

gesamten Beitrag lesen »



Neuer Anlauf beim Brechtfestival

Am 29. Januar geht’s los, der Vorverkauf ist angelaufen Von Frank Heindl Brecht ist nicht der „trockene Marxist“, als der er immer noch gern gesehen wird – der große BB wollte auch gute Unterhaltung bieten. Das ist das Credo des neuen Leiters des Augsburger Brechtfestivals, Dr. Joachim Lang. Und ganz nach dieser Erkenntnis hat er […]

gesamten Beitrag lesen »



Der Friedensmarathon 2010 ist abgesagt

Der für 2010 in Erstauflage geplante Friedensmarathon findet nicht statt. Wie die Initiatoren gestern mitteilten, ist die finanzielle Grundlage nicht gesichert. Das Interesse aus der deutschen Laufszene sei groß, so die vier Initiatoren Sonja Landwehr, Wolfgang Hosp, Axel Becker und Bernd Beigl. Auch habe man zahlreiche Sponsoren gewonnen, die das Vorhaben mit Sachleistungen und kleineren […]

gesamten Beitrag lesen »



Plattform Kreative Stadt I – Augsburg hat Potenzial

Hoch her ging es vergangenen Donnerstag im S-Forum der Neuen Stadtbücherei, als der Popbeauftragte der Stadt Augsburg Richard Goerlich und der Stadtjugendring zur ersten „Plattform Kreative Stadt“ einluden. In drei unterschiedlichen Panels diskutierten mehr als 100 Besucher und Teilnehmer, darunter der Popbeauftragte der Stadt Mannheim Sebastian Dresel und der „c/o pop“- Veranstalter Ralph H. Christoph […]

gesamten Beitrag lesen »



Rathausopposition fordert Einstellung von ku.spo

Die Stadtratsfraktion der Augsburger Grünen und der kulturpolitische Sprecher der SPD, Dr. Frank Mardaus, nahmen den Ausstieg von ku.spo-Projektleiterin Karin Schubert zum Anlass, die Einstellung des gesamten Projektes zu fordern. Der Sport habe große Herausforderungen zu bewältigen. Oberflächliche Events, die Parallelen zur Kultur demonstrieren sollen, würden niemanden helfen, so die Stadträtin und sportpolitische Sprecherin der Grünen […]

gesamten Beitrag lesen »



ku.spo: Projektleiterin Schubert steigt aus

Das umstrittene Pilotprojekt der Stadt Augsburg benötigt eine neue Projektleitung. Karin Schubert hat sich nach längerem Abwägen dafür entschieden, ihren Vertrag nicht zu verlängern. Bereits am 6. November hat Frau Schubert Kultur- und Sportreferent Peter Grab davon unterrichtet, dass sie für die nächsten beiden Jahre nicht weiter zur Verfügung stehe. Schuberts Tätigkeit war für die […]

gesamten Beitrag lesen »