Die zweite Opernpremiere der Spielzeit findet in der Kongresshalle nur teilweise überzeugende Bedingungen für das tragische Geschehen auf der Bühne
Von Halrun Reinholz
Bei den großen tragischen Opern, wie eben Otello, merkt man es leider sehr schmerzhaft, wenn der würdige Rahmen fehlt. Zwar war die Inszenierung bereits ein Ersatz für „Rusalka“, die man auf der Bühne der Kongresshalle wohl gar nicht hätte spielen können, doch auch die weniger personalintensive Verdi-Oper litt sichtlich an den beschränkten Möglichkeiten, die die Allzweckbühne im Kongress-Saal nun einmal bietet.
Regisseurin Michaela Dicu versuchte mit ihrem Team (Bühne und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler), aus der Not eine Tugend zu machen und wählte als Grundelement des Bühnenbilds Matratzen, die auf einer schiefen Ebene und vor einer grauen Wand (ein angedeuteter schief hängender Vorhang) gestalterisch eingesetzt wurden. Was im ersten Teil noch witzig wirkte – Matratzen zunächst als „Schlaflager“, dann zur Hochzeitstafel gestapelt – erwies sich im zweiten Teil bei zunehmender Tragik des Geschehens nur noch als Krampf. Hier waren die Matratzen zu einem Turm aufgestapelt, über den die Darsteller unbeholfen staksten oder wo sie sich gepflegt zu wälzen hatten. Die Ernsthaftigkeit des Geschehens kam da nicht wirklich überzeugend an. Besonders albern die Szene, wo Otello sich hinter einer Matratze versteckt, um Jago im Gespräch mit Cassio zu belauschen – hier glitt die Inszenierung sichtbar ins Boulevardeske.
Da hätte man als Gegenpol zur depressiven Stimmung lieber mehr Farbe verwenden können. Nur Desdemona ist ein zart-unschuldiges Rosa vergönnt, Otello hat als Zeichen seiner Würde etwas Strass an seinem Kostüm. Alle anderen Gestalten kommen mehr oder weniger grau in grau daher und zeigen deshalb wenig Kontur – Jago wirkt nicht wirklich dämonisch und Cassio, der Jagos Eifersucht auslöst, wird (völlig unverständlich) als ständig schwankender Trunkenbold inszeniert, der jeden Verdacht Otellos von vornherein unplausibel macht.
Dennoch ein schöner Opernabend in der Kongresshalle. Domonkos Héja und die Philharmoniker mussten zwar auch diesmal wieder ebenerdig gegen die Sänger „anspielen“, doch nach einer etwas dominanten „Einwärmungsphase“ gelang das ganz gut. Dank der hervorragenden Sänger kam das Publikum in den Genuss wunderbarer Musik. Als Otello kam ein alter Bekannter als Gast nach Augsburg zurück: Der Georgier Zurab Zurabishvilli, der den „Mohren“, den Außenseiter ohne Selbstbewusstsein, der sich leicht manipulieren lässt, auch ohne Blackfacing überzeugend verkörperte. Als Jago war in der Premiere der Koreaner Antonio Yang zu erleben, er wechselt sich in dieser Rolle mit dem Isländer Olafur Sigurdarson ab. Ji-Woon Kim torkelt als Cassio durch die Oper, ist aber stimmlich wie gewohnt überzeugend, ebenso wie Christopher Busietta als Rodrigo. Sally du Rand glänzt nuancenreich als Desdemona, flankiert von Kerstin Descher als Emilia. Gerade wegen dieses hervorragenden Hörerlebnisses tun die räumlichen und technischen Unzulänglichkeiten der Kongresshallenbühne richtig weh. Zumindest wird deutlich, wie wichtig gerade für Operninszenierungen eine hochwertige Theaterausstattung ist. Dem Augsburger Opernpublikum bleibt nichts anderes übrig, als die guten Darsteller zu schätzen und mit Fassung auf eine lange Durststrecke zu blicken.
Foto: Großartig: Zurab Zurabishvilli als Otello und Sally du Rand als Desdemona (c) A.T. Schaefer
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