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Donnerstag, 25.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Brecht quält Benjamin

Mit „Krise ist immer“ beschreibt das Künstlerensemble um Regisseurin Friederike Heller die langjährige Freundschaft von Bertolt Brecht und Walter Benjamin als narzisstische Beziehung zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung. Aufhänger sind Dokumente der zwischen Benjamin und Brecht geführten Debatten aus der Entstehungszeit des 1931 gescheiterten Zeitschriftenprojekts „Krise und Kritik“.

Von Bernhard Schiller

Peter Thiessen, Philipp Hochmair, Henry Rabe, Friederike Heller (v.l.), Foto: Christian Menkel

Peter Thiessen, Philipp Hochmair, Henry Rabe, Friederike Heller (v.l.) (c) Christian Menkel (Brechtfestival)


Was wäre geschehen, hätte Brecht die Pfingstrose angenommen, die ihm Walter Benjamin unmittelbar aus dem Paradies herüberreichte? Brecht lehnt die innig gebrochene Blume feixend ab und trampelt fortan voller Hohn und Missachtung auf Benjamin herum. Der Zuschauer muss eine Stunde lang mitansehen und (mehr oder weniger) aushalten, wie Brecht einen von ihm angezogenen – in den Bann gezogenen – Benjamin verspottet, mit dem Finger auf ihn zeigt, ihn demütigt und dieser dem nichts entgegenzusetzen hat, als leise geäußerte, intellektuelle Zweifel am Konzept der revolutionären Vernichtung. Heller als Benjamin verschwindet dabei gegenüber der dreifach dröhnenden Männerübermacht Brecht (Philipp Hochmair, Peter Thiessen, Henry Rabe) nicht nur akustisch. Musiker Thiessen baut starke, atmosphärische Kulissen, die das Publikum tief hineinführen in Benjamins Innerlichkeit. Eine zärtlich-nichtlineare, aber eben auch bedrückende Welt, in welcher der Lobpreis der Engel für den Gott, der das Paradies schuf, vom Lärm des Dampfhammers am Berliner Alexanderplatz unterdrückt wird.

Der Fortschritt stampft und marschiert zum Ende der Geschichte, für Brecht wird der langsame, auf feinsinnigen Umwegen wandelnde Benjamin dabei zum „schlimmsten Feind, den der Arbeiter hat“, der „Feind in seinen eigenen Reihen“. Singend spielt das Ensemble damit auch den scheinbar so friedfertigen Tucholsky sarkastisch gegen den Strich beziehungsweise gegen Benjamin. Bei Benjamin hört der Spaß auf, der für die orthodoxe Brechtaura dringend notwendige Eisler-Sound wird zur ganz bitteren Pille.

Und dann gibt es jenen einen Moment der Irritation in dieser an Verfremdungen reichen Inszenierung: Brecht und Benjamin sitzen nach ergebnisloser Diskussion uneins auf dem Sofa. Brecht bläst maskulin posend Zigarrenqualm ins Halbdunkel, als der „Engel der Verzweiflung“ sich düster und lautstark (Thiessens Arrangement) der Szene bemächtigt. Plötzlich scheint Brecht derjenige zu sein, dem Verzweiflung, ja bereits verloren geglaubte Empfindsamkeit innewohnt. Leider bleibt es bei einer Täuschung und das ist es auch, woraus Hellers „theatralische Versuchsanordung“ zugleich Wucht gewinnt und verliert.

Weder werden die verletzlichen Seiten Brechts, noch die kraftvollen Benjamins nachhaltig in den Raum möglicher Auch-Realtitäten geholt. Es gefriert der harte dialektische Gegensatz vom pragmatischen Revolutionsmacher Brecht auf der einen, und dem feinfühligen Patienten Benjamin auf der anderen Seite. Auf die Spitze getrieben durch einen nietzscheanisch tobenden Menschaffen, der die Welt in Trümmer legt, während der von Engeln einst berührte Walter Benjamin „in tiefe Abwesenheit“ verfällt.

Was wäre geschehen, hätte sich Brecht Benjamins Blume zu Herzen genommen? Was wäre geschehen, hätte Benjamin Brecht weniger Raum für aggressive Abschaffungsphantasien gewährt? Wäre der messianische Moment entstanden, von dem Benjamin so gerne sprach? Mangels Beleuchtung dieses so elementaren Motivs im Denken Walter Benjamins, das die Idee einer Alternative zu Ideologie und Nihilismus auch in die Gegenwart transportieren könnte, bleibt am Ende der Aufführung ein düsteres Bild hoffnungsloser Gegensätze stehen, das den Zuschauer weder mit Brecht, noch mit der Welt versöhnt.

Das ist im Sinne der von Patrick Wengenroth beschworenen Multiperspektivität freilich hervorragend. Wengenroth hat sich vorgenommen, Brecht zu „zertrümmern“, um neue Perspektiven freizulegen. Oder, um es mit einem Zitat Heiner Müllers aus „Krise ist immer“ zu sagen: „Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht. Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken. Damit etwas kommt, muss etwas gehen.“

In diesem theatralen Format zwischen Reenactment der historischen Gesprächsprotokolle und dem Abgleich mit der aktuellen Realität psychologisiert sich der Konflikt zwischen Benjamin und Brecht, verdichtete sich die Grausamkeit der Welt in eine dramatische Projektion, die einen intellektuellen Dissens einer bedeutsamen Freundschaft auf die Möglichkeiten des Theaters reduziert, um in dieser Reduktion den Schrecken der Geschichte abzubilden.

Großartiges Theater in der leider nicht ausverkauften Probebühne I des Stadttheaters.

Ohne das wissenschaftliche Material von Prof. Dr. Erdmut Wizisla, der im Programmheft als „dramaturgisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter“ angeführt wird, wäre das Projekt nicht denkbar gewesen. Deshalb an dieser Stelle der Verweis auf das Grundlagenmaterial: Benjamin und Brecht. Die Geschichte einer Freundschaft. Mit einer Chronik und den Gesprächsprotokollen des Zeitschriftenprojekts ›Krise und Kritik‹. Von Erdmut Wizisla, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2004, 396 S., 13 Euro.

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