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Dienstag, 07.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brecht: Ändere das Festival, sonst stirbt es!

Eine „Maßnahme“, bei der der Chor zu einem Hintergrundrauschen verdonnert wurde, eine hölzerne Gender-Debatte und eine Trash-Revue, die den „Säulenheiligen Bertolt“ in ein Fass voll Lachgas taucht. Der letzte Vorhang ist noch nicht gefallen, doch bereits jetzt steht fest, dass sich das Brechtfestival selbst abzuschaffen droht.

Von Helge Busch

Einmal im Jahr zehn Tage Brecht – daraus wird in Augsburg langsam eine aufdringliche Langeweile gezimmert. Das gilt für die Nachgeborenen, die sich noch an den verfemten Dichter und Dramatiker erinnern, wie für die jüngeren Bildungsbürger-Generationen, für die ein Brecht-Wochenende genügte, würden innerhalb dieses Zeitraums „Der Mackie-Messer-Song“, „Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ von bekannten Brecht-Interpreten vorgetragen werden.

Vielleicht könnte man noch vom Berliner Ensemble die „Mutter Courage“ hinzufügen, aber dann ist es genug. Mehr ist fast schon ein Zuviel für die Brecht-Bürger – besonders für die traditionsbewussten Augsburger „Brechtkenner“. Denn kommt gar Unbekanntes oder Sperriges, ist’s schlecht bestellt um die lokale Brecht-Welt und um die wechselnden Festivalleiter in diesem jährlich aufgeplusterten Brechtfestival, das natürlich kein Festival ist, sondern seit vielen Jahren eine uneingelöste Versprechung bleibt.

Unter dem (Augsburger) Brecht-Himmel hat’s keiner leicht, der den Provokateur als Menschenfreund und Visionär vorstellen will. Ein echter Augsburger kennt seinen BB vom Plärrer oder sieht ihn gerne mit einem Lampignon von der Kahnfahrt „übern Rathausplatz“ trotten, aber nur, „wenn nur mehr Mond und Katz“ wachen. Das mag kleinteilig und provinziell klingen, ist es aber nicht, denn Brecht ist leicht verständlich und erstaunlich immun gegen das „Regisseurstheater“, wie es Gerhard Stadelmaier nennt, wenn Theatermacher etwas zurechtschnitzen – oder aus einem Werk ein Spruchlexikon tagesaktueller Weltschmerzen herausschälen.

Warum also von Jahr zu Jahr ein Brechtfestival vom Zaun brechen, wenn der berühmteste Sohn der Stadt damit zu Tode gepflegt wird? Brecht wusste – wie der weise Prediger Salomo, dass alles „eitel unter der Sonne ist“. Und natürlich ahnte er, dass seinem Werk die „Wirkungslosigkeit der Klassiker“ droht, wenn man es der Heiligsprechung (und dem Regietheater) preisgibt.

Das Augsburger Brechtfestival verharmlost und verhunzt Brecht von Jahr zu Jahr und trägt somit zur Provinzialisierung der Stadtgesellschaft in hohem Maße bei: Auch eine spöttische Trash-Revue verlangt zunächst eine tiefe Verbeugung – bevor man zu furzen beginnt.

Die gewählten und selbst ernannten Kulturverantwortlichen sollten jetzt die Maßnahme ergreifen und dem Brechtfestival eine Pause verordnen, um potentiellen Festivalmachern und Entdeckern die unbedingt notwendige Zeit zum Nachdenken zu geben, damit BB in seiner Vaterstadt auf angemessenem Niveau gefunden und verstanden werden kann.