Kafkas Verwandlung als Oper – geht das?
Kafkas „Verwandlung“ ist einer der skurrillsten literarischen Texte, die man sich vorstellen kann. Grotesk und bedrohlich. Und das soll ein Opernstoff sein? Erstaunlicherweise funktioniert das auf der Bühne im Martinipark besser, als man meint.
Von Halrun Reinholz

Avtandil Kaspeli, Kate Allen, Franziska Zwink, Claudio Zazzaro, Wiard Witholt, Shin Yeo (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)
Was passiert, wenn man plötzlich als Käfer aufwacht? Wie reagiert die Umgebung? Diese Frage steht bei Kafkas Verwandlung im Vordergrund, denn genau das ist passiert: Gregor Samsa ist über Nacht zu einem für die Umgebung abscheulichen, aber selbst hilflosen Insekt geworden. Doch die Auswirkungen dieser Verwandlung betreffen vor allem auch seine Familie, die darauf reagieren muss.
Philipp Löhle hat das dramatische Potenzial aus Kafkas Erzählung destilliert und der Komponist Gordon Campe hat daraus eine Oper gemacht. Im Augsburger Staatstheater wurde dies nun unter der Regie von André Bücker uraufgeführt. Erst in Winterthur, wo die ersten Vorstellungen stattfanden, bevor sie im Augsburger Martinipark nun auch dem heimischen Publikum dargebracht wurden.

Olena Sloia als leicht hysterisches Dienstmädchen
Felix Weinold hat für Farbe auf der doch recht tristen Bühne des Martiniparks gesorgt. Der Künstler, der auch immer wieder Ballettproduktionen ausstattet, hat sich für die Verwandlung ein großes herbstfarbenes Sofa einfallen lassen. Auf diesem Inbegriff bürgerlicher Behaglichkeit ist noch einmal eine ganze Wohnzimmereinrichtung untergebracht, ein Sofa auf dem Sofa. Die Perspektive zeigt: Hier geht es nicht vordergründig um den verwandelten Gregor Samsa, sondern um dessen Familie, bei der durch seine Verwandlung alles aus den Fugen gerät. Der selbstherrliche Vater (Avtandil Kaspeli) und die matronenhafte Mutter (Kate Allen) sind ebenso wie die selbstbewusste Schwester mit musikalischen Ambitionen (Franziska Zwink) auf Gregors Einkommen angewiesen. Das leicht hysterische Dienstmädchen (Olena Sloia) will sofort kündigen, um nicht mit dem „Tier“ unter einem Dach leben zu müssen. Auch die drei Untermieter (Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo) sind satirisch überzeichnet. Denn das Libretto arbeitet vor allem das Komische an der an sich grotesken Situation heraus, das auch bei Kafka durchaus gegeben ist. Gerade im Zusammenspiel mit der Musik ist das eine stimmige Sichtweise des aberwitzigen Handlungsverlaufs.

Der Käfer, dargestellt von fünf Personen
Der Käfer rückt dabei vermeintlich in den Hintergrund. Die KI erinnert schon zu Beginn in einem großen Bilderrahmen zu den Klängen der Musik daran, worum es hier geht: ein Männerportrait, das sich je nach Musikfrequenz mehr oder weniger zum Käfer wandelt. Doch der eigentliche Käfer – und das ist der Clou der Inszenierung – besteht aus fünf Personen. Vier hat der Komponist vorgesehen: Ihre Gesangspartien sind mit tierischen Lauten ausgestattet – zischen, röcheln, pfeifen. Eine Herausforderung für jeden Sänger. Doch die Augsburger Inszenierung hat die Gruppe mit der Tänzerin und Choreografin Helena Sturm ergänzt. Gregor tritt als vielgliedriges rhythmisch choreografiertes Gebilde in Erscheinung. Die Kostümbildnerin Alexandra Kica hat die fünf Gestalten mit ineinander fließenden Kostümen mit beweglichen Extremitäten ausgestattet, die den Bewegungsablauf unterstützen. Ivar Demidov steht am Pult der Philharmoniker und ergänzt das Bild der Stimmigkeit, obwohl die Töne der Oper zuweilen durchaus sperrig für die harmonischen Hörgewohnheiten des Publikums sind.
Die Handlung von Kafkas Erzählung ist schnell erzählt und auch die Oper vermeidet die allzu epische Ausbreitung. In knapp zwei Stunden ist alles gesagt und die Dichte wirkt fesselnd. Durchwegs überzeugend sind die Darsteller, sowohl stimmlich, als auch in ihrer Rollenpräsenz. Das komische Potenzial zeigt sich bei allen Charakteren gut umgesetzt, insbesondere aber bei den drei Herren und bei Olena Sloia, die der Rolle des Dienstmädchens einen fast clownesken Stempel aufdrückt. Die Käfer-Sänger Rusne Tuslaite, Claudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic erweisen sich nicht nur der sanglichen, sondern auch der tänzerischen Herausforderung unter der souveränen Führung von Helena Sturm überzeugend gewachsen.
Ein überraschender und bereichernder Opernabend im Martinipark.




