Die Grande Nation im Ausnahmezustand
Ein Unglück kommt selten allein – bestätigt wurde diese Binsenweisheit auf meiner traditionellen Joggingrunde vom Place de la Republique entlang des Canals Saint Martin, die mich an demolierten Geschäften, verbrannten Uber-Fahrrädern und ausgebrannten PKWs vorbeiführte. Noch vor einer Woche war so ein Schreckensszenario völlig unvorstellbar.
Von Udo Legner
Der landesweite Schülerprotest zu Beginn der letzten Schulwoche vor den französischen Herbstferien verlief nämlich völlig friedlich, auch wenn sich erstmals in großer Menge Unistudenten an den Kundgebungen und Demonstrationszügen beteiligten. Allein in Paris nahmen an den zwei Demonstrationszügen laut Innenministerium über 40.000 Jugendliche teil und in ganz Frankreich nach Behördenangaben fast 200.000 – nach Angaben der Gewerkschaften waren es sogar mehr als doppelt so viele!
Friedlicher Protest gegen Mängel im Bildungswesen

Erfolgreicher friedlicher Protest
Ihr Protest galt vorrangig den katastrophalen Zuständen der Bildungseinrichtungen – miserable Ausstattung vieler Schulen, Lehrkräfte- und Personalmangel, überfüllte Klassen, unzureichende Lern- und Studienbedingungen und nicht zuletzt dem als intransparent und unfair kritisierten Hochschulzulassungssystem Parcoursup. Die Protestierenden forderten außerdem zehn Milliarden Euro zusätzliche Investitionen in den Bildungsbereich sowie Maßnahmen gegen die überfüllten Stundenpläne.
Schneller Erfolg der Protestbewegung: Auf einmal wurden über 3.000 Vertretungslehrer unter Vertrag genommen, deren Einstellung bislang am französischen Haushaltsdefizit gescheitert war.
Die Teilnahme der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg an dem Schülerprotest am Lycée Paul-Éluard in der Pariser Vorstadt Saint Denis (YouTube-Video) und der anschließenden Demonstration in Paris fand bei den Jugendlichen großen Anklang und die sozialen Medien sorgten dafür – auch über die Landesgrenzen hinaus – dass den Anliegen der protestierenden Jugend Gehör geschenkt wurde (YouTube-Video).
Erinnerungen an Mai 68

1789, Mai 68, 2026: „Wir würdigen unser Erbe“
Ganz anders verlief dagegen der Protest am 17. Oktober, an dem sich neben Schülerinnen, Schülern und Studierenden, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Klimaaktivisten auch antifaschistische Gruppen und nicht zuletzt Aktivisten der Gelbwesten-Bewegung beteiligten. Bei den landesweiten Demonstrationen gegen soziale Ungerechtigkeit nicht nur im Bildungsbereich, steigende Lebenshaltungskosten, niedrige Löhne und soziale Ungerechtigkeit gingen laut Innenministerium rund 550.000 Menschen auf die Straße, davon 110.000 in Paris.
Noch bevor sich der zentrale Demonstrationszug an der Place de la République in Richtung Place de Clichy in Bewegung setzte, setzten die Ordnungskräfte Tränengas ein. Diese Vorgehensweise wurde im Rückblick ebenso wie die zu geringe Polizeipräsenz stark kritisiert und mit dafür verantwortlich gemacht, dass es in der Umgebung der Place de la République, der Grands Boulevards und später auch in Richtung Madeleine, Concorde und Champs-Élysées zu massiven Ausschreitungen kam. Barrikaden, beschädigte und ausgeraubte Geschäfte sowie brennende Fahrzeuge beherrschten vielfach das Straßenbild und sorgten dafür, dass die Anliegen der größtenteils friedlichen Demonstranten in den Hintergrund gerieten.

Beschädigte Geschäfte, ausgebrannte Fahrzeuge (Bilder: Udo Legner)
Auf 1.500 zerstörte und oftmals auch geplünderte Geschäfte belief sich die Schreckensbilanz allein in Paris. Die Pariser Polizei meldete 855 Festnahmen sowie 13 verletzte Polizisten und zwei verletzte Feuerwehrleute. Die schweren Ausschreitungen gingen vor allem von kleineren, mobilen Gruppen außerhalb der genehmigten Route aus.
Im westlichen Zentralfrankreich zerstörte ein Feuer das aus dem 19. Jahrhundert stammende Rathaus in Limoges, nachdem Demonstrierende das Gebäude gestürmt hatten. Zum Sturm auf das Hôtel de Ville durch vermummte Demonstrierende kam es auch in der Hafenstadt Marseille. Erst durch Anrufe des Bürgermeisters Benoît Payan beim französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, dem Premierminister und dem Innenminister wurden zur Verstärkung der unterdimensionierten Sicherheitskräfte weitere Spezialeinheiten nach Marseille beordert, mit denen die Lage stabilisiert werden konnte. Als Reaktion auf die Ausschreitungen bei den Demonstrationen wurden in einigen Städten Demonstrationsverbote erlassen.
Zukunftsmusik
Ob dies allein ausreicht, um künftige Krawalle zu unterbinden, ist freilich fraglich. Zu angespannt erscheint die soziale Lage in der Grande Nation und die nächsten angekündigten Proteste in Paris sollen bereits am Samstag, 24. Oktober 2026, stattfinden, wozu vor allem die Gelbwesten als „zweiten Akt“ ihrer landesweiten Mobilisierung aufrufen.
Gespannt richtet sich der Blick auch auf die französische Präsidentschaftswahl im April nächsten Jahres. Welcher der beiden in den Umfragen führenden Kandidaten wird von den landesweiten Protesten und Unruhen mehr profitieren: die rechtsextreme Marine Le Pen oder der linkspopulistische Jean-Luc Mélenchon?