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Mittwoch, 21.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

„Dann kommt das SEK“ – und was danach kommt

Mir macht die Entwicklung in Deutschland Angst. In Europa auch. Ich meine nicht die Wirtschaft, ich meine das, was politisch und gesellschaftlich passiert: dieses ständige Einhauen und Einstechen, dieses Beschwören vom Untergang der Republik, als wäre morgen schon alles vorbei.

Von Sait İçboyun

Neulich bin ich in den sozialen Medien auf ein Kurzinterview gestoßen. Ein Passant, aus dem Osten, sagt mit voller Überzeugung: „Wenn ich meine freie Meinung äußere, dann kommt das SEK und holt mich ab.“ Man kann das abtun. Spinner, nächster Beitrag. Aber wer sich weiter durch die Netzwerke klickt, merkt schnell, dass der Mann nicht allein ist. Bei vielen ist das Vertrauen in die Institutionen weg, und gefüttert wird das von Propaganda, die für Algorithmen gebaut ist. Klicks, Benachrichtigungs-Bimmeln, schnelles YouTube-Geld.

Dagegen anzuschreiben bringt kaum noch etwas. Ich habe aufgehört, Hasskommentare zu beantworten. Zurück kommt das digitale Wutzeichen und die Frage, warum man überhaupt noch menschlich denkt und fühlt. Das verletzt, ja. Trotzdem will ich mich dieser Untergangsstimmung nicht überlassen. Also nehme ich den Satz des Mannes ernst.

Die Mauer

Im selben Interview fiel noch ein zweiter Halbsatz, der mich fast mehr beschäftigt hat. Er würde die Mauer am liebsten höher wieder aufbauen, die Westdeutschen könnten ihm gestohlen bleiben. Auch das nehme ich ernst.

Die Berliner Mauer stand achtundzwanzig Jahre. Mindestens 140 Menschen sind an ihr gestorben, weil sie rüber wollten. In diesem Staat war „Wenn ich meine Meinung sage, werde ich abgeholt“ kein Gefühl, es war Alltag. Und 1989 sind Menschen im Osten genau dagegen auf die Straße gegangen, mit Kerzen, ohne Waffen, mit verdammt viel Mut. Die Freiheit, die sie sich geholt haben, ziehen heute manche im Netz leichtfertig in den Dreck.

Und das Misstrauen gegenüber den Medien?

Der Mann vertraut den deutschen Medien nicht mehr. Sein gutes Recht. Medien machen Fehler, oft genug, und manche haben sich ihrem Lager zu bereitwillig verschrieben. Bei Kriegsthemen habe ich den Eindruck, dass der Korridor des Sagbaren nicht immer weit bleibt. Wer sich zu Israel und Gaza äußert, steht schnell in der Antisemitismus-Ecke, manchmal schon mit einer Frage. Und auch den Öffentlich-Rechtlichen wird vorgeworfen, dass nicht jede Perspektive Platz bekommt.

Wird der Korridor eng, entsteht ein Vakuum. Da drängen die parteiischen Zeitungen und Kanäle hinein, mit ihrem Bashing. Wer sich nicht gehört fühlt, landet dort. Dabei weiß man ja, woran man ist: Greift man zur „Jungen Freiheit“, weiß man, was drinsteht, bei der „taz“ genauso. Was in den eigenen Kopf kommt, muss man selbst entscheiden. Das fällt schwer, wenn es von allem zu viel gibt, auch von Fälschungen. Dieser Informationsrausch macht müde. Wer nimmt sich noch die Zeit, etwas wirklich zu prüfen?

Und wer „den Medien“ grundsätzlich misstraut, glaubt trotzdem irgendwem. Wem? Wer nur in Kanälen unterwegs ist, die im Minutentakt Empörung ausspucken, hat die Quelle gewechselt, aber seine Skepsis nicht behalten. Ein Algorithmus, der von Klicks lebt, will nicht, dass es dir besser geht. Er will, dass du bleibst. Ein Fehler in der Zeitung wird korrigiert, vom Presserat, durch Gegendarstellung, durch die Konkurrenz. In der Blase passiert das nicht. Da gibt es nur die Echokammer der eigenen Wut.

Misstrauen ist gut, wenn man danach nachschaut: Wer spricht da, woher weiß er das, wer verdient dran? Der Mann im Interview darf seine Meinung sagen, vor der Kamera, im Netz, am Stammtisch, und er sagt sie laut. Das SEK kommt nicht. Wer hier behauptet, es gebe keine Meinungsfreiheit mehr, verhöhnt die, die sie anderswo wirklich verloren haben.

Der Blick über den Tellerrand: Merdan Yanardağ

Warum schaue ich in diesem Text in die Türkei? Weil ich glaube, mich dort ähnlich gut auszukennen wie hier, oder zumindest bin ich informiert, wenn ich rüberschaue. Ich suche mir kein bequemes Beispiel aus der Ferne.

Merdan Yanardağ ist für mich ein Aufklärer. Der Grund ist sein Buch „İçtihad Kapısı“, „Das Tor zum Idschtihad“, mit dem Untertitel „Das andauernde Mittelalter der islamischen Welt“, erschienen 2022. Idschtihad bedeutet selbstständiges Denken, eigenständiges Auslegen. Das Buch geht auf seine Doktorarbeit in Soziologie zurück und umfasst rund 370 Seiten.

Seine Frage ist groß: Warum hat die islamische Welt nicht geschafft, was Europa schaffte, nämlich das Mittelalter hinter sich zu lassen und in das Zeitalter von Vernunft und Wissenschaft zu kommen? Seine Antwort ist keine Anklage gegen den Glauben, sondern eine politische Geschichte. Er verfolgt sie weit zurück. Schon die frühen Herrscherdynastien, die Omajjaden und die Abbasiden, nutzten den Islam als Stütze ihrer Macht und wehrten Erneuerung ab. Entscheidend wird bei ihm das Reich der Großseldschuken. Dort stellten der Wesir Nizam al-Mulk und der Gelehrte al-Ghazali den sunnitischen Islam ins Zentrum der Staatsführung und rückten ihn von der Vernunft ab. Später, so seine Linie, wurde das auch von den Gesellschaften selbst übernommen. Der berühmte Streit zwischen al-Ghazali und Ibn Ruschd, dem Verteidiger des vernunftgeleiteten Denkens, ist dabei nur ein Teil. Yanardağ beleuchtet auch, wie griechisches Wissen, die islamische Welt und die europäische Renaissance miteinander zusammenhängen. Und er fragt, woher die Spirale aus Gewalt und Terror kommt, in die diese Welt geraten ist.

Das „Tor“ des eigenständigen Denkens, so verstehe ich ihn, wurde also nicht von selbst zugeschlagen. Es wurde von Machthabern zugemacht, die keine Fragen wollten. Das ist seine These, und sie ist umstritten. Man muss ihr nicht in allem folgen. Aber sie bringt auf den Punkt, worum es mir in diesem Text geht: Wo freies Denken gedeckelt wird, verlieren Gesellschaften.

Yanardağ ist promovierter Soziologe, Journalist und Autor, und er hat den Sender TELE1 gegründet, der der Regierung auf die Finger schaut. Man muss seine Positionen nicht teilen, er kommt von links und hat das nie versteckt. 2023 saß er 101 Tage in Haft, das Verfassungsgericht stellte später fest, dass seine Untersuchungshaft ihn in seinem Freiheitsrecht verletzt hat. Reporter ohne Grenzen zählt vier Verfahren gegen ihn in fünf Jahren. Seit Oktober 2025 sitzt er wieder in Untersuchungshaft, der Vorwurf lautet politische Spionage, darauf stehen 15 bis 20 Jahre. Er bestreitet das, und Menschenrechtsorganisationen sehen darin den Versuch, einen kritischen Sender mundtot zu machen. Ausgerechnet der Mann, der darüber geschrieben hat, wie freies Denken erstickt wird, sitzt im Gefängnis.

Er ist kein Einzelfall. Selahattin Demirtaş, früher HDP-Chef, sitzt seit November 2016, im Kobani-Verfahren bekam er 42 Jahre. Figen Yüksekdağ, Osman Kavala, dazu viele andere Politiker, Journalisten, Aktivisten. Der Europarat fordert seit Jahren ihre Freilassung. Dort verlierst du für Worte keine Follower. Du verlierst deine Freiheit.

Wir haben vieles in Ordnung zu bringen

Bei uns ist nicht alles gut. Das Vertrauen in die Institutionen, die Verwaltung, die soziale Gerechtigkeit: Da liegt vieles im Argen, und darüber muss gestritten werden, hart und öffentlich. Ein Korridor, der enger wird, gehört auch dazu. Aber etwas anderes ist es, wenn Krisenstimmung zum Geschäftsmodell wird. Manche leben davon, dass wir glauben, es sei alles verloren.

Und vielen geht es, glaube ich, gar nicht um die Freiheit, ihre Meinung zu sagen. Die haben sie. Sie wollen, dass die Politik sie hört und ihnen folgt. Demokratie gibt uns das Recht zu sprechen. Sie gibt uns nicht das Recht, dass alle uns recht geben.

Was also tun?

Wir dürfen uns von der hochgepeitschten Wut nicht lähmen lassen. Wenn die Vernünftigen schweigen, haben die Extremisten leichtes Spiel. Überlassen wir das Feld kampflos denen, die an der Spaltung verdienen, ist das Fundament weg.

Freiheit ist kein Naturgesetz. Sie muss jeden Tag neu verhandelt werden, durch harte Debatten, durch Widerspruch aushalten, durch den Mut, Fakten über gefühlte Wahrheiten zu stellen.

Wer das nächste Mal im Netz schreibt, hier herrsche eine Diktatur, dem sollten wir nicht mit einem Achselzucken begegnen. Wir sollten widersprechen. Nicht mit Hass. Mit Aufklärern wie Merdan Yanardağ, die für das freie Wort im Gefängnis sitzen. Hören wir auf, dieses Land schlechtzureden, und fangen wir an, es zu verteidigen. Herausforderungen haben wir genug, aber keine, die den Untergang rechtfertigt. Damit wir auch morgen noch in einer Freiheit leben, um die uns die halbe Welt beneidet.