StadtGestalten
Ein Leben für die Literatur
StadtGestalten: Marius Müller
In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Marius Müller, Blogger, Buchkritiker und Kulturvermittler.
Ein Interview von Sait İçboyun

Unter Literaturfreunden und Bücherwürmern ist Marius Müller vor allem als das Gesicht hinter dem Blog www.Buch-Haltung.com bekannt, auf dem er seit 2013 subjektive und fundierte Buchkritiken abseits des Mainstreams veröffentlicht.
Doch er liest nicht nur: Als engagierter Kulturvermittler organisiert und moderiert er Literaturevents im gesamten süddeutschen Raum. Seine Expertise teilt er zudem regelmäßig als Gast in renommierten Medien wie dem Deutschlandfunk Kultur oder Bayern 2. Heute sprechen wir mit ihm über seine Arbeit, die Faszination für gute Geschichten und die Literaturszene in Augsburg.
Sait İçboyun: Marius, du wolltest, dass wir uns im Hofgarten treffen. Warum gerade dieser Ort? Was macht den Hofgarten für dich aus?
Marius Müller: Weil ich ihn für einen wunderbaren Begegnungsort halte. Der Hofgarten ist für mich so etwas wie das städtische Ideal: ein Ort, an dem man zusammenkommt, wo es ruhig ist, wo es grün ist und wo es Wasser gibt. Leute aller Schichten begegnen sich hier und können ungestört eine gute Zeit haben. Und – für mich natürlich nicht unerheblich: Es gibt auch einen offenen Bücherschrank, bei dem man sich gut mit Lektüre versorgen kann. Was hier offenbar auch einige getan haben, wie ich vorhin gesehen habe. Ein toller Ort, den man wirklich nur wertschätzen kann.
Sait İçboyun: Das ist interessant, denn mich verbindet mit dem Hofgarten ebenfalls viel. Als Student habe ich hier in der Nähe am Senkelbach gewohnt und an diesem Ort Gabriel García Márquez’ Chronik eines angekündigten Todes in einem Zug gelesen. Ob ich dadurch zum Márquez-Liebhaber wurde, weiß ich gar nicht genau – über ihn bin ich dann jedenfalls zu Juan Rulfos Roman Pedro Páramo gekommen. Man kann hier wirklich wunderbar entspannen und lesen.
Aber du bist ja der eigentliche Bücherwurm: Man liest, dass du um die 100 Bücher im Jahr liest und rezensierst. Ich verfolge deinen Blog selbst sehr gerne. Da stellen sich mir zwei Fragen: Erstens, woher nimmst du die Zeit? Und zweitens: Wird Literatur, wenn sie so intensiv betrieben wird, irgendwann zur anstrengenden Arbeit, oder genießt du es noch genauso wie jemand, der einfach nur zum Vergnügen liest?
Marius Müller: Vielleicht erst einmal zur zweiten Frage: Tatsächlich ist es für mich keine Last, sondern eine stete Lust, etwas Neues zu entdecken. Jedes Buch erlaubt es mir, in eine neue Welt einzutauchen, neue Gedanken kennenzulernen und einen neuen Blick auf die Welt einzunehmen. Das empfinde ich als unglaublich bereichernd und als großes Privileg, das die Sache auch wahnsinnig abwechslungsreich macht. Insofern ist da immer sehr viel Begeisterung dabei.
Und die Antwort auf den ersten Teil deiner Frage: Ich schaue abends relativ wenig fern. Ob in der Bahn, abends auf der Couch oder im Sommer auf dem Balkon – ich nutze diese Zeiten zum Lesen. Inzwischen habe ich mir auch ein gewisses Lesetempo angeeignet, sodass ich relativ schnell in die Bücher eintauchen kann. Es ist also nach wie vor eine große Freude und absolut keine Arbeit.
Sait İçboyun: Gehen wir ein Stück zurück: Wie kam es überhaupt zu der Idee? Du hast 2013 – korrigiere mich, wenn ich falsch liege – diesen Blog ins Leben gerufen. Was war deine Motivation? Wolltest du einfach nur teilen, was du gerade liest, oder steckte da ein tieferer Gedanke dahinter?
Marius Müller: Da spielte sicherlich ein gewisser Drang nach einer Öffentlichkeit des Lesens mit hinein. Lesen ist ja an sich eine sehr einsame Beschäftigung; jeder liest für sich allein, man tritt nicht automatisch in Kontakt mit anderen. Das hat mir ein bisschen gefehlt. Aus diesem Gedanken heraus habe ich den Blog entwickelt und angefangen, meine Leseeindrücke zu verfassen. Ich wollte mit meiner Liebe zur Literatur an die Öffentlichkeit gehen, mit anderen Menschen in Austausch treten und eine Art öffentlichen Raum für Literatur schaffen. Das war 2013 in meinen studentischen Jahren der Kerngedanke, und das pflege ich bis heute, indem ich regelmäßig neue Besprechungen online stelle.
Sait İçboyun: Ein öffentlicher Raum braucht einen Namen. Dein Blog heißt „Buch-Haltung“. Das ist ein wunderbares Wortspiel zwischen der eher trockenen Buchhaltung im Finanzwesen und der inneren Haltung, die man beim Lesen einnimmt. Wie kam es zu diesem Namen und welche „Haltung“ nimmst du beim Kritisieren ein?

„Offene, neugierige Haltung jedem Buch gegenüber“: Marius Müller
Marius Müller: Anfänglich war es nur ein halbwegs kreatives Wortspiel, mit dem ich aus der Fülle an Literaturblogs herausstechen wollte, die es zum Entstehungspunkt des Blogs damals gab. Tempi passati.
Aber der Name hat sich als erstaunlich zutreffend erwiesen, denn ich versuche wirklich, mich in einer offenen, neugierigen Haltung jedem Buch gegenüber zu üben, wenn ich mich an die Lektüre mache. Und egal ob mich das Buch dann begeistert, enttäuscht oder sich im Spannungsfeld irgendwo dazwischen einordnet, ich bemühe mich mein Urteil immer zu begründen, am Text zu belegen und vielleicht ein paar weiterführende Gedanken anzubieten, damit Leserinnen und Lesern auch einen Mehrwert davon haben und nicht nur mit einem „Habe ich gerne gelesen“ abgespeist werden.
Als eigene Buchhaltung fungiert der Blog zudem auch ganz wunderbar. Denn nicht jedes der Bücher, das ich vielleicht einmal vor zehn Jahren gelesen habe, ist mir in Sachen Inhalt und abschließendem Urteil noch präsent. So trifft es sich ganz gut, dass ich dann in den Tiefen des Blogs noch einmal nachsehen kann, zu welchem Urteil ich damals kam.
Sait İçboyun: Es ist zwar der reine Zufall der Biologie, aber du teilst dir den Geburtstag mit Bertolt Brecht. Verpflichtet so ein Datum in Augsburg eigentlich zu einer besonderen Beziehung zu ihm, oder wie stehst du zu Brechts Werk? Man kennt ja durchaus Augsburger, die mit ihm gar nichts anfangen können, während andere ihn als Fixstern sehen.
Marius Müller: Ich ordne mich da tatsächlich irgendwo in der Mitte ein. Mir geht es wie dir: Ich kenne Menschen, für die ist Brecht Lebensinhalt, für andere bleibt er unzugänglich. Ich kann jetzt nicht beanspruchen, der größte Brecht-Fan der Stadt zu sein, aber seine Lyrik und sein Schaffen – vor allem dieses Schreiben gegen Widerstände und aus dem Exil heraus – nehmen mich sehr für ihn ein. Sich immer wieder neue Sprachwelten zu erschließen und Bilder für die inneren Welten in Literatur zu überführen, finde ich extrem beeindruckend. Ob nun seine frühen Texte oder die Augsburger Anfänge: Das ist wirklich spannend.
Wenn ich an die Anfänge zurückkehre… Das Jahr 2013 war für mich insofern auch ein Wendepunkt: Nachdem ich zuvor drei Jahre in München studiert hatte, kam ich in jenem Jahr nach Augsburg und habe dort in der Stadtbücherei meinen Job angetreten, den ich neun Jahre lang ausgeübt habe. Ich habe die Stadtteilbücherei in Göggingen geleitet, angebunden an die Zentrale am Ernst-Reuter-Platz, und wohnte damals in Kriegshaber.
Vor zwei Jahren gab es dann einen beruflichen Wechsel für mich: Ich bin an die Studienbibliothek nach Dillingen gewechselt. Streng genommen bin ich wohntechnisch also kein Augsburger mehr, da ich kurz hinter die Stadtgrenze nach Neusäß beziehungsweise Steppach gezogen bin. Aber ich fühle mich dieser Stadt nach wie vor extrem verbunden. Augsburg ist für mich ein Ort, an dem ich mich an verschiedensten Stationen wahnsinnig gern aufhalte – sei es hier im Hofgarten, in unseren Buchhandlungen oder in den Bibliotheken. Ich finde, Augsburg ist eine unglaublich reichhaltige Stadt, nicht nur wegen ihres großen Sohns Bert Brecht. Es ist ein sehr schönes Pflaster, auf dem ich mich bewege.
Sait İçboyun: Jetzt hast du die Stadtgrenze nach Steppach überschritten – das verzeihen wir dir als Augsburger natürlich nur, weil dein literarisches Herz offensichtlich hiergeblieben ist. Nimmt man als „Exil-Augsburger“ den Kulturbetrieb der Stadt eigentlich noch mal anders oder schärfer wahr, wenn man täglich von außen hineinpendelt?
Marius Müller: Natürlich ist man nicht mehr so in Kontakt mit einzelnen Akteuren, nimmt Debatten aus dem Kulturleben vielleicht manchmal nur noch aus zweiter Hand wahr und merkt einen fehlenden Austausch, wenn man nicht mehr vor Ort ist.
Auf der anderen Seite ist der Kontakt, wenn es ihn dann gibt, umso intensiver und konzentrierter. Und auch wenn ich die Stadtgrenze hinter mir gelassen habe – dank der Presse, dank digitaler Angebote wie dem euren bei der daz fühle ich mich noch immer gut informiert in Sachen Kulturleben und dessen vieler Volten, von der unendlichen Theatersanierung bis hin zum traurigen Ende des Kulturcafés Neruda…
Sait İçboyun: Wenn du die Seiten wechseln und selbst ein Buch schreiben würdest: Welche Augsburger Ecke oder Kulisse würde dich am meisten zum Schreiben inspirieren?
Marius Müller: Eine sehr gute Frage, da muss ich direkt etwas grübeln. Spannend finde ich den Epochenbruch in Augsburg: den Wandel von der Industriestadt hin zur Neuzeit. Wenn ich an das Gaswerk oder das Textilviertel denke, wo dieser Umbruch so markant ist – das würde mich schon interessieren. Wie bilden sich solche historischen Brüche geografisch und in den Menschen ab? So ein großes Textil- oder Industrieviertel wäre für ein solches Projekt sicher reizvoll. Wobei ich mir das selbst nicht zutraue, das muss ich gestehen, so etwas in eine überzeugende literarische Form zu gießen.
Sait İçboyun: Ein Buch zu rezensieren und die eigene Meinung öffentlich ins Netz zu stellen, erfordert ja auch Mut. Wie nimmst du deine Rolle als Kritiker in der heutigen Zeit wahr? Ist ein Literaturblog für dich einfach ein schönes Ventil für deine Leselust, oder steckt da mittlerweile mehr dahinter?
Marius Müller: Wenn ich einen öffentlichen Blog pflege und meine Meinung vertrete, dann hat das auch mit einer gewissen Verantwortung zu tun. Ich merke ein verstärktes Bedürfnis danach, weil die öffentlichen Plätze für den literarischen Diskurs schrumpfen. Große Radioformate wie die Kulturwelt auf Bayern 2 oder der Büchermarkt im Deutschlandfunk Kultur werden verändert oder eingestellt, in den Tageszeitungen schrumpfen die Kulturbeilagen. Da finde ich es essenziell, Räume zu bewahren, in denen man ausführlich über Bücher sprechen kann – gerade auch für Titel, die nicht aus den größten Verlagen kommen. Mir ist es ein echtes Anliegen, kleinen unabhängigen Verlagen eine Sichtbarkeit zu verschaffen. Der ganze Büchermarkt kämpft, und da müssen die „kleinen Player“ ins Schaufenster gestellt werden.
Sait İçboyun: Das Schwinden von Kulturräumen betrifft ja leider nicht nur die Medien, sondern auch den stationären Handel. Wenn wir direkt vor unserer Haustür blicken: Wie nimmst du die Situation hier in Augsburg wahr?
Marius Müller: Das stimmt. Wir haben in Augsburg ja auch tolle Beispiele wie den kleinen, unabhängigen MaroVerlag, der die Literaturwelt immer wieder mit wunderbaren Büchern bereichert. Viele Verlegerinnen und Verleger leben diese Kunst unter zum Teil sehr selbstausbeuterischen Bedingungen – darauf muss man immer wieder hinweisen.
Was mir allerdings auch Sorgen bereitet, ist, dass wir diese Schrumpfung des Buchmarktes im Kleinen auch in Augsburg spüren. Man denke an den Wissner-Verlag mit seinen Büchern zu stadtgeschichtlichen Themen, der nun sein Tun eingestellt hat. Früher gab es die Verlagsbuchhandlung Seitz und Auer, die Schmidtsche Buchhandlung, dann ProBuch, zuletzt Rieger & Kranzfelder, die schließen mussten, und kürzlich traf uns die traurige Nachricht vom Ende des Buchhändlers Pustet hier in Augsburg. Alle sind sie einfach verschwunden, was herbe Schläge für das literarische Leben der Stadt sind, wenn solch traditionsreiche Literaturhäuser aus dem Stadtbild verschwinden.
Sait İçboyun: Wenn große Buchhandlungen schließen und der Platz für Nischentitel kleiner wird, drohen viele literarische Stimmen komplett unterzugehen. Du versuchst auf deinem Blog ja ganz gezielt, gegen dieses Vergessen anzukämpfen. Welche literarischen Entdeckungen liegen dir da aktuell besonders am Herzen?
Marius Müller: Deshalb beschäftige ich mich auf dem Blog in letzter Zeit auch vermehrt mit vergessenen Autoren. Nehmen wir Jakob Wassermann, in der Weimarer Republik einer der großen Bestseller-Autoren jüdischer Herkunft, dessen Bücher 1933 von den Nazis verbrannt wurden und der ein Jahr später völlig verarmt in Altaussee starb. Ich habe seinen Roman über den Kaspar-Hauser-Mythos gelesen – das ist eine Sprachgewalt, die in meinen Augen Thomas Mann kaum nachsteht, aber heute ist er völlig vergessen.
Oder Iwan Heilbut, den heute ebenfalls niemand mehr kennt: Er 1943 hat mit Zugvögel einen Roman über zwei Deutsche im Exil in Frankreich geschrieben, die bei der Ankunft der Nazis unter die Räder geraten, obwohl sie sich längst assimiliert hatten. Großartige Literatur, die völlig aus dem Kanon gefallen ist. Da begreife ich den Blog auch als Korrektiv: Ich möchte Dinge in mein kleines digitales Schaufenster stellen und sagen: Schaut euch das an, diese Qualität und diese zeitlosen Themen sind auch 100 Jahre später noch da.
Sait İçboyun: Beruflich bist du ja ohnehin ganz nah dran an der Literatur: Du arbeitest in Bibliotheken.
Marius Müller: Ich finde, Bibliotheken sind Institutionen, die wir viel mehr wertschätzen und fördern sollten. Der Sozialphilosoph Oskar Negt hat einmal gesagt: „Demokratie ist die einzige Staatsform, die gelernt werden muss.“ Bibliotheken sind dafür genau der richtige Ort. Das verstaubte Klischee – es ist leise, dunkel und staubig – hat mit der Realität doch längst nichts mehr zu tun. Wenn man in Augsburg in die Bücherei geht, sieht man, wie verschiedenste Bevölkerungsschichten, Familien und Senioren zusammenkommen. Ein Bildungsort für alle, ähnlich wie der Hofgarten. Dass wir das nicht noch stärker fördern, ist in meinen Augen mehr als nur ein großer Schlendrian, es ist unverzeihlich.

Offener Bücherschrank im Hofgarten (Bilder: Sait İçboyun)
Sait İçboyun: Wie bist du eigentlich damals Bibliothekar geworden?
Marius Müller: Ganz klassisch: Direkt nach dem Abitur habe ich in München Bibliothekswesen studiert. Drei Jahre lang habe ich so Bibliotheksgeschichte, Schriftkunde, Katalogisierung, IT-Themen und vieles weitere studiert, um dann meinen Abschluss als Diplom-Bibliothekar zu machen. Als ich fertig war, gab es direkt eine freie Stelle in der Stadtbücherei Augsburg, auf die ich mich beworben habe – und ich wurde genommen. Das war mein Einstieg in diese Welt, die ich seither weder verlassen habe noch verlassen möchte, weil sie unglaublich bereichernd ist.
Sait İçboyun: Heute leitest du die Studienbibliothek Dillingen, die erst kürzlich zu einer der schönsten Bibliotheken Deutschlands gekürt wurde. Tagsüber bewegst du dich in dieser festen, wissenschaftlichen Struktur, abends schreibst du völlig frei auf deinem Blog für die Sichtbarkeit kleinerer Verlage. Befruchten sich diese beiden Welten gegenseitig oder ist „Buch-Haltung“ für dich der bewusste Gegenpol zum Berufsalltag?
Marius Müller: Eine sehr gute Frage. Tatsächlich eher letzteres, denn Literatur in ihrer landläufigen Form ist dort in der Studienbibliothek Dillingen eher weniger zu finden. Diese Bibliothek hat eine lange Geschichte, die zurückreicht bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, als in Dillingen eine Universität gegründet wurde, deren Geschichte erst in den 1970er-Jahren endete, als die Zeit der Augsburger Uni begann. Seitdem sammelt und erschließt die Bibliothek einen großen Bestand, der von Theologie und geschichtlichen sowie pädagogischen Themen geprägt ist.
Zur Arbeit mit diesem historischen Bestand ist die Lektüre zeitgenössischer Literatur dann eine schöne Ergänzung und Ausgleich.
Sait İçboyun: Du engagierst dich sehr für Nischentitel, veranstaltest auf deinem Blog im August aber auch dein bekanntes „Tippspiel“ zum Deutschen Buchpreis. Wenn wir auf das Sterben der Traditionsbuchhandlungen hier in Augsburg blicken und gleichzeitig das schrumpfende Feuilleton sehen: Was muss in unserer Stadt passieren, damit Literatur wieder einen festen Platz im Stadtbild findet? Reicht das Erbe von Bert Brecht allein noch aus?
Marius Müller: Bertolt Brecht ist nun auch schon vor immerhin 70 Jahren verstorben, auch wenn sein Erbe von vielen unermüdlichen Brechtianer vom Brechtkreis über die Brecht-Forschungsstelle von Professor Hillesheim über Brecht-VerfechterInnen wie Karla Andrä oder Kurt Idrizovic mit seinem Brechtshop unermüdlich gepflegt wird, die Stadt das Brecht-Festival mit seinen mal mehr und mal weniger überzeugenden kuratorischen Ansätzen pflegt. Es braucht aber weitere Ideen über Bert Brecht hinaus.
Er selbst hat es ja einst gedichtet: „Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“ In diesem sollte Sinne sollte man die ganze Breite des literarischen Augsburgs in den Blick nehmen. Mit Sophie von La Roche lebte hier in Augsburg einst die erste Autorin, der mit „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ 1771 ein Bestseller gelang, der als Äquivalent zu Goethes Werther galt und der seinerzeit begeistert gelesen wurde. Werk wie Autorin sind heute fast vollkommen vergessen, ein Schicksal, das Sophie von La Roche bis heute mit vielen anderen Autorinnen teilt. Deren Geschichten zu finden und ihr Andenken zu pflegen, es könnte sicherlich eine erkenntnisreiche und bereichernde Aufgabe sein.
Blickt man in die Gegenwart, so ist auch das Fehlen eines Literaturhauses eine Sache. Leerstände in zentraler Lage gäbe es genug, aber das literarische Leben ist an zu vielen Stellen auf privates Engagement beschränkt. Der schon erwähnte Kurt Idrizovic, die Initiative der Gruppe um Stefan-Alexander Bronner und ihr Eintreten für die Popliteratur, die Lesebühne Augsburg oder das Tun von Tina Lurz, die mit ihrer Veranstaltungsreihe Sunset & Books besonders etwas für die Sichtbarkeit weibliches Schreibens tut, sie alle und noch so viel mehr Menschen bereichern das literarische Leben der Stadt.
Sie zu unterstützen, Initiativen zusammenzuführen, ihnen Sichtbarkeit und Unterstützung zu geben, Räumlichkeiten und Planungssicherheit zu verschaffen, es wäre eine so wichtige Aufgabe. Denn dass diese Stadt großes literarisches Potenzial besitzt, das habe ich zuletzt eindrucksvoll bei einem Literarischen Salon in der Stadtbücherei gesehen. Wir wollten an diesem Abend den Werken der Augsburger Autorinnen und Autoren eine Bühne geben – und staunten ob der Vielfalt von Titeln und dem Interesse, das uns schon im Vorfeld entgegenschlug. Am Ende kamen so viele Literaturenthusiasten, dass wir die Tür des Raums gar nicht mehr schließen konnten, weil sogar draußen die Menschen standen.
Sait İçboyun: Wenn es um Literatur in Augsburg geht, reden alle immer zuerst über Brecht. Dabei wird oft übersehen, wer hier heute alles schreibt und arbeitet – ob Franz Dobler mit seinen Krimis, Peter Dempf mit seinen historischen Romanen oder Svea Mausolf in der Popliteratur. Und mit Andreas Nohl lebt sogar einer der wichtigsten deutschen Übersetzer in der Stadt, der Weltliteratur ins Deutsche bringt. Gehen diese lebendigen Stimmen im Alltag der Stadt unter, weil man sich zu sehr auf das historische Erbe konzentriert?
Marius Müller: Wir stecken ja leider meiner Wahrnehmung nach tatsächlich in der vielzitierten Lesekrise. Die Zahl der Buchkäufer geht kontinuierlich zurück, der IGLU-Studie zufolge kann jeder vierte Viertklässler nicht mehr richtig lesen und wie wir es vorhin ja auch schon angerissen haben, das Buchhandlungssterben hält an.
Es gäbe wirklich viel Grund für Fatalismus, aber das Lesen und die Literatur sind zu wichtig, um sich diesem zu ergeben. Und tatsächlich schreiben ja jede Menge Augsburger Autorinnen und Autoren gegen die Krise an, obwohl sie es auch alles andere als leicht haben. An ihnen sollte man sich in Sachen Zuversicht und kreativem Mut orientieren.
Die Lyrikszene ist vital. Von Max Sessner über Alke Stachler oder Serkan Erol bis hin zu Knut Schaflinger bringt diese immer wieder Erstaunliches hervor. Mit Christina Walker oder Ulrike Schrimpf haben wir Autorinnen in der Stadt, die sich mit jedem Buch immer wieder neu erfinden. Martyn Schmidt oder Gerald Fiebig sind in Sachen Spoken Word Lyrik höchst umtriebig, Horst Thieme prägt seit Jahren die Slam-Kultur in der Stadt, Lisa Frühbeis zeichnet vielbeachtete Comics und mit „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ bringt uns die Übersetzerin Sarah Kiyanrad bald einen der zentralen Texte des auf Farsi schreibenden Musikers und Autors Reza Ghassemi nahe.
Man kann also wirklich nicht sagen, dass es an literarischem Potenzial in der Stadt mangele. Und dabei habe ich jetzt sicherlich schon wieder mehr Kreative vergessen als genannt. Wir können stolz sein auf dieses literarische Augsburg und seine Akteure – und sollten ihnen und ihrem Schaffen unser Gehör schenken!
Sait İçboyun: Zum Abschluss unseres Gesprächs hier in der idyllischen Ruhe des Hofgartens: Welches Buch liegt aktuell ganz oben auf deinem Lesestapel – und worauf dürfen sich die Leserinnen und Leser von „Buch-Haltung“ als Nächstes freuen?
Marius Müller: Ganz oben auf meinem Stapel liegt ein Buch, das dich als Fan von Gabriel García Márquez und Juan Rulfo aufhorchen lassen dürfte. Der Erzählungsband „Jetzt bist du nicht mehr bei mir“ wurde von dem Augsburger Übersetzer Lutz Kliche aus dem nicaraguanischen Spanisch übersetzt und mir von ihm sehr ans Herz gelegt.
Das Buch vereint viele Dinge, die mir bei meinem Lesen und Bloggen wichtig sind. Schon das Genre der Kurzgeschichten hat es hierzulande nicht leicht, dazu ist Südamerika auf dem Buchmarkt wahrlich nicht überrepräsentiert. Mit der Edition 8 ist es ein unabhängiger Kleinverlag, der so mutig war, mit Sergio Ramírez einen hierzulande kaum bekannten Autor zu veröffentlichen, der in seiner Heimat mit dem Premio Cervantes ausgezeichnet wurde, der immerhin als Literaturnobelpreis der spanischsprachigen Welt gilt. Zudem wurde Ramírez aus seiner Heimat in Nicaragua zwangsausgebürgert und lebt nun in Madrid im Exil.
Was er über seine Heimat zu erzählen hat, wie es unter anderem mit einem Zirkus ohne Zelt oder einem Richter weitergeht, der mit seiner Überzeugung ein Bier trinken geht, um herauszufinden, ob er sich bestechen lassen soll – all das macht mich mehr als neugierig auf dieses Werk und seinen Autor.
Und nicht zuletzt ist die Widmung, die mir Lutz Kliche ins Buch eingeschrieben hat, auch ein gutes Motto für mein Tun: „Viva la literatura!“
Sait İçboyun: Lieber Marius, ein schönes und wichtiges Schlusswort. Ich danke dir herzlich für deine Zeit, dein Engagement für die vergessenen Schätze unserer Literatur und dieses wunderbare Gespräch im Hofgarten!
StadtGestalten – Augsburger im Porträt




