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Samstag, 30.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

„Wir sind alle nur ein Zahn von einem Zahnrad des Weltgetriebes“

StadtGestalten: Karl-Reiner Schmidt

In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mit­gestalten. Heute im Gespräch: Karl-Reiner Schmidt, Wortkünstler.

Ein Interview von Sait İçboyun über Brüche, Kriegskindheit, späte Berufungen und die Seele unserer Stadt

Es ist der Abend des 27. Mai 2026. Ich sitze im Biergarten des Rosenstüble in Lechhausen einem Mann gegenüber, der fast ein halbes Jahrhundert älter ist als ich. Karl-Reiner Schmidt erblickte am 03.09.1936 das Licht der Welt. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein liniertes Notizbuch, in das ich normalerweise die biografischen Daten meiner Gesprächspartner eintrage. Ich reiche es ihm herüber mit der Bitte, seine Eckdaten zu notieren. In der Ecke hat er das heutige Datum vermerkt, darunter sein Geburtsdatum, gefolgt von einem gezeichneten Kreuz und dem trockenen Zusatz: „† noch nicht“. Humor hat er, so kenne ich ihn schon seit einer Weile. Und so haben wir trotz des schweren, tiefen Stoffes, den er heute vorträgt, unglaublich viel miteinander gelacht.

Karl-Reiner wird in drei Monaten 90 Jahre alt. Ein Mann, der erst mit 66 Jahren überhaupt zu schreiben begann und heute einer der aktiven Poetry-Slammer Augsburgs ist. Vor mir liegt ein Zettel, auf dem er die acht Säulen seiner Lebensphilosophie aufgeschrieben hat: „Polarität enthält: Kontrast und Ausgewogenheit, Distanz und Verbindung, Begrenzung und Einbettung, Wiederholung und Zusammengehörigkeit.“ Ich bin hier, weil ich verstehen will, wie dieses Getriebe eines langen Lebens funktioniert. Ein Gespräch über Brüche, Kriegskindheit, späte Berufungen und die Seele unserer Stadt.

———

Sait İçboyun: Karl-Reiner, du hast mir diesen Zettel mit deinen acht Punkten der Polarität hingelegt. Wenn ich das lese, frage ich mich als jemand, der viel jünger ist als du: Wie blickst du auf unsere Friedensstadt Augsburg? Hier leben Menschen aus hunderten Kulturen auf engem Raum. Wie gelingt uns hier dieses Gleichgewicht, von dem du schreibst, ohne dass eine Gruppe die andere unterdrückt?

Die acht Säulen seiner Lebensphilosophie

Karl-Reiner Schmidt: Also, für mich ist es ganz klar, wir müssen wissen, wir sind nur ein Teil von dem gesamten Uhrwerk. Wir sind vielleicht ein Zahn von einem Zahnrad aus dem ganzen Getriebe, und der nächste ist genau auch nur ein Zahn, d. h. wir sind alle gleich­wertig. Es ist nicht einer mehr wert als der andere. Es kann ein Produkt nicht entstehen, wenn nicht die Reini­gungs­kraft die Büroräume oder die Arbeits­plätze sauber hält. Es kann ein Produkt nicht entstehen, wenn irgend­einer von sich behauptet, nur er hätte die Idee und nur er sei derjenige, der das Ganze voran­treibt. Wenn wir auf die verschie­denen Ethnien, Sprachen und Religionen blicken, müssen wir verstehen: Das sind keine Be­dro­hungen, das sind einfach unter­schied­liche Facetten desselben Getriebes. Wir sind alle von­einander abhängig, und jeder gibt seinen Teil auf dieser Erde oder in dieser Gemein­schaft, und nur so kann es laufen. Wir müssen uns gegen­seitig aner­kennen und achten, also nicht sagen: „Ich bin mehr wert als du, weil ich diese Sprache spreche oder jener Religion angehöre“, sondern: „Ich bin genauso wenig oder genauso viel wert wie du.“ Wenn wir aufhören, Menschen nach ihrem reinen Nutzen oder ihrer Herkunft zu bewerten, und stattdessen begreifen, dass jedes Zahnrad das andere braucht, dann ist alles klar.

Sait İçboyun: Gehen wir an den Punkt zurück, an dem diese lebenslange Suche nach Balance und Gleich­wertigkeit begann: in deine Kindheit. Du bist als Pastoren­sohn an der Ostsee groß­geworden. Wie sah die emotionale Realität in diesem großen Pfarrhaus der Metho­distischen Kirche aus?

Karl-Reiner Schmidt: Wenn wir mit meiner Kindheit beginnen, muss ich sagen: Ich weiß bis heute nicht, ob es echte Verant­wortung für das Neugeborene war oder ob meine Mutter die Kinder eigentlich eher als Spielzeug benutzt hat. Denn immer, wenn das nächste Kind kam, wurde das vorher geborene mit diesem Wechsel quasi abgemeldet. Meine Schwester, die nach mir kam, hat das noch viel stärker erlebt. Zwischen ihr und dem fünften Kind lagen drei Jahre Unterschied, bei mir waren es bloß zwei. Ich kann mich an die Zeit, in der ich vernachlässigt wurde, selbst nicht erinnern. Aber meine älteren Geschwister haben mir erzählt, dass ich als Baby immer „Süßer“ genannt und regelrecht vergöttert wurde. Weil ich wohl nie schreien durfte und sofort gestillt oder beruhigt wurde, habe ich damals eine schlecht ausge­bildete Lunge davongetragen – vielleicht war das eine Folge davon.

Sait İçboyun: Dieses „Vergöttern“ schlug also schlagartig um, als das nächste Kind kam?

Karl-Reiner Schmidt: Genau. Und meine Schwester hat dieses Später-abgemeldet-Werden tief in ihrer Erinnerung behalten. Sie hat sich hinterher ihr ganzes Leben, schon ab dem 16. oder 20. Lebensjahr, nur noch bei Ärzten wohlgefühlt, weil sie nur dort Anerkennung fand. Sie flüchtete sich in Krankheiten, die gar keine waren, ging mit 25 Jahren schon in Rente und in den Rollstuhl und doch ist sie noch 84 Jahre alt geworden. Dass ich damals auch so ausrangiert wurde, hat mich zutiefst belastet. Es hat mich mein Leben lang süchtig nach Aner­kennung gemacht. Ich wollte immer unbedingt dabei sein, aber ich war im Grunde ein Einzelkind in einer großen Familie unter fünf Kindern. Die beiden älteren Geschwister waren bloß 15 Monate auseinander und fest zusammen­geschweißt – die wollten mit dem kleinen Futz da nichts anfangen. Und mit den beiden Jüngeren konnte ich wieder nichts anfangen. Also war ich allein.

Sait İçboyun: Verstehe ich es richtig: Dir hat diese Situation so sehr zugesetzt, dass du dich wie ein isoliertes Einzelkind inmitten von vielen Geschwistern gefühlt hast, das verzweifelt versucht, den Anschluss zu finden. Gab es einen konkreten Moment, in dem dir diese Aus­grenzung im eigenen Haus so richtig bewusst wurde?

„Das Lesen war in der Schule für mich einfach tabu“

Karl-Reiner Schmidt: Ja, als ich Aner­kennung gesucht und versucht habe, mitzu­halten. Ich kam mit fast sechs Jahren in die Schule und konnte schon lesen. Bei uns war es christliche Gewohn­heit, dass man reihum den Kalender­zettel las. Auf der Rückseite standen immer Geschichten von Missionaren. Als ich dran war, fing ich an, den Namen eines englischen Missionars in Indien zu lesen: Richard Spurgeon. Ich fing an: „Spur-ge-on…“, und in dem Moment reißt mir meine Mutter den Zettel brutal aus der Hand und sagt: „Ich kann nicht so lange warten, da lese ich halt selber, ich habe nicht so lange Zeit.“ Ich war nicht nur vor meinen älteren Geschwi­stern blamiert, mit denen ich endlich gleich­ziehen wollte, sondern es hat mir einen solchen Schock verpasst, dass ich ab diesem Tag überhaupt nicht mehr lesen wollte. Das Lesen war in der Schule für mich einfach tabu. Meine Eltern merkten das natürlich erst viel später und schenkten mir zu Weih­nachten ein Buch von Karl May: In den Kor­dilleren. Den Titel werde ich nie vergessen, aber das Trauma saß tief. Es gibt noch sehr viel mehr Beispiele der Aus­grenzung, aber das würde jetzt zu weit führen.

Sait İçboyun: Dass du mit fast neunzig Jahren noch solche detailgetreuen Erinnerungen hast, zeigt, was für eine enorme Last du da seit deiner Kindheit mit dir herum schleppst. Zu dieser emotionalen Härte im Inneren kam die äußere Bedrohung des Dritten Reiches. Du warst damals ja noch sehr jung, aber welche Erinnerungen hast du an das Nazi-Deutschland und den Zweiten Weltkrieg?

Karl-Reiner Schmidt: Bis zum Kriegsende waren wir landeinwärts, etwa 30 bis 35 Kilometer von der Küste entfernt, in Köslin. Ich habe die Trümmer­haufen erlebt, aber ich hatte schon viel früher als Kind meine Probleme mit dem System. Das Einzige, was mir am Krieg wirklich gefallen hat, war, wenn die Soldaten abends im Gleich­schritt in die Kaserne zurück­gegangen sind und ihre Soldaten­lieder gesungen haben. Da war Rhythmus drin, Takt, das war Ordnung. Da hatte ich sogar ein bisschen Lust, mitzulaufen. Ansonsten aber hat mich das alles aufgeregt. Wenn ich im Radio den Göbbels oder den Hitler gehört habe, das hat mich aufgeweckt.

Sait İçboyun: Du sagst Radio. War das damals eigentlich ein eigener Propa­ganda­sender neben dem Volks­empfänger, oder war das der Volks­empfänger selbst, mit dem man das Volk auf den Krieg einpeitschen wollte?

Karl-Reiner Schmidt: Ach, „Goebbels-Schnauze“ hieß das Ding! Das war dieser kleine Deutsche Klein­empfänger, den sie neben dem Volks­empfänger ganz billig unters Volk gebracht haben, damit auch ja jeder die Propa­ganda im Wohn­zimmer hat. Aber mein Vater hat auf dem Apparat eben heimlich den Freiheits­sender angehört; wir Kinder durften gar nicht mitbekommen, dass er das tat. Ich weiß bis heute nicht, warum ich von klein auf schon ein Gegner gegen das System und gegen den Hitler war. Vielleicht lag es daran, dass mein Bruder – vier Jahre älter – so eifrig dabei war. Der war schon Gruppen­führer im Jungvolk und ganz begeistert in seiner Uniform mit dem Knoten vorne am braunen Tuch, dem Koppel­schloss und dem Fahrtenmesser.

Sait İçboyun: Ein fast absurdes Bild: Der eigene Vater hört unter Lebens­gefahr heimlich einen Freiheits­sender, während der Bruder stolz die Uniform des Regimes trägt. Wie ging es in dieser extremen Spannung schließlich weiter?

Karl-Reiner Schmidt: Als wir unser Haus schließlich verlassen mussten, die russische Front war nur ca. 2 bis maximal 5 km entfernt, stand ein erst 13- oder 14-jähriger Bub mit einer Panzerfaust bei uns vor der Tür. Als ich später selbst 13 Jahre alt war, habe ich oft gedacht, ob ich wohl den Mut gehabt hätte – oder ob ich vielleicht feige gewesen wäre. Ich denke heute noch an diesen Bub und frage mich, wie er wohl umgekommen ist. Das sind Erinne­rungen, die bleiben bis ans Lebensende.

Eigentlich hatte mein Vater geplant, das Kriegsende auf dem Land abzu­warten; er hatte schon Möbel und Koffer mit dem Pferde­schlitten dorthin gebracht. Doch in letzter Minute entschieden wir: Nein, wir fliehen in den Westen, wie alle anderen auch. Eine befreundete Kranken­schwester nahm uns für knapp 24 Stunden in einem Lazarett auf, das in einer Schule unter­gebracht war. Mein Bruder lief von dort aus sogar noch einmal heimlich zu Fuß zurück zu unserem Haus, um eine Puppe und einen Nachttopf für meine damals vierjährige Schwester zu holen. Das war unser Glück, denn kurz darauf ging es zum Güter­bahnhof in den allerletzten Lazarettzug. Wir kamen dort nur rein, weil meine Mutter den sogenannten „Mütterpass“ hatte – wer viele Kinder hatte, galt als wertvoll für neues „Kanonen­futter“ und wurde belohnt.

Sait İçboyun: Am Ende wart ihr also gerettet…

Karl-Reiner Schmidt: Fünf Tage und sechs Nächte saßen wir ununter­brochen eng anei­nander­gepresst in diesem überfüllten Zug – jedes Kind hatte sein Gepäck, ich hatte einen großen gefloch­tenen Korb mit Schuhen – mit nur einer einzigen Toilette. Die Oderbrücken waren schon gesprengt, wir mussten auf provi­sorische Brücken warten, und zwischen­durch zerschossen Tiefflieger die Loko­motive. Mein zwölf­einhalb­jähriger Bruder musste bei den Stopps immer raus, um an Gulasch­kanonen irgendetwas zu essen zu besorgen. Meine Mutter schärfte ihm ein: „Sobald der Zug sich bewegt, spring auf, egal wo, Hauptsache du kommst mit!“ Plötzlich, was mich auf dieser Fahrt furchtbar trauma­tisiert hat, war eine Frau, die einen wenige Wochen alten Säugling in einem großen, dicken Kissen im Arm hielt. Irgendwann während der Flucht war das Kissen plötzlich leer und das Kind weg. Das ist mir die ganze Zeit durch den Kopf gegangen: Wo ist dieses Kind hin? Als wir die Flucht über­standen hatten, war es nicht vorbei. Wir wurden auf drei Bauernhöfe aufgeteilt und dort wie auf einem Viehmarkt begutachtet: Wer kann anpacken? Wer kann noch was tun? So lief das ab.

Sait İçboyun: Erlaube mir eine ehrliche Frage zu diesem Zeitraum. Habt ihr – verzeih mir, du warst natürlich noch ein Kind, aber dennoch – damals im Pfarrhaus mitbekommen, wie das Naziregime die jüdische Bevölkerung massenhaft deportierte und tötete?

Karl-Reiner Schmidt: Nein. Wenn Menschen heute sagen, sie wussten damals nicht, was mit den Juden passierte, dann kann ich das aus meiner eigenen Erfahrung heraus verstehen. Wir haben in unserem Umfeld wirklich nichts davon mitbe­kommen, ich war ja auch noch ein Kind. Aus heutiger Sicht, mit all dem Wissen über das unvor­stell­bare Leid und die absolute Brutalität dieser Verbrechen, blickt man natürlich mit einem ganz anderen, tiefen Entsetzen und Mitgefühl auf diese Zeit zurück. Aber damals, in unserer kindlichen Welt, war da für uns einfach nur Schweigen.

Sait İçboyun: Dieses Schweigen und die erlebten Schrecken erklären, warum feste Hierar­chien heute dein Feind sind. Kommen wir zu deiner späten Berufung: Mit 66 Jahren hast du angefangen, Bücher zu schreiben. Wie bricht so etwas aus einem Mann heraus, der eigentlich immer nur funktioniert hat?

Fotos: Sait İçboyun

Karl-Reiner Schmidt: Es ist eigentlich kein Bruch, kreativ war ich schon immer, es hat sich so langsam ent­wickelt. Ich habe ans Bücher­schreiben ja nie gedacht, dass ich die Möglich­keit habe, dass ich das kann, und habe immer nur gearbeitet. Aber mit 66 Jahren – inzwischen in Rente – hat es ange­fangen. Meine Tochter Monika hatte mir zu meinem 60. Geburts­tag drei Exemplare im Eigen­verlag gedruckt mit all den Gedichten und diesen Wortspielen, die ich auf­ge­schrieben und in einem Schuh­karton auf­bewahrt hatte. Und dann hat sie mir in die Widmung geschrieben: „Jetzt bist du aber dran, jetzt musst du hier weiter­machen!“ Und so bin ich dann zu meinem zweiten, dritten und heute zu meinem achten Buch gekommen. Das neunte – Thema Rente – ist kurz vor der Fertig­stellung. Das hätte ich früher nie für möglich gehalten, das war so nicht in meinen Plänen.

Sait İçboyun: Wenn man deine Bücher liest, merkt man, dass diese späte Stimme eine gewaltige Wucht hat. Du nutzt sie vor allem für eine scharfe, uner­müdliche Reflexion über existen­zielle Themen wie Krieg und Frieden, Polarität. Und nun bin ich natürlich gespannt auf das neue Buch zur Renten­politik. Woher nimmst du mit fast 90 Jahren die Energie, dich mit den Mächtigen anzulegen?

Karl-Reiner Schmidt: Mich hat das Thema Rente ja schon interessiert in den sechziger Jahren, 64/65, als ich bei der Kattunfabrik die Lohn­abrechnung auf EDV einge­richtet habe. Da habe ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Rente befasst und hab damals schon festgestellt, dass da sehr viele Fehler drin sind, dass dieses System also so eigentlich nicht weiter­laufen kann. Ich bin erstaunt, dass es sich so lange gehalten hat bis heute mit dieser ganzen Flick­schusterei. Und ich bin in Kontrast getreten zu den soge­nannten Wirt­schafts­weisen, die jetzt ein neues Projekt, ein neues Renten­konzept wieder entwickeln sollen. Ich kriege dort aber keine Antwort von diesen Leuten, vielleicht liegt es ja daran, dass ich nicht studiert habe.

Bei mir ist die Grundlage für eine gerechte Rente: Wir haben alle den gleichen Teil zum Wohl unseres Daseins unserer Gemein­schaft gegeben, und wir haben auch alle ein Anrecht auf eine – Achtung, nicht liebens­würdig, sondern lebens­würdige Rente. Und deswegen müssen wir eine soge­nannte Volksrente haben. Das ist ja heute nicht mehr gegeben. Und wir können nicht diese Unter­schiede haben, die mit über 40.000 € Unterschied pro Jahr von den hohen Pensionen bis zu den niedrig­sten Renten sind, und dass die niedrigsten Renten einfach nicht mehr ausreichen, um den Lebens­standard in der einfachsten Form zu erhalten. Dass wir Leute zur Tafel schicken oder dass sie gezwungen sind, Flaschen zu sammeln. Das ist eine traurige Entwicklung, die es für ein solches Land wie Deutschland nicht geben dürfte.

Sait İçboyun: Wenn man das System kritisiert, rufen die Verteidiger des Status quo meistens nach dem historischen Erbe des Umlage­verfahrens und dem Genera­tionen­vertrag, der auf Bismarck zurückgeht. Aber wird das Prinzip dieser Solidar­gemein­schaft heute nicht völlig ausgehöhlt? Wenn du auf dieses Funda­ment blickst – als jemand, der dieses System noch aus ganz anderen Epochen kennt –, was entgegnest du den Verteidigern der aktuellen Rentenpolitik?

Karl-Reiner Schmidt: Bei uns spricht man immer vom System von Bismarck, dass Bismarck die Rente eingeführt hat und dass das System erhalten werden sollte. Es ist richtig, dass wir das System halten sollen, aber dann müssen wir es auch tun, denn Bismarck wollte das Existenz­minimum für jeden, der in Rente ist. Bei uns ist es so, dass die einen im Luxus leben und die anderen in Armut, und von dem soge­nannten Existenz­minimum, davon spricht man nicht.

Sait İçboyun: Du fordert Gerechtigkeit auf Augenhöhe – und das gilt für dich im Kleinen wie im Großen. Dein Pazifismus ist radikal: Du sagst, man muss selbst aus erbitterten Gegnern Partner machen. Meine Gene­ration blickt oft fassungslos und ohn­mächtig auf die Kriege unserer Zeit, wie in der Ukraine. Wie sieht deine konkrete Alter­native zur Logik der Waffen aus?

Karl-Reiner Schmidt: Mein Thema Polarität ist ja aus dem Zitat von Albert Einstein entstanden: „Wir können die Probleme dieser Welt nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der wir sie verursacht haben.“ Die derzeitige Denkweise läuft nach dem Prinzip der Pyramide: Jeder will in Richtung Spitze aufsteigen. Die „andere Denkweise“ ist planeten­konform. Wir haben nicht eine Spitze, sondern zwei Pole, die unter­schied­lich sind, die sich aber gegen­seitig im Gleich­gewicht halten. Kurz gesagt: Wir haben hier nicht den Kampf nach oben, sondern die Partner­schaft, die gegen­seitige Unter­stützung zum Erhalt dieser Welt. Das sagt dir, dass wir aus Gegnern Partner machen müssen. Wir müssen im Fall des Ukraine-Kriegs Putin als Menschen wie du und ich nehmen, nur so auf Augenhöhe können wir reden. Und wir müssen nicht sagen, du bist der Böse und wir sind die Guten, sondern wir müssen davon ausgehen und sagen: Was ist denn dein Problem? Du willst doch den Krieg auch beenden, was willst denn du?

Sait İçboyun: Aber funktioniert das auch, wenn die Fronten so verhärtet sind? Kann man der Gewalt mit Worten begegnen?

Karl-Reiner Schmidt: Man muss zuhören und dann sagen: Okay, das sind deine Argumente, und jetzt möchten wir unsere Argumente geben. Und dann kommt man auf Augenhöhe, kann verhandeln und etwas Besseres machen, als den Krieg mit neuen Waffen zu unter­stützen. Polarität heißt nicht, Krieg mit Krieg verbinden, sondern Krieg mit Frieden verbinden. Wir dürfen den Krieg nicht mit Krieg unter­stützen. Ich hab da einen Spruch, das sage ich: Wir können der Nacht keine Nacht anfügen; wir würden uns doch um den Tag betrügen. Und genau das ist es, was wir tun, wenn wir den Krieg mit Krieg unter­stützen: Wir betrügen uns um den Frieden.

Sait İçboyun: Um diesen Frieden zu säen, suchst du heute ganz bewusst die Öffent­lich­keit. Du stehst in Augsburg beim Poetry Slam im Annahof auf der Bühne, inmitten von jungen Menschen. Wie reagiert die Jugend auf einen fast 90-jährigen Mann, der ihnen diese Reime vorträgt?

Karl-Reiner Schmidt: Gerade weil Augsburg die Friedens­stadt ist, habe ich mich berufen gefühlt, im Annahof beim Poetry Slam mit aufzutreten. Vor vielen Jahren habe ich ja bereits in der Kressles­mühle damit begonnen und dort sogar mal eine Aus­zeichnung erhalten. Ich war sehr erfreut, ich hab auch im Annahof wieder eine gute Resonanz bekommen. Die Leute haben mich nicht nur während des Vortrags beklatscht, sondern auch im Anschluss noch ange­sprochen. Und die Idee, die ich da weitergebe, die trifft auf guten frucht­baren Boden, und das, meine ich, sollten wir in Augsburg fortsetzen.

Sait İçboyun: Wenn wir uns deine Biografie anschauen, gibt es ein großes Paradoxon. Du bist der Sohn eines Pfarrers, tief christlich sozialisiert, predigst Versöhnung – und bist dennoch aus der Kirche ausgetreten. Wie passt das zusammen? Da wir uns ja nun schon länger kennen: Ich sage für mich selbst immer, ich bin zwar nicht religiös, aber gläubig bin ich schon. Machst du da denselben Unterschied?

Karl-Reiner Schmidt: Ja, so ähnlich. Ein gläubiger Mensch bin ich, aber ich bin kein Kirchgänger. Ich bin vielleicht von der Kirche ein bisschen geheilt, ja, weil ich zu Hause zu viel Schlechtes erlebt habe. Und es fällt mir schwer, bei allem, wo ich schon vergeben habe oder wo ich mich auch selber mit­schuldig fühle, diese Insti­tution zu unter­stützen. Ich unterstütze sie trotzdem, ja das, aber es fällt mir schwer. Meine Beziehung zu Gott oder zu dieser göttlichen Kraft ist genau die, wie sie in der Bibel steht: Du sollst dir kein Bild machen. Und da sag ich mir wieder, dieses „kein Bild machen“, das vergleiche ich mit der Elektri­zität. Ich kann auch vom Strom mir kein Bild machen, aber ich sehe, dass der Strom da ist, wenn ich den Stecker in die Steckdose stecke und die Lampe geht an. Also genauso ist es mit dieser Gotteskraft, die ist da. Und noch eins sag ich: Wir sind alle Gottes Kinder. Auch ich bin Gottes Sohn in dem Sinne. Diese Über­treibung, dass Jesus Christus ans Kreuz gegangen ist und für die ganze Mensch­heit alle Sünden genommen hat, da hab ich ein bisschen Probleme damit. Ich muss selber für meine Sünden büßen oder mich dafür entschuldigen.

Sait İçboyun: Das klingt nach einem sehr mündigen, fast revolutio­nären Gottesbild. Ein Glaube, der auch die menschliche Fehlbarkeit feiert?

Karl-Reiner Schmidt: Genau, das ist eine große Erkenntnis: Wir dürfen auch Fehler haben. Wir sind Menschen. Und wenn wir heute von der Polarität sprechen, dann könnten wir ja sagen, Gott hat auch einen Fehler gemacht, dass er das Böse überhaupt zugelassen hat. Spaß beiseite, aber was ich für ganz wichtig halte, auch in der Kinder­erziehung, ist, dass wir den Kindern sagen müssen: Fehler gehören zum Leben. Fehler sind dazu da, dass man daraus lernt und sich weiter­entwickelt. Fehler müssen nicht auf andere geschoben oder vertuscht werden. Sie sind unent­behrlich, sie sind ein Teil der Evolution, und nur dadurch, dass wir Fehler machen, sind wir heute das geworden, was wir sind.

Sait İçboyun: Du sagtest mir vorhin, dass du es im eigenen Leben unbedingt besser machen wolltest, um den Fehlern und dem ewigen Streit deiner Eltern zu entkommen. Konntest du diesen Frieden am Ende finden?

Karl-Reiner Schmidt: Um diesem Streit der Eltern zu entkommen, habe ich mir bei meiner eigenen Hochzeit im Mai 1961 einen ganz bestimmten Bibelspruch gewünscht. Johannes 14,27: „Euren Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch.“ Ich hatte den Dekan Esche, der uns getraut hat, gebeten, uns diesen Spruch in die Bibel zu schreiben. Und das hab ich deswegen gewollt, weil ich diesen Streit meiner Eltern, den ich von Kleinkind an erlebt habe, weil der mich so belastet hat, dass ich gesagt hab: Das möchte ich in meiner Ehe nicht haben. Und alles, was man besser machen will, klappt dann zum Schluss eben doch nicht. Das war’s. Ich war auch damals schon Pazifist und hatte erkannt, dass der Friede im kleinsten Kreis beginnen muss.

Sait İçboyun: Karl-Reiner, ich danke dir von Herzen für deine radikale Ehrlich­keit und diesen tiefen Einblick in dein Leben.

———

Karl-Reiner klappt das Notizbuch zu. Während wir im Laufe des Abends ins Gespräch kamen, hatte er mehrmals stolz sein Lebens­motto wiederholt. Weil ich es aufgrund seines Akzents aber anfangs mehrmals falsch verstanden und als „Oldies“ interpretiert hatte, griff er kurzerhand zum Stift. Mitten unter den persön­lichen Angaben, ganz unten auf der Seite, hat er mein Miss­ver­ständnis nun humorvoll einge­klammert: „All days / Oldies } for future“. Er ist ein Mann, der diese vielfältige Stadt­gesellschaft seit Jahr­zehnten beobachtet und sie heute, im hohen Alter, aktiv mit­gestaltet. Er regt die Jungen zum Nachdenken an – mit seinen Büchern, seinen Auftritten und einer funda­mentalen Kritik, die immer den Menschen im Blick behält. Ein rundum rüstiger, hellwacher „Alldays-Oldie“, der trotz aller Brüche lichterloh für die Zukunft brennt. Möge er noch viele gesunde Jahre dazu haben.


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