Das offene Fenster zum Gewissen der Welt: Zum Tod von Jean Ziegler
Es ist ein fast reflexartiger Griff, wenn eine Stimme, die einen ein Leben lang begleitet hat, für immer verstummt: Man tritt an das eigene Bücherregal, sucht nach den Bänden mit den bestoßenen Ecken, die man in den Jahren des Heranwachsens so oft umgedreht hat, und schlägt sie noch einmal auf. Als mich heute die Nachricht vom Tod Jean Zieglers erreichte – er ist mit 92 Jahren gestorben –, erging es mir genau so.
Von Sait İçboyun
Ich zog sein Buch „Ändere die Welt!“ aus dem Regal. Und beim Aufschlagen des Vorworts traf mich die erste Zeile wie ein leiser Blitz, denn dort steht ein Satz, der für mich als Augsburger auf wunderbare Weise alles miteinander verbindet. Ziegler stellte seinem Text ein Zitat von Bertolt Brecht voran: „Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen.“
Ausgerechnet Brecht. Ausgerechnet der unnachgiebige, oft sperrige Geist unserer Stadt begleitete Zieglers flammendes Plädoyer gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Für mich schloss sich in diesem Moment ein tiefer, persönlicher Kreis. Ich bin um das Jahr 2000 herum – damals war ich gerade achtzehn Jahre alt – in einem linkskonservativen, sozialdemokratisch geprägten Umfeld großgeworden. Meine politische Sozialisation fand nicht in theoretischen Diskussionen, sondern sehr früh und sehr konkret inmitten der damaligen SPD-Jugendorganisation statt. Es war eine Zeit des eigenen Aufbruchs, in der nach Wegen gesucht wurde, soziale Balance real zu gestalten. Und genau in diesen Jahren waren es die Schriften von Jean Ziegler, die mein Denken politisch und menschlich zutiefst weiteten. Er war für uns kein Theoretiker aus der sicheren Distanz. Er war ein Eingreifender. Einer, der widersprach, wenn das Schweigen der Mehrheit allzu bequem wurde.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, führt mich das unweigerlich auch zu meinen eigenen Anfängen bei Attac in den frühen 2000er Jahren. Es war eine Epoche, in der das Wort „Globalisierung“ für viele wie ein großes, unerschütterliches Versprechen klang. Ein Versprechen auf schrankenlose Vernetzung, auf wachsenden Wohlstand, auf eine glanzvolle Zukunft, wenn man sich nur genügend bemüht. Es war die feste Gewissheit: Wenn wir hart an uns arbeiten, gelingt der mühsame Aufstieg von unten nach oben. Und gleichzeitig war da der Drang, den armen Globalen Süden zu retten, die Welt als Ganzes zu einem gerechteren Ort zu machen.

Politische Erweckungserfahrungen
Das erste Buch von Jean Ziegler, das mir damals die Augen öffnete, war „Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher“. Später folgten Werke wie „Wie kommt der Hunger in die Welt?“. Diese Texte waren für unsere Generation keine trockenen, akademischen Abhandlungen. Sie waren politische Erweckungserfahrungen. Ziegler besaß die seltene, fast literarische Gabe, komplexe weltwirtschaftliche Verflechtungen und kalte Machtstrukturen so zu beschreiben, dass sie ihre Anonymität verloren. Er übersetzte nackte Systemfragen in zutiefst moralische Fragen. Er gab den Zahlen Gesichter. Das war seine unermessliche Stärke – und natürlich auch der Grund, warum er zeit seines Lebens so heftig polarisierte.
Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2026, hat sich die Welt weitergedreht. Die großen Versprechungen von damals sind für viele im harten Beton der Realität zerschellt. Wir befinden uns in einer tiefen, spürbaren Rezession, die die Gewichte völlig verschoben hat. Das Gefühl hat sich breitgemacht, dass wir nicht mehr die ganze Welt retten können, sondern erst einmal darum kämpfen müssen, das eigene Land, die eigene Gesellschaft vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren.
Denn der globale Kampf, den Ziegler einst auf den fernen Bühnen der UN anprangerte, ist längst in den Alltag unserer eigenen Städte eingesickert. Wir sehen die Risse direkt vor unserer Haustür, mitten im vermeintlich so wohlhabenden Bayern, in einer Stadt wie Augsburg. Wenn die Reallöhne auf der Stelle treten, während die Kosten für das nackte Leben unaufhaltsam in die Höhe klettern, entstehen tiefe, lähmende Existenzängste. Es ist die Angst, trotz unermüdlicher Arbeit den Anschluss zu verlieren. Die Angst, in einer sich immer schneller drehenden Welt unbemerkt unter die Räder zu kommen.
Es ist das stille Scheitern jener, die von unten kommen und denen die Kraft oder das Netz fehlt, wenn der Aufstieg stockt. Wir reden in der Politik viel von Gruppen und abstrakten Kategorien. Doch das Leid des Einzelnen, der Mensch, der es immer wieder versucht hat und am Ende doch gescheitert ist, verschwindet darin. Wer fällt, fällt heute oft allein. Nicht weil die Gesellschaft ihm gar keine Chance gegeben hätte – sondern weil niemand da war, als die Chancen, die er hatte, einfach nicht reichten. Weil niemand hinsah, als die Einsamkeit und der wirtschaftliche Druck größer wurden als die eigene Kraft.
Nirgendwo brennt sich diese Not so sichtbar in das Stadtbild wie auf dem Wohnungsmarkt. Eine bezahlbare, menschenwürdige Wohnung zu finden, ist in Augsburg für normale Arbeitnehmer, für junge Familien oder Menschen, die sich mühsam durchschlagen, zu einem fast unlösbaren Kraftakt geworden. Die Mieten fressen einen immer monströseren Teil des mühsam verdienten Geldes auf. Wenn das Fundament des Wohnens unbezahlbar wird, gerät das gesamte Gefüge unseres sozialen Zusammenlebens ins Wanken. Dann sehen wir die Talente, die hätten wachsen können, die Menschen, die hätten ankommen können, stattdessen am Rande unserer Gesellschaft stehen – mit müden Augen und dem puren Frust im Bauch.
In genau diesem schmerzhaften Spannungsfeld bewegte sich das Denken von Jean Ziegler. Er sprach in seinen Büchern von einem „versteinerten, homogenisierten Bewusstsein“, das uns diese Zustände als alternativlos und gottgegeben verkaufen will. Er legte offen, wie mächtige Strukturen fortlaufend Erklärungen opulent produzieren, um die Härte des Marktes als etwas Logisches, Harmloses und Unabwendbares darzustellen – so lange, bis wir selbst daran glauben und resignieren.
Ziegler stellte diesem Phänomen in seinem Buch ein neuntes Kapitel voran, das er „Die Völker des Schweigens“ nannte. Er zitierte darin jene Zeilen von Pablo Neruda, die das Schicksal derer, die das System tragen, ohne jemals an ihm teilzuhaben, so bitter auf den Punkt bringen:
„Inzwischen reißen Stämme und Völker
das Erdreich auf und schlafen in der Kohlenmine,
fischen mitten in des Winters Stacheln,
nageln Nägel in die eigenen Särge
errichten Städte, die sie nicht bewohnen,
säen aus das Brot, das sie morgen nicht besitzen,
sie streiten über Hunger und Gefahr.“
Es ist diese bittere Wahrheit, dass Menschen die Städte errichten, die sie am Ende selbst nicht mehr bewohnen können, die uns heute aufrütteln muss. Gegen diese vermeintliche Alternativlosigkeit hat Ziegler bis zu seinem letzten Atemzug rebelliert. Seine wichtigste Lektion an uns bleibt im Jahr 2026 aktueller denn je: Das, was von Menschenhand geschaffen wurde, ist kein Naturgesetz. Niedrige Reallöhne, explodierende Mieten und die grassierende Angst vor dem sozialen Abstieg sind keine kosmischen Katastrophen, die uns schicksalhaft ereilen. Sie sind das Resultat von konkreten Entscheidungen. Und weil sie von Menschen gemacht sind, können sie auch von Menschen wieder verändert werden.
Das Vermächtnis von Jean Ziegler liegt deshalb nicht in fertigen, dogmatischen Rezepten, sondern in einer bleibenden, heilsamen Irritation. Er war kein Zyniker, der am Elend verzweifelte. Er war ein unerschütterlicher Optimist, der – ganz im tiefen Sinne Bertolt Brechts – an die sanfte Gewalt der Vernunft und an die Kraft der menschlichen Empörung glaubte. Sein Tod mahnt uns heute nicht zu großen, abstrakten Reden über weltweite Systeme, sondern zum Hinhören im Kleinen. Er fordert uns auf, die Augen vor den Ängsten der Menschen in unserer eigenen Stadt nicht zu verschließen, genauer hinzusehen und zuzuhören – bevor wieder jemand fällt und niemand es verhindert hat.
Seine Stimme ist nun verstummt. Die großen Fragen nach Verantwortung, nach Verteilung und nach der unveräußerlichen Würde des Einzelnen stehen weiterhin offen im Raum. Es liegt an uns, im Kleinen wie im Großen, tagtäglich an den Antworten zu bauen.





