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Sonntag, 21.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Brechtfestival der Warteschlangen: „Augsburger haben das Konzept nicht verstanden“

Charly Hübner, Milan Preschel, Lars Eidinger – das Brechtfestival lockte am zweiten  “Spektakel”-Wochenende mit prominenten Gästen viele Besucher an, konnte sie jedoch nicht unterbringen. Unmut und Warteschlangen im Martinipark.

Von  Halrun Reinholz

Jürgen Kuttner: „Die Augsburger haben das Konzept nicht verstanden“

Bereits am Nachmittag ging der zweite Teil des „Spektakels“ zum Brechtfestival am Samstag los. Im Riesenrad lasen verschiedene Leute aus Brecht-Gedichten. Eine nette Idee und kein besonders großer Andrang. Doch auf dem Weg zu den Proberäumen standen Menschen an. Im Einklang mit den Klängen der „FDJ Deutschland“, die sich vor dem Eingang zum Martinipark zu einer Art Demo versammelt hatte und die Umgebung mit Pionierliedern berieselte. Schlangenstehen war das Motto des Abends. 

Die Festivalleitung hatte zum „Spektakel vol.2“ prominente Namen versprochen. Die Karten waren schnell ausverkauft, später gelangten weitere in den Verkauf. Leider hatte man sich keine Gedanken gemacht, wie die Massen zu steuern sind. Charly Hübner wollte zwei Mal (es gab dann noch eine Zusatzvorstellung) den „Herrnburger Bericht“ performen, Milan Peschel & Johann Jürgens waren an zwei Terminen mit „Brecht böse: Baal, Fatzer, Kommunismus“ angekündigt. Das waren Magnete, die zahlreiche Besucher anlockten. Die begrenzte Platzzahl hätte man mit zentralen Einlasskarten in den Griff bekommen können. 

Stattdessen standen die Besucher pausenlos in irgendwelchen Schlangen herum, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich ihr Ziel erreichen. Hatte man es dann tatsächlich geschafft, die Performance von Jürgen Peschel und  Johann Jürgens zu erreichen, war die Enttäuschung groß: Baal? Fatzer? Kommunismus? Gelesene Texte, teils ohne Zusammenhang und dann wieder privates Geplänkel, gar eine Rauferei unter den Protagonisten. Impro-Theater. Ein Sinn blieb verborgen. 

Charly Hübner, sofern man ihn erreichte, enttäuschte viele ebenso. Der Höhepunkt des Abends war für die meisten Besucher der angekündigte Auftritt von Lars Eidinger, der aus der „Hauspostille“ zu lesen versprach. Der große Saal hat immerhin eine Kapazität von 700 Plätzen, trotzdem standen schon eine Stunde vorher die Fans an, nach den Erfahrungen des Abends wollte man nichts riskieren. Auch hier hätten Einlasskarten die Situation entspannt, man hätte nicht nur eine Tür öffnen müssen, um die Leute zu zählen. Aber es ging trotz Gedränge alles gut und irgendwann tauchte auch Lars Eidinger auf der Bühne auf, zusammen mit seinem Musiker Hans-Jörn Brandenburg. 

Zwei Gedichte aus der Hauspostille trug er hinreißend (und auswendig) vor. Danach verhedderte er sich, fand die Gedichte nicht in seinem Buch, versprach sich und fing von neuem an. Vier Versprecher beim Vorlesen in knapp 50 Minuten  – das ist für einen Profi mehr als peinlich. Aber man hatte an diesem Festivaltag den Eindruck, dass das irgendwie Programm ist. Was kümmert den Star das Provinzpublikum? Als Albert Ostermair das sogenannte „abc-Festival“ ausrichtete, konnte man eine ähnliche Orientierung erkennen: Augsburg ist nur Kulisse und die Selbstdarstellung der prominenten Künstler geht am Publikum vorbei. 

Als die erbosten Zuschauer in der Warteschlange sich bei dem zufällig vorbeikommenden Jürgen Kuttner beschwerten, antwortete er ihnen, dass „die Augsburger“ das Konzept des Festivals nicht verstanden hätten. Es gehe nicht darum, sich bei großen Namen in die Schlange zu stellen. 

Worum denn dann? Wozu bringt man prominente Darsteller zum Festival? Das Brechthaus (das seltsamerweise überhaupt nicht in das Festival mit einbezogen war) verzeichnete an den Festivalwochenenden (und vor allem an dem zweiten mit den prominenten Gästen) einen auffälligen Besucherstrom von auswärts – Köln, Düsseldorf usw. Diese Gäste des Brechtfestivals landeten ebenfalls frustriert  in der Warteschlange.

Immerhin gab es auch Lichtblicke. In der Kantine hielten sich die Schlangen in Grenzen. Hier konnte man die „Kriegsfibel“ sehen. Für die angekündigte Kathrin Angerer war Hanna Hilfsdorf eingesprungen. Die Band „Goshawk“ spielte mit Masken – warum auch immer. Das Highlight des Abends  war an diesem Ort jedoch zu später Stunde der „Techno-Brecht“. Ensemble-Schauspieler Anatol Käbisch hatte ihn mit DJ Liljan Waworka selbst konzipiert. Die vielen  jungen Leute im Saal gingen voll mit. Sie sind der Beweis dafür, dass Brecht in dieser Techno-Form auch ankommt. Hier sah man eine wohltuende Professionalität, sah man Künstler, die die das Publikum ernst nehmen. – Bei so manchen als hochkarätig eingeschätzten Nummern des Abends hatte man das vermisst.

Die Abschlussveranstaltung des  Brechtfestivals am Sonntag fand beim Publikum leider wenig Beachtung: Ein Eisler-Liederabend mit Maren Eggert, Ole Lagerpusch und der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot aus dem Deutschen Theater in Berlin. Die hoch professionelle Big Band bot zusammen mit den beiden Darstellern eine vergnügliche Schau über das Wirken von Hans Eisler und dessen skeptische Einschätzung durch das antikommunistische Amerika.

Das Fazit des Brechtfestivals 2020 ist durchwachsen. Zwar zeigte sich deutlich die lokale Präsenz – nicht nur des Staatstheaters, sondern auch der Bluespot Productions sowie des Theter Ensembles. Andererseits gab es erfreulicherweise Gastspiele von auswärts – bedingt durch die Kontakte der Festivalmacher vorwiegend aus Berlin. Die organisatorischen Mängel müssten allerdings im Fortsetzungsfall dringend behoben werden, denn ein städtisches Festival sollte als erste Zielgruppe immer noch die eigenen Bürger haben. Ein Festival der Warteschlangen ist sicher nicht das, was sich die Augsburger wünschen.

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