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Samstag, 28.03.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn“

Es ist wieder Festivalzeit in Augsburg – Brecht kam leider im ungemütlichen Februar zur Welt und wie jedes Jahr feiert die Stadt Augsburg ihren berühmtesten Sohn an seinem Geburtstag. In diesem Jahr mal wieder mit neuer Festival-Leitung, dem Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner. Schon das Programmheft ist anders: Das Cover erinnert an ein Filmplakat, eine Hollywood-Blondine im dekolletierten Kleid hält in der rechten Hand ein Maschinengewehr, in der linken eine Pistole, das Gesicht vor Wut verzerrt. 

Von Halrun Reinholz

Eine Kampfansage? Innen ist das Heft schwarz-weiß im Stil eines Groschenromans gehalten, dazu passen auch die „Anzeigen“: Zitate aus Zeiten vor der Erfindung des Internets. Vorsichtshalber steht darunter „redaktioneller Teil“, bevor jemand auf die Idee kommt, sich einen der angebotenen Dienste („Magie-Geheimwissen“, Mittel gegen Erröten, „Dr. Pillers Gelée Royale“ oder die Glückszahlen für  den Lottoschein) zu sichern. Kühnel und Kuttner haben das Festival, das wie gewohnt über zwei Wochenenden geht, ein bisschen  „aufgeräumt“.  

Zwei „Spektakel“ (vol. 1 und 2) umrahmen das Fest am Anfang und am Ende. Diese beiden  Events finden geschlossen auf dem Festivalgelände im Martinipark statt. Dadurch kann man tatsächlich (nach vielen Jahren ohne) eine „Festival-Atmosphäre“ erkennen, in die auch das Außengelände (nun ja, soweit das Februar-Wetter es erlaubt) mit einbezogen ist. 

Blickfang ist ein Riesenrad, eine dekorative Anspielung auf Brechts Affinität zu Volksfesten wie dem Plärrer. Davor wird Popcorn verkauft, Eis und gebrannte Mandeln gibt es auch. Der große überdachte Außenbereich vor der Halle bietet eine gewisse Aufenthaltsqualität (sofern man seinen Mantel nicht an der Garderobe abgegeben hat), die gastronomisch, etwa mit Glühwein, flankiert wird. Doch die Musik spielt drinnen im Treppenhausfoyer, wo  „The Mini Play Brecht Show“ (Marlene Hoffmann und Band) auf den Gefeierten einstimmt. 

Die Eröffnungsgäste wurden bereits im Kassenfoyer mit einem Glas Sekt begrüßt und harren der Eröffnung. Vielleicht aus Scheu vor Zeremonien hat man sich aber (wie übrigens im letzten Jahr auch schon) keine Choreografie dafür überlegt. Jürgen Kuttner steht auf der Bühne und begrüßt die Anwesenden mit dem Hinweis, dass da eigentlich jemand anders stehen müsste und moderieren. Aber jetzt macht er es halt. 

Oberbürgermeister und Intendant betreten die Bühne. Launige Worte, Begrüßungen, Sponsoren werden erwähnt. Aber wer ist eigentlich der Gastgeber?  Das städtische Brecht-Büro wird genannt – ganz zum Schluss im Nebensatz. Und irgendwann steht Tom Kühnel, der Ko-Intendant des Festivals, auch auf der Bühne „damit man mich auch mal gesehen hat.“ Schade um die verpasste Gelegenheit, ein paar konzeptionelle Worte zum Brechtfestival zu sagen, Akteure vorzustellen und die Sicht der Veranstalter darzulegen. 

Wer sind die beiden Leiter? Dürfen sie weitermachen? Was hat die Stadt vor? Das ist, unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg des diesjährigen Festivals, eine der Peinlichkeiten vor der Kommunalwahl, dass die Kontinuität des Festivals nicht geklärt ist. Es bleibt also bei Unverbindlichkeiten, locker wie die Mini Play Brecht Show. 

Dann geht es ans Eingemachte, ins Programm. Mehrere Schauplätze bescheren den Festivalbesuchern Qualen der Wahl. Das Augsburger Staatstheater ist sehr präsent. Auf der Probebühne des Musiktheaters hat „Klassenkampf“ von Lothar Trolle Premiere, eine Produktion des Schauspielensembles zu biographischen Aspekten Brechts – vor allem sein Verhältnis zu den drei Frauen, die mit ihm das Svendborger Exil teilen. Regisseurin Kallinki Fili hat Trolles Stück allerdings noch mit weiteren Quellen zu einer „Collage“ aufgepimpt, die Grundsätzliches zum Verhältnis von Frauen und Männern thematisiert. Wie passend zum Valentinstag! 

Eine weitere Premiere ist im Orchesterprobenraum zu erleben: „Fragen Sie mehr über Brecht“, ein musikalisch-theatraler Versuch, das Verhältnis von Brecht zu Eisler und Hans Bunge aus authentischem Dokumentationsmaterial zu zeichnen. Opernchor (getrennt nach Herren und Damen) und Orchester haben jeweils Programmpunkte vorbereitet und auch interaktive Angebote kommen nicht zu kurz, etwa im Lehrstück-Parcours, den Imme Heiligendorff und Nicoletta Kindermann konzipiert haben. Oder beim spontanen „Interventionsprogramm“ mit Jürgen Kuttner im Chorsaal. 

Viel aus dem eigenen Stall also und ein deutliches Zeichen, dass sich das Theater für Brecht und das Brechtfestival verantwortlich fühlt. Einen besonderen Gaststatus hat das Gymnasium bei St. Stephan, dessen Oberstufenschüler unter der Regie des früheren Ensemblemitglieds Philipp von Mirbach die „Jasager“ und die „Neinsager“ einstudiert haben. 

„Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“ © Katrin Ribbe

Das zentrale Eröffnungsstück ist jedoch ein Gastspiel des Staatstheaters Hannover, das mit einem hochkarätigen Schauspielensemble und Corina Harfouch als Hauptdarstellerin Heiner Müllers Stück „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“ präsentiert. Die Produktion der beiden Regisseure Jürgen Kuttner und Tom Kühnel entstand bereits 2015 in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Das Besondere daran ist, dass Heiner Müller den Text selbst spricht. Der Mitschnitt einer szenischen Lesung läuft im Off. Die Schauspieler agieren nur und verleihen den Worten pantomimisch den Ausdruck, der im gesprochenen Text vollkommen fehlt. Das wirkt so mechanisch und zirzensisch wie die desillusionierende Aussage des Stücks: Revolution ist sinnlos. Die drei Emissäre der Französischen Revolution, die den Auftrag haben, diese in Jamaika umzusetzen, kommen zu spät, denn in der Zwischenzeit hat Napoleon sich zum Kaiser krönen lassen. Der Auftrag kann nicht ausgeführt werden. Die Konzentration auf den ausdruckslos gesprochenen Text verlangt den Zuschauern viel ab und auch für die Darsteller ist die Spielweise ungewohnt. Corina Harfouch gibt Debuisson ausdrucksstark im Clowns-Kostüm. Ihr kommt auch eine größere Sprechrolle zu, die sie hervorragend „sächselnd“ meistert. Geschickt wird die Monotonie des gesprochenen Textes mit Videoeinspielungen und wechselnden Bildern konterkariert.  

Im „Kleinen Revolutionstheater“, das (ganz brechtisch) wie ein Exkurs eingeblendet wird, treten hinter einem dünnen Vorhang alle Größen der Revolution auf – Marx, Lenin, Che Guevara und wie sie alle heißen. Die Produktion lebt auch von den Live-Klängen der Band „Die Tentakel von Delphi“, die gleich mit zwei Schlagzeugen im Orchestergraben positioniert ist. Gegen Mitternacht traten die Musiker noch einmal ganz entspannt vor das Festival-Publikum, diesmal mit Brecht und Corina Harfouch als Solosängerin. 

Musik hat auch noch einen Schwerpunkt bei der traditionellen „Langen Brechtnacht“, die sich diesmal auf das Kongresszentrum konzentriert. Das zweite Wochenende des Brechtfestivals verspricht dann die große Eigenproduktion des Theaters zum Brechtfestival:  Eine deutsch-tschechische Zusammenarbeit zum Thema „Schwejk“. Freie Augsburger Gruppen wie Theter oder  Bluespots  Productions sind mit eigenen Produktionen auch diesmal wieder ins Festival integriert, sie kommen vor allem beim „Spektakel vol. 2“ am zweiten Festivalwochenende zum Zug. Die Wochentage dazwischen bieten sich im Planetarium und im Liliom Gelegenheiten, Aufzeichnungen und Filme zu verschiedenen Brecht-Themenkomplexen zu sehen.  

Der erste Eindruck: Etwas mehr Konzentration, vor allem der Spielstätten, und ein „Festivalgelände“ wirken sich förderlich auf das Festivalgeschehen aus. Es bleibt in seiner Vielfalt dennoch unübersichtlich genug. Zur Aufhellung trägt das Programmheft wenig bei, das in seiner zeitungsartigen Aufmachung leider zu wenig strukturiert wirkt. „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn“, ist Jürgen Kuttners Credo zu Brecht. Dieses Festival ist ein weiterer Versuch der Stadt Augsburg, den  Dichter verstehen zu lernen.