DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 27.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Festival

Musik der Vorurteile und Missverständnisse

Festival der 1000 Töne: Das Ensemble Sarband spielte im Goldenen Saal

Von Frank Heindl

Wie sich Ost und West, Orient und Okzident musikalisch durchdringen – das war schon immer das Thema, dem sich das Ensemble Sarband mit seinen Konzerten und Aufnahmen widmete. Am Freitag im Goldenen Saal des Rathauses wurde es schwieriger: Wie sich die Musiken aus Ost und West im gegenseitigen Missverständnis entwickelten, wie Vorurteil, Klischee und schöner Schein auch in der Musik das Gegenüber unkenntlich machten, wie auch in der Kunst oftmals nur das Ich im Anderen gespiegelt wird – das war diesmal das Thema.



„Orientalismus“ – zu diesem Thema hatte Vladimir Ivanoff, der Leiter von „Sarband“ schon in der Woche zuvor einen erhellenden Vortrag gehalten (DAZ berichtete). Nun galt es, die Theorie am praktischen Beispiel zu erläutern. Und Sarband tat dies wiederum auf erhellende Weise: Da sind zunächst die osmanischen Kompositionen des 19. Jahrhunderts. Die Türkei war in ihrer Bedeutung für den Westen stark geschrumpft, man litt im Orient unter dieser Zurückstufung und reagierte mit Anpassung – auch in der Kunst. Sultan Abdülaziz etwa war ein Kenner der klassischen türkischen Musik – komponierte aber auch „klassisch westlich“, unter anderem fürs Klavier. Sarband nun schaffte den doppelten Kunstgriff, die türkische Musik des 19. Jahrhundert von allen Seiten zu beleuchten: Türkische Kompositionen erklangen nicht nur mit klassisch europäischen Instrumenten, sondern wurden auch „rückinstrumentiert“, indem zum Beispiel Ney-Flöte und arabische Kniegeige neben Cello und Flügel eingesetzt wurden. So schien im Gewand europäischer Musiktradition die orientalische Herkunft der Stücke durch.

Was ist „orientalisch“, was verfälscht?

Wurde den akustischen Anforderungen nur schwer gerecht: Goldener Saal


Doch auch von der westlichen Seite aus lässt sich der Entfremdungsprozess analysieren. Maurice Ravels „Séhérazade“ etwa gibt sich nicht nur im Titel orientalisch, sondern auch im Tonmaterial. Und doch ist dieser „orientalische“ Sound eine Schimäre: Ravel verwendet Skalen, die sich zwar für den Europäer exotisch anhören, im Orient aber nie Verwendung fanden – der Komponist bedient ein europäisches Bild vom Orient, das sich im 19. Jahrhundert vollkommen vom realen Osten gelöst hatte. „Das Morgenland“, so Ivanoff, sei zur Projektionsfläche von europäischen Phantasien geworden: Gewalt, Erotik, Homosexualität – das Verdrängte und Verbotene durfte sich in den Phantasien von Haremsleben und Sultans-Allmacht austoben, die Musiken von Ravel oder Chausson boten den Hintergrund für einen „Orient ohne Ort“, wie er in Europa geträumt wurde, aber nie existiert hat – westliche Ideologie und Komponisten-Ego waren allemal stärker als echtes Interesse an musikalischen Traditionen.

Was am Ende „echt orientalisch“, was verfälscht und erfunden ist, lässt sich so genau längst nicht mehr sagen, weil die Durchdringung gegenseitig war. Dieses Vexierspiel, das Oszillieren verschiedener Welten und Vorstellungen in ein und derselben Musik, wurde während des Konzertes noch unterstützt durch zurückhalten-illustrierende Diaprojektionen. Auch die dabei präsentierten Gemälde zeigten einen vorgestellten Orient – westliche Interpretationen, bei denen stets offen bleiben musste, wie viel Phantasie und wie viel „Wahrheit“ sie enthalten.

Dass man es der aus dieser Vermischung von Klischee und Vorurteil entstandenen Musik nur schwer anhört, wie sehr sie auf Ignoranz und Missverständnis beruht, ist wiederum ein Problem von genauem Hinhören und dem Grad des Interesses an der anderen Kultur. Insofern war das Konzert in der Tat auch ein volkskundlich-musikwissenschaftliches Experiment – mit vielen Parallelen dazu, wie die einander immer noch fremden Kulturen noch heute miteinander umgehen.

Der Goldene Saal ein akustisches Problem

Umso mehr trat die Theorie in den Vordergrund, als der Goldene Saal einmal mehr den akustischen Anforderungen nur schwer gerecht werden konnte. Dilek Geçers Sopran und die orientalischen Instrumente konnten sich noch leidlich gegen die äußerst hallige Indifferenz durchsetzen – der Flügel aber blieb vor allem bei Franz Liszts „Grande paraphrase“ allzu diffus, Liszts Akkordtürme und Sechzehntelkaskaden verschwammen zumindest in der hinteren Hälfte des Saals zum Tonbrei – und auch vom Cello war mitunter nur wenig zu hören, Differenziertes wurde wohl gespielt, ging aber auf dem Weg zum Ohr verloren. Umso mehr spricht es für die Qualität der Darbietung, dass die Musik faszinieren konnte und am Ende den verdienten, langen Applaus erhielt.

gesamten Beitrag lesen »



Afrika in Augsburg

Vom 12. bis 28. November bieten die Afrikanischen Wochen 2010 Informationen rund um unseren Nachbarkontinent. Afrika hat viele Facetten: Das zeigen die Afrikanischen Wochen seit über zwanzig Jahren. Werkstatt Solidarische Welt und Weltladen Augsburg haben wieder ein buntes und informatives Programm mit Vorträgen, Musikveranstaltungen, Filmen, Ausstellungen und Workshops zusammengestellt. Das Eröffnungsfest, diesmal erstmals im Kolpingsaal […]

gesamten Beitrag lesen »



Ungrantig-alpenländische Wirsch-Musik

„Fei scho“ machten in der Mühle gute Laune Von Frank Heindl Nach diesem Konzert sind wenigstens die wichtigsten Fragen endlich mal geklärt. Was, zum Beispiel, bedeutet der Titel des Programms? Das ist schnell klargestellt: „Ungrantig“ ist gleichbedeutend mit „wirsch“, meint also das Gegenteil von „unwirsch“. Alles klar? Dann kommen wir zum nächsten Punkt: Was um […]

gesamten Beitrag lesen »



Unverschämt und intelligent

„Unverschämte Wirtshausmusik“ in der Kresslesmühle Von Frank Heindl Muss das eine schöne Zeit gewesen sein, als die Volksmusik noch so war: Frech, aufmüpfig, lustig – und dabei auch noch zum Mitsingen und Tanzen geeignet. Nicht blöd, sondern intelligent, nicht schmalzig, sondern zum Lachen, nicht 08/15, sondern originell, nicht klischeehaft, sondern hochmusikalisch, nicht bieder-verklemmt, sondern unverschämt-frivol. […]

gesamten Beitrag lesen »



Wie der Orient im Exotismus verloren ging

Vladimir Ivanoff sprach über Orientalismus in der Musik Von Frank Heindl Die Minarette, die die Reisenden des 16. Jahrhunderts im Orient erblickten, erschienen ihnen von Anfang an von einem Fehler behaftet: Kirchtürme seien das, so schilderten es die Touristen der frühen Neuzeit, doch in Ermangelung von Glocken müssten die Kleriker der Muslime stündlich von da […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburger Friedenswochen starten

Zum 31. Mal finden vom 29. Oktober bis zum 3. Dezember die Augsburger Friedenswochen statt. Die Palette der insgesamt 19 Veranstaltungen reicht dabei von der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Faschismus über diverse Vorträge und Diskussionsveranstaltungen bis hin zu einem Kinofilm und einem Benefizkonzert. Den Auftakt macht am heutigen Freitag, 29. Oktober um 19.00 Uhr […]

gesamten Beitrag lesen »



Kinderfest am Oberhauser Bahnhof

Vor dem Oberhauser Bahnhof findet bis einschließlich Sonntag, 31. Oktober ein Kinderfest unter dem Motto „Mit-Machen“ statt. Das „MiMa-Festival“ steht nach Angaben des Veranstalters für Mitmachen mit kultureller Ausrichtung. „Aber auch mit viel Spiel & Spaß für die ganze Bevölkerung in diesem Augsburger Stadtteil. Künstler, Kinder, und alle Kulturfreunde sind hierbei besonders zum Mitmachen aufgerufen“. […]

gesamten Beitrag lesen »



Rahmenprogramm für die FIFA Frauen-WM 2011 steht

Auf der Sitzung des FIFA Frauen-WM Ausschusses am Dienstag wurde der Konzeptentwurf des Rahmenprogramms für die Frauen-WM in Augsburg einstimmig angenommen. Vorgestellt wurde das Programm mit dem Titel „City Of Peace“ von Gesamtleiter Richard Goerlich. Das über 40 Seiten umfassende Werk, das in den letzten acht Wochen vom WM-Büro erarbeitet wurde, steht auch im Internet […]

gesamten Beitrag lesen »



Plädoyer für Vielfalt

Premiere von „Mein Deudshland“ auf den Augsburger Filmtagen Von Dominik Sandler Am Samstagabend hatte der Augsburger Spielfilm „Mein Deudshland“ im Mephisto Premiere. Anwesend war fast die ganze Filmcrew. Im Vorfeld des Filmfestes hatten die Organisatoren dem Produzenten und Regisseur Martin Pfeil gedroht, ihm die Ohren langzuziehen, sollte die Uraufführung von „Mein Deudshland“ nicht ausverkauft sein. […]

gesamten Beitrag lesen »



Ostalgie auf Litauisch

Hauptdarstellerin und Produzentin vom Kinderfilm „Der Balkon“ im DAZ-Interview Von Dominik Sandler Beim Kinderfilmfest lief am Freitag „Der Balkon“ an, ein litauischer Film über die Freundschaft zwischen zwei Nachbarskindern, die sich auf deren gemeinsamen Balkon entwickelt, wobei sich jedoch stets eine Wand zwischen ihnen befindet. Produzentin Jurga Gluskiniené und Hauptdarstellerin Elzbieta Degutyte (heute 13 Jahre […]

gesamten Beitrag lesen »