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Mittwoch, 24.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Momo: Erlösung vom Zeitmanagement der Grauen Herren

Eine stringente Inszenierung des Augsburger Stadttheaters mit viel Tempo und großartigen Schauspielern überzeugt im martini-Park

Von Halrun Reinholz

(c) Jan Pieter Fuhr

Linda Elsner, Anatol Käbisch, Gerald Fiedler (v.l)--(c) Jan Pieter Fuhr


Bei der Neuinszenierung von Michael Endes Momo versetzt Regisseurin Jule Kracht die Handlung nach Italien – in das Ambiente eines alten Amphitheaters. Vielleicht, weil diese Atmosphäre am ehesten geeignet scheint, den „Grauen Herren“ Paroli zu bieten, die, vom Rauch der E-Zigaretten umnebelt, die Menschen dazu bringen, ihre Zeit zu sparen.

Die Zeit nämlich, die sie mit vermeintlich sinnlosen Dingen verbringen – mit Freunden, Streitgesprächen, Geselligkeit oder Zuwendung. Michael Endes Kinderbuchklassiker Momo ist aktueller denn je, die stringente Inszenierung macht das deutlich bewusst. Weniger als zwei Stunden nimmt das Bühnengeschehen ein, aber umso deutlicher kommt die Botschaft zum Tragen: „Hat dich denn keiner lieb?“, fragt Momo den Grauen Herrn, der auch sie zum Zeitsparen bewegen möchte und löst damit dessen Geständnis über die Machenschaften der grauen Zeitmafia aus. Jule Kracht kennt ihr Publikum, Kindertheater ist ihr Metier.

Kein Wunder, dass die Kinder im Premierenpublikum das Geschehen gebannt verfolgen und sich auch von dem schweren Wolkenbruch, der während der Premiere lautstark auf das Dach der Fabrikhalle im Martinipark prasselt, nicht irritieren lassen.

Das Märchenstück lebt aber auch von den eindringlich dargestellten Figuren. Alle Schauspieler sind mehrfach besetzt und zeigen sich mit erstaunlichem Tempo vielfach wandelbar. Selbst Linda Elsner, die wunderbar gelassene Momo, wird in einer Szene zum Grauen Herrn. Doch meistens ist sie der ruhende Pol in einer aus den Fugen geratenen Welt, die mit Neugier und aktivem Staunen die Menschen zum Nachdenken bringt. Ihren Freunden gibt der italienische „Touch“ eine sympathische Kontur: Der Straßenkehrer Beppo (Gerald Fiedler) fegt mit Hingabe im Quadrat, der Maurer Nicola (Karoline Stegemann) streitet mit dem Wirt Nino (Roman Pertl) und dieser mit Liliana (Ute Fiedler) – aber nur, um sich dann wieder zu versöhnen.

Zentrale Figur ist Gigi, der Geschichtenerzähler (Anatol Käbisch), der aus dem Nichts auftaucht und die Leute erheitert. In diese Welt brechen die Grauen Herren ein, indem sie als Ersten den Friseur Fusi (auch wieder Ute Fiedler) zum Zeitsparen bewegen. Momo findet nach ihrem Ausflug zu Meister Hora (Thomas Prazak), dem Herrn über die Stundenblumen der Menschen, eine andere Welt vor. Die Welt der Puppe „Bibigirl“, die „mehr Sachen“ haben will (auch hier hervorragend Karoline Stegemann). Auf der Suche nach ihren Freunden findet sie den Wirt Nino im Schnellrestaurant und den heiteren Gigi als reichen aber gestressten Popstar mit goldenen Stiefletten unter dem strengen Zeitmanagement seiner Pressesprecherin (auch wieder Ute Fiedler). Er jedoch, das vermittelt Anatol Käbisch in der Schlüsselszene mit Momo überzeugend, sehnt sich nach der Unbeschwertheit zurück, die das Zeitsparen den Menschen genommen hat und bringt Momo dazu, die Menschen von den Grauen Herren zu erlösen.

Wandelbar müssen sich die Schauspieler in jeder Richtung zeigen – innerhalb der Charaktere sowie im Wechsel von einem zum anderen (bewundernswert: Karoline Stegemann im Panzer der Schildkröte Kassiopeia, nachdem sie gerade erst das Bibigirl gegeben hatte). Die fantastische Heiterkeit der unbeschwerten Welt und die Manieriertheit der seelenlosen Zeitersparnis vermitteln auch die Kostüme (Ursula Bergmann) und selbst die so gleichförmigen Grauen Herren zeigen diverse Charaktere. Etwa in der Rechenszene, wo der Graue Herr 1 (Anatol Käbisch) wie ein erfolgreich überzeugender Vertreter mit Zahlenkolonnen jongliert oder in der Gerichtsszene, wo der „Verräter“ gnadenlos verurteilt wird.

Auch das Bühnenbild ist diesem einfachen aber pragmatischen Ansatz angepasst (Nora Lau): Die Elemente des Amphitheaters lassen sich in alle Richtungen verschieben und im Inneren glitzert das Reich Meister Horas, umringt von leuchtenden Stundenblumen.

Einzig die Musik von Jan Maihorn hätte einen höheren Stellenwert verdient – die Gesangseinlagen sind zu melancholisch und vor allem zu spärlich und für Kinder zu wenig mitreißend. Doch das tut dem Gesamteindruck der rundum überzeugenden Geschichte keinen Abbruch. Zu Recht sind die insgesamt rund 40 Vorstellungen der Saison bereits gut bis vollständig gebucht.



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