DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Freitag, 14.08.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

StadtGestalten

Ein Leben für die Literatur

StadtGestalten: Marius Müller

In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mitgestalten. Heute im Gespräch: Marius Müller, Blogger, Buchkritiker und Kulturvermittler.

Ein Interview von Sait İçboyun

Unter Literaturfreunden und Bücherwürmern ist Marius Müller vor allem als das Gesicht hinter dem Blog www.Buch-Haltung.com bekannt, auf dem er seit 2013 sub­jektive und fundierte Buch­kritiken abseits des Main­streams ver­öffent­licht.

Doch er liest nicht nur: Als engagierter Kulturvermittler organisiert und moderiert er Literatur­events im gesamten süd­deutschen Raum. Seine Expertise teilt er zudem regel­mäßig als Gast in renom­mierten Medien wie dem Deutsch­land­funk Kultur oder Bayern 2. Heute sprechen wir mit ihm über seine Arbeit, die Faszi­nation für gute Ge­schich­ten und die Lite­ratur­szene in Augsburg.


Sait İçboyun: Marius, du wolltest, dass wir uns im Hofgarten treffen. Warum gerade dieser Ort? Was macht den Hofgarten für dich aus?

Marius Müller: Weil ich ihn für einen wunder­baren Begeg­nungsort halte. Der Hofgarten ist für mich so etwas wie das städtische Ideal: ein Ort, an dem man zusammen­kommt, wo es ruhig ist, wo es grün ist und wo es Wasser gibt. Leute aller Schichten begegnen sich hier und können ungestört eine gute Zeit haben. Und – für mich natürlich nicht uner­heblich: Es gibt auch einen offenen Bücher­schrank, bei dem man sich gut mit Lektüre versorgen kann. Was hier offenbar auch einige getan haben, wie ich vorhin gesehen habe. Ein toller Ort, den man wirklich nur wert­schätzen kann.

Sait İçboyun: Das ist interessant, denn mich verbindet mit dem Hofgarten ebenfalls viel. Als Student habe ich hier in der Nähe am Senkelbach gewohnt und an diesem Ort Gabriel García Márquez’ Chronik eines angekündigten Todes in einem Zug gelesen. Ob ich dadurch zum Márquez-Liebhaber wurde, weiß ich gar nicht genau – über ihn bin ich dann jedenfalls zu Juan Rulfos Roman Pedro Páramo gekommen. Man kann hier wirklich wunderbar entspannen und lesen.

Aber du bist ja der eigentliche Bücherwurm: Man liest, dass du um die 100 Bücher im Jahr liest und rezen­sierst. Ich verfolge deinen Blog selbst sehr gerne. Da stellen sich mir zwei Fragen: Erstens, woher nimmst du die Zeit? Und zweitens: Wird Literatur, wenn sie so intensiv betrieben wird, irgendwann zur an­strengen­den Arbeit, oder genießt du es noch genauso wie jemand, der einfach nur zum Vergnügen liest?

Marius Müller: Vielleicht erst einmal zur zweiten Frage: Tat­sächlich ist es für mich keine Last, sondern eine stete Lust, etwas Neues zu entdecken. Jedes Buch erlaubt es mir, in eine neue Welt einzu­tauchen, neue Gedanken kennen­zulernen und einen neuen Blick auf die Welt einzu­nehmen. Das empfinde ich als unglaub­lich berei­chernd und als großes Privileg, das die Sache auch wahn­sinnig abwechs­lungs­reich macht. Insofern ist da immer sehr viel Begeisterung dabei.

Und die Antwort auf den ersten Teil deiner Frage: Ich schaue abends relativ wenig fern. Ob in der Bahn, abends auf der Couch oder im Sommer auf dem Balkon – ich nutze diese Zeiten zum Lesen. Inzwischen habe ich mir auch ein gewisses Lesetempo angeeignet, sodass ich relativ schnell in die Bücher eintauchen kann. Es ist also nach wie vor eine große Freude und absolut keine Arbeit.

Sait İçboyun: Gehen wir ein Stück zurück: Wie kam es überhaupt zu der Idee? Du hast 2013 – korrigiere mich, wenn ich falsch liege – diesen Blog ins Leben gerufen. Was war deine Moti­vation? Wolltest du einfach nur teilen, was du gerade liest, oder steckte da ein tieferer Gedanke dahinter?

Marius Müller: Da spielte sicherlich ein gewisser Drang nach einer Öffent­lich­keit des Lesens mit hinein. Lesen ist ja an sich eine sehr einsame Beschäf­ti­gung; jeder liest für sich allein, man tritt nicht automatisch in Kontakt mit anderen. Das hat mir ein bisschen gefehlt. Aus diesem Gedanken heraus habe ich den Blog entwickelt und ange­fangen, meine Lese­ein­drücke zu verfassen. Ich wollte mit meiner Liebe zur Literatur an die Öffent­lich­keit gehen, mit anderen Menschen in Austausch treten und eine Art öffent­lichen Raum für Lite­ratur schaffen. Das war 2013 in meinen studen­ti­schen Jahren der Kern­gedanke, und das pflege ich bis heute, indem ich regelmäßig neue Bespre­chungen online stelle.

Sait İçboyun: Ein öffentlicher Raum braucht einen Namen. Dein Blog heißt „Buch-Haltung“. Das ist ein wunder­bares Wortspiel zwischen der eher trockenen Buch­haltung im Finanz­wesen und der inneren Haltung, die man beim Lesen einnimmt. Wie kam es zu diesem Namen und welche „Haltung“ nimmst du beim Kritisieren ein?

„Offene, neugierige Haltung jedem Buch gegenüber“: Marius Müller

Marius Müller: Anfänglich war es nur ein halb­wegs krea­tives Wort­spiel, mit dem ich aus der Fülle an Lite­ra­tur­blogs heraus­stechen wollte, die es zum Ent­stehungs­punkt des Blogs damals gab. Tempi passati.

Aber der Name hat sich als er­staun­lich zu­tref­fend erwiesen, denn ich ver­suche wirk­lich, mich in einer offe­nen, neu­gie­rigen Hal­tung jedem Buch gegen­über zu üben, wenn ich mich an die Lek­türe mache. Und egal ob mich das Buch dann begei­stert, ent­täuscht oder sich im Span­nungs­feld irgend­wo da­zwi­schen ein­ord­net, ich bemühe mich mein Ur­teil immer zu be­grün­den, am Text zu be­legen und viel­leicht ein paar wei­ter­füh­rende Gedan­ken anzu­bie­ten, damit Lese­rinnen und Lesern auch einen Mehr­wert davon haben und nicht nur mit einem „Habe ich gerne ge­lesen“ abge­speist werden.

Als eigene Buchhaltung fun­giert der Blog zudem auch ganz wunder­bar. Denn nicht jedes der Bücher, das ich viel­leicht einmal vor zehn Jahren gelesen habe, ist mir in Sachen Inhalt und ab­schlie­ßen­dem Ur­teil noch prä­sent. So trifft es sich ganz gut, dass ich dann in den Tiefen des Blogs noch einmal nach­sehen kann, zu wel­chem Ur­teil ich damals kam.

Sait İçboyun: Es ist zwar der reine Zufall der Bio­logie, aber du teilst dir den Geburts­tag mit Bertolt Brecht. Ver­pflichtet so ein Datum in Augsburg eigent­lich zu einer beson­deren Bezie­hung zu ihm, oder wie stehst du zu Brechts Werk? Man kennt ja durchaus Augs­burger, die mit ihm gar nichts anfangen können, während andere ihn als Fixstern sehen.

Marius Müller: Ich ordne mich da tatsächlich irgendwo in der Mitte ein. Mir geht es wie dir: Ich kenne Menschen, für die ist Brecht Lebensinhalt, für andere bleibt er unzu­gänglich. Ich kann jetzt nicht bean­spruchen, der größte Brecht-Fan der Stadt zu sein, aber seine Lyrik und sein Schaffen – vor allem dieses Schreiben gegen Wider­stände und aus dem Exil heraus – nehmen mich sehr für ihn ein. Sich immer wieder neue Sprach­welten zu erschlie­ßen und Bilder für die inneren Welten in Literatur zu über­führen, finde ich extrem beein­druckend. Ob nun seine frühen Texte oder die Augs­burger Anfänge: Das ist wirklich spannend.

Wenn ich an die Anfänge zurückkehre… Das Jahr 2013 war für mich insofern auch ein Wendepunkt: Nachdem ich zuvor drei Jahre in München studiert hatte, kam ich in jenem Jahr nach Augsburg und habe dort in der Stadt­bücherei meinen Job angetreten, den ich neun Jahre lang ausgeübt habe. Ich habe die Stadt­teil­bücherei in Göggingen geleitet, ange­bunden an die Zentrale am Ernst-Reuter-Platz, und wohnte damals in Kriegshaber.

Vor zwei Jahren gab es dann einen beruflichen Wechsel für mich: Ich bin an die Studien­biblio­thek nach Dillingen gewech­selt. Streng genommen bin ich wohn­technisch also kein Augsburger mehr, da ich kurz hinter die Stadt­grenze nach Neusäß beziehungs­weise Steppach gezogen bin. Aber ich fühle mich dieser Stadt nach wie vor extrem verbunden. Augsburg ist für mich ein Ort, an dem ich mich an verschie­den­sten Stationen wahn­sinnig gern aufhalte – sei es hier im Hofgarten, in unseren Buch­hand­lungen oder in den Biblio­theken. Ich finde, Augsburg ist eine unglaub­lich reich­haltige Stadt, nicht nur wegen ihres großen Sohns Bert Brecht. Es ist ein sehr schönes Pflaster, auf dem ich mich bewege.

Sait İçboyun: Jetzt hast du die Stadt­grenze nach Steppach über­schritten – das verzeihen wir dir als Augsburger natürlich nur, weil dein lite­rari­sches Herz offen­sicht­lich hier­geblieben ist. Nimmt man als „Exil-Augsburger“ den Kultur­betrieb der Stadt eigentlich noch mal anders oder schärfer wahr, wenn man täglich von außen hineinpendelt?

Marius Müller: Natürlich ist man nicht mehr so in Kontakt mit einzelnen Akteuren, nimmt Debatten aus dem Kultur­leben vielleicht manchmal nur noch aus zweiter Hand wahr und merkt einen fehlenden Austausch, wenn man nicht mehr vor Ort ist.

Auf der anderen Seite ist der Kontakt, wenn es ihn dann gibt, umso intensiver und konzen­trierter. Und auch wenn ich die Stadt­grenze hinter mir gelassen habe – dank der Presse, dank digitaler Angebote wie dem euren bei der daz fühle ich mich noch immer gut informiert in Sachen Kulturleben und dessen vieler Volten, von der unend­lichen Theater­sanierung bis hin zum traurigen Ende des Kulturcafés Neruda…

Sait İçboyun: Wenn du die Seiten wechseln und selbst ein Buch schreiben würdest: Welche Augsburger Ecke oder Kulisse würde dich am meisten zum Schreiben inspirieren?

Marius Müller: Eine sehr gute Frage, da muss ich direkt etwas grübeln. Spannend finde ich den Epochen­bruch in Augsburg: den Wandel von der Industrie­stadt hin zur Neuzeit. Wenn ich an das Gaswerk oder das Textil­viertel denke, wo dieser Umbruch so markant ist – das würde mich schon interes­sieren. Wie bilden sich solche histo­rischen Brüche geo­grafisch und in den Menschen ab? So ein großes Textil- oder Industrie­viertel wäre für ein solches Projekt sicher reizvoll. Wobei ich mir das selbst nicht zutraue, das muss ich gestehen, so etwas in eine über­zeugende lite­rari­sche Form zu gießen.

Sait İçboyun: Ein Buch zu rezensieren und die eigene Meinung öffentlich ins Netz zu stellen, erfordert ja auch Mut. Wie nimmst du deine Rolle als Kritiker in der heutigen Zeit wahr? Ist ein Literaturblog für dich einfach ein schönes Ventil für deine Leselust, oder steckt da mittlerweile mehr dahinter?

Marius Müller: Wenn ich einen öffent­lichen Blog pflege und meine Meinung vertrete, dann hat das auch mit einer gewissen Ver­ant­wortung zu tun. Ich merke ein ver­stärktes Bedürfnis danach, weil die öffent­lichen Plätze für den lite­rari­schen Diskurs schrumpfen. Große Radio­formate wie die Kulturwelt auf Bayern 2 oder der Bücher­markt im Deutsch­land­funk Kultur werden verändert oder ein­gestellt, in den Tages­zeitungen schrumpfen die Kultur­beilagen. Da finde ich es essen­ziell, Räume zu bewahren, in denen man aus­führlich über Bücher sprechen kann – gerade auch für Titel, die nicht aus den größten Verlagen kommen. Mir ist es ein echtes Anliegen, kleinen unab­hängigen Verlagen eine Sicht­bar­keit zu ver­schaffen. Der ganze Büchermarkt kämpft, und da müssen die „kleinen Player“ ins Schau­fenster gestellt werden.

Sait İçboyun: Das Schwinden von Kulturräumen betrifft ja leider nicht nur die Medien, sondern auch den stationären Handel. Wenn wir direkt vor unserer Haustür blicken: Wie nimmst du die Situation hier in Augsburg wahr?

Marius Müller: Das stimmt. Wir haben in Augsburg ja auch tolle Beispiele wie den kleinen, unab­hängigen MaroVerlag, der die Literatur­welt immer wieder mit wunder­baren Büchern bereichert. Viele Verlege­rinnen und Verleger leben diese Kunst unter zum Teil sehr selbst­aus­beute­rischen Bedin­gungen – darauf muss man immer wieder hinweisen.

Was mir allerdings auch Sorgen bereitet, ist, dass wir diese Schrumpfung des Buchmarktes im Kleinen auch in Augsburg spüren. Man denke an den Wissner-Verlag mit seinen Büchern zu stadt­geschicht­lichen Themen, der nun sein Tun einge­stellt hat. Früher gab es die Verlags­buch­handlung Seitz und Auer, die Schmidtsche Buch­hand­lung, dann ProBuch, zuletzt Rieger & Kranzfelder, die schließen mussten, und kürzlich traf uns die traurige Nachricht vom Ende des Buch­händlers Pustet hier in Augsburg. Alle sind sie einfach ver­schwunden, was herbe Schläge für das lite­rari­sche Leben der Stadt sind, wenn solch tradi­tions­reiche Lite­ratur­häuser aus dem Stadtbild verschwinden.

Sait İçboyun: Wenn große Buch­handlungen schließen und der Platz für Nischen­titel kleiner wird, drohen viele lite­rari­sche Stimmen komplett unter­zugehen. Du versuchst auf deinem Blog ja ganz gezielt, gegen dieses Vergessen anzu­kämpfen. Welche lite­rari­schen Ent­deckungen liegen dir da aktuell besonders am Herzen?

Marius Müller: Deshalb beschäftige ich mich auf dem Blog in letzter Zeit auch vermehrt mit ver­gessenen Autoren. Nehmen wir Jakob Wassermann, in der Weimarer Republik einer der großen Best­seller-Autoren jüdischer Herkunft, dessen Bücher 1933 von den Nazis verbrannt wurden und der ein Jahr später völlig verarmt in Altaussee starb. Ich habe seinen Roman über den Kaspar-Hauser-Mythos gelesen – das ist eine Sprach­gewalt, die in meinen Augen Thomas Mann kaum nachsteht, aber heute ist er völlig vergessen.

Oder Iwan Heilbut, den heute ebenfalls niemand mehr kennt: Er 1943 hat mit Zugvögel einen Roman über zwei Deutsche im Exil in Frankreich geschrieben, die bei der Ankunft der Nazis unter die Räder geraten, obwohl sie sich längst assimiliert hatten. Großartige Literatur, die völlig aus dem Kanon gefallen ist. Da begreife ich den Blog auch als Korrektiv: Ich möchte Dinge in mein kleines digitales Schaufenster stellen und sagen: Schaut euch das an, diese Qualität und diese zeitlosen Themen sind auch 100 Jahre später noch da.

Sait İçboyun: Beruflich bist du ja ohnehin ganz nah dran an der Literatur: Du arbeitest in Bibliotheken.

Marius Müller: Ich finde, Bibliotheken sind Insti­tutionen, die wir viel mehr wert­schätzen und fördern sollten. Der Sozial­philosoph Oskar Negt hat einmal gesagt: „Demo­kratie ist die einzige Staatsform, die gelernt werden muss.“ Biblio­theken sind dafür genau der richtige Ort. Das ver­staubte Klischee – es ist leise, dunkel und staubig – hat mit der Realität doch längst nichts mehr zu tun. Wenn man in Augsburg in die Bücherei geht, sieht man, wie verschie­den­ste Bevöl­ke­rungs­schichten, Familien und Senioren zusammen­kommen. Ein Bildungs­ort für alle, ähnlich wie der Hofgarten. Dass wir das nicht noch stärker fördern, ist in meinen Augen mehr als nur ein großer Schlendrian, es ist unverzeihlich.

Offener Bücherschrank im Hofgarten (Bilder: Sait İçboyun)

Sait İçboyun: Wie bist du eigentlich damals Bibliothekar geworden?

Marius Müller: Ganz klassisch: Direkt nach dem Abitur habe ich in München Biblio­theks­wesen studiert. Drei Jahre lang habe ich so Biblio­theks­geschichte, Schrift­kunde, Kata­logi­sierung, IT-Themen und vieles weitere studiert, um dann meinen Abschluss als Diplom-Biblio­thekar zu machen. Als ich fertig war, gab es direkt eine freie Stelle in der Stadt­bücherei Augsburg, auf die ich mich beworben habe – und ich wurde genommen. Das war mein Einstieg in diese Welt, die ich seither weder verlassen habe noch verlassen möchte, weil sie unglaub­lich bereichernd ist.

Sait İçboyun: Heute leitest du die Studien­biblio­thek Dillingen, die erst kürzlich zu einer der schönsten Biblio­theken Deutsch­lands gekürt wurde. Tagsüber bewegst du dich in dieser festen, wissen­schaft­lichen Struktur, abends schreibst du völlig frei auf deinem Blog für die Sicht­bar­keit kleinerer Verlage. Befruchten sich diese beiden Welten gegen­seitig oder ist „Buch-Haltung“ für dich der bewusste Gegenpol zum Berufsalltag?

Marius Müller: Eine sehr gute Frage. Tatsächlich eher letzteres, denn Literatur in ihrer land­läufigen Form ist dort in der Studien­biblio­thek Dillingen eher weniger zu finden. Diese Biblio­thek hat eine lange Geschichte, die zurück­reicht bis in die Mitte des 16. Jahr­hunderts, als in Dillingen eine Uni­versität gegründet wurde, deren Geschichte erst in den 1970er-Jahren endete, als die Zeit der Augsburger Uni begann. Seitdem sammelt und erschließt die Biblio­thek einen großen Bestand, der von Theo­logie und geschicht­lichen sowie päda­gogi­schen Themen geprägt ist.

Zur Arbeit mit diesem historischen Bestand ist die Lektüre zeitgenössischer Literatur dann eine schöne Ergänzung und Ausgleich.

Sait İçboyun: Du engagierst dich sehr für Nischen­titel, veran­staltest auf deinem Blog im August aber auch dein bekanntes „Tippspiel“ zum Deutschen Buchpreis. Wenn wir auf das Sterben der Tradi­tions­buch­hand­lungen hier in Augsburg blicken und gleich­zeitig das schrumpfende Feuilleton sehen: Was muss in unserer Stadt passieren, damit Literatur wieder einen festen Platz im Stadtbild findet? Reicht das Erbe von Bert Brecht allein noch aus?

Marius Müller: Bertolt Brecht ist nun auch schon vor immerhin 70 Jahren verstorben, auch wenn sein Erbe von vielen uner­müdlichen Brechtianer vom Brecht­kreis über die Brecht-Forschungs­stelle von Professor Hillesheim über Brecht-VerfechterInnen wie Karla Andrä oder Kurt Idrizovic mit seinem Brechtshop unermüdlich gepflegt wird, die Stadt das Brecht-Festival mit seinen mal mehr und mal weniger über­zeugenden kura­torischen Ansätzen pflegt. Es braucht aber weitere Ideen über Bert Brecht hinaus.

Er selbst hat es ja einst gedichtet: „Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“ In diesem sollte Sinne sollte man die ganze Breite des lite­rari­schen Augsburgs in den Blick nehmen. Mit Sophie von La Roche lebte hier in Augsburg einst die erste Autorin, der mit „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ 1771 ein Best­seller gelang, der als Äquivalent zu Goethes Werther galt und der seinerzeit begeistert gelesen wurde. Werk wie Autorin sind heute fast voll­kommen vergessen, ein Schicksal, das Sophie von La Roche bis heute mit vielen anderen Auto­rinnen teilt. Deren Geschichten zu finden und ihr Andenken zu pflegen, es könnte sicherlich eine erkenntnis­reiche und berei­chernde Aufgabe sein.

Blickt man in die Gegenwart, so ist auch das Fehlen eines Literatur­hauses eine Sache. Leerstände in zentraler Lage gäbe es genug, aber das lite­rari­sche Leben ist an zu vielen Stellen auf privates Engagement beschränkt. Der schon erwähnte Kurt Idrizovic, die Initia­tive der Gruppe um Stefan-Alexander Bronner und ihr Eintreten für die Pop­literatur, die Lesebühne Augsburg oder das Tun von Tina Lurz, die mit ihrer Ver­an­stal­tungs­reihe Sunset & Books besonders etwas für die Sicht­barkeit weibliches Schreibens tut, sie alle und noch so viel mehr Menschen bereichern das literarische Leben der Stadt.

Sie zu unterstützen, Initiativen zusammenzuführen, ihnen Sichtbar­keit und Unter­stützung zu geben, Räum­lich­keiten und Planungs­sicher­heit zu ver­schaffen, es wäre eine so wichtige Aufgabe. Denn dass diese Stadt großes lite­rari­sches Potenzial besitzt, das habe ich zuletzt eindrucks­voll bei einem Lite­rarischen Salon in der Stadt­bücherei gesehen. Wir wollten an diesem Abend den Werken der Augsburger Autorinnen und Autoren eine Bühne geben – und staunten ob der Vielfalt von Titeln und dem Interesse, das uns schon im Vorfeld entgegen­schlug. Am Ende kamen so viele Lite­ratur­enthu­siasten, dass wir die Tür des Raums gar nicht mehr schließen konnten, weil sogar draußen die Menschen standen.

Sait İçboyun: Wenn es um Literatur in Augsburg geht, reden alle immer zuerst über Brecht. Dabei wird oft übersehen, wer hier heute alles schreibt und arbeitet – ob Franz Dobler mit seinen Krimis, Peter Dempf mit seinen histo­rischen Romanen oder Svea Mausolf in der Pop­literatur. Und mit Andreas Nohl lebt sogar einer der wichtigsten deutschen Übersetzer in der Stadt, der Welt­literatur ins Deutsche bringt. Gehen diese leben­digen Stimmen im Alltag der Stadt unter, weil man sich zu sehr auf das histo­rische Erbe konzentriert?

Marius Müller: Wir stecken ja leider meiner Wahrnehmung nach tat­sächlich in der viel­zitierten Lesekrise. Die Zahl der Buch­käufer geht kontinu­ierlich zurück, der IGLU-Studie zufolge kann jeder vierte Viert­klässler nicht mehr richtig lesen und wie wir es vorhin ja auch schon angerissen haben, das Buch­handlungs­sterben hält an.

Es gäbe wirklich viel Grund für Fatalismus, aber das Lesen und die Lite­ratur sind zu wichtig, um sich diesem zu ergeben. Und tat­sächlich schreiben ja jede Menge Augsburger Autorinnen und Autoren gegen die Krise an, obwohl sie es auch alles andere als leicht haben. An ihnen sollte man sich in Sachen Zuversicht und krea­tivem Mut orientieren.

Die Lyrikszene ist vital. Von Max Sessner über Alke Stachler oder Serkan Erol bis hin zu Knut Schaflinger bringt diese immer wieder Erstaun­liches hervor. Mit Christina Walker oder Ulrike Schrimpf haben wir Autorinnen in der Stadt, die sich mit jedem Buch immer wieder neu erfinden. Martyn Schmidt oder Gerald Fiebig sind in Sachen Spoken Word Lyrik höchst umtriebig, Horst Thieme prägt seit Jahren die Slam-Kultur in der Stadt, Lisa Frühbeis zeichnet viel­beachtete Comics und mit „Die nächtliche Harmonie des Holz­orchesters“ bringt uns die Über­setzerin Sarah Kiyanrad bald einen der zentralen Texte des auf Farsi schreiben­den Musikers und Autors Reza Ghassemi nahe.

Man kann also wirklich nicht sagen, dass es an lite­rari­schem Potenzial in der Stadt mangele. Und dabei habe ich jetzt sicherlich schon wieder mehr Kreative vergessen als genannt. Wir können stolz sein auf dieses lite­rari­sche Augsburg und seine Akteure – und sollten ihnen und ihrem Schaffen unser Gehör schenken!

Sait İçboyun: Zum Abschluss unseres Gesprächs hier in der idylli­schen Ruhe des Hofgartens: Welches Buch liegt aktuell ganz oben auf deinem Lesestapel – und worauf dürfen sich die Leserinnen und Leser von „Buch-Haltung“ als Nächstes freuen?

Marius Müller: Ganz oben auf meinem Stapel liegt ein Buch, das dich als Fan von Gabriel García Márquez und Juan Rulfo aufhorchen lassen dürfte. Der Erzäh­lungs­band „Jetzt bist du nicht mehr bei mir“ wurde von dem Augsburger Über­setzer Lutz Kliche aus dem nicaragu­anischen Spanisch übersetzt und mir von ihm sehr ans Herz gelegt.

Das Buch vereint viele Dinge, die mir bei meinem Lesen und Bloggen wichtig sind. Schon das Genre der Kurz­geschichten hat es hier­zulande nicht leicht, dazu ist Südamerika auf dem Buchmarkt wahrlich nicht über­reprä­sentiert. Mit der Edition 8 ist es ein unab­hängiger Klein­verlag, der so mutig war, mit Sergio Ramírez einen hier­zulande kaum bekannten Autor zu veröffent­lichen, der in seiner Heimat mit dem Premio Cervantes ausge­zeichnet wurde, der immerhin als Lite­ratur­nobel­preis der spanisch­sprachigen Welt gilt. Zudem wurde Ramírez aus seiner Heimat in Nicaragua zwangs­ausge­bürgert und lebt nun in Madrid im Exil.

Was er über seine Heimat zu erzählen hat, wie es unter anderem mit einem Zirkus ohne Zelt oder einem Richter weitergeht, der mit seiner Über­zeugung ein Bier trinken geht, um heraus­zu­finden, ob er sich bestechen lassen soll – all das macht mich mehr als neugierig auf dieses Werk und seinen Autor.

Und nicht zuletzt ist die Widmung, die mir Lutz Kliche ins Buch eingeschrieben hat, auch ein gutes Motto für mein Tun: „Viva la literatura!“

Sait İçboyun: Lieber Marius, ein schönes und wichtiges Schluss­wort. Ich danke dir herzlich für deine Zeit, dein Engage­ment für die ver­gessenen Schätze unserer Literatur und dieses wunderbare Gespräch im Hofgarten!


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Fak­ten, Fakes und KI: Work­shop für Commu­ni­ty-Ar­beit



Wie er­ken­ne ich De­sin­for­ma­ti­on und KI-ge­ne­rier­te In­hal­te? Wie nut­ze ich KI-Werk­zeu­ge sinn­voll für Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mo­de­ra­ti­on? Ein kos­ten­frei­er Work­shop von Comet am Mitt­woch, 20. Au­gust gibt Ant­wor­ten. Von Bruno Stubenrauch Bild: Monica Smekal / Gemini Am 20. Au­gust fin­det von 18.30 bis 20.00 Uhr im „Pro­jekt­Raum“, Quar­tiers­ma­na­ge­ment Rechts der Wer­tach, Wolf­gang­stra­ße 2 (Ein­gang Wer­tach­stra­ße), 86153 […]

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Herbstplärrer 2026: Aufbau beginnt – Park&Ride-Platz ab 17. August gesperrt



Ab Montag, 17. August, starten auf dem kleinen Exer­zier­platz die Auf­bau­arbeiten für den Augsburger Herbst­plärrer 2026. Der Park&Ride-Platz „Plärrergelände“ steht deshalb bis zum 19. September nicht mehr zur Verfügung. Von Bruno Stubenrauch Bild: Monica Smekal / Gemini Der Augsburger Herbst­plärrer 2026 wirft seine Schatten voraus: Bereits knapp zwei Wochen vor Eröffnung beginnen auf dem kleinen Exer­zier­platz die Vor­bereitungen […]

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Nicht vergessen: Heute ist Sonnenfinsternis



​Am heutigen Mittwochabend, den 12. August, erwartet Augsburg ein spekta­kuläres Himmels­ereignis: Eine tiefe partielle Sonnen­finsternis kurz vor Sonnen­untergang. Bild: Monica Smekal / Gemini ​Der Mond beginnt sich ab 19.22 Uhr vor die Sonne zu schieben. Das Maximum wird gegen 20.15 Uhr erreicht – dabei werden knapp 90 Prozent der Sonnen­scheibe verdeckt sein. Die Sicht­barkeit endet zusammen mit dem […]

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