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Samstag, 21.03.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Das Feuer der Unbeugsamen: Eine Weltgeschichte des Newroz

Von den zoroastrischen Wurzeln zur politischen Identität

Heute, am 21. März 2026, erreicht die Sonne den Äquator. Tag und Nacht halten sich für einen flüchtigen Moment die Waage, bevor das Licht die Herrschaft über die Finsternis übernimmt. Es ist die astronomische Tagundnachtgleiche – ein Ereignis, das für über 300 Millionen Menschen zwischen dem Balkan, dem Hindukusch und den bayerischen Alpen weit mehr ist als eine Notiz im Kalender.

Gastbeitrag von Sait Içboyun

Symbolbild

Es ist Newroz, der „neue Tag“. Doch wer heute durch Augsburg geht, den Geruch von brennendem Holz am Autobahnsee wahrnimmt oder das Alevitische Kulturzentrum und Cem-Haus in Augsburg-Oberhausen besucht, betritt ein Feld, auf dem seit Jahrtausenden um Identität, Glauben und Freiheit gerungen wird.

Die Wiege: Licht gegen Finsternis

Die Reise beginnt tief in der indogermanischen Sprachfamilie. Aus dem Altpersischen nava für neu und razaŋh für Tag entstand ein Begriff, der die Seele des Orients prägt: Nowruz. Es ist das Erbe von Zarathustra und der zoroastrischen Kosmologie, in der die Welt ein Schlachtfeld zwischen Ahura Mazda, dem Gott des Lichts, und Ahriman, dem Geist der Finsternis, war. Newroz markierte den jährlichen Sieg des Lichts. In den monumentalen Ruinen von Persepolis ist diese Geschichte noch heute in Stein gemeißelt. Die Reliefs zeigen Gesandtschaften aus allen Winkeln des antiken Weltreichs, die dem König zum Frühlingsfest Geschenke brachten. Es war ein Fest der Völker, lange bevor moderne Nationalstaaten ihre Grenzen zogen. Es gehört den Persern, Tadschiken, Paschtunen, Baluchen und Azeris gleichermaßen. Es ist das Fundament einer gemeinsamen Zivilisation, das älter ist als die heutigen Weltreligionen.

Iran und Afghanistan: Wenn die Theokratie das Licht dimmt

Im Iran war Nowruz jahrtausendelang das kulturelle Rückgrat. Doch mit der Islamischen Revolution 1979 senkte sich ein Schatten über das Fest. Die neuen Machthaber unter Khomeini sahen im „Feueranbeten“ eine heidnische Konkurrenz zum Islam. Heute ist Nowruz im Iran ein Akt der Resilienz. Wenn die Familien den Haft-Sin-Tisch decken, ist das ein stiller Protest gegen ein Regime, das versucht, die persische Identität in ein enges religiöses Gewand zu pressen. Noch brutaler ist die Realität in Afghanistan. Unter der harten Hand der Taliban wurde Newroz 2021 offiziell als „unislamisch“ verboten. Wo einst in Masar-e Scharif die Tulpenfeste gefeiert wurden, wacht heute eine Theokratie darüber, dass keine Musik und kein Lachen den neuen Tag begrüßen. Es ist die totale Unterdrückung der Freiheit durch den religiösen Absolutismus der Religionswächter. Doch hinter verschlossenen Türen glimmt das Feuer weiter – ein Beweis, dass Symbole stärker sind als Dekrete.

Die Kurden: Zwischen antiker Legende und politischem Widerstand

Um die Bedeutung von Newroz für die kurdische Seele zu verstehen, muss man die Grenzen der reinen Folklore verlassen. Für die Kurden ist der 21. März der Moment, in dem sich die Geschichte eines Volkes in einem einzigen Funken verdichtet. Die Historikerin Delal Aydın Elhüseyni legt in ihrer Analyse für die Fachzeitschrift Kürt Tarihi (Kurdische Geschichte) eine faszinierende Metamorphose offen: Sie beschreibt, wie Newroz im Laufe des 20. Jahrhunderts von einem archaischen Frühlingsbrauch zu einem hochpolitischen Identitätsstifter umgeschmiedet wurde. Im Zentrum steht die Legende von Kawa dem Schmied. Er verlor 17 seiner 18 Söhne an den Tyrannen Dehaq. Als die Häscher auch sein letztes Kind holen wollten, erhob Kawa seinen Hammer und erschlug den Peiniger. Das Feuer, das er auf dem Gipfel entzündete, war die Geburtsstunde einer Nation. In der kurdischen Lesart ist Kawa das revolutionäre Subjekt – der Mann aus dem Volk, der zeigt, dass Freiheit erkämpft werden muss.

Das Opfer von Diyarbakır und die Absurdität der Türkisierung

In der modernen, säkularen Nationalbewegung wurde dieses Feuer durch Namen wie Mazlum Doğan neu aufgeladen. Am 21. März 1982 entzündete er im Militärgefängnis von Diyarbakır drei Streichhölzer als Fanal gegen die Folter und nahm sich das Leben. Er hinterließ die Botschaft: „Widerstand ist Leben“. In den blutigen 1990er Jahren versuchte der türkische Staat, dieses Feuer mit aller Macht zu löschen. Doch als die Verleugnung scheiterte, geschah etwas Aberwitziges: Der Staat versuchte, Newroz zu türkisieren. Plötzlich wurde behauptet, es sei ein ur-türkisches Fest namens Ergenekon. Man änderte die Schreibweise offiziell in Nevruz, ließ Beamte in Anzügen hölzern über kleine Flammen springen und versuchte, den kurdischen Kern administrativ auszulöschen. Es war der klägliche Versuch einer Aneignung einer Identität, die man zuvor jahrzehntelang verfolgt hatte.

Von Oberhausen nach Frankfurt und Bonn: Das Augsburger Mosaik

Newroz wird heute überall gefeiert, doch die Ströme der Diaspora teilen sich auf. In Deutschland bilden Frankfurt und Bonn die zentralen Kraftpole der politischen Mobilisierung. Während in Bonn heute Abend die Legende Şivan Perwer auftritt – dessen Stimme schon in den dunkelsten Jahren der Unterdrückung die einzige Flagge war, die nicht konfisziert werden konnte –, erleben wir in Augsburg die lokalen, tief verwurzelten Facetten dieser Weltgeschichte.

Im Alevitischen Kulturzentrum und Cem-Haus in Augsburg-Oberhausen begegnen wir dem sakralen Nevruz der Stille und der weißen Milch. Hier ist es der Tag der Geburt Imam Alis, ein Moment der Schöpfung und der inneren Reinheit. Ganz anders stellt sich die Situation am Autobahnsee dar. Hier kommen vor allem die ezidischen Kurden zusammen. Für sie ist Newroz kein Erbe der politischen Kämpfe von Mazlum Doğan, sondern ein uralter religiöser Ritus, der ihre jesidische Identität und ihre jahrtausendealte Verbindung zu den Zyklen der Natur feiert. Es ist das Fest der Schöpfung, das weit vor den politischen Instrumentalisierungen der Moderne steht.

Der Neue Tag in der Friedensstadt: Von der Glut zur Wahlurne

Wenn wir heute das Newroz-Feuer entzünden, tun wir dies in einer Stadt, die morgen vor einer demokratischen Entscheidung steht. In der Stichwahl entscheiden wir über das künftige Stadtoberhaupt Augsburgs. Für uns, die oft aus Regionen kommen, in denen Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit ist, ist dieser Urnengang eine wertvolle Gelegenheit. Sie ist die friedliche Ausübung jenes Rechts, für das Kawa symbolisch den Hammer schwang: Das Recht, die eigene Zukunft mitzugestalten.

Wir feiern heute unsere Vielfalt am Autobahnsee und im Cem-Haus, und morgen tragen wir diese Vielfalt in die Wahlkabine. Denn Frieden und Demokratie in einer Stadt wie Augsburg leben davon, dass wir sie aktiv mit Leben füllen. Die migrantische Perspektive ist kein Fremdkörper, sondern ein wichtiger Teil des Augsburger Mosaiks. Wer die Geschichte von Newroz kennt, weiß den Wert einer freien Entscheidung zwischen zwei Kandidaten zu schätzen – ganz gleich, wem man am Ende das Vertrauen schenkt. Möge dieses Newroz uns Wärme spenden und uns daran erinnern, wie kostbar das Zusammenleben in dieser Stadt ist. Bewahren wir den Frieden, indem wir unsere Stimme nutzen und so die Verantwortung für unsere gemeinsame Heimat Augsburg übernehmen.

Egal, ob ezidisch, persisch, kurdisch, alevitisch oder säkular – egal, wie man es schreibt: Newroz, Nevruz, Nowruz oder Nouruz. Möge dieser Morgen das neue Jahr der Freiheit einläuten. Für uns alle, für Augsburg.

Newroz pîroz be! Nevruz kutlu olsun! Nowruz Mobarak! Jin, Jiyan, Azadî!

Widerstand ist Leben – Wählen ist Freiheit!



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