Eine kurze Geschichte der Zeit: 1966 bis 2014
Die Fußballweltmeisterschaft findet alle vier Jahre statt. Es gibt Menschen, die ihr Leben in den Phasen dazwischen organisieren und bewerten. In vier Jahren kann man ein Studium bewältigen, eine Berufsausbildung abschließen, Karriere machen oder eine Regierung kommen und gehen sehen. Alles fließt, nur im Jahr einer WM bleibt die Zeit stehen. In diesem Jahr verfolgt der Mensch den Flug des Balles und die damit verbundenen Gesetzmäßigkeiten des Triumphs und der Tragödie. Soziologen sprechen vom „letzten Lagerfeuer“ der Menschheit, vom letzten Ereignis, an dem sich die Menschheit gemeinsam wärmt. Doch das ist falsch. Die Fußballweltmeisterschaft ist zu einer Spielart des epischen Theaters geworden. Ein Theater der Welt. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Das Wort Schillers ist ein Lehrsatz der Aufklärung und der Ausgangspunkt einer Revolution, die den Blick auf uns selbst schärfen und somit den Lauf der Welt radikal verändern sollte. Am heutigen Montag werden die 23 Spieler bekannt gegeben, die in Brasilien etwas vertreten werden, das niemand so genau beschreiben kann. Sicher ist nur, dass wir uns irgendwie damit identifizieren.