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Donnerstag, 23.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kommentar zur Theatersanierung: Im Labyrinth der fortlaufenden Kosten

Die Theaterplanung windet sich von einer Verlegenheit in die andere, doch möglicherweise gibt es eine Planung, die begeistert und den Theaterstandort weiterbringt

Kommentar von Siegfried Zagler

I Der Relevanzschwund

Während sich die großen philharmonischen Orchester und Bühnen wie in Berlin, München, Stuttgart, Madrid, Paris, Wien, Mailand und Frankfurt als qualitiativ hochkarätige Kultureinrichtungen im Bewusstsein der europäischen Gesellschaften verfestigt haben – und somit (wie der Vatikan für die Katholiken) im Status des Unverzichtbaren schweben, befinden sich die bundesdeutschen Theatersysteme unterhalb dieser unangreifbaren Kategorien in einem langwierigen Prozess der Hinterfragung. Dafür sind zwei Gründe anzuführen: Erstens leiden die Kommunen immer stärker an chronischen Finanzproblemen und zweitens befindet sich die Theaterkunst bezüglich ihrer gesamtgesellschaftlichen Relevanz im Sinkflug.

Auf der einen Seite muss sie in Augsburg zum Beispiel die kulinarischen Bedürfnisse des Abonnentenpublikums und der (in dieser Hinsicht) anspruchsvollen Umlandbevölkerung bedienen. Auf der anderen Seite soll sie zum Zusammenhalt der Stadtgesellschaften beitragen und bei der Integration des Fremden mithelfen. Doch damit nicht genug: Selbstverständlich sollte sie auch die kritische Reflexion der real existierenden Gesellschaft betreiben – und dabei ästhetisch anspruchsvolle Geschichten erzählen. Die Theater sollten für die Arbeiterklasse den Ausgang aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit finden und für die Klein- und Bildungsbürger die „weltfremden“ Versprechungen der Religionen ersetzen. Dabei sind sie – wen wundert’s? – in Bausch und Bogen gescheitert.

Die deutschen Regietheatersysteme sind mit ihren kulinarischen Konzepten und mit ihren selbstformulierten Aufklärungsansprüchen aber nicht nur an der eigenen Selbsterhöhung gescheitert, sondern schlicht am „Lauf der Zeit“, da die staatlichen Bildungsanstalten, damit sind die Schulen und die Universitäten gemeint, längst keine Brücken mehr zu den Theatern bauen. Die Qualitätsbehauptungen sind Selbstreferenzen der Theaterszene. Der Glaube des kleinstädtischen Publikums an diese Qualitätsformulierungen im Zusammenspiel mit den lokalen Feuilletons sind eine Art Nibelungenschwur gegen die Kraft der Gegenwart geworden. Eine Gegenwart, die sich längst nicht mehr an den ästhetischen Entwicklungen und an den Geschichten auf den Theaterbühnen reibt.

II Die Umplanung von der Umplanung

Abriss Brechtbühne: Mit der ehemaligen Brechtbühne, den Bühnen im Martinipark und im Gaswerk würde die Stadt mit dem neuen Schauspielhaus an der Volkhartstraße das 4. Schauspielhaus in einem Zeitrahmen von zirka 10 Jahren bauen – Foto: DAZ

Wenn man Theater in Soft- und Hardware unterteilt, dann ist der laufende Betrieb mit seiner Verwaltung, seinen Musikern, Handwerkern, Schauspielern, Tänzern usw. die Software. Personalkosten sind Software-Kosten, die Häuser und Bühnen mit ihren Unterhalts- und Sanierungskosten die Hardware. Augsburg ist kürzlich zum Staatstheater „ernannt“ worden. Eine kostspielige Ehre, weil dadurch der Betriebskostenanteil der Stadt in absehbarer Zeit so deutlich steigt wie der Selbstbestimmunganteil bezüglich der künstlerischen Ausrichtung sinkt.

Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Das Thema der vergangenen Woche war und bleibt ein Hardware-Thema, nämlich die unerwarteten Mehrkosten von Bauteil II (Schauspielhaus, Werkstätten, Lager, Verwaltung), das unterm Strich 20 Millionen Euro teurer werden soll, besser: sollte, denn die Planung, die diese Mehrkosten aufrief, gilt nicht mehr. Sie soll nun von dem beauftragten Planer erneut gravierend verändert werden. Die Rede ist von Walter Achatz, der seit Beginn des Jahrhundertprojekts Vorentwurfsplanungen liefert, die aus Kostengründen immer wieder umgeplant werden mussten.

Die erste Planung rief eine Kostenschätzung von 235 Millionen Euro auf. Das war zu Beginn 2015. „Das können wir nicht stemmen“, sagte OB Kurt Gribl damals. Die Summe müsse deutlich unter 200 Millionen liegen, erst dann wolle man Fördermittel beantragen. Damals regte sich nicht nur Widerstand aus der Bürgerschaft, sondern auch der Stadtrat war wegen städtebaulicher Bedenken in Aufruhr. Es wurde vorgeschlagen, umgeplant vorgeschlagen, umgeplant. Der ausgelagerte gläserne Orchesterprobensaal an der Volkhartstraße (immerhin das einzig erkennbare ästhetische Merkmal der Planung) verschwand, tauchte wieder auf, verschwand wieder usw. Die Verwaltung sollte zwischendurch in dem ehemaligen Postgebäude an der Grottenau verortet werden. Dann folgte ein Vorentwurf, der unter 190 Millionen lag, es gab einen Grundsatzbeschluss für Bauteil I und II sowie einen Projektbeschluss für das Große Haus (Bauteil I) und einen Kostendeckel für das Gesamtprojekt.

III Ist das noch eine Planung, die man sich für das Staatstheater Augsburg wünscht?

Am vergangenen Donnerstag erklärte Walter Achatz dem Augsburger Stadtrat, wie die Mehrkosten von 20 Millionen Euro zustande kamen. Achatz überstand die kritischen Anmerkungen von Baureferent Merkle, OB Gribl und einigen Stadträten mit ein paar Kratzern, aber ohne Beulen. Die SPD verschickte während der Stadtratssitzung eine PM, in der sie betont, dass die SPD an dem 2016 beschlossenen Kostendeckel von 187 Millionen Euro festhalten werde. Würde man dieses Statement ernstnehmen, müsste die SPD ab sofort gegen jeden Beschluss zur Theatersanierung stimmen, denn „187 Millionen Euro für die Theatersanierung“ sind eine Kostenschätzung, die von anderen Projekten dieser Größenordnung abgeleitet wurde. Eine Prognose also, aber keine Kostenplanung. Die solle nun vorangetrieben werden und es ist damit zu rechnen, dass die neue Planung zu Bauteil II die von Fachplanern kalkulierten Kosten von 92 Millionen wieder an die ursprünglich geschätzten 72 Millionen Euro heranführt. Die „Granatenmeldungen“ bezüglich der Kostenmehrung sind ohnehin von Bauteil I zu erwarten (Sanierung Großes Haus). Dafür gab es einen 25-Millionen-Puffer für unvorhersehbare Kosten, der jedoch fast schon verbraucht ist.

Die 2016 vorgestellte Planung wurde damals von der Theaterleitung und den Architeken als „Notwendigkeit“ bezeichnet. Es handle sich nicht um eine Luxusplanung, sondern um eine normale Planung, die den Anforderungen eines funktionierenden Theaterbetriebs gerecht werde. Diese Planung ist nun aber Geschichte: Ein Untergeschoss wird eingespart (Lagerplatz) und das Schauspielhaus soll nun dorthin, wo ursprünglich der Orchesterprobensaal stehen sollte. Wie ein Theater mit 400 Plätzen auf diesen kleinen Platz gebaut werden kann, fragt sich der Laie. Die Planung sagt, dass das gehe, wenn man das Foyer einspare. Das neue Schauspielhaus soll mit dem Foyer des Großen Hauses verbunden werden.

Was bedeutet das neue Schauspielhaus an der Volkhartstraße städtebaulich? Ist das noch eine Planung, die man sich für das Staatstheater Augsburg wünscht? Ist es nicht so, dass eine Planung, die sich der Kostenverminderung absolut unterwirft, nur noch vor sich hinmurkst? Das sind relevante Fragen, die Stadtrat Volker Schafitel (FW) am Donnerstag dazu veranlassten, ein Moratorium zu fordern. Damit ist ein Stopp der gesamten Planung gemeint, schließlich stolpere man von einer Umplanung zur anderen. Man muss befürchten, dass am Ende etwas gebaut wird, das a) der Funktionalität des Theaters nicht gerecht wird und b) trotzdem teuer ist.

Martina Wild (Grüne) plädierte im Stadtrat sehr verhalten dafür, dass man die gesamte Planung nochmal überdenken könnte, indem man die beiden aktuellen Interimsspielstätten einbezieht. Was würde das für Bauteil II bedeuten, wenn man sich vor Augen führt, dass man im Gaswerk und im Martinipark bereits zwei funktionierende Schauspielhäuser hat, die vom Theaterpublikum als großartige Häuser wahrgenommen werden? Eine gute Frage, die man auch anders formulieren könnte: Warum sollte man an der Volkhartstraße ein drittes Schauspielhaus bauen, wo man doch bereits zwei hat?

 IV Wer ist politisch verantwortlich?

„Prospektpolitik“: Solide Prospekte nach vagen Kostenprognosen Bildnachweis: DAZ

Eine andere offene Frage ist die Frage der politischen Verantwortung. OB Kurt Gribl befindet sich als OB im Vorruhestand, im Mai 2020 ist er als Oberbürgermeister Geschichte. Für das Projekt Theatersanierung müssen andere Verantwortung übernehmen. Beim Bauskandal Curt-Frenzel-Stadion konnte die Politik den Schaden (die Mehrkosten) auf die Architekten abwälzen, konnte man die Mehrkosten schönrechnen und die mutmaßlich politisch Verantwortlichen konnten sich halbwegs aus der Affäre ziehen. Bei der Theatersanierung geht es um ganz andere Summen. Es handelt sich um ein Projekt mit einer Größenordnung, die die städtische Finanzsituation prägt. Bei einem Projekt dieser Kategorie muss es definierte politische Verantwortung geben – und es wäre womöglich klug, einen Planungswettbewerb, einen Ideenwettbewerb  auszuschreiben. Ob es für das Bauteil II nicht eine Planung geben könnte, die begeistert und den Theaterstandort deutlich weiterbringt als die aktuelle Planung, wissen wir so lange nicht, solange man nicht davon Abstand nimmt, um den Geist für neue Ideen freizumachen.

Auch die Frage, die am stärksten brennt, wird von der politischen Stadt ignoriert: Welche Projekte und welche gesamtstädtischen Fortentwicklungsprozesse werden durch die Kosten der Theatersanierung verzögert beziehungsbeweise blockiert? Bei der ins Stocken geratenen Schulsanierung „haben wir uns mit dem geschnürten Paket mit 300 Millionen zu sehr zufrieden gegeben und haben uns dabei in die Tasche gelogen“, sagte Stadträtin Claudia Eberle (Pro Augsburg) kürzlich im Bildungsausschuss, als Referent Hermann Köhler die geplanten Schulsanierung wegen Geldmangel aussetzen wollte.

V Schluss mit der Prospektpolitik

Wo fehlen die Mittel der Theatersanierung, wo brennen die dadurch evozierten Finanzdefizite am schmerzvollsten? Bei der städtischen Museenlandschaft (Stichwort: Römer, Stichwort H2), bei der dringend notwendigen Schulsanierung oder der Fertigstellung des Königplatzumbaus? Die Augsburger Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Der Weltkulturerbetitel erfordert den Bau eines Informationszentrums. Ist Politik noch vermittelbar, wenn sie Defizite verwaltet und wichtige Projekte auf den St. Nimmerleinstag verschiebt, aber ein Theater saniert und dafür 200 Millionen Euro ausgibt?

Die Stadt Augsburg muss sich von ihren Prospektvorstellungen verabschieden und seriöse Politik machen. Sie muss belastbare Zahlen liefern und eine politisch begründete Projekt-Priorisierung abliefern, die den Bürgern dieser Stadt vor Augen führt, wohin die Reise gehen soll. Der erste Schritt dazu ist noch nicht gemacht, nämlich eine solide Grundlagenermittlung. Das gilt für die Schulen wie für das Theater. Erst wenn die Bürger wissen, was genau zu tun ist und wie hoch die Kosten dafür sind, sind sie in der Lage dazu eine Meinung zu entwickeln.

Bei der Schulsanierung haben wir bereits ein unausgesprochenes Moratorium, bei der Theatersanierung wäre es das Gebot der Stunde.

 

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