Kahnfahrt: Wie viel Veränderung verträgt ein historischer Ort?
Rund 60 Interessierte diskutierten am Montagabend, 13. Juli, im Pfarrsaal von St. Max über die Zukunft der Kahnfahrt. Bei der Veranstaltung der altaugsburggesellschaft wurden die bisherigen Planungen der Regio Augsburg Tourismus GmbH vorgestellt – und zahlreiche Fragen zur weiteren Entwicklung des traditionsreichen Ortes aufgeworfen.
Von Bruno Stubenrauch
Gastro-Dampfer an der Kahnfahrt (Visualisierung: Architekturbüro Rumstadt, Bildnachweis: altaugsburggesellschaft)Die Kahnfahrt am Oblatterwall gehört zu den besonderen historischen Orten Augsburgs. Bei der Informationsveranstaltung der altaugsburggesellschaft stand deshalb nicht nur die geplante bauliche Entwicklung im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie der Charakter der Anlage erhalten werden kann.
Der Vorsitzende der altaugsburggesellschaft, Sebastian Berz, erinnerte zunächst an die historische Bedeutung des Areals. Die Wallanlage mit Wassergraben habe ihre heutige Struktur bereits im Kilianplan von 1626 erkennen lassen. Später diente die Kahnfahrt als Floßlände. Über den Wasserweg wurden unter anderem Bauholz und Schießpulver transportiert; regelmäßig gingen Flöße von Augsburg aus bis nach Wien – ein möglicher Auslöser für Karl Albert Gollwitzers Vision einer Hafenanlage aus dem Jahr 1900.
Die gastronomische Nutzung begann erst im 20. Jahrhundert. In den 1940er Jahren entstand entlang der Stadtmauer eine überdachte Bewirtungsmöglichkeit. Berz stellte die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte gegenüber: Während der Oblatterwall noch nach dem Zweiten Weltkrieg von Industriegebäuden und Fabrikhallen geprägt war, sei heute ein Wohnumfeld entstanden. Daraus ergebe sich die Frage, wie eine intensivere gastronomische Nutzung mit dem jetzt gewachsenen Umfeld vereinbar ist.
Zwei Konzepte – und eine dritte Idee
Im Mittelpunkt des Abends standen die bisher bekannten Planungen für die Weiterentwicklung der Kahnfahrt. Die Regio Augsburg Tourismus GmbH als Auftraggeber verfolgt gemeinsam mit Architekt Michael Rumstadt ein Konzept, das unter anderem eine neue Steganlage, einen Terrassenbereich in zwei Ebenen und langfristig ein Gastronomieschiff vorsieht.
Die altaugsburggesellschaft stellt diesen Überlegungen eine eigene Variante gegenüber. Ein wesentlicher Unterschied liegt bei der witterungsgeschützten Bewirtung: Während die Regio-Planung das Gastro-Schiff vorsieht, setzt die altaugsburggesellschaft auf eine Nutzung und behutsame Erweiterung des bestehenden Gebäudes und ein geschlossenes Schirmdach.
Auch bei der Gestaltung der Außenbereiche gibt es Unterschiede. Nach Darstellung der altaugsburggesellschaft würde eine breitere, dreistufige Terrasse mit flacheren Treppen der Situation besser gerecht. Bei der geplanten Steganlage sieht der Verein zudem mögliche Probleme für den Bootsbetrieb und schlägt einen Längsanlegeplatz vor.
Aus dem Publikum kam ein weiterer Vorschlag: Eine Zuhörerin vermisste eine dritte Variante – die Rückkehr zu der früheren Lösung mit einer Überdachung entlang der Stadtmauer.
Warnung vor unterschätztem Aufwand eines Schiffs
Einen besonderen Blick auf das Thema Gastronomieschiff brachte der Architekt John Höpfner ein. Er berichtete aus seiner Arbeit an der Sanierung des ehemaligen Dampfschiffs Andechs, das heute als schwimmendes Clubheim seines Vereins, der Bayerischen Seglervereinigung genutzt wird.
Das 1907 gebaute, rund 30 Meter lange Schiff, vom Verein 1956 für 7.000 DM erworben, wird seitdem im 15- bis 20-jährigen Turnus aufwändig saniert. Zurzeit steht es im Trockendock in Stegen am Ammersee. Die aktuelle Sanierung wird nach Angaben Höpfners rund 750.000 Euro kosten. Der Verein investiert neben angesparten 300.000 Euro zudem erhebliche Eigenleistungen: allein 4.500 Arbeitsstunden seien bereits in die Aufbauten geflossen. Rund 30 Prozent des stählernen Schiffsrumpfs mussten erneuert werden.
Fehlende Infrastruktur für die Wartung
Höpfner warnte davor, den Unterhalt eines Schiffes im Wasser zu unterschätzen. „Sobald ein Schiff im Wasser liegt, ist das Wasser ein Gegner“, lautete seine zentrale Botschaft. Mit einem Augenzwinkern schilderte er, dass zuletzt sogar Bewuchs und Schmutzablagerungen eine erhebliche Rolle für die Dichtigkeit der Andechs gespielt hätten. Seine Einschätzung: Ohne geeignete Infrastruktur für Wartung und Reparaturen, wie man sie am Ammersee u.a. mit einem Trockendock habe, sei ein dauerhaft an der Kahnfahrt im Wasser liegendes Schiff mit erheblichen Herausforderungen verbunden.
Er stellte drei realisierte Lösungen vor, bei denen Schiffe zur Weiternutzung trocken aufgestellt wurden. Dann sei das Schiff aber ein Fremdkörper, gerade in einer von Wasser und historischer Struktur geprägten Anlage. Der besondere Reiz der Kahnfahrt liege gerade darin, auf das Wasser schauen zu können.
Bürger wünschen Klarheit über weitere Schritte
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass viele Teilnehmer eine behutsame Weiterentwicklung der Kahnfahrt wünschen. Gleichzeitig wurde die Forderung laut, die Planungen transparent zu erläutern und die Bürger stärker einzubeziehen.
Sebastian Berz betonte, Ziel der Veranstaltung sei nicht eine Blockade der Entwicklung, sondern der Austausch mit den Verantwortlichen. „Die Stadt soll kommunizieren, wie sie es will“, sagte er sinngemäß. Er zeigte sich überzeugt, dass Impulse aus der Bürgerschaft auch in politische Beratungen einfließen werden.
altaugsburggesellschaft sucht den Austausch
Berz sieht seinen Verein in einer moderierenden Rolle. Man wolle die Diskussion fortsetzen: „Wir werden einen Königsweg finden. Die Stadträte brauchen den Impuls von der Basis“, so Berz. In einem Schreiben an Oberbürgermeister Dr. Florian Freund fasst der Verein die bei der Veranstaltung geäußerten Bedenken zusammen und bittet darum, die bisherigen Planungen hinsichtlich ihrer Machbarkeit nochmals zu prüfen.
Wie die Kahnfahrt künftig aussehen wird, ist damit weiterhin offen. Fest steht: Der historische Ort steht vor der Herausforderung, Tradition, neue Nutzung und die Interessen des gewachsenen Wohnumfelds miteinander zu verbinden.
Mehr Informationen: Gegenüberstellung der Planungen Regio/Rumstadt und altaugsburggesellschaft (pdf, 4,39 MB)




