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Montag, 25.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Die Dialektik des Feigenbaums: In Erinnerung an den Augsburger Kulturpionier Fikret Yakaboylu

Es gibt Menschen, deren Anwesenheit man erst wirklich begreift, wenn sie fehlen. Fikret Yakaboylu, von vielen in dieser Stadt schlicht und liebevoll Fikret Hoca genannt, war so ein Mensch. Am 22. Mai 2026 ist er nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren gestorben. In Augsburg hinterlässt er nicht nur eine Lücke. Er hinterlässt eine Stille, die man kaum aushält.

Von Sait İçboyun

Ich nannte ihn so, andere riefen ihn Abi – großer Bruder – oder eben Hoca. Er selbst pflegte darauf oft mit jenem typischen, unter linken säkularen Türken gängigen Witz zu reagieren, wenn man ihn so ansprach: „Den Hoca kannst du in der Moschee suchen!“ Er lachte dann sein tiefes, verschmitztes Lächeln. Und doch passierte genau das, was so oft in seiner Gegenwart geschah: Der Begriff transformierte sich. Denn Hoca bedeutet im säkularen, linken Kontext eben nicht den Geistlichen, sondern den Lehrer, den Mentor und ist gleichzeitig eine tiefe, respektvolle Ehrerweisung. Eine Ehre und eine familiäre Wärme, die er sich über Jahrzehnte hinweg still und unaufgeregt erarbeitet hatte.

Als wir bei der DAZ mit der Reihe „Stadt gestalten“ begannen, stand sein Name ganz weit oben auf meiner Liste. Ich wollte diesen Kosmos unbedingt festhalten. Als ich dann von seiner schweren Erkrankung erfuhr, entschied ich mich aus Rücksicht, mich erst einmal nicht zu melden – ich wollte ihm in dieser schweren Phase keine zusätzliche Belastung zumuten. Ein zivilisatorischer Fehler, wie sich herausstellen sollte. Als ich schließlich die Initiative ergriff, war es bereits zu spät. Das Schicksal hat uns die Zeit für dieses letzte große Gespräch gestohlen. Besonders bitter holt mich diese Dynamik im Rückblick ein: Als ich vor Kurzem den Text „Die Leihgabe“ schrieb, ahnte ich nicht, dass Fikret Hoca mit dem dort beschriebenen Mann, der an Lungenkrebs litt, extrem eng verbunden war. Die beiden wohnten in der Alten Gasse Wand an Wand – direkt neben dem Lebenswerk des Hocas, dem Café Neruda.

Obwohl der eine seine Zeit im kurdischen Widerstand verbracht hatte und Fikret Hoca auf den Barrikaden des linken, säkularen Widerstands gegen den aufkommenden türkischen Faschismus gekämpft hatte, teilten sie ein ganzes Universum. Bevor sie in Augsburg Nachbarn wurden, waren sie sich in der Türkei zwar nie direkt begegnet, aber sie kannten persönlich dieselben historischen Schlüsselfiguren. In der Alten Gasse verbrachten sie schließlich etliche Abende miteinander, sprachen über die alte Geschichte, diskutierten und vertieften sich oft in leidenschaftliche innerideologische Debatten. Das große Interview, das ich für die DAZ führen wollte, hatte ich unbedingt auf Türkisch geplant – denn wenn Fikret Hoca anfing, in seiner Muttersprache zu erzählen, öffnete sich kein normales Interview, sondern ein lebendiges Geschichtsbuch voller feiner Anekdoten. Ich bin heute unendlich froh und erleichtert, dass ich eine kurze Tonaufzeichnung von ihm besitze. So ist zumindest ein Fragment dieser Stimme gerettet und nicht alles ganz verloren gegangen.

Ich muss in diesen Tagen oft an unsere allererste Begegnung zurückdenken, die diese ganze Verbindung überhaupt erst anstieß. Wir trafen uns ausgerechnet in der Moschee an der Blauen Kappe. Es war der Tag der offenen Moschee, und ich war reiner Neugier halber dort, um mir überhaupt zum ersten Mal ein solches Gotteshaus von innen anzuschauen. Dort stieß ich auf ihn. Auch Fikret Hoca war da, wir kamen ins Gespräch und liefen schließlich gemeinsam quer durch die Stadt bis zu den Arkaden am Moritzplatz. Dort, im Schutz der Arkaden, fragte ich ihn geradeheraus, ob er denn ein regelmäßiger Moscheegänger sei und was ihn zum Tag der offenen Tür geführt habe. Er schaute mich an und sagte ganz ruhig: „Ich habe an der Figur Jesus meinen Frieden gefunden. Ich bin Katholik.“ Es faszinierte mich augenblicklich, wie unbefangen, tief und offen er über Religion sprach. Er erzählte mir an diesem Tag noch vieles mehr, das ein wertvolles Geheimnis zwischen uns bleibt, aber es legte das Fundament für alles, was folgte.

Auch an die Zeit, als das Kulturcafé Neruda eröffnet wurde und ich dort öfters einkehrte, muss ich denken. Bei einer dieser Begegnungen erzählte er mir, wie er sich schon in seiner Jugend leidenschaftlich für die Freiheit des kurdischen Volkes und für ein freies Kurdistan eingesetzt hatte. Um mir das zu demonstrieren, stimmte Fikret Hoca damals mitten im Café ein kurdisches Lied an. Es war sein Weg, mir vor Augen zu führen: Ich war hier noch nicht einmal geboren, als er schon im Widerstand auf den Barrikaden stand – gegen einen aufkommenden türkischen Faschismus, der so unendlich vielen Menschen das Leben geraubt hatte. Es hat mich zutiefst beeindruckt, wie er damals sang. Denn für Fikret Hoca gab es keine Trennung zwischen den vermeintlichen Identitäten, Farben oder Sprachen der Menschen. Sein tiefer Humanismus verband ihn bedingungslos mit all jenen, die an die Vielfalt, an den Frieden und an die universellen Werte des bloßen Menschseins glaubten.

Lehrer, Mentor, Wegweiser und Begleiter

Wer versucht, ein solches Leben in Worte zu fassen, stößt schnell an Grenzen. Fikret Hoca war kein Mensch, den man in eine einzige Schablone pressen könnte. Er war Lehrer, Mentor, Wegweiser und Begleiter für so viele unterschiedliche Menschen in dieser Stadt. Jede und jeder, der ihm begegnete, trägt eine eigene, ganz persönliche Erinnerung an ihn im Herzen. Ein einziger Text kann und will dieser enormen Vielfalt an Begegnungen nicht absolutistisch gerecht werden. Was folgt, ist kein vollständiges Porträt, sondern der Versuch einer Annäherung – geformt aus eigenen Beobachtungen, geführten Gesprächen und Recherchen. Ein Mosaikstein des Gedenkens an einen Mann, der unzählige Leben berührt hat.

Um diesen unbändigen Drang, Menschen zusammenzubringen, wirklich zu verstehen, muss man jedoch tiefer graben. Fikret Hocas unerschütterliches Credo des reinen Menschseins war kein später, altersmilder Kompromiss – es war das Fundament einer langen, generationenübergreifenden Geschichte des Widerstands. Über vier Jahrzehnte lang war er in dieser Stadt das, was man nicht bestellen kann: ein Gewissen mit Humor. Ein Kommunist, der später ein Kreuz trug. Ein Türke, der Brecht liebte. Ein Freigeist, der die Metapher eines Feigenbaums lived. Widersprüche, die in seiner Gegenwart aufhörten, welche zu sein. Er pflegte zu sagen, er habe gar keine andere Wahl gehabt, als zu werden, was er war:

„Meine Familie – mütterlicherseits wie väterlicherseits, bis hin zu den Großeltern – stammt von alten Bosniern ab, von alten Kommunisten. Wir sind mitten in diesem Milieu aufgewachsen. Etwas anderes habe ich von Anfang an gar nicht kennengelernt. Die Väter meiner Großmutter und Mutter gehörten zu den ersten Mitgliedern der alten Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) – das waren noch Männer aus der Ära von Mustafa Suphi.“

Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Die Ära von Mustafa Suphi. Das ist keine Herkunft. Das ist eine Genealogie des Widerstands, die sich über Generationen weitertrug wie ein Erbgut. In den 1970er Jahren war Yakaboylu mittendrin – im Epizentrum der studentischen Linken der Türkei, umgeben von Menschen, deren Namen heute in Geschichtsbüchern stehen:

„Taylan [Özgür] zum Beispiel war wie ein großer Bruder für mich. Wir haben so viele gemeinsame Fotos – die Leute glauben es erst gar nicht, wenn ich es ihnen nicht zeige. Taylan ist in der Türkei immer noch ein bedeutender Name. Deshalb sage ich das ja: Die meisten meiner Bekannten wurden ermordet. Ich selbst habe mich 1980 durch meine Flucht in Sicherheit gebracht. Sie haben mich in einer Nacht mit einem Taxi über die Außenbezirke von Eskişehir nach Istanbul gebracht und direkt in ein Flugzeug gesetzt.“

Direkt in ein Flugzeug gesetzt. Man hört, wie sich diese Nacht anfühlte. Die meisten seiner Freunde landeten in Kerkern, wo Folter auf sie wartete. Er entkam. Was das in einem Menschen hinterlässt – diese Mischung aus Glück und Schuld, aus Dankbarkeit und Verpflichtung –, hat Yakaboylu nie bitter in Worte gefasst. Aber man konnte es in allem spüren, was er danach tat.

Nach einer wechselvollen Phase – Freiburg, das zwischenzeitliche Architekturstudium an der Schwarzmeerküste während seines unfreiwilligen Ausreiseverbots, München und Stuttgart – fand er 1994 der Liebe wegen seine endgültige Heimat in Augsburg. In der Stadt von Brecht. Das war kein Zufall. Das war eine Logik. Hier gründete er mit Weggefährten wie dem heutigen Landtagsabgeordneten Cemal Bozoğlu (Bündnis 90/Die Grünen) und der unvergessenen Sozialberaterin Gülseren den Verein „Initiative Kreis“ – einen scharfen Gegenentwurf zum paternalistischen Assimilationsmodell jener Jahre. Nicht Anpassung. Teilhabe. Mit der eigenen Identität, nicht gegen sie.

Als Grafiker verdiente er seinen Lebensunterhalt, als Kabarettist hielt er seiner Zeit den Spiegel vor. Mit „Döner mit Sauerkraut“ zwang er Mehrheitsgesellschaft und migrantische Community gleichermaßen zum Lachen – und zum Nachdenken. In den 1990er Jahren füllte sich seine private Werkstatt jeden Abend mit bis zu 50 Menschen: Gedichte wurden vorgetragen, Saz gespielt, Welten in Berührung gebracht, die sonst aneinander vorbeiliefen. Als diese informelle Bewegung nach einer festeren Struktur verlangte, gründete er gemeinsam mit seinem Team im Jahr 2011 den Kültürverein Augsburg e.V., dessen Geschicke er fortan leitete.

Zusammen mit einem bis heute aktiven Kernteam entstand das, was die Kültürtage Augsburg heute sind: ein Festival mit Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Fikret Hoca konzipierte die Programme, schrieb jedes Jahr das neue Bühnenstück für das Kabarett und schlug die Jahresthemen vor. Und er setzte einen Grundsatz durch, an dem er nie rütteln ließ: kein Eintritt. Kunst gehört allen. Bis heute gilt das.

Wie das Neruda entstand, erzählt ebenfalls alles über sein zentrales Motiv: das unbedingte Zusammenbringen der Menschen. Es war ein Engagement in jener großen Tradition des interkulturellen Aufbruchs, wie ihn Hansi Ruile mit der Kresslesmühle auf seine ganz eigene, prägende Art für Augsburg angestoßen hatte – Kultur als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel und echte Begegnung. Anlässlich des Weltwassertags 2011 sollte er ein 200 Meter langes Bild gestalten. Er zog von Atelier zu Atelier, von Bar zu Bar, redete, überzeugte, begeisterte. Am Ende war das Werk 500 Meter lang und zog als „Wasserzeichen des Friedens“ kollektiv durch die Straßen – ein Verweis auf den Augsburger Religionsfrieden, den Fikret Hoca wie kaum jemand sonst im Alltag lebendig hielt. Bei dieser Aktion erkannte er: Diese Stadt braucht einen permanenten, geschützten Ort für dieses kollektive Miteinander. Im Herbst desselben Jahres übernahm er das marode Ladenlokal in der Alten Gasse und schuf das Kulturcafé Neruda.

Fotos: M. Mukhtari

Er dekorierte es mit eigenen Grafiken und den Werken regionaler Künstler, und wer eintrat, spürte sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Gastronomiebetrieb. Das ist ein Wohnzimmer. Eines, das allen gehörte. Bands wie John Garner, Ala Cya und Art in Crime machten hier ihre ersten Schritte. Fikret Hoca bestand darauf, ihr „Künstler-Papa“ zu sein – und meinte das so tief, dass ihn im Netz bis heute hunderte Musiker ehrfürchtig so nennen. Gleichzeitig saß am Nebentisch der Asylbewerber, der nicht wusste, wie es mit seinem Aufenthaltstitel weitergeht. Er hatte auch für ihn ein offenes Ohr. Und wenn er selbst nicht weiterwusste, aktivierte er sein Netzwerk, bis Hilfe ankam. Ein Vereinsmitglied fasste das Lokal einmal so zusammen:

„Ob du Asylbewerber oder obdachlos bist, ob du arbeitest oder gelehrt bist – im Neruda saß man nebeneinander und bekam seine Würde als Mensch zurück. Hier gab es keine Vorurteile, und man konnte den gesamten Abend über einem einzigen Glas Tee sitzen, ohne schief angesehen oder weggeschickt zu werden.“

Das war Yakaboylus eigentliches Programm. Kein theoretisches Konzept, kein bürokratischer Förderantrag. Ein Glas Tee, solange du willst. Das reine Menschsein. Auch politisch blieb das Lokal ein Kompass. Als Cemal Bozoğlu für den Landtag kandidierte und der Wahlkampfauftakt im Neruda stalffand, ließ sich Fikret Hocas Humor nicht bändigen. Ohne Bozoğlus Wissen rief er über die lokale Presse Künstler dazu auf, dessen Konterfei in historische Ikonen zu verwandeln. Wochen später hing Cemal fast achtzig Mal an den Wänden – als Nelson Mandela, als Che Guevara, als Fidel Castro. Der Hoca lachte. Bozoğlu auch, irgendwann. Die strukturelle Kontinuität des Cafés trägt heute maßgeblich Lothar Roser von der Bürgerstiftung Augsburg mit – eine stille Gewähr dafür, dass dieser Ort bestehen bleibt.

Seine späte Konversion zum Katholizismus hat manche überrascht. Der Marxist mit dem Kreuz um den Hals – das passte für viele nicht in die gängigen Schubladen. Aber wer Fikret Hoca kante, wusste: Es passte genau zu ihm. Er trug diesen scheinbaren Widerspruch in jenem Gleichnis mit sich, das er zeitlebens wie ein Mantra wiederholte und das seine ganze Existenz zusammenfasst: das Bild vom „Bunten Baum“:

„So wie an einem einzigen Ast eines Baumes Feigen, Weintrauben und die verschiedensten Früchte der Welt nebeneinander reifen und aus derselben Wurzel genährt werden, so kann auch die Menschheit trotz all icher Unterschiede in Frieden auf derselben Welt zusammenleben.“

Religiöse Grenzen. Nationale Grenzen. Soziale Grenzen. Er hielt sie alle für künstliche Einbildungen, die der Mensch sich ausgedacht hat, um nicht miteinander reden zu müssen. Seine Antwort darauf war das Neruda. War das Kabarett. Waren die „Friedensbänder“, die er zum 450. Jubiläum des Augsburger Religionsfriedens durch die Innenstadt trug. Er zwang Welten in Berührung, die es von alleine nie gewagt hätten.

Für all das wurde er geehrt: mit dem Zukunftspreis der Stadt, dem Pop-Preis ROY, der Verdienstmedaille der Stadt Augsburg. Die Preise standen gut in seiner Wohnung. Aber sie sagten weniger über ihn aus als das Glas Tee, das er jedem hinstellte, der zur Tür hereinkam.

Mit Fikret Yakaboylu verliert Augsburg mehr als einen Kulturmacher. Es verliert ein wachsames Gewissen, einen zutiefst gütigen Haltungsmenschen und den Vater einer riesigen, bunten Familie. In einer Zeit, in der Ausgrenzung wieder gesellschaftsfähig wird, hinterlässt er eine Leerstelle, die sich nicht füllen, wohl aber im Geiste seines „Bunten Baums“ verteidigen lässt. Die Pflicht, seine Räume und vor allem seine Idee des bedingungslosen Menschseins am Leben zu erhalten, liegt jetzt bei uns.

Augsburg verneigt sich vor einem großen Kosmopoliten.

Ruhe in Frieden, Fikret Hoca. Seni asla unutmayacağız.


Termine der Trauerfeierlichkeiten:

Das Requiem findet am Dienstag, den 2. Juni 2026, um 9:30 Uhr in der St. Moritzkirche (Augsburger Innenstadt) statt.

Die Beerdigungsfeier mit anschließender Beisetzung folgt um 11:00 Uhr auf dem Hermanfriedhof nahe dem Königsplatz.



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