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Dienstag, 21.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kunst

Viaggio a Reims im Martinipark: Vergnügliche Wartezeit mit hochklassiger Musik

Im Staatstheater Augsburg ist eine opera buffa zu genießen – mit viel Komik, kurzweilig und musikalisch auf höchstem Niveau  

Von Halrun Reinholz

Viaggio a Reims – Foto © Jan-Pieter Fuhr

Eine Rossini-Oper, die es nur selten auf der Bühne gibt. Warum, wird schnell klar, braucht es doch zehn oder mehr Sängerinnen und Sänger, die gleichwertig auf Augenhöhe singen und agieren können, praktisch lauter Hauptrollen. Das hat historische Gründe – Rossini komponierte die Oper zu einem bestimmten Anlass, der Krönung des französischen Königs Charles X. im Jahr 1825, und zog sie nachher wieder zurück, um einzelne Teile für andere Werke zu verwerten. Und auch, weil die Rollen bestimmten Sängerinnen und Sängern auf den Leib geschrieben waren. Die Königskrönung steht auch im Mittelpunkt der Handlung dieses „Dramma giocoso“ – sofern von einer Handlung die Rede sein kann. Die „Reise nach Reims“ findet nämlich, ganz im Gegensatz zum Versprechen im Titel, gar nicht statt, denn eine internationale Gesellschaft von Adligen, die der Königskrönung beiwohnen wollen, strandet in einem Hotel, weil keine Pferde und Kutschen mehr für die Fahrt nach Reims zur Verfügung stehen.

Rossini versteht es meisterhaft, die Nicht-Handlung dieses Einakters (!) über weit mehr als zwei Stunden humorvoll, kurzweilig und musikalisch hochklassig zu gestalten. Doch auch die Regie ist kongenial gefordert, den Wartezustand als szenisch spannendes und vergnügliches Spiel zu präsentieren.

In Augsburg versucht sich Stefania Bonfadelli daran – selbst ursprünglich ausgebildete Opernsängerin, die die Tücken eines solchen Werks – zumindest aus der Sicht der Sänger –  kennt. Das Luxushotel des 19. Jahrhunderts wird bei ihr zum zeitgemäßen Sport- (konkret:  Tennis-) Hotel. Die Bühne ist somit ein Tennisplatz, auf dessen Rasen sich diverse amouröse Verwicklungen, Missverständnisse, Eifersuchtsdramen und – als szenischer Höhepunkt – ein Schlagabtausch unter Männern in Form eines Tennis-Matchs in Zeitlupe abspielen.

Das Sport-Ambiente erlaubt auch eine farbenfrohe Kostümierung der Protagonisten, vor allem der Damen, in pink-glänzend oder neongelb (Kostüme: Valeria Donata Betella). Es geht also sehr lustig zu in diesem Wartestand, von Ärger oder Frust über die verhinderte Abreise keine Spur, denn man hat sich gerade so richtig kennengelernt und Gefühle füreinander entwickelt, die nicht immer auf Gegenliebe stoßen, Sympathien und Antipathien, die alle mittels herrlicher Arien oder Duette erörtert werden müssen.

Dass sich bei den spaßhaften Charakteren auch viel Komik zeigt, liegt in der Natur der opera buffa und an der Freude Rossinis an diesem Genre. Die Gefahr des Abrutschens in die Abgründe der Klamotte zeigt sich dabei immer wieder, doch Regie und Ensemble überschreiten die Grenze eher selten.  Dass auch das Orchester unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Ivan Demidov Komik kann, wissen wir spätestens seit der Aufführung der Schostakowitsch-Operette „Moskau, Tscherjomuschki“, wo Demidov und seine Musiker Teil des satirischen Schlagabtauschs waren.

Auch in „Viaggio a Reims“ bringt sich Demidov ein und unterstützt mit den Philharmonikern die komische Leichtigkeit der Oper. Was die Sängerinnen und Sänger anbelangt, ist dieses Werk schwer zu stemmen für ein kleines Haus wie Augsburg. Was an Potenzial im Ensemble fehlt, wird durch Gäste ergänzt. Als herausragend erweist sich einmal wieder Jihyun Cecilia Lee, die als Corinna vor allem im „Harfenlied“ lyrisch in Erscheinung tritt, aber im Dialog mit dem übergriffigen Cavalier Belfiore (Niklas Mayer) auch klare Kante zeigt. Olena Sloia erweist sich in der Rolle der Contessa die Folleville als Energiebündel mit hochgradig komödiantischem Potenzial. Sehr positiv fiel auch Ensemble-Neuling Ekaterina Aleksandrova als Marchesa Melibea auf, die der Anlass für das Eifersuchts-Match zwischen dem Conte di Libenskof (Claudio Zazzaro, ebenfalls neu im Ensemble) und Don Alvaro (László Papp) ist, was den dreien viele Gelegenheiten zum musikalischen Austausch bietet. Das eigentlich Zeitgemäße dieser Oper ist aber die Botschaft des Zusammenhalts und des Respekts unter den (europäischen) Nationen.

Als das Stück vor zwei Jahren auf den Spielplan gesetzt wurde, konnten die Verwerfungen der Pandemie und vor allem der Krieg vor der europäischen Tür nicht vorausgesehen werden. Rossini lässt eine internationale Gruppe – wie das zu seiner Zeit unter den Adeligen üblich war – jeweils ihre nationalen Eigenheiten unter dem Respekt und Applaus aller anderen Teilnehmer zelebrieren. Da erklingt die (heutige) deutsche Hymne neben russischen, polnischen, italienischen und spanischen Melodien als Hommage an ein vereintes Europa, das als Idee so neu gar nicht ist. Zuletzt – und da wird es dann doch ein bisschen kitschig – schreitet der zu krönende Kaiser Karl X. wie ein Geist, umhüllt von einer französischen Fahne, durch den Saal auf die Bühne und zeigt sich der versammelten Gesellschaft.

Ziel erreicht, zumindest gefühlt, auch ohne die Reise nach Reims. Und man hat sich beim Warten köstlich amüsiert miteinander.

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