DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 30.09.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Theater

Mutter Courage im Martinipark

Die zwangsläufige Dynamik des Krieges

von Halrun Reinholz

Zum diesjährigen Brechtfestival hat das Theater Augsburg wieder mal ein Brechtstück auf dem Spielplan. Nachdem das Fehlen der Theaterpräsenz im letzten Jahr zum 125. Geburtstag Bertolt Brechts moniert worden war, wurde das sozusagen nachgeholt. Und so fand zur Eröffnung des Festivals zeitgleich auch die Premiere des Stückes „Mutter Courage und ihre Kinder“ im Martinipark statt. 

Es ist eines der eindringlichsten und auch bittersten Stücke von Brecht. Angesichts der aktuellen Weltlage weist es zudem eine erschreckende Aktualität auf. Die Normalität des Krieges, der sich selbst nährt und stetig fortführt wie eine Lawine, ist die Konstante der Handlung. Die Marketenderin Anna Fierling kennt nichts anderes als den Krieg. Sie steht ihm politisch gleichgültig gegenüber, aber sie lebt davon. Mit ihrem Wagen und ihren drei Kindern Eilif, Schweizerkas und der stummen Kattrin zieht sie den Heeren hinterher. Es ist der Dreißigjährige Krieg, den sich Brecht am Vorabend des Zweiten Weltkriegs als Folie für die Handlung seines Stücks gewählt hat. Der Erste Weltkrieg ist zwar noch in der Erinnerung der Menschen präsent, doch gilt der Dreißigjährige Krieg im kollektiven Bewusstsein der Historiker als das furchtbarste Kriegsereignis der Geschichte – wegen seiner Dauer und wegen des unermesslichen Leids für die Zivilbevölkerung. Ein schier nicht enden wollender Krieg, Normalzustand für eine ganze Generation.

Zeitlos und aktuell

David Ortmanns Inszenierung verzichtet auf plakative aktuelle Bezüge und vertraut zu Recht auf die Zeitlosigkeit von Brechts Text. Im Zentrum des Geschehens steht der Wagen der Marketenderin, die von allen „Mutter Courage“ genannt wird, weil sie „durch das Geschützfeuer von Riga“ gefahren ist „mit fünfzig Brotlaib im Wagen.“ Ihre Courage ist reiner Selbsterhaltungstrieb, ihr einziges Ziel, ihre drei Kinder durchzubringen. Ute Fiedler spielt diese pragmatisch-unsentimentale, vom Leben (und vom Krieg) gezeichnete Frau hervorragend. Alles um sie herum spielt sich vor oder neben einem militärisch anmutenden Zelt ab, aus dem die Akteure auftauchen und in das sie wieder verschwinden. Die Soldaten der Statisterie verändern unmerklich ihr Aussehen, werden im Lauf des Stücks immer „heutiger“ in der Ausrüstung. Und an der Wand werden Strichlisten geführt von Gefallenen. Eine zeitlose Angelegenheit.

Das Anliegen der Mutter Courage, ihre Kinder durch den Krieg zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Gegen den Willen der Mutter lässt sich der älteste Sohn Eilif (Julius Kuhn) für den Kriegsdienst anwerben. Er wird in einer kurzen Friedensphase erschossen, weil er einen Bauernhof plündert. Für sowas war er im Krieg belobigt worden. Schweizerkas (John Armin Sander) bewacht die Kriegskasse der Truppe. Als die Katholischen das Lager überfallen, kann die Mutter ihn nicht davon abhalten, die Kasse zu verstecken. Er gesteht unter Folter und die Versuche der Mutter, ihn mit Geld auszulösen, scheitern. Um sich selbst zu retten, muss sie ihn selbst vor seiner Leiche verleugnen.  

Erst der Krieg schafft Ordnung

Schließlich ist da noch die stumme Tochter Kattrin, das Sorgenkind der Mutter. Sie kann sich nicht artikulieren und die Mutter weiß deshalb nicht, „was in ihrem Kopf vorgeht.“ Eine Besonderheit der Inszenierung ist, dass Kattrin tatsächlich von einer gehörlosen Schauspielerin gespielt wird. Anne Zander artikuliert sich mit Gebärden, was dem Publikum als Übertitel übersetzt wird. Da es (zumindest bei der Premiere) auch viele Gehörlose im Publikum gab, die wiederum die Bühnensprache nicht verstehen können, wird der gesamte Text wie beim Musiktheater an die Wand projiiziert. Kattrin greift in den Krieg ein, indem sie die Bewohner der belagerten Stadt Halle lautstark warnt, das bezahlt sie mit dem Leben. Die zentralen Figuren werden ergänzt von Gerald Fiedler, Klaus Müller, Natalie Hünig, Sebastian Müller-Stahl sowie von der Statisterie. Die Normalität des Krieges ist gleichzeitig das Grauenvolle daran. „Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung“, hat Brecht dem Feldwebel in den Mund gelegt. Mehr aktuellen Bezug braucht es da nicht.

Mutter Courage und ihre Kinder (v.l.): Anna Zander (Kattrin), Julius Kuhn (Eilif), John Armin Sander (Schweizerkas) und Ute Fiedler (Mutter Courage) ©Jan-Pieter Fuhr

Mutter Courage und ihre Kinder (v.l.): Anna Zander (Kattrin), Julius Kuhn (Eilif), John Armin Sander (Schweizerkas) und Ute Fiedler (Mutter Courage) ©Jan-Pieter Fuhr

 

Die Dekonstruktion der Musik

Eine wichtige Rolle spielt bei der Mutter Courage die Musik von Paul Dessau. Sie wirkt zuweilen schräg und atonal. Stefan Leibold, der für das Schauspiel zuständige Theatermusiker, erklärt dem Publikum bei der einige Tage nach der Premiere stattfindenden „Theaterpredigt“ den Grund dafür: Dessau hat das Klavier „verwanzt“, mit Reißnägeln bearbeitet, um den Ton zu dämpfen und, ja zu „dekonstruieren“, wie der Krieg das Leben dekonstruiert. Leibold führt diesen Effekt vor, indem er Klebeband  an bestimmten Stellen der Klavierhammer anbringt. Bei der Bühnenaufführung sind außer dem Klavier auch andere Instrumente beteiligt – Bläser und Schlagwerker aus den Reihen der Augsburger Philharmoniker. Auch die Blasinstrumente sind gedämpft und unterstreichen die Botschaft der bekannten Dessau-Lieder: „Und was noch nicht gestorben ist / das macht sich nun auf die Socken nun“ (Lied der Mutter Courage), „Ihr vergeht wie der Rauch / und die Wärme geht auch“ (Ballade vom Weib und dem Soldaten). 

Kanzelrede zur Mutter Courage

Nur zwei Tage nach der Premiere der Mutter Courage fand in der Kirche St. Anna die „Theaterpredigt“ dazu statt. Dieses beliebte Format, eine Kooperation des Staatstheaters mit den beiden innenstadt-Kirchen St. Anna (evangelisch) und St. Moritz (katholisch) bietet einem Redner die Möglichkeit, zum Thema des jeweiligen Stückes von der Kanzel zu „predigen“. Die Kanzelrede zur Mutter Courage hielt Freifrau Elisabeth von Hammerstein, Politikwissenschaftlerin, die sich in ihrer Dissertation mit dem Westfälischen Frieden und seiner möglichen Vorbildfunktion für die Lösung moderner Konflikte befasst. Diesen Gedanken erörterte sie im ersten Teil der Rede, stellte die historischen Zusammenhänge dar und hob die Bedeutung dieses Friedensvertrags nach einem unendlich langen Krieg mit verhärteten Fronten hervor. Zwar haben die Verhandlungen für den Friedensvertrag von Münster und Osnabrück sich über fünf Jahre gezogen, doch mit hoher Kompromissbereitschaft sei es gelungen, nach den verheerenden Zerstörungen eine Neuordnung Europas zu schaffen. Sie sähe da durchaus Möglichkeiten, sich auch in den aktuellen Konflikten im Nahen Osten und der Ukraine an einem solchen Vertragswerk zu orientieren.

Strichlisten für die gefallenen Soldaten ©Jan-Pieter Fuhr

Strichlisten für die gefallenen Soldaten ©Jan-Pieter Fuhr

Deeskalation durch bewusste Sprache

Im zweiten Teil ihrer Rede lenkte Elisabeth von Hammerstein die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Bedeutung der Sprache für die öffentliche Wahrnehmung von Dingen.  Ihre Erfahrungen dazu sammelt sie nicht zuletzt durch ihre derzeitige berufliche Tätigkeit als Redenschreiberin des Bundesverteidigungsministers. Auch durch Sprache, hat sie festgestellt, werden Dinge in den Fokus gerückt, etwa der Krieg. „Deutschland muss kriegstauglich werden“, ein Satz ihres Vorgesetzten, hat zu Irritationen geführt, obwohl er nur vor einem einschlägigen (militärischen) Publikum geäußert wurde. Durch Sprache kommen Bedrohungen näher, werden Hemmschwellen abgebaut. Mit Sprache bewusst und sorgsam umzugehen sei im Zeitalter sozialer Medien mehr denn je ein Gebot des demokratischen Bewusstseins. Die „Eskalationsspirale der Rhetorik“ sei nicht zielführend, sondern spaltend. Deeskalation, sorgsamer Umgang mit Sprache, sei deshalb ein Gebot der Vernunft und dringender Auftrag an alle, die sich mit Sprache beschäftigen.

gesamten Beitrag lesen »



Brechtfestival 2024: Unter Kumpels und Sportsfreunden

Die informelle doppelte Eröffnung  zeigt interessante Ansätze, aber auch Befremdliches Von Halrun Reinholz Nun ist wieder Brechtfestival, zum zweiten Mal unter der Leitung   von Julian Warner. Die Eröffnung im Martinipark fiel mit der Premiere von „Mutter Courage“ zusammen. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als das Festival Brechts 125. Geburtstag  feierte, ist das Theater diesmal […]

gesamten Beitrag lesen »



„Die gefährlichste Frau Amerikas“ auf der Brechtbühne

Uraufführung eines Stücks über die Anarchistin Emma Goldman Von Halrun Reinholz Wie weit darf Anarchie gehen? Emma Goldman meint: Bis zum Äußersten. Die Anarchistin akzeptiert keine Ausreden und Bedenken, wenn es um die „Sache“ geht – den Acht-Stunden-Tag für Arbeiter, die Rechte der Frau, den Kampf gegen den Kapitalismus. Auch Privatleben, Gefühle, Beziehungen müssen sich […]

gesamten Beitrag lesen »



Staatstheater: Wiederaufnahme von „Unruhe um einen Friedfertigen“

Mit »Unruhe um einen Friedfertigen« zeigt das Staatstheater Augsburg ab Samstag, den 6.1.24 um 18 Uhr eines der erfolgreichsten Stücke der vorhergehenden Saison erneut auf der großen Bühne der Spielstätte martini-Park. Dass die Inszenierung, in deren Zentrum der jüdische Handwerker Julius Kraus steht, bei seiner Wiederaufnahme auf so frappierende Weise aktuell sein würde, war bei […]

gesamten Beitrag lesen »



Lucia di Lammermoor im Martinipark – opulent und glanzvoll

Auch im kargen Martinipark kann man opulente wie glanzvolle Opern in Szene setzen, wie der Regisseur Hinrich Horstkotte mit „Lucia di Lammermoor” eindrucksvoll nachweist Von Halrun Reinholz Welch eine Überraschung in der wenig glanzvollen Opern-Spielstätte im Martinipark! Die sonst eher spröde Bühne eignet sich in der Regel für nicht viel mehr als ein bisschen schiefe Ebene, […]

gesamten Beitrag lesen »



„Der Menschenfeind“ auf der Brechtbühne: Ein schräges Theatervergnügen

Was war anders im 17. Jahrhundert, als Molière seine ätzenden Gesellschaftskomödien schrieb, im Vergleich zu heute. Einiges, würde man sagen. Und dann doch nicht so viel, davon geht zumindest André Bücker mit seinem Team aus beim Konzept der Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ auf der Augsburger Brechtbühne. Von Halrun Reinholz Klatsch und Tratsch, Intrigen und Missgunst, das […]

gesamten Beitrag lesen »



Fairy Queen: Rap und Hiphop im barocken Zauberwald

Wenn Ricardo Fernando seine Finger im Spiel hat, kann man sich auf einen vergnüglichen Abend gefasst machen. Zumindest da, wo es was zu lachen gibt, im „Sommernachtstraum“. Von Halrun Reinholz Die „Semi-Oper“ von Henry Purcell nach dem bekannten Shakespeare-Stück heißt „The Fairy Queen“, weil sie den Fokus auf die Figur der Titania, der Königin im […]

gesamten Beitrag lesen »



„Linda“ im Martinipark – Gnadenlose Abrechnung der alternden Frau

Linda scheint eine perfekte Frau um die fünfzig zu sein, sie hat Karriere, Mann und Töchter im Griff und fragt sich: „Was könnte mich bedrohen?“ Von Halrun Reinholz Alle Erwartungen erfüllt. Dieser Eindruck entsteht beim Einstiegsmonolog, den Natalie Hünig, adrett  im roten Business-Kostüm, selbstbewusst in die Runde spricht. Sie bereitet sich auf eine Präsentation vor. […]

gesamten Beitrag lesen »



Ins Theater mit dem Theaterbus

Der Theaterbus des Staatstheater Augsburg bringt das Publikum aus dem Umland bequem und sicher ins Theater – in Gesellschaft anderer Theaterfans. In der Spielzeit 2023/24 fährt er zu zehn ausgewählten Vorstellungen aus den Sparten Schauspiel, Musiktheater, Ballett und Konzert. Das Theaterbus-Ticket beinhaltet sowohl die Eintrittskarte für die jeweilige Inszenierung als auch die Hin- und Rückfahrt […]

gesamten Beitrag lesen »



Staatstheater: Beethoven und das Pathos

Am Sonntag feierte das Staatstheater Augsburg im Martini-Park die Premiere der Oper Fidelio von Ludwig van Beethoven in der Neuinszenierung von André Bücker Von Otto Hutter Beethovens Ruhm gründet auf seinen Sinfonien. Hier gelang ihm alles. Seine Oper Fidelio war dagegen sein Sorgenkind. Die verschiedenen Fassungen (1805,1806, 1814) sowie die Komposition von vier Versionen der […]

gesamten Beitrag lesen »