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Sonntag, 14.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

„Die gefährlichste Frau Amerikas“ auf der Brechtbühne

Uraufführung eines Stücks über die Anarchistin Emma Goldman

Von Halrun Reinholz

Wie weit darf Anarchie gehen? Emma Goldman meint: Bis zum Äußersten. Die Anarchistin akzeptiert keine Ausreden und Bedenken, wenn es um die „Sache“ geht – den Acht-Stunden-Tag für Arbeiter, die Rechte der Frau, den Kampf gegen den Kapitalismus. Auch Privatleben, Gefühle, Beziehungen müssen sich dem Gesamtziel unterwerfen.

Die Person Emma Goldman gab es wirklich. Sie wurde 1869 in einer orthodoxen jüdischen Familie in Litauen geboren, wo sie schon als Schülerin mit militanten anarchistischen Ideen in Berührung kam. Mit 17 wanderte sie in die USA aus und wurde dort aktiv, aber auch in Europa und sogar in Russland. Weder Gefängnis noch Ausweisung erschütterten sie. Ihr Einfluss auf die Massen war so groß, dass sie als „gefährlichste Frau Amerikas“ eingestuft wurde.

Der Chor kollabierender Nervenzellem (Katja Sieder, Thomas Prazak, Patrick Rupar & Mirjam Birkl) umgibt Emma Goldman (Mirjana Milosavljević)

Der Chor kollabierender Nervenzellem (Katja Sieder, Thomas Prazak, Patrick Rupar & Mirjam Birkl) umgibt Emma Goldman (Mirjana Milosavljević). Foto: Jan-Pieter Fuhr

Zahlreiche Reden und Schriften von ihr sind Zeugen ihrer politischen Haltung. Daraus und aus ihren biografischen Daten hat die Theaterautorin Tine Rahel Völcker ein Stück geschrieben, das nun auf der Brechtbühne des Augsburger Staatstheaters uraufgeführt wurde. Die überwältigende Fülle an Redematerial hat wohl dazu geführt, dass Regisseurin Nicole Schneiderbauer die Rolle der Emma Goldman gleich mit drei sich abwechselnden Frauen besetzte: Katja Sieder, Mirjana Milosavljevic und Mirjam Birkl teilen sich Rede und Aktion und zeigten dabei unterschiedliche Nuancen und Facetten der in jeder Hinsicht radikalen Persönlichkeit Emma Goldmans, die selbst die von ihr grundsätzlich propagierte freie Liebe nur als politischen Akt akzeptierte. Männliche Mit- und Gegenspieler von Emma Goldman in unterschiedlichen Rollen sind Thomas Prazak, Patrick Rupar und Paul Langemann. Die zuweilen heftigen zwischenmenschlichen Aktionen werden aufgelockert durch seltsame Personifikationen: Zur Bekräftigung der Handlung „spielen“ die Ensemblemitglieder etwa kollabierende Nervenzellen, ein Ei kurz vor dem Eisprung, Emmas Hände, den Chor der Gummigeschoss-Werfer, eine Peitsche, die Zeitung mit Extrablatt-Meldungen zur Causa Goldman und noch einiges mehr. Diese auflockernden Aktionen bringen die Handlung dramaturgisch voran und haben gleichzeitig eine reflektierende Funktion im Stil eines antiken Chors.

Die Bühne wird dominiert von einem multifunktionalen Metallgerüst, das mit wenigen Handgriffen gedreht und überzeugend verwandelt werden kann (Miriam Busch). Im Hintergrund liefert ein angenehm dezenter Videoeinsatz (Stefanie Sixt) schwarz-weißen Zeitgeist. Auch der Zuschauerraum ist Teil der Aktion: Emma kommt ins Publikum, um „die Massen“ aufzuwiegeln und auch das Licht wird in diesen Situationen in den Saal gerichtet. 

Grundlage für das Stück von Tine Rahel Völcker waren hauptsächlich die eigenen Texte von Emma Goldman. Sie nutzt sie auch als Blaupause für den Gegenwartsbezug, ohne diesen allerdings zu plump in den Vordergrund zu stellen. Emma erinnert immer wieder mit Anspielungen an die heutige Situation der Mädchen und jungen Frauen.: „Wie ist das in eurer Partnerschaft? Fifty-fifty-Teilung?“ Eines der „Nebenspiele“ von Gegenständen ist der Chor der Dosen-Tomaten, die sich darauf vorbereiten, auf ein Gemälde gekippt zu werden. „Komm, wir gehen in die Kunstgalerie“, bestimmt Emma Goldman davor.

Mirjana Milosavljević, Katja Sieder und Mirjam Birkl verkörpern zu dritt die Anarchistin Emma Goldman.

Mirjana Milosavljević, Katja Sieder und Mirjam Birkl verkörpern zu dritt die Anarchistin Emma Goldman. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Die sehr ernsten und auch wieder sehr aktuellen Fragestellungen der Anarchistin Emma Goldman erhalten durch dieses facettenreiche Stück eine Würdigung, die nicht ins Plakative abdriftet. Indem die Widersprüche spielerisch karikiert werden, erhält das spröde Thema Farbe und Leichtigkeit fern jeder Banalität. Lösungen werden nicht präsentiert, doch ernsthaft und dabei durchaus unterhaltsam in den Fokus gerückt. Das ist übrigens nicht zuletzt der überzeugenden Leistung des beteiligten Schauspiel-Ensembles zuzuschreiben.