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Donnerstag, 29.02.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

Lucia di Lammermoor im Martinipark – opulent und glanzvoll

Auch im kargen Martinipark kann man opulente wie glanzvolle Opern in Szene setzen, wie der Regisseur Hinrich Horstkotte mit „Lucia di Lammermoor” eindrucksvoll nachweist

Von Halrun Reinholz

© Jan-Pieter Fuhr

Welch eine Überraschung in der wenig glanzvollen Opern-Spielstätte im Martinipark! Die sonst eher spröde Bühne eignet sich in der Regel für nicht viel mehr als ein bisschen schiefe Ebene, auf der Kulissenteile hin- und hergeschoben werden, diesen Eindruck hat man über die Jahre bezüglich der Interimspielstätte gewonnen. 

Der Regisseur der aktuellen Opernproduktion „Lucia di Lammermoor”, Hinrich Horstkotte aus Berlin, sieht das anders. Seine Inszenierung verzichtet weder auf ein opulentes Bühnenbild noch auf mehr oder weniger zeitgemäße, phantasievolle Kostüme – inklusive ausladender Halskrausen. Und überall ein bisschen Schottenkaro dabei, denn die Handlung spielt in Schottland und wird ganz bewusst nicht aus ihrem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang gerissen.

Die tragische Geschichte von zwei Liebenden, die aus (familien-)politischen Gründen nicht zusammenkommen können, ist natürlich zeitlos und birgt naturgemäß ausreichend Dramatik, die Donizetti mit großartiger Musik unterlegt hat. Den anspruchsvollen Titelpart singt die junge (und wegen ihrer mädchenhaften Gestalt noch viel jünger wirkende) Olena Sloia, die bereits als Königin der Nacht bewiesen hat, dass sie solche Partien beherrscht, auch wenn man die Dramatik bei dieser zarten Person fast nicht ganz ernst zu nehmen geneigt ist. Ihr Aussehen entspricht allerdings zweifellos eher dem Alter der Rolle als die meistens üblichen Besetzungen in dieser Partie. 

Die beiden Statisten-Kinder (Lucia und ihr Bruder Enrico, die aus der Vergangenheit bzw. Erinnerung agieren) mussten daher sorgfältig ausgewählt werden, um die erwachsene Lucia nicht zu überragen. Die sie umringenden (oder „umsingenden”) Männer agieren kongenial: Enrico wurde in der Premiere von Dae-Hee Shin als Gast gesungen, er wechselt sich in dieser Rolle mit dem Ensemblemitglied Wiard Witholt ab. Roman Poboinyi singt den Edgardo geschmeidig und Avtandil Kasperli den Raimondo mit sonorem Bass. Die einzige weibliche Rolle neben Lucia, Alisa, singt Kate Allen. Claudio Zazzaro und George Aleksandria runden den Reigen der gut aufeinander abgestimmten Solisten ab. In gewohnter Professionalität agierte der (durch die Kostüme sehr malerisch anzusehende) Chor. 

© Jan-Pieter Fuhr

Das Orchester unter der Leitung von Ivan Demidov hatte eine Besonderheit anzubieten, die wegen des im Martinipark fehlenden Orchestergrabens für alle sichtbar war und gut zur Geltung kam: Eine Glasharmonika, die von Christa Schönfeldinger einfühlsam bespielt wurde. Dieses seltene Instrument kommt in der „Wahnsinnsszene” Lucias dialogisch zum Einsatz und  wird in den meisten Inszenierungen durch eine Flöte ersetzt. Im Martinipark kann man es dagegen „live” und sehenden Auges erleben.

Das Fazit des Opernabends: Auch im Martinipark ist es möglich, die Bühne in ein Gemälde zu verwandeln, und trotzdem mit wenigen Handgriffen  ein neues Ambiente zu schaffen. Verantwortlich für diese hohe Kunst war Siegfried E. Mayer. Auch die Kostüme (von Horstkotte selbst entworfen) wirkten stimmig, nicht aufgesetzt, dennoch zuweilen symbolbehaftet wie das ausladende Krinolin-Brautkleid Lucias, in dessen Gerüst sie sich letztlich verfängt wie in einem Käfig. Bemerkenswert auch, dass die Besetzung fast ausschließlich durch (meist junge) Ensemblemitglieder erfolgen konnte – was der Regisseur im Vorfeld lobend hervorhob.  Ein stimmungsvoller Abend im kargen Martinipark!