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Dienstag, 23.07.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

„Linda“ im Martinipark – Gnadenlose Abrechnung der alternden Frau

Linda scheint eine perfekte Frau um die fünfzig zu sein, sie hat Karriere, Mann und Töchter im Griff und fragt sich: „Was könnte mich bedrohen?“

Von Halrun Reinholz

Natalie Hünig als Linda © Jan-Pieter Fuhr

Alle Erwartungen erfüllt. Dieser Eindruck entsteht beim Einstiegsmonolog, den Natalie Hünig, adrett  im roten Business-Kostüm, selbstbewusst in die Runde spricht. Sie bereitet sich auf eine Präsentation vor. Sie wähnt sich vor dem Gipfel ihrer Karriere. Nicht ganz zufällig lässt Penelope Skinner durch den Titel „Linda“ die Assoziation zu Ibsens „Nora“ entstehen. Auch hier geht es um schicksalhafte Wendungen im Leben einer Frau, die von den Erwartungen der Gesellschaft bedingt sind. Doch sowohl Frauen als auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Verhaltensweisen haben sich seit „Nora“ geändert. Das ist unbestritten – und doch ergeben sich im persönlichen Bereich Parallelen.

Linda hat sich hochgearbeitet in der Beauty-Branche, hat die Richtung der Firma mitbestimmt, hat Preise gewonnen und ist nun gerade dabei, Produkte für ihre eigene Altersgruppe zu bewerben. Diese sollen den Frauen das Selbstwertgefühl geben, das durch das Altern des Körpers oft abhanden kommt. Denn sie selbst sieht sich als Beispiel dafür, dass man „die Figur aus den Neunzigern“ auch mit über fünfzig noch haben kann. Ihre Familie steht hinter ihr – Neil, mit dem sie vermeintlich glücklich verheiratet ist und der neuerdings wieder in einer Band spielt (Patrick Rupar) und Tochter Bridget (Milena Kaltenbach), die Schauspielerin werden möchte.

Mit der älteren Tochter Alice ( Sarah Maria Grünig, in der besprochenen Aufführung kongenial ersetzt) scheint etwas nicht zu stimmen, sie hat ihr Studium abgebrochen und soll nun ein Praktikum in der Firma der Mutter anfangen. Doch auch da läuft plötzlich alles aus dem Ruder: Lindas Präsentation findet keine Fürsprache im Vorstand und überhaupt schlägt ihr Chef Dave (Kai Windhövel) vor, dass ab sofort die neue Marketingchefin Amy, halb so alt wie Linda (gespielt von Christina Jung) das Zepter übernehmen soll. Als sie zuhause auch noch der halbnackten Stevie (Jenny Langer) über den Weg läuft, bricht für Linda alles zusammen, woran sie bisher geglaubt hat. Etwas Trost bietet, so scheint es, der lockere Aushilfsjobber Dave (Julius Kuhn), der für einen Urlaub auf Bali spart. Mit Witz und vielen Verrenkungen nehmen die Dinge in dieser Komödie ihren Lauf – ihre Zuspitzung ist nicht abwendbar.

Großer Applaus für die Darsteller in der Inszenierung von Amina Gusner, die bereits in „Nein zum Geld“ ihre Affinität zum Komödiantischen bewiesen hat. Eine Komödie ohne Klamauk, die die bitteren Pillen der Realität aber doch immer wieder vorführt und die Handelnden letztlich alle als schwache Menschen zeigt. 

Die junge Marketing-Chefin heißt Amy und wird gespielt von Christina Jung, die Musikerin heißt Stevie und wird dargestellt von Jenny Langner. Die beiden freuen sich sicherlich, wenn das korrigiert wird – ist ja online zum Glück kein Problem.