DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 01.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Theater

Das Scheitern eines guten Lebens

Mary Page Marlowe auf der Brechtbühne im Gaswerk

Von Halrun Reinholz

Foto — © Jan-Pieter Fuhr

Tracy Letts, US-Erfolgsdramatiker und selbst auch Schauspieler, skizziert in seinem Stück „Mary Page Marlowe – eine Frau“ eine recht durchschnittliche Frauenbiografie der Nachkriegszeit in den USA: Mary Page, 1946 geboren, steht eigentlich die Welt offen. Selbstbewusst lehnt sie den Heiratsantrag eines Kommilitonen auf dem College ab, um ihr Leben selbst zu gestalten, vielleicht nach Paris zu gehen. Doch es kommt anders. Nach drei Ehemännern, Alkoholexzessen, Auseinandersetzungen mit Tochter und Sohn, der letztlich aus ihrem Leben verschwindet, zieht sie am Ende dennoch die Bilanz: „Ich hatte ein gutes Leben.“

Die Biografie wird auf der Bühne allerdings nicht linear erzählt, sondern anhand von Wendepunkten im Lebenslauf – mit den eigenen Eltern, der selbst alkoholkranken Mutter, den Männern, der Tochter, dem Sohn. Scheinbar ohne jede Ordnung ploppen die Szenen auf, die Mary Page (wechselweise dargestellt von Ute Fiedler, Stephanie Schönfeld, Elif Esmen und Christina Jung, die aber auch alle anderen Frauenrollen übernehmen) in verschiedenen Lebensphasen zeigen, vom neun Monate alte Kleinkind, das sich als Klotz am Bein ihrer Eltern erweist, bis zur 69-Jährigen, die ihr Leben Revue passieren lässt. Doch das Bühnengeschehen setzt 1969 ein, an dem Punkt, wo alle Hoffnungen noch die Chance haben, sich zu erfüllen. Danach werden in Vor- und Rückbewegungen die Puzzleteile der Biografie gesammelt.

Lilli-Hannah Hoepner inszeniert dieses Mosaik auf der Brechtbühne karg und schnörkellos. Über der Bühne prangt in Leuchtschrift ein Zitat aus Shakespeares King Lear: „Thou shouldst not have been old till thou hadst been wise“.

In der Bühnenmitte steht ein durchsichtiger Kasten, sowas wie ein Aquarium, das mit Luftballons gefüllt ist. Die Darstellerinnen und Darsteller sind alle weiß gekleidet, mit weißen Bubikopf-Perücken. Sie liegen zunächst alle am Boden, um dann abwechselnd die Episoden aus dem Leben der Mary Page zu spielen. Die Männerrollen (Sohn Ben, der Vater und die drei Ehemänner) sind auf Florian Gerteis, Sebastian Müller-Stahl und Patrick Rupar aufgeteilt. In einer zentralen Szene, 1982 (Jahr und Alter von Mary werden zur Orientierung an die Bühnenwand projiziert), wird Mary Page von einem Therapeuten (Patrick Rupar) zu ihrer individuellen Verortung befragt. Doch sie verweigert sich der Selbstreflexion.

„Ich bin nicht die, die ich bin. Ich tue nur so.“, weiß sie. Doch wer sie ist, und was sie will, will sie nicht wissen.  Die Luftballons, die irgendwann aus dem Kasten befreit werden und umherfliegen, werden zu den äußeren Zeichen des Scheiterns und am Ende nach und nach zum Platzen gebracht. Das Fazit wäre allerdings auch ohne das allzu plakative gegenseitige Besudeln mit Schlamm zu vermitteln gewesen, denn die wandelbaren Schauspielerinnen und Schauspieler wirkten in ihren wechselnden Rollen allesamt überzeugend. Ein gutes Leben, wenn man kein besseres kennt.

gesamten Beitrag lesen »



Dimensions of Dance – oder die Vielfalt des Tanzes an drei Beispielen

Sie tanzen wieder, live und vor Publikum. Und auch die Zuschauer sind wieder da, wenn auch etwas verhalten und vorsichtig. Waren die Ballettabende vor der Corona-Pandemie immer frühzeitig und restlos ausverkauft, lässt sich jetzt auch spontan noch die eine oder andere Karte ergattern. Noch. Von Halrun Reinholz Denn wenn es sich erst herumgesprochen hat, mit […]

gesamten Beitrag lesen »



„Ich fürchte seine Güte“: Mozarts Oper „Clemenza di Tito“ am Staatstheater Augsburg

Zeitgleich mit der häufig gespielten „Zauberflöte“ komponierte Mozart auch die opera seria „La Clemenza di Tito“. Ein Kammerspiel fast, das dramaturgisch an sich wenig Potenzial zu bieten scheint. Die Oper entstand aus Anlass der Krönung Kaiser Leopolds II. und war deshalb nicht als Konfrontation mit herrschenden Zuständen konzipiert.  Von Halrun Reinholz Und doch geht es […]

gesamten Beitrag lesen »



Staatstheater Augsburg: Erstarrung auf dem Zauberberg

„Staatsintendant André Bücker entdeckt das berühmte Opus Magnum für die Bühne des martini-Park neu und bezieht die philosophischen und politischen Fragen des Romans auf unsere Gegenwart. Die Empfindung von Raum und Zeit, die Erfahrung sozialer Entschleunigung und Isolation sowie der Umgang mit Krankheit und Tod werden im Zuge der Pandemie auch auf dem Theater neu […]

gesamten Beitrag lesen »



„Der Drache“ in der Brechtbühne: Eine bittere Komödie mit aktuellen Bezügen

Das Stück „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz stammt aus dem Jahr 1943. Schon seine Aufführungsgeschichte zeigt, dass die Märchenlogik – das Gute besiegt das Böse – im realen Leben nicht so recht funktioniert. Von Halrun Reinholz Seit Jahrhunderten beherrscht ein Drache die Stadt. Jedes Jahr holt er sich eine Jungfrau und heiratet sie. Klassischer Fall […]

gesamten Beitrag lesen »



Uraufführung in der Brechtbühne: „Die Antwort auf alles“

Ein vielversprechender Titel, mit dem die Spielzeit am Theater eröffnet wird. „Endlich“, getreu dem Spielzeitmotto, stehen wieder Menschen auf der Bühne. Und (man glaubt es kaum) selbst im Zuschauerraum sind die Abstandsregeln gefallen, man sitz wieder „normal“ nebeneinander, wenn auch mit Maske. Die neue „Normalität“ hat sich aber noch nicht so herumgesprochen, zumindest scheint es […]

gesamten Beitrag lesen »



Cyrano de Bergerac: Poetische Wort-Duelle auf Kunstrasen

Das Augsburger Staatstheater überzeugt mit einer eigenen Stückfassung des Cyrano de Bergerac Von Halrun Reinholz Welch ein Glück, dass das Theatergelände im Martinipark, bei allen Nachteilen eines Ausweichs-Provisoriums, die Weitläufigkeit besitzt, die dem Theater den „Kunstrasen“ als Spielstätte anbietet! Schon im letzten Jahr haben die Corona-Beschränkungen es nahegelegt, Aufführungen unter freiem Himmel anzubieten, um den […]

gesamten Beitrag lesen »



All That Jazz: Das Musical „Chicago“ auf der Freilichtbühne

Nach der langen Abstinenz mutet es fast surreal an, zwischen lebendigen Menschen auf den Rängen der Freilichtbühne zu sitzen. Klar, in gebührendem Abstand und mit freien Reihen dazwischen, die Maske jederzeit griffbereit. Man hat sich an einiges gewöhnt in den letzten 18 Monaten. Und dieser fast normal wirkende Theaterabend lässt hoffen, dass zumindest der Sommer […]

gesamten Beitrag lesen »



Staatstheater Augsburg: Ein interessanter Spielplan, auf den man sich freuen darf

Das Theater Augsburg stellt voller Optimismus einen üppigen Spielplan für die Saison 2021/2022 vor Von Halrun Reinholz Noch steht es ja in den Sternen, wie viele Zuschauer in den Genuss des Sommer-Programms kommen werden, das sich das Theater als Restbestand der Spielzeit 2020/2021 ausgedacht hat: „Chicago“ auf der Freilichtbühne, „Cyrano de Bergerac“ und anderes „Kleinzeug“ […]

gesamten Beitrag lesen »



Kommunikation am Staatstheater Augsburg unter neuer Leitung

Viviane Schickentanz ist die neue Leiterin der Abteilung Kommunikation am Staatstheater Augsburg. Die 32-jährige Germanistin ist bereits seit 2018 als Referentin des Staatsintendanten am Haus beschäftigt. Zum 1.4.21 ersetzt sie nun Heike Neumann als Leiterin in der Kommunikation- und Marketing-Abteilung und wird zugleich erste Ansprechpartnerin für die Sponsoren des Staatstheaters. Intendant André Bücker zeigte sich „froh“, […]

gesamten Beitrag lesen »