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Montag, 04.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Uraufführung in der Brechtbühne: „Die Antwort auf alles“

Ein vielversprechender Titel, mit dem die Spielzeit am Theater eröffnet wird. „Endlich“, getreu dem Spielzeitmotto, stehen wieder Menschen auf der Bühne. Und (man glaubt es kaum) selbst im Zuschauerraum sind die Abstandsregeln gefallen, man sitz wieder „normal“ nebeneinander, wenn auch mit Maske. Die neue „Normalität“ hat sich aber noch nicht so herumgesprochen, zumindest scheint es Zurückhaltung zu geben bei den potenziellen Zuschauern.

Von Halrun Reinholz

Die Antwort auf alles – Foto © Jan Pieter Fuhr

Es braucht wohl noch etwas Zeit, bis alles wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Die Uraufführung von Neil LaButes Stück war auch schon länger geplant, wurde wegen der Pandemie verschoben. Doch nun konnte sie auf der Brechtbühne stattfinden. Schauplatz ist ein Hotelzimmer, wo ein „konspiratives“ Treffen dreier Frauen stattfindet. Ein eigentlich ungeplantes, eiligst vereinbartes Stelldichein von Carmen, Cindy und Paige. Welche Vereinbarung die drei verbindet, erfährt das Publikum erst nach und nach.

Inspiriert von Patricia Highsmith und deren Überlegungen zum „perfekten Mord“ versteht es LaBute, mit lebensnahen, realistischen Dialogen Spannung aufzubauen. Carmen (Katja Sieder) ist als erste da. Sie ist es auch, die offenbar die Fäden für die vereinbarten Aufgaben in der Hand hält. Paige (Elif Esmen) erscheint mit einem Rollköfferchen. Sie ist, wie man erfährt, Anwältin, was nicht zuletzt auch Antrieb für ihr Engagement ist. Zuletzt kommt Cindy (Ute Fiedler), auf deren Wunsch dieses außertourliche Treffen  zustandekam. Sie windet sich, will ihren Teil der Vereinbarung nicht einhalten.

Etwa 100  Minuten dauert das grandiose Zusammenspiel der drei Frauen, die Regisseur Maik Priebe in dem geschlossenen Raum alle Register Ihres Könnens zur Geltung kommen lässt. Die Diskussionen um Schuld und Sühne, Sexismus und Abwehr, Gerechtigkeit und Selbstjustiz sind niemals plakativ. –  Standpunkte werden ausgetauscht, es wird auch emotional, gleitet aber nicht ins Beliebige, Behäbige ab.

Immer wieder nehmen die Gespräche ungeahnte, überraschende Wendungen. In dem von Susanne Maier-Staufen einladend gestalteten Hotelzimmer stehen vor allem die drei Darstellerinnen mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten im Fokus, was ihnen überzeugend und auf Augenhöhe gelingt. Die geschickten Spannungsbögen des Stücks werden von den drei kongenial auf die Bühne gebracht. Das Auf und Ab der Gefühle und Argumente trägt den Abend mit zuweilen atemberaubender Spannung und Kurzweil. Etwas seltsam mutet da an, dass die Rolle der Carmen auch noch zusätzlich mit Natalie Hünig besetzt ist.

Den Hintergrund dazu lüftete Dramaturg Lutz Keßler in der Einführung: Natalie Hünig war das Bindeglied zu Neil LaBute, sie hat mit ihm am Theater Konstanz bereits zusammengearbeitet. Nach seinem Wunsch sollte sie eine der drei Rollen dieser Uraufführung übernehmen, hatte sie auch geprobt, da fiel die Premiere wegen Corona aus. Bei der Wiederaufnahme fiel wiederum Natalie Hünig wegen Krankheit aus, deshalb wurde umbesetzt. So viel zur Doppelbesetzung. Neil LaBute hat Lutz Keßler versichert, sich die Inszenierung seines Stücks in Augsburg persönlich anzusehen. Wenn das gelegentlich wieder möglich ist, so ganz ist die Normalität ja noch nicht zurück. Aber es gibt Hoffnung. Und mit dieser Uraufführung weht ein vielversprechender frischer Wind durch die postpandemische Brechtbühne.