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Montag, 22.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Dimensions of Dance – oder die Vielfalt des Tanzes an drei Beispielen

Sie tanzen wieder, live und vor Publikum. Und auch die Zuschauer sind wieder da, wenn auch etwas verhalten und vorsichtig. Waren die Ballettabende vor der Corona-Pandemie immer frühzeitig und restlos ausverkauft, lässt sich jetzt auch spontan noch die eine oder andere Karte ergattern. Noch.

Von Halrun Reinholz

Foto — © Jan-Pieter Fuhr

Denn wenn es sich erst herumgesprochen hat, mit wieviel Freude und Begeisterung das Augsburger Ballettensemble die dröge Corona-Pause vergessen macht, gibt es wahrscheinlich auch bald wieder keine freien Plätze mehr im Saal. Ricardo Fernando choreografiert gern selbst, aber er hat auch gute Kontakte in die Ballettwelt. Bereits zum dritten Mal stehen „Dimensions of Dance“ auf dem Programm: Dreiteilige Ballettabende, die jeweils eine andere Choreografie- Handschrift tragen. Dem Publikum eröffnet sich damit ein Einblick in die Vielfalt tänzerischer Ausdrucksformen, ein solcher Abend richtet  aber auch den Blick auf die Professionalität und unglaubliche Wandelbarkeit des spielfreudigen Balletensembles.

Den Anfang macht Johan Inger, lange Zeit am Nederlands Dance Theater tätig, mit seiner Choreografie „Rain Dogs“. Auf Musik von Tom Waits zeigen Tänzerinnen und Tänzer im bunten Retro-Look, mal paarweise, mal anders gruppiert, Höhen und Tiefen des zwischenmenschlichen Alltags. Der Hund im Regen kommt auch vor, als Figur im Scheinwerferlicht. Er ist ausgezogen, die Welt zu erkunden und hat im Regen die Orientierung verloren. Doch die Melancholie überwiegt nicht, man findet zusammen und geht auseinander, die Geschlechter verwischen sich, Männer tanzen auch mal im Kleid und Frauen im Anzug, beiläufig und wie zufällig. Dazu entführt die rauchige Stimme von Tom Waits in die fernen Sechziger.

In „Whim“ präsentiert der schwedische Choreograf Alexander Ekman Menschen in der Interaktion. Auf Musik von Edmundo Ros, Nina Simione und Antonio Vivaldi zeigen weiß gekleidete Tänzerinnen und Tänzer, zuweilen mit Stühlen als eingebauten Requisiten, die komische Seite alltäglicher Situationen. „Mensch zu sein bedeutet, einer amüsanten Spezies anzugehören“, lautet das Motto der Präsentation. Wie im Comic ahmt man einander nach, nimmt den Faden auf, der vorgegeben wird oder ergreift selbst die Initiative und wartet auf die Reaktion der anderen. Die komische Fassade täuscht über das aufgewühlte Innere hinweg, hält es im Zaum. Der Tanz erreicht hier die Grenze zur Pantomime, ja sogar zum Rap, wenn gelegentlich auch die Stimme eingesetzt wird.

Zum Schluss ist Ricardo Fernando selbst Choreograf. „(No) Satisfaction“ heißt das Programm zur Musik der Rolling Stones. Zur Überraschung des Publikums steht gleich zu Beginn ein Live-Musiker mit E-Gitarre auf der Bühne und spielt virtuos den titelgebenden Rolling-Stones Song: „I Can`t get No Satisfaction“. Der Gitarrist gehört zum Ballettensemble, es ist Publikumsliebling Nikolaos Doede. Im weiteren Verlauf zeigt er noch eine Facette seines Talents, indem er „Lady Jane“ selbst singt und sich dabei auf der Akustik-Gitarre begleitet. Mit den Hits von den Rolling Stones – besonders amüsant „Little Red Rooster“ –  aber auch mit geschickt als Bühnenrequisite eingebauten Londoner Telefonzellen, wird das Lebensgefühl einer Generation wachgerufen, die mittlerweile mit ergrauten Häuptern im Publikum sitzt. Entsprechend tobt der Applaus, standing ovations, alte Zeiten werden wach. Durch die Musik, aber auch durch ihre plastische Umsetzung.

Drei so unterschiedliche Ausdrucksformen an einem Abend fordern vom Ensemble maximalen Einsatz, die zwei Pausen sind als Zäsur nicht nur wegen des Themen- und Kostümwechsels dringend erforderlich. Doch das Augsburger Ensemble schafft das scheinbar mit Leichtigkeit, es brilliert wie eh und je. Der Abend macht Lust auf mehr.