DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Freitag, 23.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Kafkas Verwandlung als Oper – geht das?

Kafkas „Verwandlung“ ist einer der skurrillsten literarischen Texte, die man sich vorstellen kann. Grotesk und bedrohlich. Und das soll ein Opernstoff sein? Erstaunlicherweise funktioniert das auf der Bühne im Martinipark besser, als man meint.

Von Halrun Reinholz

Avtandil Kaspeli, Kate Allen, Franziska Zwink, Claudio Zazzaro, Wiard Witholt, Shin Yeo (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)

Was passiert, wenn man plötzlich als Käfer aufwacht? Wie reagiert die Umgebung? Diese Frage steht bei Kafkas Verwandlung im Vordergrund, denn genau das ist passiert: Gregor Samsa ist über Nacht zu einem für die Umgebung abscheulichen, aber selbst hilflosen Insekt geworden. Doch die Auswirkungen dieser Verwandlung betreffen vor allem auch seine Familie, die darauf reagieren muss.

Philipp Löhle hat das dramatische Potenzial aus Kafkas Erzählung destilliert und der Komponist Gordon Campe hat daraus eine Oper gemacht. Im Augsburger Staatstheater wurde dies nun unter der Regie von André Bücker uraufgeführt. Erst in Winterthur, wo die ersten Vorstellungen stattfanden, bevor sie im Augsburger Martinipark nun auch dem heimischen Publikum dargebracht wurden.

Olena Sloia als leicht hysterisches Dienstmädchen

Felix Weinold hat für Farbe auf der doch recht tristen Bühne des Martiniparks gesorgt. Der Künstler, der auch immer wieder Ballettproduktionen ausstattet, hat sich für die Verwandlung ein großes herbstfarbenes Sofa einfallen lassen. Auf diesem Inbegriff bürgerlicher Behaglichkeit ist noch einmal eine ganze Wohnzimmereinrichtung untergebracht, ein Sofa auf dem Sofa. Die Perspektive zeigt: Hier geht es nicht vordergründig um den verwandelten Gregor Samsa, sondern um dessen Familie, bei der durch seine Verwandlung alles aus den Fugen gerät. Der selbstherrliche Vater (Avtandil Kaspeli) und die matronenhafte Mutter (Kate Allen) sind ebenso wie die selbstbewusste Schwester mit musikalischen Ambitionen (Franziska Zwink) auf Gregors Einkommen angewiesen. Das leicht hysterische Dienstmädchen (Olena Sloia) will sofort kündigen, um nicht mit dem „Tier“ unter einem Dach leben zu müssen. Auch die drei Untermieter (Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo) sind satirisch überzeichnet. Denn das Libretto arbeitet vor allem das Komische an der an sich grotesken Situation heraus, das auch bei Kafka durchaus gegeben ist. Gerade im Zusammenspiel mit der Musik ist das eine stimmige Sichtweise des aberwitzigen Handlungsverlaufs.

Der Käfer, dargestellt von fünf Personen

Der Käfer rückt dabei vermeintlich in den Hintergrund. Die KI erinnert schon zu Beginn in einem großen Bilderrahmen zu den Klängen der Musik daran, worum es hier geht: ein Männerportrait, das sich je nach Musikfrequenz mehr oder weniger zum Käfer wandelt. Doch der eigentliche Käfer – und das ist der Clou der Inszenierung – besteht aus fünf Personen. Vier hat der Komponist vorgesehen: Ihre Gesangspartien sind mit tierischen Lauten ausgestattet – zischen, röcheln, pfeifen. Eine Herausforderung für jeden Sänger. Doch die Augsburger Inszenierung hat die Gruppe mit der Tänzerin und Choreografin Helena Sturm ergänzt. Gregor tritt als vielgliedriges rhythmisch choreografiertes Gebilde in Erscheinung. Die Kostümbildnerin Alexandra Kica hat die fünf Gestalten mit ineinander fließenden Kostümen mit beweglichen Extremitäten ausgestattet, die den Bewegungsablauf unterstützen. Ivar Demidov steht am Pult der Philharmoniker und ergänzt das Bild der Stimmigkeit, obwohl die Töne der Oper zuweilen durchaus sperrig für die harmonischen Hörgewohnheiten des Publikums sind.

Die Handlung von Kafkas Erzählung ist schnell erzählt und auch die Oper vermeidet die allzu epische Ausbreitung. In knapp zwei Stunden ist alles gesagt und die Dichte wirkt fesselnd. Durchwegs überzeugend sind die Darsteller, sowohl stimmlich, als auch in ihrer Rollenpräsenz. Das komische Potenzial zeigt sich bei allen Charakteren gut umgesetzt, insbesondere aber bei den drei Herren und bei Olena Sloia, die der Rolle des Dienstmädchens einen fast clownesken Stempel aufdrückt. Die Käfer-Sänger Rusne Tuslaite, Claudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic erweisen sich nicht nur der sanglichen, sondern auch der tänzerischen Herausforderung unter der souveränen Führung von Helena Sturm überzeugend gewachsen.

Ein überraschender und bereichernder Opernabend im Martinipark.

gesamten Beitrag lesen »



Zwischen Angst und Sog: Nosferatu-Stummfilmkonzert im Parktheater Göggingen

Wenn der Urvater des Horrorfilms auf moderne Live-Musik trifft, verschwimmen die Grenzen von Leinwand und Zuschauerraum: Am Mittwoch, 25. November 2026, gastiert Stephan Graf v. Bothmer im Augsburger Parktheater Göggingen. Auf dem Programm steht F.W. Murnaus expressionistischer Meister-Stummfilmklassiker Nosferatu (1922) in einer völlig neuen, packenden Dimension. Von Bruno Stubenrauch Bild: stummfilmkonzerte.de Vom schaurig-schönen Albtraum des jungen […]

gesamten Beitrag lesen »



Augsburger Friedensgespräche zum Tag der Religionen im Goldenen Saal

Unter dem Titel „Zwischen Angst und Hoffnung. Was Religionen zum Frieden beitragen können“ laden die Augsburger Friedensgespräche zu einer besonderen Veranstaltung ein. Anlass ist der diesjährige „Tag der Religionen“, für den Augsburg als Friedensstadt als Austragungsort ausgewählt wurde. Von Bruno Stubenrauch Im Zentrum des Abends steht die Frage, welche Rolle Religionen beim Stiften von Vertrauen […]

gesamten Beitrag lesen »



„In Samt und Seide zum Erfolg“: Vortrag über Augsburgs ersten Modeblogger

Am Donnerstag, 29. Oktober 2026, um 18 Uhr spricht Dr. Christina von Berlin im Fugger und Welser Erlebnis­museum über Matthäus Schwarz – Haupt­buchhalter der Fugger und Augsburgs ungewöhnlichsten Modechronisten des 16. Jahr­hunderts. Der Eintritt ist frei. Von Bruno Stubenrauch Symbolbild: Monica Smekal / Gemini An seinem 23. Geburtstag – am 20. Februar 1520 – fasste Matthäus Schwarz (1497–1574) einen ungewöhnlichen Entschluss: […]

gesamten Beitrag lesen »



10 Jahre auf Tour: Augsburger Bücherbus feiert Jubiläum mit neuem Design

Seit über 70 Jahren bringt der Bücherbus der Stadtbücherei Medien direkt in die Augsburger Stadtteile. Das aktuelle Fahrzeug feiert nun zehnjähriges Jubiläum – und erstrahlt ab sofort in neuem Glanz: Die bekannte Augsburger Kinderbuchautorin und Illustratorin Daniela Kulot hat dem Bus ein farbenfrohes, fröhliches Gewand verliehen. Von Bruno Stubenrauch Der aktuelle Bücherbus der Stadtbücherei Augsburg […]

gesamten Beitrag lesen »



Willkommen in der Friedensstadt: Erstsemesterempfang 2026 im Kongress am Park

Traditionell zum Start des neuen Wintersemesters heißen die Stadt Augsburg, die Universität Augsburg und die Technische Hochschule Augsburg (THA) ihre neuen Studierenden gemeinsam willkommen. Am Donnerstag, 22. Oktober, lädt die Stadt alle „Erstis“ zu einer feierlichen Begrüßung in den Kongress am Park ein. Von Bruno Stubenrauch Neben ersten Einblicken in das Augsburger Stadtleben und Impulsen der […]

gesamten Beitrag lesen »



„Baroque Bubbles“ im Schaezlerpalais

Über die Wintermonate präsentieren die Kunstsammlungen & Museen Augsburg im Schaezlerpalais die Ausstellung „Baroque Bubbles“ mit Werken von Jiří Georg Dokoupil. Die Ausstellung ist vom 23. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027 im Schaezlerpalais zu sehen. „Highlight“ – im wahrsten Wortsinn – ist eine raumgreifende Installation mit gläsernen „Bubbles“ und bemalten Wandschirmen im Rokoko-Festsaal. Malerei und Plastik […]

gesamten Beitrag lesen »



Katharina Blum – Wie Gewalt entsteht

Die Erzählung von Heinrich Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zeigt, wie sich über die Medien Tatsachen verbiegen lassen, um eine eigene Wahrheit zu schaffen. Im Zeitalter der sozialen Medien und der „Fake News“ zeigt das Augsburger Staatstheater diese Mechanismen der Manipulation in einer dichten Inszenierung auf der Brechtbühne. Von Halrun Reinholz Katja Sieder […]

gesamten Beitrag lesen »



Kinder an die Macht: Dokumentarfilm „Power to the Children“ im Jakobssaal

Wie Kinder in Indien ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Parlamente gründen und sich gegen Kinderarbeit oder Zwangsheirat einsetzen, zeigt am Samstag, 17. Oktober der Dokumentarfilm „Power to the Children – Kinder an die Macht“ der Berliner Filmemacherin Anna Kersting. Von Bruno Stubenrauch Die 15-jährige Swarna Lakshmi fungiert im Film als Premierministerin des nationalen indischen […]

gesamten Beitrag lesen »



Kreativquartier im Scheinwerferlicht: Offene Ateliers und Studios im Gaswerk

Mit über 100 Ateliers und Studios hat sich das historische Gaswerk-Areal in Oberhausen zu einem echten pulsierenden Zentrum der regionalen Kreativszene entwickelt. Am kommenden Wochenende, dem 17. und 18. Oktober, öffnen die dortigen Kreativschaffenden wieder ihre Türen und laden die Öffentlichkeit zu einem Blick hinter die Kulissen ein. Von Bruno Stubenrauch Bild: DAZ Zwei Tage lang […]

gesamten Beitrag lesen »