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Dienstag, 21.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Ballett-Doppel zu Strawinsky-Musik: Es ist kompliziert

Die beiden recht unterschied­lichen Strawinsky-Werke „Les Noces“ und „Le Sacre du Printemps“ hat die Ballett-Sparte des Staats­theaters zu einem abend­füllenden Tanz-Erlebnis im Martini­park gestaltet. Was sie verbindet, sind Rituale – der Heirat oder des Opfers. Didy Veldman und Ricardo Fernando haben jeweils eigene Wege gefunden, diese in die Gegenwart zu transportieren.

Von Halrun Reinholz

Les Noces

Eine traditionelle Hoch­zeit ist das Thema von Stra­winskys Ballett­musik „Les Noces“ aus dem Jahr 1923. Die ursprüng­liche Choreo­grafie stammt von Bronis­lava Nijinska im Stil der damals radikal-modernen „Ballets Russes“ und folgt der festen Struktur eines Hoch­zeits­rituals: Zu­sammen­finden des Paars, Abschied von den Eltern, rituelle Ver­einigung. Für die Augs­burger Auf­führung greift die nieder­ländi­sche Gast-Choreo­grafin Didy Veldman die Krise heutiger Paar­be­zie­hungen auf: „Es ist kompli­ziert.“ Die Befrei­ung von Zwang und festen Ritualen im Bezie­hungs­leben hat viele Dinge erleich­tert, aber auch Unsicher­heit hervor­gerufen. Paare genießen die Unver­bind­lich­keit, sehnen sich aber auch nach Geborgen­heit, Sicher­heit, Ver­bind­lich­keit – und Ritualen. Eine Hochzeit ist für die Legalität einer Beziehung zwar nicht mehr zwingend notwendig, aber wenn sich ein Paar heute dazu ent­schließt, strebt es nach Super­lativen und nach Einzig­artigkeit.

Andererseits finden viele auch das Aus­pro­bieren reizvoll, das Wechsel­spiel, das zum Schluss vielleicht die richtige Ent­scheidung bringt – oder auch nicht. Das Spannungs­feld dieser Optionen versucht Didy Veldman durch ihre Choreo­grafie mit allen 18 En­semble­mit­gliedern des Augs­burger Baletts zu umfassen. Zu der gar nicht ein­gängigen Musik von Strawinsky streben Paare zueinander und aus­einander, Blumen­sträuße fliegen durch die Gegend, ein Braut­kleid und ein schwarzer Hochzeits­anzug werden herum­gereicht, angelegt, verworfen. Vor einer roman­tisch anmuten­den Himmels-Kulisse mit Sonnen­unter­gang wuseln die Tänzer in durch­gängig weißen, aber indi­viduell ver­schie­denen Kostümen (von Bregje van Balen liebevoll und aufwändig gestaltet) über die Bühne des Martini­parks. Der ritu­ellen Strenge der Musik wird mit humor­vollem Augen­zwinkern begegnet – es geht eben auch viel schief in Bezie­hungen. Und bis zuletzt findet so manches Paar dann doch zusammen und lässt die Korken knallen. Oder auch nicht. Es ist schwer zu ent­scheiden, ob das etwas beliebige Gewusel nicht doch nervt, aber es hat durch den fata­listi­schen Reali­täts­bezug auch etwas Faszinierendes.

Le Sacre du Printemps (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)

Die ursprüngliche Kraft des Frühlings

Der zweite Teil des Ballettabends ist Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ gewidmet, weitaus bekannter als „Les Noces“, und auch zehn Jahre älter. Vaslav Nijinski hat sie im Sinne der „Ballets Russes“ als erster choreo­grafiert. Die Urauf­führung rief beim Pariser Publikum einen Skandal hervor, der Strawinsky letztlich zur Berühmt­heit verhalf. In der Folge versuchten sich viele namhafte Choreo­grafen an „Le Sacre du Printemps“ – von Mary Wigman über Maurice Béjart bis Pina Bausch.

Das Ritual, um das es hier geht, ist archaisch: Der Frühling verlangt ein Opfer, um die Kraft zur Erneue­rung zu haben. Ballett­direktor Ricardo Fernando fokus­siert seine Choreo­grafie auf den Prozess der Gruppen­findung und der Gruppen­dynamik. Das Opfer steht zunächst nicht fest, es kann jeden in der Gruppe treffen und jeder weiß das auch. Noch vor dem Ende der Pause sitzen und liegen alle 18 Akteure auf der Bühne, agieren miteinander zu ver­fremdeter Strawinsky-Musik, grooven sich nach und nach ein. Fast unvermittelt geht es regulär weiter, man belauert sich, umspielt sich, gruppiert sich, nähert und entfernt sich. Mit ungeheurer Präzision folgt Fernandos Choreo­grafie der Musik, fordert den Gleich­klang auch der Bewegungen. Akro­batische Hoch­leistung ist gefragt, voll­kommene Körper­beherr­schung. Das gedämpfte Licht verstärkt die Spannung. Das Opfer stellt sich selbst, versucht dann nochmal einen Rückzieher, doch das Ritual nimmt seinen Lauf, ist unauf­haltsam. Martina Piacentina ist die „Auserwählte“. Ihr Körper­einsatz ist atem­be­raubend und endet mit einem Luftsprung. „Das Opfer ist notwendig, um die Ordnung zu bestätigen.“

Erleichterter und begeisterter Applaus des Premi­eren­publikums nach dieser wuchtigen Demon­stration von künst­lerischer und körper­licher Höchst­leistung.

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