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Sonntag, 14.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Das Leben ist ein Traum der Autokraten

Haben wir einen freien Willen oder ist alles vorbestimmt? Diese philosophische Frage beschäftigte in der Barockzeit viele Denker und Autoren, auch der spanische Theologe und Schriftsteller Pedro Calderon de la Barca setzte sich mit ihr auseinander. Das Ensemble des Augsburger Theaters brachte nun dessen bekanntestes Stück „Das Leben ein Traum“ im Martinipark zur Aufführung.

Von Halrun Reinholz

Patrick Rupar, Sebastian Müller-Stahl, Jenny Langner, Julius Kuhn (Fotos: Jan-Pieter Fuhr)

Zwei vermummte Gestalten kommen von hinten durch den Saal und erreichen einen Turm auf der Bühne. Dort wird Sigismund (Julius Kuhn) wie ein Tier an Ketten gehalten, weil seinem Vater Basilio (Michael Schrodt), dem König von Polen, einst prophezeit wurde, sein Sohn würde ein Tyrann. Nur Clotaldo (Sebastian Müller-Stahl), der Vasall des Königs, hat Zugang zu ihm, er hatte die ganzen Jahre über für seine Erziehung gesorgt. Die beiden Wanderer sind die als Mann verkleidete Rosaura (Katja Sieder) und ihr Diener Clarin (Kai Windhövel), der, wie ein Narr, immer Wahrheiten ausspricht und seine Meinung nicht hinter dem Berg hält („Eh man sie mir aus der Nase zieht, drück ich dir die Wahrheit rein.“) Rosaura dagegen hat einen triftigen Grund für die Reise aus Russland nach Polen, denn der russische Prinz Astolfo (Patrick Rupar), mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte, hat sie verlassen und damit ihre Ehre gekränkt. Sie hat einen Dolch dabei, den ihr Vater – der sich auch aus dem Staub gemacht hat, noch bevor sie geboren war – der Mutter hinterlassen hat. Den erkennt Clotaldo als den seinen wieder, hält sich mit dem Outing aber erst einmal zurück. Doch er rät Rosaura, sich als Dienerin Estrellas (Jenny Langner), Basilios Nichte, am Hof einzuschleichen. Auf Estrella ist Astolfo scharf, denn er hofft durch eine Heirat mit ihr auf den Thron des Onkels.

Das barocke Verwirrspiel der Charaktere erhält sein Sahnehäubchen mit dem Beschluss des Königs, die Prophezeiung der Sterne auf die Probe zu stellen und Sigismund an den Hof zu holen. Scheitere er, solle das Projekt abgebrochen und ihm als „Traum“ verkauft werden. Genau das tut es, der Prinz tritt in jedes sich bietende Fettnäpfchen frei nach dem Motto: „Wer gehalten wird wie ein Tier, wird selbst zum Tier.“ Also wird er schlafend wieder in seinen Turm gebracht. Doch sein Erscheinen bei Hof hat eine Revolution zur Folge, er wird befreit und „das Volk“ jubelt ihm zu und will ihn als König sehen. War alles Traum oder kann das Wirklichkeit sein? Diesmal tritt der Prinz seine Rolle bedächtig an: „Also will ich noch mal träumen … aber wenn ich wieder träume, will ich vorsichtiger sein.“

Die beiden starken Frauen im Stück: Jenny Langner als Estrella und Katja Sieder als Rosaura

Das christlich-versöhn­liche Ende im Sinne der Gegen­re­for­ma­tion bleibt in der Insze­nie­rung von Fanny Brunner in Augs­burg mit einem dicken Frage­zei­chen ver­sehen. Zu offen­sicht­lich steht die Frage nach der Macht des Ein­zel­nen im Blick­punkt des gegen­wär­tigen Welt­ge­sche­hens. Der „auf­ge­klärte Monarch“, der um­sich­tige und um das Wohl seines Volkes bemühte Herr­scher – kann es den geben? Sigismund lässt bei seinem Vater und Clotaldo Gnade walten, aber beim Schluss­bild steht er als Sinn­bild der Macht mit der als First Lady auf­ge­donner­ten Estrella hoch auf einer Art Gangway und blickt in Trump­scher (oder Putin­scher oder …) Manier auf eine als Video ein­ge­blen­dete Flie­ger­parade. „Was ich falsch, was richtig mache, ist alleine meine Sache.“ Schnell kann da der Traum des Einen für die anderen zum Alptraum werden.

Als zentrale Figur ist auch Rosaura herausgearbeitet – eine Frau, die zur Selbsthilfe greift, weil sie erkennt, dass man sich auf die Männer nicht verlassen kann. Und die Astolfo zum Schluss noch nimmt, nachdem alle Unklarheiten beseitigt sind. „Denn wo Vernunft sich ungenügend zeigt, spricht der am besten, der am besten schweigt.“

Julius Kuhn als smarter Prinz Sigismund

Die Übersetzung von Georg Holzer bietet einen publi­kums­freund­lichen Zugang zum Text, der im Ori­ginal gereimt ist. Reime im engen Sinn hat hier zumeist der hell­sich­tige „Narr“ Clarin, der als tragi­sche Figur einen Zufalls­tod stirbt, was Kai Windhövel sehr pla­stisch umsetzt. Das Bühnen­ge­schehen lebt im Martini­park über­haupt von der Inter­aktion der her­vor­ragen­den Dar­steller, allen voran Julius Kuhn als bedau­erns­werter Ge­fange­ner und dann als zwi­schen Jähzorn und staats­männi­scher Über­legen­heit chan­gie­render Prinz Sigismund. Facetten­reich auch Katja Sieder als Rosaura, die in den Video­ein­blen­dungen oft in Nah­auf­nahme zu sehen ist. Der leicht­füßige Astolfo wird von Patrick Rupar bewegungs­reich wie ein Zwitter aus Asterix und Prinz Eisenerz verkörpert, zumindest sugge­riert das sein sehr farben­frohes Kostüm. Sebastian Müller-Stahl gibt als Clotaldo das Abbild des loyalen und vor­sichtigen Politikers, der kein Aufsehen erregen will, Michael Schrodt als König Basilio schwankt zwischen Wissen­schafts­gläubig­keit und Experi­men­tier­freude und Jenny Langner als Estrella ist eine Frau, die genau weiß, was sie will – und was nicht. Und selbst die beiden Statisten als „Diener“, „Wachen“, Volk“ (Luca Nenning und Juna Kornmann bzw. Lea Mandl) zeigen Kontur.

Mit den fantasievollen Kostümen folgt Daniel Angermayr dem bunten Geschehen im Stück. Unver­ständlich, warum er das Bühnenbild – abgesehen von dem vielseitig verwen­deten Turm – die meiste Zeit im tristen 80er-Jahre-Stil belässt – schwarzer Durchblick zur Hinter­bühne, nackte Metall­gestelle. Hin und wieder nur gibt es Ein­blen­dungen von Gemälden. Video­bilder werden in der Insze­nierung zwar oft und bewusst ein­gesetzt, dienen aber nicht der Auf­lockerung des Bühnen­bilds, sondern der Erwei­te­rung der Handlung um eine zusätz­liche Ebene. Auch die Musik (Alex Konrad) lässt leider nicht wirklich einen kongeni­alen Zusammen­hang zum Bühnen­geschehen erkennen.

Ein Stück, das in Zeiten wie diesen unbedingt aufgeführt gehört. Im Martini­park wurde daraus ein witziger, poin­tierter Bühnen­abend, was der kräftige Premieren­applaus bestätigte.

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