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Montag, 22.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Der Perlach und die türkische Flagge

Der gescheiterte Militärputsch in der Türkei hat auch in Augsburg einen Schock ausgelöst. Auf humoreske Weise richtet der Journalist Peter Hummel einen Appell an die türkische Community in Augsburg.

Die Frage, die sich so mancher Augsburger dieser Tage stellt, ist die, ob man eine türkische Flagge auf dem Perlachturm anbringen darf, wie dies am Sonntag bei der Demonstration für den türkischen Präsidenten Erdogan der Fall war. Natürlich darf man das, genauso wie man dort eine Fahne vom Männerballett-Verein oder des österreichischen Mundharmonikaverbandes anbringen darf. Der Perlachturm ist ja nicht das Bundeskanzleramt und er hat auch keine identitätsstiftende Funktion in der deutschen Geschichte.

Von Peter Hummel

Die Frage ist vielmehr, ob es klug ist, dort eine türkische Flagge oder ein Männerballett-Banner oder eine Fahne des österreichischen Mundharmonikaverbandes aufzuhängen. Zumal es für die Türkei am Sonntag weder einen Fußballsieg zu feiern gab, noch eine besondere Leistung in Sachen „Die Türkei auf dem Weg zum Frieden“.

Dass der seltsame Militärputschversuch in der Nacht auf Samstag nicht funktioniert hat, ist gut. Ob allerdings die Folgen der Aktion ein angemessener Anlass dafür sind, islamistische Sprüche zu klopfen und die rote Fahne auf den Perlach zu hängen? Ich denke: eher nicht.  Nun waren diese Menschen auf dem Rathausplatz nur ein kleiner Teil der türkischstämmigen Bevölkerung in Augsburg, wenngleich wohl jener, der am meisten Rabatz macht und – sagen wir es vorsichtig – emotional im normalen Leben eher unausgeglichen ist, um dann bei einer solchen Demonstration den Mob zu geben. Solche Leute kann man sehr gut auch beim Fußball oder beim Eishockey beobachten: Vor allem die, die Zuhause oder im Job nicht viel zu sagen haben, brüllen im Stadion und im Schatten der anderen besonders pöbelhaft herum.

Leider wurde diese überschaubare Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund zu Zeiten, als Peter Grab noch Pro-Augsburg-Kulturbürgermeister war, besonders hofiert. Das heißt nun nicht, dass Grab automatisch die Politik Erdogans unterstützt, Gott behüte, aber die naive Wertschätzung solcher Minderheiten durch Teile des Stadtrats ist einem friedlichen Zusammenleben wohl kaum zuträglich. Grünen-Stadtrat Cemal Bozoglu hat das nach den Ereignissen am Sonntag so kritisiert: „Ya allah, bismillah allahu ekber, der Kampfruf wenn man in den Krieg zieht, ist keine Parole für Menschenrechte und Demokratie.“  Jene, die auf dem Rathausplatz ihre einfältigen Parolen gerufen haben, sind nicht „die Türken“ in Augsburg. „Die Türken“ sind rund 24.000 Menschen, von denen der allergrößte Teil zu Hause geblieben ist. Vermutlich gab es mehr, die fröhlich auf der Siebentischwald-Wiese Köfte gegrillt haben, als Fahnenschwinger und Sprücheklopfer. Und selbst die Fahnenschwinger und Sprücheklopfer fühlen sich offensichtlich in Augsburg wohler als in der Türkei, was für Augsburg spricht und nicht für die Türkei.

Ich meine, wer hier in unserer Stadt wohnt und lernt und arbeitet und dabei das Bedürfnis hat, für einen Präsidenten fern der Heimat auf die Straße zu gehen, hat entweder zu viel Zeit oder zu wenig Freunde oder zu wenig Grips – oder alles zusammen, was in jeder Bevölkerungsgruppe eine brisante Mischung wäre. Würde ich mit meiner Familie zum Beispiel in Ankara leben, käme ich doch auch nicht auf die Idee, an einem sonnigen Sonntag Nachmittag mit einer Deutschlandfahne auf die Straße zu gehen, um Angela Merkel zu huldigen und die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens über Lautsprecher zu verbreiten. Wie albern wäre das denn?  Der Typ, der die türkische Fahne auf den Perlachturm gehängt hat, ist nicht hinnehmbar, wie die Gesamtveranstaltung. Das weiß er vermutlich selber und das würde ich auch all denen sagen, die dort österreichische Mundharmonika-Verbände-Flaggen und Wimpel von Männerballett-Gruppen baumeln lassen. Die Frage ist nur: Wer erklärt den Demonstranten, dass der türkische Präsident Erdogan mit unserem Rathausplatz soviel zu tun hat wie der König von Augsburg mit den Wittelsbachern? Wer sagt ihnen, dass die Kanzlerin des Landes, in dem sie leben, Angela Merkel heißt? Wer macht ihnen klar, dass das Schwingen von türkischen Flaggen in unserer Stadt zuletzt am 22. Juni 2002 angebracht war, als sich die Türkei bei der Fußball-WM gegen Senegal mit einem 1:0 für das Halbfinale qualifizierte?

Hoffentlich gibt’s unter den anderen 23.400 türkischstämmigen Augsburgern ein paar Väter, Mütter und Großeltern, die den Hitzköpfen ein Eis spendieren und ihnen in Erinnerung rufen, dass sie unter anderem hier leben, weil hier kein Präsident an der Macht ist, der 10.000 Beamte entlassen muss, damit er ruhig schlafen kann und der heult, wenn einer ein schlechtes Gedicht über ihn erzählt. Deshalb: Kommt’s ein bisschen runter! Von eurem Adrenalin-Trip – und vom Perlach sowieso.

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