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Mittwoch, 06.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kitschträume im Hochzeits-Ambiente

“Bluespots” enttäuschen in der Galerie Noah





Von Frank Heindl



Nicht selten in den letzten paar Jahren haben uns „bluespot productions” mit ihren Inszenierungen, mit ihrer Vorliebe für besondere Spielorte und auch mit ihren Themen begeistert. Der neueste Coup der Truppe um Regisseurin und Mastermind Leonie Pichler: „#kill your dreams”. Da ist einiges schief gelaufen: vom Text über den Titel bis zum Ort der Inszenierung.

Eigentlich ein Allerweltsthema, bei dem man viele Fragen hätte stellen können: Wie stellen sich junge Menschen ihre Zukunft vor, wie wollen diejenigen, die jetzt auf dem Sprung sind ins Berufs- und Familienleben, in die politische und soziale Umwelt, diese Welt gestalten, wie und warum scheitern sie damit, was können sie umsetzen, wie viele ihrer Träume bleiben unterwegs auf der Strecke. Die „Generation Praktikum” hätte dazu, auch ohne solche abgedroschene Stichworte, einiges zu sagen. Die Herangehensweise von „Bluespots”: Fünf Autoren wurden beauftragt, jeweils das Portrait eines jungen Menschen vorzustellen. Die Zuschauer sehen nur die Anfangs- und die Schlussszene gemeinsam, folgen zwischendrin einem Protagnisten ihrer Wahl, erschließen sich die Zusammenhänge selbständig.

Die Story, die der DAZ-Redakteur erlebt hat: Erwin trifft seinen Vater im Museum und streitet mit ihm über seine Zukunft als wahlweise Künstler oder Angestellter mit gesichertem Einkommen – denn Erwin will demnächst Marie heiraten. Bereichert wird die Diskussion durch Erwins alter Ego, das aus der Zukunft vorbeischaut mit dem Wissen, die Alternative Bildhauer habe schon mal nicht so richtig hingehauen und die Beziehung sei auch am Ende. Schade, dass der Gedanke nicht weiter verfolgt wird, ob man eigentlich seine Pläne ändern sollte, wenn man ihr Scheitern voraussieht, ob ein Leben gelingen könnte, wenn wir Misserfolge vermeiden könnten – stattdessen leider viele Phrasen vom Vater à la „Du musst jetzt Prioritäten setzen” oder, allen Ernstes: „Ich will doch nur dein Bestes.”

Ehrlich gesagt: ein bisschen langweilig

Anschließend lernte man dann Marie kennen, die sich vorm Zerrspiegel „dick, klein und undefiniert” fühlt. Sie hat Probleme mit Erwins Familie und erzählt ihrem Freund Lucas davon. Marie weiß noch nicht, ob sie Kinder

Biederes Hochzeitspaar ohne einen Funken Ironie: Lieselot-te Fischer als Marie und Joshua Wölfel als Erwin in „#kill your dreams“ (Foto: Frank Heindl).

Biederes Hochzeitspaar ohne einen Funken Ironie: Lieselotte Fischer als Marie und Joshua Wölfel als Erwin in „#kill your dreams“ (Foto: Frank Heindl).


will, aber die biedere Verwandtschaft fragt nicht nach dem Ob, sondern nur nach dem Wann. Marie will heiraten, aber dabei Klischees vermeiden. Wenn das die Probleme heutiger junger Menschen sind: Heiraten ja, Hochzeitskleid ja, aber doch bitte nicht so ‚’ne spießige Hochzeitstorte! – muss das dann uns Erwachsene interessieren? Das, liebe Jugendliche, ist, leider, schon ziemlich oft dagewesen und daher, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig. Lucas dagegen träumt von einem Standcafé in Portugal, und wir werden bald erfahren, dass er stattdessen zufrieden mit zwei Kindern in Deutschland leben wird. Auch nichts so sensationell Neues: spätpubertäre Ziele ändern sich halt meistens …

Einzig bewegende Szene: Einen Raum weiter, zwischen anderen Gemälden der Galerie Noah, ist Marie älter geworden, erzählt, wie sie sich voller Verzweiflung den Tod ihres Mannes vorstellt, um auf diese Weise ihre Liebe zu ihm wieder zu erwecken, sich an Gefühle zu erinnern. Doch hier können wir nicht lange verweilen, denn die Story bewegt sich schon dem Ende zu: Der Hochzeit. Kann man die Galerie Noah für Hochzeiten mieten? Bluespots demonstrieren nun, dass diese Räume, falsch genutzt, tatsächlich ein Höchstmaß an Kitsch-Ambiente liefern könnten. Und, leider, Bluespots distanzieren sich nicht von dieser Atmosphäre, sondern walzen sie gnadenlos aus. Die Reden, die auf dieser Hochzeit geschwungen werden, unterscheiden sich in Nichts von den Reden, die auf wirklichen Hochzeiten gehalten werden: Sie sind gar nicht so dumm, gar nicht so rührselig, gar nicht so weltfremd und gar nicht so unkritisch – sie sind „launig”, sie sind einfach Mittelmaß, nicht weniger, aber auch kein bisschen mehr. „Zwei Menschen haben sich heute zum Bund der Ehe entschlossen”, sagt der Vater, der Bräutigam spürt „lodernde Flammen”, die Trauzeugin freut sich, dass man heute „die Liebe”  feiere – und das Stück distanziert sich weder durch Ironie, noch durch Übertreibung, es gibt nicht mal was zu lachen. Dafür eine angetrunkene Künstlerin, die die Feier zu sprengen versucht, die aber dann doch weggeführt wird, ohne dass auch nur ein bisschen Deko zu Bruch gegangen wäre – der Text und die Inszenierung gehen über dieses Drama so oberflächlich hinweg, wie sie auch die anderen Personen, ihre Welten, ihre Pläne, ihre Gedanken nur lapidar streifen, bar jeder Tiefe.

Warum der Titel, warum der Ort?

Warum aber „kill your dreams”? Mag ja sein, dass auch heute und immerdar junge Menschen sich dieselben dummen Fragen stellen wie eh und je – „lass uns jung und dumm sein”, sagen sie im Stück -, aber was soll daran interessant sein? Welche Träume müssen, wollen, sollen sie denn nun aufgeben? Und warum der #Hashtag vor dem Titel? Was hat das Stück mit Twitter zu tun, was unterscheidet diese altbackenen Reden und Diskussionen von ähnlichen, die vor hundert Jahren gehalten wurden? Und, letzte Frage: Warum spielt das Stück in einer Galerie für Moderne Kunst? Bisher stand der Inszenierungsort bei Bluespots-Stücken stets in Bezug zum Stück – nun treffen sich in der ersten Szene Vater und Sohn im Museum, als habe man verzweifelt nach einer verbindenden Krücke gesucht. Oder war‘s einfach die Suche nach einer schönen Location zum Heiraten?

Weitere Aufführungen in der Galerie Noah:

Sa. 23.7. 2016, So. 24.7. 2016, Sa. 30.7. 2016, So. 31.7.