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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Jazzsommer: Der mit dem Bass tanzt



Das Avishai Cohen Trio im Botanischen Garten

Von Frank Heindl

Das Wetter war für Jazzsommer-Verhältnisse deutlich suboptimal – doch solche Nebensächlichkeiten spielten schon keine Rolle mehr, als Avishai Cohen die ersten Töne auf dem Kontrabass angeschlagen hatte. Die Band wolle keine Pause machen und in einem Set durchspielen, hatte Veranstalter Christian Stick verkündet, Punkt acht standen die drei auf der Bühne – und wenige Sekunden später war man voll im Bann eines rhythmisch hoch komplexen Stücks, das ein geradezu rockiges Bass-Riff präsentierte.

Avishai Cohen - ...

Avishai Cohen - ...


So atemlos ging das vor sich, dass das Publikum erst beim zweiten Stück auch mal einen Szenenapplaus wagte: Cohen webt seine Soli und die seiner Kollegen nahtlos in ein enges Geflecht aus Melodien ein, in dem oft schwer oder gar nicht erkennbar ist, wo der durchkomponierte Part endet und ein Solo beginnt – und umgekehrt. Die Betonung aber liegt auf der Melodie: Selten liegt einem bei Jazzkonzerten derart oft das Wort „schön” auf den Lippen. Für eine unablässige Fülle an Harmonie und Wohlklang ist vor allem Omri Mor am Flügel verantwortlich. Seine Begleitung fließt mehr, als dass sie akzentuiert, und auch mit seinen Soli wagt er sich erst im späteren Verlauf des 90minütigen Konzerts aus diesem klar definierten Background-Konzept heraus. Stattdessen begleitet er den Leader mal unisono, mal mit zweiter Stimme, umspielt ihn wogend mit aufgebrochenen Akkordlinien oder mit sanft melodischen Läufen, mit Einsprengseln, die oftmals geradezu „klassisch” anmuten und bisweilen etwa an Brahms oder Chopin erinnern.

Sprechende Instrumente

Für schärfere Akzente ist Schlagzeuger Daniel Mor zuständig. Er markiert nicht nur die mitunter recht vertrackten Rhythmen äußerlich korrekt, sondern schafft sich innerhalb der Songstrukturen Freiheiten durch seine überragende Virtuosität. Ein stampfender Sieben-Viertel etwa gibt ihm den Hintergrund für ein hinreißendes Solo mit enormem Dynamik-Spektrum – der Drummer schafft es, mitten in den verrücktesten Wirbeln ein paar geradezu geflüsterte Akzente zu setzen. Es wäre untertrieben zu behaupten, sein Schlagzeug kommuniziere mit den anderen beiden Instrumenten – es spricht in der Tat mit ihnen! Und wenn man Avishai Cohen beim Bassspielen hört, dann weiß man auch, weshalb dieser Bassist sprechende Instrumente um sich braucht.

Denn auch seine große Kunst ist es, sein Instrument als sprechenden Partner zu sehen. Das zeigt sich schon

… der mit dem Bass

… der Mann, der ...


gestisch, wenn Cohen mit dem Bass-Corpus geradezu tanzt, wenn er sich zärtlich an ihn schmiegt und ihn an sich drückt, wenn er beim Spielen mitsingt, mitzusprechen scheint. Doch Cohen singt nicht nur mit, er lässt auch sein Instrument singen. Was er an Schönheit, feinster Melodieführung, an tiefem Ausdruck und rhythmischer Finesse aus seinem Instrument herausholt, zeigt in jedem Moment auch, wie wichtig Kommunikation in dieser Band ist. Vor allem zwischen Bassist und Pianist reißt der Blickkontakt nur ganz selten ab – jede Nuance ist zwischen den beiden perfekt abgestimmt (und damit ist erklärt, warum sich auch in den Soli manche Stelle komponiert anhört, die doch offensichtlich spontan entstanden ist). Man nennt solch diese Sicherheit wohl „schlafwandlerisch”, in der in auch die Drums auf die minimalsten Anregungen sofort antworten – man lauscht drei Musikern, die über ihre Instrumente miteinander sprechen. Und deren Instrumente auch mal spontan die Rollen tauschen können: Wenn die gemeinsame Impro-visation es erfordert, arbeiten Klavier, Drums und Bass plötzlich sehr perkussiv.

Durch und durch westliche Musik

Wer die Ankündigung im Programmheft gelesen hatte, der hatte möglicherweise mit mehr „World Music”

…spricht (Fotos: Frank Heindl).

…mit dem Bass spricht (Fotos: Frank Heindl).


gerechnet, mit mehr Afrika, Balkan, Spanien. Avishai Cohens Musik ist aber in Wahrheit durch und durch europäisch, und die Art und Weise, wie seine Kompositionen die Reise durch sämtliche Kirchentonarten antreten, ist gerade in dieser unlösbaren Vermischung ganz besonders westlich: Hier gibt es keinen Stilmix, keine Eklektik – wenn eine arabische Tonskala aufscheint, wenn später Andalusisches anklingt, dann ist das keine Referenz an das Bedürfnis nach Exotik oder die Suche nach neuen Reizen. Sondern das ursprüngliche Anliegen des Jazz, sich einzuverleiben, was man gehört, gesehen, gesprochen hat, ohne dass anschließend die Einzelteile wieder zu trennen wären. Alles geht ein in dieses Gespräch der Instrumente, und es kann nicht überraschen, dass Cohen den aufs Dach des Glashauses trommelnden Regen nicht als störend, sondern als anregend empfindet, und dass er betont, die Band sei immer wieder erstaunt – und eben nicht genervt – davon, was von außen in ihre Musik eindringe: Gemeint waren da umfallende Flaschen und Baby-Gequäke. Das eine der drei Zugaben dann eine Gesangseinlage des Bassisten brachte, war dann nur folgerichtig. Wer schon seinen Bass so himmlisch singen und sprechen lassen kann, der darf das auch mal ohne Instrument.