Wer wir wirklich sind (2): Die Verlassenen des Erfolgs
Früher, als der Kaffee noch einen Euro kostete, saßen vor der amerikanischen Burgerkette am Königsplatz vier, manchmal drei, manchmal fünf Männer an den kleinen schwarzen Tischen. Ein hüfthoch gezogener Metallzaun umgab sie wie eine Invasion des Privaten ins Öffentliche – eine starre Besitzanzeige auf dem weiten Platz. Während die Wege in alle Richtungen Freiheit versprachen, markierte das Eisen eine soziale Barriere, ein Gehege inmitten der Stadt.
Gastbeitrag von Sait Içboyun
Das Internationale Kulturzentrum in der Zusamstraße (Foto: DAZ)Es war eine eigentümliche, schwere Ruhe, die von ihnen ausging. Jahrzehntelang geduldete Arbeiter, die sonst wenige öffentliche Räume finden und nie wirklich Zugang zur neuen Mehrheitsgesellschaft erhielten. Ihr Platz blieb eng bemessen, sodass sie sich auf diesem gewaltigen Platz in ein schmales Geviert aus Metall zurückzogen – zusammen mit denen, deren Sprache sie wendiger beherrschten als das Deutsche. Sie nippten lange an den Bechern, beobachteten das Auf und Ab der Passanten, die wie Wasser durch den Platz flossen, und sprachen nur gelegentlich. Unter den großen grünen Schirmen saßen sie nie. Sie wählten den Tisch, der am besten vom Sonnenlicht erhellt war – als wollten sie ein kleines Stück ungeteilter Stadt für sich beanspruchen.
Wenn sie aufbrachen, gingen sie gemeinsam zum Manzù-Brunnen. Dort glitt das Wasser wenige Zentimeter über glatten Stein. Kinder liefen barfuß hindurch, Hunde tapsten über die Flächen. Kein Zaun, kein Konsumzwang – hier verschenkte sich die Stadt an ihre Bewohner. Die Männer blieben am Rand stehen, noch gezeichnet von der Enge, aus der sie kamen. In diesem sanften Kontrast nahm ich ein Gesicht wahr – still, vertraut.
Dieses Gesicht begegnete mir häufig im Internationalen Kulturzentrum in Lechhausen. Er saß bei fast jeder Veranstaltung irgendwo am Rand neben seiner Familie, stets einen schwarzen Tee in der Hand, ein freundlicher Mann, kein großer Redner, aber ein guter ruhiger Zuhörer. Die Wände des Kulturzentrums hingen voll mit Bildern, die nicht verblassten: das schreiende Mädchen nach dem Napalm-Angriff in Vietnam, Nazim Hikmet der große türkisch kommunistische Dichter, ein paar türkische Revolutionäre, und natürlich İbrahim Kaypakkaya – İbo.
Er war erst 23 Jahre alt, ein brillanter Student der Physik, als er die radikale Linke prägte. Sein Ende im Gefängnis von Diyarbakır 1973 ist in die kollektive DNA dieser Generation eingebrannt: Er war der Mann, der unter monatelanger, grausamster Folter kein einziges Wort preisgab, kein Geheimnis verriet. Als er schließlich ermordet wurde, war sein Körper so gezeichnet und in Stücke zerteilt, dass sein Vater die Überreste seines Sohnes in einem Sack entgegennehmen musste. Für die Männer im Zentrum war er der Inbegriff des Opfers – ein junges Leben, das für ein Ideal zerstört wurde.
Obwohl die Besucher und Mitglieder aus den verschiedensten Ecken der türkischen Diaspora kamen – das türkische Schwarzmeerküste, kurdische Ostanatolien, arabische aus Antiochien Hatay –, war es das Türkische, das hier als Lingua Franca alle verband, die Sprache ihrer politischen Identität, die Sprache der türkischen Linken. Dieses Zentrum war in Augsburg der einzige Verein der Linken, türkisch-kurdisch, der offen war für alle Konflikte der Befreiung. Hier fühlten sich Kurden genauso wohl wie alle anderen Fortschrittlichen, fernab des türkischen nationalistischen Dogmatismus – ein Auffangbecken der Solidarität.
Entscheidend war das Bewusstsein: Klassenbewusstsein, Gerechtigkeit, Arbeit, Solidarität gegen Krieg und Rassismus und der unnachgiebige Kampf gegen den Faschismus. Man betrachtete die Welt stets durch das Prisma einer Ideologie, die auf fernen Lehren basierte und die Befreiung suchte. Doch so starr dieses Weltbild nach außen wirkte, so rastlos war es im Inneren. Über Jahrzehnte hinweg zersplitterte die Organisation immer wieder in kleinere Fraktionen – oft ausgelöst durch Nuancen in der Interpretation der Theorie. Was als geschlossene Front begann, zerfiel in ein Alphabet aus Kürzeln, die sich oft untereinander leidenschaftlicher bekämpften als den gemeinsamen Klassenfeind.
Vor allem aber blieb es stets eine Theorie, ein schützendes Gedankengebäude. Dieser Raum gab ihnen das Gefühl, als „Revolutionäre“ gegen einen Kapitalismus anzukämpfen – eine geistige Heimat des Widerstands. Doch in der wahren, realen Welt draußen strebten alle nach den Pfaden eben jenes Systems; sie wollten im Konsum des Kapitalismus doch auch Schöpfer des Schönen und des Wohlstands werden. Je bürgerlicher die Menschen in Augsburg wurden, desto kleiner wurde dieses Auffangbecken.
In diesem Raum fand er seinen Platz – vor allem für seine Kinder. Er ließ ihnen Teilhabe spüren. An Folkloreabenden steckten sie die Kleinen in bunte Trachten und sahen mit leuchtenden Augen zu, wie ihre Kinder tanzten. In den heranwachsenden Jahren kamen Musik und politische Debatten hinzu. Es sollten Kinder erzogen werden, die kritisch denken und handeln; Woche für Woche wurden sie mit Kant- und Marx-Literatur zu mündigen Menschen geschult.
Eine leise Konkurrenz lag in der Luft: Wer schafft das Gymnasium oder wer schafft über den zweiten Bildungsweg den Aufstieg? Die Eltern trieben sie an, weil sie wussten, was ein Leben ohne Ausweg kostet. Die Kinder kopierten voneinander, um nicht hintenanzubleiben. Die Eltern wollten für sie etwas anderes: Beamte, Akademiker, nie wieder unqualifizierte Arbeiter. Fast alle schafften es. Sie wurden zu anständigen Menschen, erlernten naturwissenschaftliche, gesellschaftliche oder soziale Berufe; einige spielen heute noch in Musikgruppen. Sie erreichten hervorragende Ausbildungen, Abitur, Studium, manche sogar Häuser in den Vororten. Das Ziel war erreicht.
Jeden ersten Sonntag im Monat fanden lange Frühstücke statt, Tische beladen mit Börek, Oliven, frischem Brot, Käse und Tee. Es war die Zeit der Mütter. Mit sanfter, aber bestimmter Konsequenz hatten sie die Väter dahin erzogen, dass diese als echte Linke die Küche übernehmen. Während die Männer abspülten und deckten, goss jeder seinen Tee selbst nach. Die Mütter waren das pulsierende Herz des Vereins, die Logistikerinnen des Aufstiegs. Ihr Blick galt stets den Kindern – jenseits der revolutionären Träumereien, die den Vätern eher zur Beruhigung dienten.
Doch mit dem Erfolg der Kinder schwand die Notwendigkeit des Raums. Die Mütter zogen sich als Erste leise zurück. Nun glänzen die Kinder draußen in der großen Gesellschaft; der Stolz der Mütter lebt in Vorort-Wohnzimmern weiter, beim Hüten der Enkel – das kollektive „Wir“ getauscht gegen familiäres Glück. Dennoch treffen sich noch vier bis sechs von ihnen einmal im Monat – ein letzter, stiller Rest des alten pulsierenden Herzens.
Das Internationale Kulturzentrum ist heute ein leerer Ort geworden. Die unverheirateten Mitglieder über fünfzig und die Väter über Fünfzig und Sechzig haben ihn übernommen, als letzte Wächter einer Epoche. Sie kommen noch, sitzen am Wochenende beisammen, trinken Tee, Bier oder Raki, machen zusammen ihre Politik, um ihre Ideale nicht zu verraten. Wenn jemand noch eine Saz dabei hat, gibt es Musik, der eine oder andere trägt ein Gedicht vor. Viele sind selbst im Lebensstil dem Bürgerlichen verfallen, die früheren Jungen sind selbst vermögend geworden – die alte Arbeiterklasse ist nicht Arbeiter geblieben. Sie haben Handwerker und sogar Fabrikanten hervorgebracht, die in der Region für Arbeitsplätze und Kapitalbindung sorgen. Auch diejenigen, die keine monetären Sorgen haben, kommen einmal im Jahr zu einer der wenigen Veranstaltungen, wenn sie in ihrer WhatsApp-Gruppe den Aufruf machen. Sie besprechen die Demokratisierung der Welt nebenbei – Hauptsache, man sieht sich mal wieder. Dabei blicken sie auf die Lücken in der Bibliothek, wo die entliehenen Klassiker nie zurückkamen und die verbliebene Sammlung im Büro wie versteckt eingeschlossen ist – Zeugen eines einstigen Bildungsdrangs, der vieles hervorgebracht hat.
Was sich hier in Lechhausen abspielt, wiederholt sich leise überall: Der Erfolg der zweiten und dritten Generation entleert die Vereine, die diesen Aufstieg ermöglicht haben. Die Kinder, mit Klassenbewusstsein und Kant’scher Ethik groß geworden, wenden sich neuen Welten zu; die Eltern bleiben als letzte Hüter zurück. Besonders am 1. Mai sieht man die unbrechlichen Väter noch hinter ihren alten Stoffbannern herlaufen. Es ist eine bittere Bilanz: Sie haben ihren Kindern eine Zukunft ermöglicht – und sie genau dadurch aus dem Idealismus ihrer Träume verloren.
Den Zaun am Königsplatz gibt es längst nicht mehr. An einem Samstagnachmittag im Januar begegnete er mir wieder, dieser eine Mann; diesmal am Rand eines Spendenzeltes für Kobanê. Er sah den jungen Aktivisten zu mit einer Mischung aus Stolz und leisem Mitleid. Der Platz bot das volle Panorama: Wahlkampfgetöse, bunte Pavillons, Flyer. Doch nichts davon berührt ihn. Die Revolution, die sein Herz noch zu schlagen bringt, liegt fern in Rojava. Er trat zum Stand, ließ eine Spende zurück und zog weiter, bis sein grauer Mantel im Schatten der Karlstraße untertauchte: jener autolastigen Ader, die vom Theater herab in die Senke gleitet, voll vom Lärm der Gegenwart und Versprechen, die sein Herz längst nicht mehr erreichen. Treu geblieben einem Traum, den seine Kinder schon lange nicht mehr brauchen.



