„La Belle et la Bête“ als Oper im Martinipark
Das Märchen „Die Schöne und das Biest“ ist vor allem über den zauberhaften Disney-Animationsfilm und das daraus entstandene Musical bis in jedes Kinderzimmer hinein allgemein bekannt. Das Augsburger Theater bringt die Geschichte nun als Oper auf die Bühne, die der Komponist Philip Glass nach einem Film von Jean Cocteau geschrieben hat.
Von Halrun Reinholz
Belle ist die Tochter eines Kaufmanns, der am Rande des finanziellen Ruins steht. Sie merkt das als Einzige und versucht, ihn zu unterstützen. Ihre beiden Schwestern Félicie und Adélaide sind verwöhnte Gören, der Bruder Ludovic hat sich verschuldet und verbringt den Tag zusammen mit seinem Kumpel Avenard bei Spiel und Müßiggang. Als der Vater sich eines Tages im Nebel im Wald verirrt und in ein unheimliches Schloss gerät, wird ihm eine Rose zum Verhängnis, die er im Schlossgarten für Belle pflücken will. Das Biest, dem das Schloss gehört, stellt ihn vor die Wahl, entweder zu sterben oder ihm stattdessen eine seiner Töchter als Geisel zu schicken. Belle stellt sich der Herausforderung und gewinnt das Vertrauen des Biests, weil sie sein Inneres, nicht sein Äußeres, beurteilt.

Fotos: Jan-Pieter Fuhr
Für die Regisseurin Susanne Lietzow ist dieses gespaltene Wesen des Biests – das, wie wir aus dem Märchen wissen, ein verzauberter Prinz ist – der Schlüssel zur Inszenierung. Der Sänger Wiard Witholt agiert auf der Bühne nur im Hintergrund, wie ein Geist. Den körperlichen Part übernimmt Georges Khoukaz, ein Wrestler, der mit „tierischen“ Bewegungen große akrobatische Kunst zeigt. An seiner Seite agieren weitere schattenhafte Tiergestalten mit ähnlichen Bewegungen, die die Statisterie des Staatstheaters bei der Kampfsportschule Augsburg akquiriert hat.
Die Gegenwelt zu den doch recht unheimlichen und nebligen Geister(kampf)-Szenen ist das häusliche Umfeld des Kaufmanns und seiner Kinder, das durch Überzeichnung ins Komische tendiert: Die beiden Schwestern Félicie (Olena Sloia) und Adelaide (Jihyun Cecilia Lee) staksen im dekorativen Outfit gestelzt durch den Raum und sind nicht in der Lage, auch nur einen Wäscheständer aufzustellen. Ludovic (Kabelo Lebyana) und Avenard (Daniel Carison) mimen die großen Zampanos, die vor allem an den Reichtum des Biests im Schloss kommen können, stellen sich beim Einbruch aber ungeschickt an. Der Vater (Shin Yeo) ist schwach, und schlussendlich kommt es vor allem auf Belle (Luise von Garnier) an, die die Bühne im Ballspiel mit dem Hündchen Cabriole (Bonnie Albus zeigt viel Grazie als vierbeiniges Geschöpf) betritt und später auch ihren praktischen Sinn im Umgang mit dem Wischmop beweist.
Die märchenhafte Handlung hat bereits Jean Cocteau zu einem Film inspiriert, der 1946 als eine der ersten Filmproduktionen nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Dass er Kult wurde, liegt an der Genialität des Regisseurs und der Darsteller (Jean Marais und Josette Day als Hauptprotagonisten), aber auch an der Thematik des Guten im vermeintlich Bösen, die nach den Kriegsjahren besonders aktuell war, sich aber zeitlos anbietet. Philip Glass hat den Film im Jahr 1995 jedenfalls mit einem eigenen Libretto zur Oper umgeformt. Die Musik ist wie eine subtile, aber dennoch nicht monotone Untermalung der Handlung, die Dialoge sind fast mehr gesprochen als gesungen. Damit bleibt der filmische Anklang erhalten. Die Aktion steht im Vordergrund, ebenso wie die märchenhafte Symbolik. Dem trägt die Bühne (Aurel Lenfert) vielleicht etwas wenig Rechnung. Vor allem die phantasievollen Kostüme (Jasna Bošnjak) sorgen, zusammen mit den Video-Animationen von Petra Zöpnek und den choreografischen Einlagen für Atmosphäre.
Bereits bei der Inszenierung von „Nora“ am Augsburger Theater hat Susanne Lietzow mit ihrer originellen Sichtweise auf einen sehr bekannten Stoff Aufsehen erregt. Das gelingt ihr auch hier sehr nachdrücklich und ohne den unnötigen Klimbim, der sich vermeintlich bei der phantastischen Geschichte anbieten könnte. Ein sehr eindrucksvoller und dichter Opernabend.





