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Freitag, 15.05.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

StadtGestalten – Augsburger im Porträt

„Veränderung beginnt bei einem selbst“

StadtGestalten: Hüseyin Yalçın

In der DAZ-Reihe „StadtGestalten“ kommen Menschen zu Wort, die Augsburg aktiv mit­gestalten. Heute im Gespräch: Hüseyin Yalçın. Er kam 1971 als Kind nach Lechhausen und hat seither in vielen Bereichen Spuren hinter­lassen – von der Basis­arbeit über die alevitische Gemeinde bis zur Baye­rischen Verfassungs­medaille in Silber.

Ein Interview zum Thema „Veränderung beginnt bei einem selbst“ von Sait İçboyun

Hüseyin Yalçın im Alevitischen Kulturzentrum

Das Fundament: Humanismus als Lebenselixier

Sait İçboyun: Hüseyin Abi, du warst über Jahrzehnte in vielen Vereinen und Gremien aktiv – von der SPD über das Bündnis für Menschen­würde bis zum Integ­rations­beirat. Dein eigentliches Herzblut gilt aber der ale­vitischen Gemeinde, die du in Lechhausen und Oberhausen mit aufgebaut hast. War dieser Aufbau der Gemeinde das Fundament, das dir die Kraft für all dein Engagement in der Stadt gegeben hat?

Hüseyin Yalçın: Für mich war immer wichtig – mein Leitgedanke war immer: Wenn ich was verändern möchte, muss ich es bei mir selber beginnen. Veränderung beginnt bei einem selber, und deshalb habe ich mich immer, wo es geht, engagiert, um eine Veränderung herbei­zuführen. Veränderung in dem Sinne, dass man den Aleviten in Augsburg ein Gesicht und eine Heimat geben kann. Dafür habe ich mich starkgemacht. Mittler­weile ist es so, dass wir in Augsburg zwei große Gemeinden haben, die sich voll in die Stadt­gesell­schaft einbringen und in verschie­denen Institu­tionen und Organi­sationen engagiert sind. Genauso sind viele in Gewerk­schaften organi­siert, in anderen Verbänden und sogar in Parteien.

Politik zwischen Rathaus und Basis

Sait İçboyun: Du warst auf höchster Ebene bei AGABY und im Bundes­zuwande­rungs­rat aktiv und hast von 2014 bis 2020 für die SPD im Stadtrat gesessen. Wie viel Stadt­gestaltung passiert wirklich im Rathaus – und wie viel entsteht an der Basis in den Vereinen?

Hüseyin Yalçın (Fotos: Sait İçboyun)

Hüseyin Yalçın: Ja, die Gestal­tung in der Stadt gestal­tet sich oft schwie­rig. Auch wenn man in einer Partei ver­treten ist, war es zu meiner Zeit zum Bei­spiel so, dass wir in einer Koa­li­tion waren. Da mussten natürlich immer wieder Ver­ein­ba­rungen getrof­fen werden oder es herrschte gegen­sei­tige Rück­sicht­nahme, sodass man eigent­lich das, was man ver­ändern wollte, nicht immer in diesem Sinne um­setzen konnte. Als Verein oder Orga­ni­sation ist es wiede­rum sehr schwer, etwas zu ver­ändern, wenn man keinen Ein­fluss auf die Poli­tik oder die Stadt­gesell­schaft hat. Deshalb haben wir unsere Gemein­den stark­ge­macht: Damit sie in der Stadt­gesell­schaft präsent sind und Aner­kennung für ihre Arbeit finden – und durch diese Aner­kennung schließ­lich auch Einfluss auf die Ent­wicklung der Stadt nehmen können.

Die Verfassungsmedaille als Ansporn

Sait İçboyun: 2012 hast du die Bayerische Ver­fassungs­medaille in Silber erhalten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie du im Maxi­milia­neum von der damaligen Landtags­präsi­dentin Barbara Stamm geehrt wurdest. War das für dich der Moment, in dem du gespürt hast, dass euer Einsatz für Vielfalt endgültig in der Mitte der Gesell­schaft angekommen ist?

Hüseyin Yalçın: Also, ich habe nie um die Aner­kennung meiner Arbeit gerungen. Mir ging es eher darum, den Menschen zu helfen, sie zu unter­stützen und zu mobili­sieren. Sie sollten begreifen, dass eine echte Ver­änderung – wie ich schon sagte – bei einem selber beginnt. Natürlich war es ein tolles Gefühl, diese Art der Aner­kennung für die Arbeit der letzten Jahr­zehnte zu bekommen. Und das war dann wieder ein Ansporn, weiter­zumachen. Hier darf man nicht aufhören; man muss sich weiter einbringen. Die Stadt­gesell­schaft braucht diese Anstren­gungen, um eine Veränderung in den Köpfen zu erreichen. Das Mitei­nander ist das Wich­tig­ste in einer Stadt­gesell­schaft.

Ein Erbe aus Dankbarkeit und Empathie

Sait İçboyun: Welchen Rat gibst du Menschen, die sich in dieser Stadt engagieren wollen? Was hat dich persönlich so stark gemacht?

Hüseyin Yalçın: Was mich angespornt hat, war die Zeit, als ich 1971 nach Deutsch­land kam. Natürlich haben wir die Sprache anfangs nicht gesprochen, meine Schwester und ich auch nicht. Wir hatten das Glück, dass ein deutsches, älteres Ehepaar im Haus wohnte, dessen Kinder schon ausgezogen waren. Sie haben uns wirklich wie ihre eigenen Kinder angenommen. Sie haben sich um uns gekümmert, während unsere Eltern bei der Arbeit waren, und haben uns die Sprache bei­gebracht. Diesem Ehepaar sind wir bis heute dankbar für diese herzliche und warme Aufnahme. Aus Respekt und Dank ihnen gegenüber bin ich diesen Weg gegangen und mache mich heute für andere stark. Diese Dankbarkeit von Menschen, für die man sich einsetzt, ermutigt einen weiter­zumachen. Das ist mehr wert als jedes Geld. Wir müssen in unserer Stadt­gesell­schaft lernen, dass Engage­ment für andere essen­tiell ist. Wir müssen uns respekt­voller begegnen und auch Empathie zeigen. Ohne Empathie können wir nicht weiter­machen – gerade in einer Gesell­schaft, in der so viele verschie­dene Kulturen, Religionen und Ethnien zusammenleben.

Wurzeln im Griesle-Park und die Bildungs-Odyssee

Sait İçboyun: Wir stehen hier im Griesle-Park. Was verbindest du mit diesem Ort? Und wie war dein Bildungsweg in Augsburg?

Hüseyin Yalçın: Hier hat sich meine ganze Kindheit abgespielt. Im Sommer waren wir fast jeden Tag hier zum Fußball­spielen oder zum Picknick mit der Familie. Das war einer unserer zentralen Orte. Ich wohne seit 1971 in Lechhausen und ich werde auch immer ein Lechhauser sein. Zur Schule: Ich habe die Grund­schule in der Birkenau-Schule besucht. Ab der sechsten Klasse war ich in der Hammer­schmiede, in der siebten dann im Herrenbach. Warum so viele Schul­wechsel? Das lag daran, dass ich in der ersten Klasse in einer deutschen Klasse war und noch kein Deutsch konnte. In der zweiten Klasse kam ich dann in die damals üblichen „türkischen mutter­sprach­lichen Klassen“. Da es diese nicht an jeder Schule gab, mussten wir Migranten­kinder ständig wandern, um die nächste Jahr­gangs­stufe zu besuchen. Von Herrenbach bin ich dann zur Realschule nach Bobingen gewechselt. Das war wieder eine deutsche Klasse, und wir mussten die siebte Klasse wiederholen, weil wir den Stoff von fünf bis sechs Jahren Deutsch und zwei Jahren Englisch nachholen mussten. Das war eine Modell­klasse mit ver­stärktem Unter­richt, um diese Defizite auszu­gleichen. Wir haben mit 40 Kindern angefangen, am Ende haben es nur 19 in die achte Klasse geschafft.

Die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Sait İçboyun: Hüseyin Abi, wie blickst du auf die aktuelle politi­sche und gesell­schaft­liche Stimmung im Land?

Hüseyin Yalçın: Die politische Ent­wicklung in Deutsch­land bereitet uns große Sorgen. Der zunehmende Rassismus und die Fremden­feind­lich­keit machen uns sehr nach­denklich. Dass all­täg­licher Rassismus über­hand­nimmt, dass man in der Straßen­bahn oder im öffent­lichen Leben ange­pöbelt wird und das zur Norma­lität wird, macht uns Angst. Diese Angst haben wir nicht nur der AfD zu verdanken, sondern auch zum Teil den etab­lierten Parteien, die mit dieser Sprache begonnen haben. Es war ein schlei­chender Prozess, der in den 80er-Jahren begann. Wenn ich heute höre: „Das darf man doch wohl noch sagen“ – nein, darf man nicht! Alles, was menschen­ver­achtend ist, was Menschen verletzt, separiert oder ausgrenzt, darf man nicht sagen. Da habe ich überhaupt kein Ver­ständnis. Wer solche Parteien wählt, weiß genau, was er tut. Da gibt es für mich keine Diskussion.

Was Augsburg mir gegeben hat

Sait İçboyun: Was hat dir Augsburg persönlich gegeben?

Hüseyin Yalçın: Augsburg hat mir alles gegeben. Ich bin als Kind hier­her­gekommen, ohne Sprache, ohne zu wissen, was mich erwartet. Und diese Stadt hat mich auf­genommen. Hier habe ich meine Familie gegründet, meine Kinder groß­gezogen und gelernt, Verant­wortung zu übernehmen. Wenn ich heute durch Lechhausen gehe, durch den Griesle-Park, dann spüre ich: Das ist meine Stadt. Nicht weil ich hier geboren bin, sondern weil ich hier geworden bin, wer ich bin. Lechhausen und Augsburg sind meine Heimat.


Als wir unseren Spaziergang beenden, öffnet sich der Himmel über Augsburg. Ein kräftiger Regen setzt ein. Wir flüchten unter die mächtigen alten Bäume im Griesle-Park. Während die schweren Tropfen auf das dichte Blätterdach prasseln, stehen wir trocken darunter – geschützt von den Riesen, die schon hier standen, als Hüseyin Yalçın 1971 zum ersten Mal über diese Wiesen lief. Es ist ein passendes Bild für ein Leben, das längst selbst zu einem fest ver­wurzelten Teil dieser Stadt geworden ist und heute – wie diese Bäume – anderen Schutz, Orien­tierung und Inspiration bietet.

Sait İçboyun: Hüseyin Abi, bevor wir uns verabschieden, möchte ich dir noch etwas Persönliches sagen – nicht als Fragesteller dieser Reihe, sondern als Freund und Weggefährte.

Was du über Jahrzehnte für diese Stadt geleistet hast, ist nicht selbst­ver­ständlich. Menschen wie du werden heute mehr denn je gebraucht – Menschen, die sich bürger­schaft­lich einbringen und die Gesell­schaft zusammen­halten. Dein Engagement, deine Güte und deine Kraft – oft bis tief in die Nacht – das weiß ich sehr zu schätzen. Ich danke dir dafür.

Möge der heilige Hızır dir stets zur Seite stehen – und möge das Gute immer die Oberhand gewinnen.

(Hızır ist im alevitischen Glauben eine heilige Gestalt – ein unsterblicher Wanderer, der Menschen in Not unerwartet beisteht. Für Aleviten symbolisiert er Hoffnung und Beistand.)


StadtGestalten – Augsburger im Porträt