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Kultur

Stürmische Zeiten: Shakespeare im Martinipark

Baustelle und Marotten eines alternden Regisseurs – Andre Bücker hat in seine Inszenierung von Shakespeares Zauberkomödie „Der Sturm“ einiges an Anspielungen hineingepackt.

Von Halrun Reinholz

Der Sturm © Jan-Pieter Fuhr

In einem Interview zur aktuellen Inszenierung  der Shakespeare-Komödie gibt André Bücker Auskunft, dass es eigentlich vier Stücke sind, die er mit Shakespeare auf der Bühne erzählen will. Erstens und für alle offensichtlich geht es zunächst um eine Theaterprobe, Theater im Theater. Das Ensemble probt Shakespeares „Sturm“. Der Regisseur (Klaus Müller) und seine Assistentin „Schnubbel“ (Katja Sieder) erscheinen mit Verspätung, derweil hat der Spielleiter und Mann für alles (zum Beispiel das Bestellen der Mittags-Pizza) Andrej Kaminski die Schauspieler bereits auf ihre Rollen eingestimmt. Er selbst ist Ariel, der (wenn auch unfreiwillig) treue Diener Prosperos im Stück. Letzterer wird von Klaus Müller  selbst verkörpert und „Schnubbel“ ist dessen Tochter Miranda.

Wie immer liegt der Reiz solcher „Spiel-im Spiel“-Szenen bei den Anspielungen an Gegenwärtiges. Bücker persifliert zunächst ganz offensichtlich den Theaterbetrieb oder gar die gesamte Branche inklusive dominante Regisseure, die Abhängigkeit der Schauspieler,  die Me-Too-Debatte, politische Korrektheit und Zeitgeist-Themen wie die Klimakatastrophe. Ganz konkret nimmt er aber auch die aktuelle Theatersituation in Augsburg aufs Korn, die durch das Bühnenbild, eine chaotische Baustelle (Bühne: Jan Steigert), mehr als deutlich signalisiert wird. 

Prinz Ferdinand, der nach Prosperos Zauberwillen Mirandas Zuneigung erwerben soll und dieses Ziel schmachtend verfolgt, wird von Prospero dazu verdonnert, Zementsäcke zu schleppen und danach erteilt ihm Miranda noch die Aufgabe, Dienst auf der Baustelle der Theatersanierung zu leisten. Shakespeare hätte an diesen Aktualitätsbezügen seine Freude und auch das Publikum lässt sich zunächst willig darauf ein. Allerdings ist, ähnlich wie bei Peer Gynt, oft des Guten zu viel. Ein Kalauer jagt den anderen und so zieht sich das Stück unnötig in die Länge und verlieren die Pointen an Stringenz. Der Schlussauftritt aller Beteiligten mit Schwimmtieren ist kaum noch schlüssig zu rechtfertigen.

Ein Problem, das sich durch die beiden Ebenen des „Spiels im Spiel“ ergibt, sind die Brüche. Die Darsteller wechseln zwischen den Rollen hin und her – manchmal sehr elegant, manchmal aber auch recht unmotiviert. Hier leisten die Videoaufnahmen (Robert Zorn) gute Hilfe.

Was die Aufführung aber bei allen Längen und Zotigkeiten dennoch zu einem sehenswerten Erlebnis macht, sind die hervorragenden Darsteller. Klaus Müller ist die Doppelrolle des intriganten Zauberers und arroganten Regisseurs, der seine Machtspielchen mit vergnügtem Selbstbewusstsein dirigiert, gleichsam auf den Leib geschrieben. Durch die Videoaufnahmen ist sein Mienenspiel permanent im Fokus der Zuschauer. Auch Katja Sieder ist als brave  Assistentin stets medial präsent, als Miranda kokettiert sie aber auch sehr zielgerichtet mit Ferdinand (Sebastian Baumgart) – dem einzigen Mann, der auf der einsamen Insel als Lover zur Verfügung steht, weshalb die Chance genutzt werden muss.  

Auch Ferdinand bleibt unter dem Zauberbann gar nichts anderes übrig, als ihren Reizen zu erliegen. Geduldig und humorvoll schleppt er deshalb die Zementsäcke quer durch den Zuschauerraum. Bemerkenswert auch die Rolle des etwas unterbelichteten Inseltrottels Caliban, der zu Beginn des Stücks mit dem Besen durch den Raum fegt („Hausmeister mit Spielverpflichtung“, wie die Assistentin spitz vermerkt). Gerald Fiedler hat hier Gelegenheit, sein feinsinnig-komisches Talent zu offenbaren. 

Ein komisches Paar im Schlagabtausch geben auch Patrick Rupar als betrunkener Kellner und Natalie Hünig als Spaßmacher Trinculo ab. Chaotisch agiert auch die Gruppe der  Schiffbrüchigen aus Neapel – König Alonso (Kai Windhövel) und dessen Bruder Sebastian (Anatol Käbisch) liefern sich ein veritables Fecht-Duell (vom „Regisseur“ sogleich als „Schauspielschul-Kram“ abserviert). 

Prosperos Bruder Antonio von Mailand (Sebastian Müller-Stahl) leidet unter Diarrhoe und sitzt deshalb die meiste Zeit auf einer Kloschüssel, während sein Berater Gonzalo (Thomas Prazak) ständig unter Beschuss ist. In jeder Hinsicht vielseitig ist die Rolle Kaminskis als Ariel – oder auch als Spielleiter, der für seine Schauspielleistung das Lob des Meisters erhofft („wie war ich?“) und nur einen vielsagend-arroganten Blick erntet.

Einen wichtigen Part der Inszenierung nimmt die Musik ein, die Bücker, auch wieder nach dem bewährten Rezept bei Peer Gynt, live auf der Bühne spielen lässt. Die Band um Girisha Fernando nennt sich  „On The Offshore“ und untermalt die Handlung tatsächlich eindrucksvoll mit Liedern, die laut Ankündigung von der Sängerin Lucy Pereira nach Texten von Shakespeare-Sonetten geschrieben wurden. 

Diese wären zumindest im Programmheft gut platziert gewesen, jedenfalls war nichts davon verständlich oder für die Handlung nachvollziehbar. Dass die Musiker historische Kostüme anhatten (die Sängerin einen auffälligen Kopfschmuck), sollte diesen Bezug vielleicht andeuten, doch es wirkte eher albern und unpassend – gerade angesichts der eher unhistorischen Kostümierung der Schauspieler. (Kostüme: Suse Tobisch).

Von Shakespeare blieb nicht allzu viel übrig bei all den Meta-Ebenen, die hier auf der Bühne verhandelt wurden. Allerdings doch recht viel originaler Text. Vielleicht als Beleg, dass die Anspielungen doch alle kompatibel sind mit der Intention des Autors, der sich mit diesem Altersstück auch selbst ein Denkmal zum eigenen Abschied setzte. 

Shakespeare (und damit das Theater als solches) hält einiges aus, auch eine Dauerbaustelle, die gerade erst begonnen hat und noch viel Durchhaltevermögen erfordert. So ähnlich soll wohl der Kommentar des Intendanten verstanden werden.

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