DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 12.11.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Traum oder Wirklichkeit? „Luzid“ am Staatstheater Augsburg

Als deutsche Erstaufführung inszeniert David Ortmann Rafael Spregelburds Stück auf der Brechtbühne

Von Halrun Reinholz

Luzid – Foto © Jan-Pieter Fuhr

So viel Harmonie zu Beginn! Eine glückliche Familie – Mutter mit Tochter und Sohn, wie sich dann herausstellt – ist in einem sehr angenehmen Restaurant-Ambiente („Feng Shui!“) versammelt, um den 25. Geburtstag von Lucas zu feiern. Dass es so harmonisch nicht bleiben kann, ist vorprogrammiert, denn die Szene kommt nur im Traum vor, im „luziden“ Traum von Lucas, der mit Hilfe eines Therapeuten gerade dabei ist, ein Trauma zu verarbeiten.

Dem vermeintlich harmonischen Abend folgen viele Perspektivenwechsel in der Familienkonstellation. Häppchenweise erfahren die Zuschauer, was das Verhältnis von Mutter und Geschwistern belastet. Erfahren sie es wirklich? Der Stückaufbau setzt auf Verwirrung. Kein roter Faden lenkt den Zuschauer. Im Gegenteil: Sobald man der Meinung ist, einen gefunden zu haben, entgleitet er wieder. Und auch die Auflösung am Ende  lässt noch viele Fragen offen. Ein solches Stück birgt Tragik und Komik. Rafael Spregelburd, der argentinische Autor von „Luzid“, spricht von „Katastrophenstück“.

David Ortmann inszeniert diese deutsche Erstaufführung  (in deutscher Sprache war sie bereits vor einigen Jahren in Wien zu sehen) an der Brechtbühne am Gaswerk geschickt, wenn auch nicht immer schlüssig. Aber schlüssig ist an dem Text sowieso nichts, allenfalls etwas mehr Tempo hätte man erwarten können im Angesicht der Katastrophe. Und natürlich lebt ein solches Kammerspiel mit nur vier Darstellern von der Präsenz der Schauspieler, die kaum  Wünsche offen lässt: Die unglaublich wandlungsfähige Ute Fiedler zieht als Mutter Tété alle Register, von der nervigen Glucke bis zu ihrem großen und leisen Auftritt am Ende. Julius Kuhn, der „Neue“ im Ensemble, brilliert als Lucas in allen Verkleidungen. Lucrezia, die etwas rätselhafte und plötzlich wieder aufgetauchte Schwester wird von Katharina Rehn verkörpert und Roman Pertl spielt den Part von Philipp oder Andreas oder auch den Kellner in dem Traum-Lokal am Anfang. Eine eigens komponierte Musik von Katharina Schmauder untermalt die Szenerie – auffällig durch den auf der Bühne präsenten Musiker Fabian Heichele, der die Dialoge mit seiner Tuba, einem Alphorn oder manchmal auch nur mit einem blubbernden Wasserglas begleitet. Justus Saretz hat die Bühne ansprechend im Stil des japanischen Restaurants  der Eingangsszenerie gestaltet.

Bei aller Verwirrung, die zurück bleibt:  ein anregender Theaterabend.  Großer Applaus für die Mitwirkenden.