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Festival

Brechtfestival: „Fuck heroes, fight now.“ – Ein feministischer Anti-Ödipus auf der Brechtbühne

Feminismus-Thementag beim Brechtfestival. Patrick Wengenroth nimmt Brechts ambivalentes Verhältnis zu Frauen zum Anlass, heutige Geschlechterverhältnisse aus feministischer Perspektive zu reflektieren. Mit dem Titel „Fuck Heroes, fight now.” war ein Gespräch über Gender und Gesellschaft auf der Brechtbühne angekündigt. Gezeigt wurde allerdings eine klassische Tragödie. Mit einem auf zwei Einzelfiguren aufgespaltenen Helden.

Von Bernhard Schiller

Foto: Programmheft Brechtfestival (c) John Cartwright & Michael Barker

Foto: Programmheft Brechtfestival (c) John Cartwright & Michael Barker


In der Hauptrolle: Laurie Penny, Journalistin, Autorin und laut Programmheft „wichtigste Stimme des jungen Feminismus“. Und Jack Urwin, kein Superlativ, aber dasselbe Betätigungsfeld wie Penny. – Urwin tritt auf als der vom Schicksal Gebleute. Seine Erzählung rührt durchaus an. Vater Urwin habe seinerzeit eine tödliche Herzkrankheit vor der Familie verleugnet aus Furcht davor, schwach und verletzlich zu erscheinen. Er starb, als Jack noch ein Kind war, dem daraus eine tiefe Wunde blieb. Die giftige Männlichkeit („toxic masculinity“) seines Vaters habe er geerbt. Er als er selbst an Depression erkrankte, habe er erkannt, dass die toxic masculinity kein innerfamiliäres Problem sei, sondern ein gesellschaftliches. Sämtliche Kinder, Jungen und Mädchen, seien vom Gift empathiefeindlicher Männlichkeitsideale betroffen.

Penny widersetzt sich den Göttern. Ihr zufolge sei das männlichkeitsbasierte Geschlechterverhältnis grundsätzlich von Misstrauen und Feindseligkeit bestimmt. Das Geschlecht sei eine „Zwangsjacke für die menschliche Seele“. Darum seien Geschlechter abzuschaffen. Weder Biologie, noch Kultur sollen den Menschen davon abhalten, frei zu sein. Mit Hilfe heutiger Technologien sei das ja auch kein Problem mehr.

Irwin will zunächst pragmatischer sein und lediglich das Gift pathogener Männlichkeitsideale ausschleichen. Allein, er spielt die Rolle des reflexiv-selbstkritischen Gendermannes so vortrefflich, dass für Pennys männerfeindliche, aggressive Abschaffungsphantasien zunehmend Raum entsteht. Und gehorcht so blind, Fatum bleibt eben Fatum, dem ihm bestimmten Los, gegensätzliche Regungen zu unterdrücken. Jeglicher Widerspruch würde als Beweis für Pennys Misstrauenstheorie gewertet.

Fuck and Fight – Vatermord und Mutterinzest

Also gelangen beide zur übereinstimmenden Diagnose: Die Welt ist vergiftet und das Gift heißt Mann. Auch bezüglich der Therapie besteht Konsens: „Feminismus für alle!“ Der dürfe nach Penny freilich nicht zahnlos daherkommen, müsse sich vielmehr seinen Biss, sprich die Aggressivität erhalten. Die Idee, statt Feminismus einen neutralen Begriff für die geplante Weltrevolution zu wählen, mit dem sich auch das Gros der Männer anfreunden könne, lehnt Penny entschieden ab. Feminismus solle, so Penny, kein sicherer Raum für Männer sein. Zynisches Gelächter im Publikum. Allerspätestens mit dieser Aussage verabschiedet sich die ohnehin mythische Darbietung endgültig ins dunkle Reich der Massen- und Tiefenpsychologie. Und es erfüllt sich der orakelhafte Veranstaltungstitel auf symbolischer Ebene: Fuck and fight – Vatermord und Mutterinzest. Der Mann muss abgeschafft werden zugunsten eines totalen Feminismus.

Ein Potpourri linker Klischees

Mehr ist über diese Veranstaltung, die über eineinhalb Stunden konsensuell dahinplätschert, nicht zu sagen. Zwischendurch werden von echten Schauspielern in propagandistische Länge gezogene, dem Applaus nach aber kundenwirksame Ausschnitte aus den Neuveröffentlichungen der beiden Hauptdarsteller vorgetragen. Von den in der Anmoderation versprochenen inhaltlichen Gegensätzen war kaum etwas zu spüren. Stattdessen lieferten Penny und Urwin ein einstimmiges Potpourri zeitgenössischer linker Klischees. Natürlich sei der Kapitalismus an allem schuld, natürlich seien Schwarze und Migranten (neben Frauen) Opfer, natürlich sei der alte, weiße Mann Alleintäter und wer, wenn nicht der amtierende US-Präsident sei die Leibhaftigwerdung all diesen Übels? Und natürlich regt sich kein Widerspruch im Publikum bei soviel unterkomplexer Selbstverständlichkeit.

Ein gelungener Nachmittag also vor allem für den Verlag, der die Veranstaltung ermöglichte und mit reich gedecktem Büchertisch zum Ideologiekonsum einlud. Beide, Penny und Urwin, erscheinen bei Edition Nautilus, einem linken Verlagshaus aus Hamburg, das mitunter Autoren aus dem Dunstkreis der RAF oder den notorischen Holocaustleugner Norman Finkelstein führt. Da fügt es sich trefflich ins Gesamtkonzept, wenn Laurie Penny nicht nur sozialistische, sondern auch dezidiert antisemitische Positionen vertritt.

Laurie Penny unterstützt antisemitische Kampagnen

Der Journalist Philip Meinhold hat Pennys Einlassungen zu Israel in der linken Wochenzeitung Jungle World („Feministin gegen Israel“, 17. März 2016) trefflich analysiert. Beispielsweise unterstützt Penny die antiisraelische Kampagne BDS (Boykott, Deinvestitionen, Sanktionen), ein internationales Sammelbecken für Judenfeindlichkeit jeglicher Coleur, das im Staat Israel ein böses, kolonialrassistisches Apartheidsregime sehen will und eine breite Delegitimierungskampagne betreibt. Die Aktivisten und Unterstützer der Kampagne sind dabei zumeist mit (ödipaler) Blindheit gegenüber dem faktischen Unrechtsregime von Hamas und Konsorten geschlagen.

Laurie Penny, die gleich zu Beginn der Veranstaltung mit Vehemenz betonte, sie sei unwillens, ihre feministische Opferperspektive zu verlassen, sitzt diesem Täter-Opfer-Fehlschluss auf und ist damit – stellvertretend für unzählige feministisch-antisemitische Diskurse – mehr in chauvinistischen Verblendungszusammenhängen gefangen, als einem Feminismus, der den Namen verdient, lieb sein kann. Menschen, die in ihrer Kindheit von Erwachsenen sexuell belästigt oder missbraucht wurden, lernen unter Zwang, die schlimme Wahrheit zu tabuisieren und sich stattdessen selbst als Schuldige auszumachen. Auf der symbolischen Ebene passiert dasselbe bei der irrationalen Israelkritik, die letztlich vor allem den aggressiven Abschaffungsphantasien mörderischer, patriarchalischer, frauenfeindlicher und homophober Kulturen Raum gibt.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Meredith Haaf, einer Journalistin für hippe, junge Formate und – warum auch nicht? – Feministin. Es bleibt am Ende nur die leise Hoffnung, dass es auch einen jungen Feminismus diesseits der hier präsentierten Absurditäten gibt. Pennys Gegenspielerin Merle Stöver vielleicht. Die verteidigt Israel. Nur hat sie eben gerade kein Buch zu verkaufen.

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