DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

GAZ. Das Brechtfestival 2017 endet mit der großen poetischen Kraft des Theaters

Nach einem inhaltlich und künstlerisch eher schwachen Brechtfestival endete die zehntägige Veranstaltungsreihe am gestrigen Sonntag mit einem großartigen Theaterabend.

Von Siegfried Zagler

Vivianne De Muynck

Vivianne De Muynck (c) Fred Debrock


Die Frage, ob es stimme, dass man nach dem Lesen von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein anderer Mensch sei, beantwortete Marcel Reich-Ranicki mit einem kurzen „Ja“ und fügte hinzu, dass das auch für Brechts Werk gültig sei. Wer im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals “GAZ. Plädoyer einer verurteilten Mutter” gesehen hat, weiß zumindest, dass die poetische Kraft des Theaters ihre Wirksamkeit nicht verloren hat.

Großes Theater: Man braucht dazu nicht viel, nämlich einen guten Theatermann und mindestens einen guten Schauspieler – und natürlich ein Textstück, das die Würde und die Tragik der menschlichen Existenz in Sprache setzt, in eine Sprache, die an Seele und Verstand adressiert ist. Eine komplexe Sprache also, die einen emotionalen Raum erschafft und ohne Gebrüll und Sentimentalitäten an das Mitgefühl des Publikums appelliert: eine Anti-Brecht-Sprache.

All dies ist im Theaterstück von Tom Lanoye vorhanden – und kam mit der großartigen 70-jährigen Schauspielerin Vivianne de Muynck in Augsburg dergestalt unaufdringlich und beinahe zart auf die Bühne, dass das Stück, in dem eine Mutter vom Muttersein und vom dramatischen Verlust ihres Sohnes erzählt, eine Zumutung im allerbesten Sinn darstellt. Darf und kann eine Mutter ihren Sohn lieben, auch wenn dieser ein anderer wurde als er war, als sie ihn noch bedingungslos liebte? Ist das Gefühl der Mutterliebe unsterblich, auch wenn ihr Kind zum Attentäter wurde und Hunderte von Menschen in den Tod riss?

Tom Lanoyes Mutter unternimmt nicht den Versuch, einen (ihren) Massenmörder in Schutz zu nehmen, weil er ihr Sohn war und ist, vielmehr verteidigt sie sich selbst. Und sie stellt sich selbst infrage, untersucht monologisch ihre Trauer und ihre Liebe zu einem unbegreiflichen Mörder, zu einem Menschen, der ein Rätsel geworden ist – ihr Rätsel.  Mit der Auftragsarbeit für das Theater Malpertuis hat Tom Lanoye eine unsentimentale Sprachwelt geschaffen, die weit in die Empfindsamkeit der Psyche vordringt und aktueller und aufregender nicht sein kann.

Erstaunlich auch die schwer zu vermittelnde Eigentümlichkeit, dass es im Laufe der Darstellung kaum noch störte, dass der Vortrag auf niederländisch gehalten war und deutsche Obertitel aufs karge Bühnenbild geworfen wurden. – Zu Bekritteln ist somit nur der Sachverhalt, dass das Publikum fernblieb. Die Brechtbühne war leider nur zur Hälfte gefüllt.

Regie: Piet Arfeuille / Bühne: ruitevaarders / Licht: Jan Maertens / Ton: Peter Conenelly / Kostüm: Lieve Pynoo.