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Dienstag, 16.06.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Baukultur

Unlesbare Buchstaben, verschwindende Informationen

In der Stadtbücherei gibt’s vom Sommer an „Kunst am Bau“

Von Frank Heindl

Kunst am Bau – nun auch vor und in der Stadtbibliothek. Zwei ganz unterschiedliche Kunstwerke werden vom Sommer an die Besucher zum Nachdenken anregen.

Auf dem Vorplatz der Bibliothek am Ernst-Reuter-Platz entsteht eine Installation des „labbinaer – Labor für Medienkunst“. Hinter diesem „Firmennamen“ verbergen sich drei Augsburger Künstler mit dem Ziel, multimediale Exponate zu entwickeln, „die es dem Benutzer erlauben, bekannte Inhalte auf bisher unbekannte Art und Weise zu erleben“ – so steht es auf ihrer Website, und so ähnlich wird es vor der Bücherei zur Wirkung kommen. Kernstück der Installation „Delete“ wird eine große Stele sein. Sie ist mit einer Speicherplatte verbunden, auf der eine große Enzyklopädie, also ein umfassendes Nachschlagewerk abgespeichert ist. Der Pferdefuß der Installation ist ihre Funktionsweise: Wer per Knopfdruck eine Information abruft, holt sie zum einen auf ein großes Buchstabenlaufband und kann sie somit lesen. Gleichzeitig verursacht der Aufruf allerdings auch die Tilgung der Information von der Festplatte – wer liest, der löscht. Je mehr neugierige, wissensdurstige und lernbegierige Leser das tun, desto früher wird der Speicher leer, die Installation sinnlos sein. Benjamin Mayer von „labbinaer“ kann allerdings beruhigen: Selbst wenn vom Sommer an pausenlos der Löschknopf betätigt wird, reicht der Datenvorrat für achtzig Jahre. Und bis 2090 wird die Stadt wohl ein neues Kunstwerk organisieren können …

Installation „Delete“: Stele von labbinaer

Unscheinbar, unlesbar, fast unsichtbar

Ganz anders in Wirkungsweise wie Erscheinung ist das zweite Kunstwerk, dessen Kauf die Stadt beschlossen hat: „Echo“ von Felix Weinold ist nicht groß und demonstrativ wie „Delete“, sondern unscheinbar, ja nahezu unsichtbar. Lesen können es die wenigsten, man kann es kaum sehen, allenfalls fühlen. Weinold wird auf der Treppenbrüstung im Innern der Bücherei einen Text aufbringen lassen – allerdings nicht in normalen Buchstaben, sondern in Blindenschrift. Sehende werden diese Schrift allenfalls fühlen, aber nicht lesen können – die Brailleschrift ist so klein, weil sie mit den Fingerkuppen ertastet werden muss, jede Vergrößerung würde sie unlesbar machen. Blinde dagegen werden die Schrift zwar nicht sehen, dafür aber entziffern können. Wer die Braille-Schrift versteht, wird das Kapitel „Regen“ aus dem Buch „Im Dunkeln sehen“ des Oxford-Professors John M. Hull lesen können. Hull beschreibt in dem faszinierenden Werk, wie er sein Augenlicht verloren hat und nun als Blinder lebt. Immer wieder scheint dabei die Erkenntnis auf, dass er nie in der Lage sein wird, Sehenden seine Gefühle, seine Wahrnehmungen, sein Leben als Blinder zu erklären. So, wie der Besucher der Stadtbibliothek nicht lesen können wird, was Hull geschrieben hat. Es sei denn, er ist blind.

„Viel Forderung für wenig Geld“

Zwei nachdenkliche Werke also, auf die man sich freuen kann. Und über deren Kauf durch die Stadt sich natürlich auch die Künstler freuen, wenn auch mit gewisser Zurückhaltung: Felix Weinold kritisiert das langwierige Hin und Her des Wettbewerbs um die „Kunst am Bau“ in der Bücherei. Zunächst hatte die Stadt – noch unter der Regenbogen-Regierung – 150.000 Euro für diesen Zweck locker gemacht, die dann von der neuen Stadtregierung zunächst ganz gestrichen, dann auf 50.000 Euro abgespeckt wurden. Für wenig Geld, so Weinold, habe die Stadt viel gefordert: 12 Künstler wurden zur Abgabe von jeweils bis zu drei Entwürfen sowie von Skizzen und Modellen aufgefordert. Von den 50.000 Euro mussten dann sowohl die Vorarbeiten als auch die Herstellung der Kunstwerke bezahlt werden – viel Künstlerhonorar sei da nicht übrig geblieben, insgesamt sei es „fast ein Wunder, dass überhaupt etwas rausgekommen ist.“

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» www.labbinaer.de

Bewegende, eindrucksvolle und in vielerlei Hinsicht verblüffende Auszüge aus John M. Hulls Buch „Im Dunkeln sehen“, das Felix Weinold für seine Installation „Echo“ verwendet hat, kann man unter anderem hier lesen („Im Dunkeln sehen: Erfahrungen eines Blinden“, Beck Verlag, München 1992).

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