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Sonntag, 05.04.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Tristesse im Kühlschrank

Premiere: „We are camera“ im Textilmuseum

Von Frank Heindl

Schiefliegende Welt, Schlaf in der Vertikalen: Von links Martin Herrmann, Sarah Bonitz, Alexander Darkow und Ute Fiedler.

Schiefliegende Welt, Schlaf in der Vertikalen: Von links Martin Herrmann, Sarah Bonitz, Alexander Darkow und Ute Fiedler.


Eine „camera, die sich selbst verstehen lernen will“ – solch ein Gerät ist der Mensch. Er beobachtet, reflektiert über seine Beobachtungen und zieht daraus Rückschlüsse auf sich selbst. Fritz Katers „We are camera/Jasonmaterial“ wäre dann also als eine Art Bewusstseinsmaschine gedacht? Am vergangenen Freitag hatte das sperrige Stück Premiere im Textilmuseum – Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner brachte den Text mit nur wenigen Kürzungen als ein unterkühltes Kammerspiel auf die Bühne, zeigte eine klinisch-distanzierte Collage aus Erinnerungsbildern und träumerischen Fluchten.

Ernst (Martin Herrmann) ist in den späten Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts Biologe in Westdeutschland. Er bastelt an mörderischen Kampfstoffen, spioniert aber gleichzeitig für die DDR. In der Silvesternacht 1969 flieht er nach Finnland, um seiner Enttarnung und Verhaftung zuvor- und in die DDR zu entkommen. Die Familie glaubt zunächst an eine spontane Urlaubsreise, doch allmählich kommt die Wahrheit ans Licht. Aus Wut und Enttäuschung betrügt seine Frau Paula (Ute Fiedler) ihn in derselben Nacht mit dem Hotelangestellten John (Philipp von Mirbach), der gleichzeitig Agent des Westens ist und Ernsts mitgenommene Kampfstoffproben zurückstehlen will – ein Plot im Stile einer Agentenstory des Kalten Krieges.

Kuscheln in der Vertikale

Das Stück blendet in hektischen Schnitten zwischen Zeiten und Orten hin und her: Neben besagter Silvesternacht kommen unter anderem Episoden aus den 30er- und 80er-Jahren vor, eine Szene spielt 1992 – also nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Evi Wiedmann hat ins „tim“ eine Bühne gebaut, die dieses Geschehen nicht gliedert: außer weißen Plastikfolien ist zunächst kaum etwas zu sehen. Dass die Verhältnisse verrutscht sind, zeigt aber schon das erste Bild: Vor dem Aufbruch ins Exil kuschelt die ganze Familie im heimatlichen Bett. Was auf den ersten Blick heimelig wirkt, offenbart sich schnell als absurd und verdreht: man schläft im Stehen. In Finnland herrschen 20 Grad unter null, als die Familie im Hotel „Europa“ Unterschlupf findet – doch das strenge Weiß der Wohnung/des Hotelzimmers macht nicht nur die äußere Kälte deutlich, sondern zeigt auch Gefühlskälte: Auf der Flucht aus dem einen, auf dem Weg ins andere Deutschland wird die Familie heimatlos und zerbricht – nicht nur an der Lüge des Vaters, der seine Agententätigkeit verheimlicht hat, sondern auch an ihrer eigenen verdrängten Geschichte.

Tristesse im finnischen Winter: Spion Ernst offenbart Paula, dass der Ausflug nach Finnland kein Urlaub ist (Fotos: Nik Schölzel).

Tristesse im finnischen Winter: Spion Ernst offenbart Paula, dass der Ausflug nach Finnland kein Urlaub ist (Fotos: Nik Schölzel).


Katers Stück bietet Erklärungen. Ernst könnte zum westdeutschen Dissidenten geworden sein, weil sein Vater den Nazis als „Judenfreund“ galt und er selbst als Verräter bespuckt wurde. Oder war es ganz anders, hat der Biologe als 15jähiger einen jungen russischen Soldaten erschossen und diese Tat lebenslang bereut? Die Kinder Mirko (Alexander Darkow) und Sonja (Sarah Bonitz) werden Opfer der neuen Verhältnissen, tun sich schwer, im neuen Deutschland Wurzeln zu schlagen. Die Mutter ähnelt ihnen, wie sie sich, nach einer kurzen erotischen Eskapade mut-, farb- und tatenlos ins Schicksal fügt – im Schlagertext ist mehr Liebe als in Supermans Armen. Und auch der Vater geht nicht aktiv, sondern winselnd zugrunde – stirbt in einer Version als Alkoholiker, wird in einer zweiten wegen seiner Agententätigkeit eingesperrt. Und da hat sich die Welt erneut umgekehrt für ihn: In einer raffinierten Kameraeinstellung sehen wir ihn sitzend im Gefängnis, erkennen erst später, dass er liegend sitzt, sitzend liegt.

Silvester: immer und überall gleich trist

Im Laufe dieser Entwicklung werden die weißen Plastikfolien auf der Bühne immer mal wieder angehoben – doch darunter kommt kein Leben zum Vorschein. Ein paar Versatzstücke bürgerlichen Lebens, ein Sofa, ein Couchtisch, die organisierte Ungemütlichkeit des Westens wird im Osten nahtlos spießig fortgesetzt. Das einheitliche Bühnenbild zeigt schlüssig, dass weder Orts- noch Zeitwechsel einen Unterschied machen – Silvester ist immer und überall Tristesse pur. Und dass in solchen Verhältnissen die Suche nach richtigem Leben scheitern muss, ist offenkundig.

Dass da ernsthaft ein Stück deutscher Geschichte verhandelt wird, macht der Text schnell klar. Ob er dabei auch seine Personen ernst nehmen will, bleibt fraglich. Die Beschreibung Paulas durch einen Off-Erzähler orientiert sich mal an kitschiger Trivialliteratur, kommt mal im überhöhenden Sprachduktus mythischer Erzählungen daher, die räsonierende Figur des intellektuellen Agenten wird sprachlich entwertet durch einen aufgesetzten Agentenjargon im Krimistil, die Dialoge sind meist lakonisch, erkennbar darum bemüht, keine höhere „Bedeutung“ zu erzeugen. Und weshalb John nicht nur als Agent, sondern auch als „Superman“ wirken muss, bleibt rätselhaft.

Kein Wunder also, dass die Inszenierung keine Empathie entstehen lässt: Die Personen bewahren sich eine hochgradige Künstlichkeit, als sollten sie nicht Menschen, sondern Exempel darstellen. Martin Herrmann darf Tragik entfalten, wenn er als Alkoholiker endgültig und offenkundig scheitert. Die übrigen Familienmitglieder, in gewisser Weise allesamt Opfer der Entscheidungen des Vaters, wirken in ihrer kindlich-verkrampften Aufrechterhaltung der Normalität aseptisch-unnahbar, als seien auch sie Elemente eines biologischen Experiments, eben dem Gefrierschrank entnommen – oder nur Bilder einer teilnahmslosen „camera“, die Funktionen erforschen will und Gefühlen gegenüber gleichgültig ist. Hoepners Inszenierung zeigt Menschen, die ebenso von der Geschichte wie von ihren eigenen Lebensgeschichten vergewaltigt, gefressen und wieder ausgespuckt werden – und die gelernt haben, die Spuren er Misshandlungen zu ignorieren im stumpfen „Weiter so“. Seelenkrüppel sind sie allesamt – kein Wunder in einer schiefliegenden Welt, wo sogar Superman am Ende frustriert den Abflug macht.

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