DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Steht auf, wenn ihr Schwaben seid!“

Spiegelt ein Fußballverein seine Stadt wider? Oder ist es gar so, dass eine Stadt genau jenen Fußballverein hervorbringt, den sie verdient? Wie Stuttgart so der VfB, wie Augsburg so der FCA? Viele Fragen und ein Text dazu.

Von Jochen Mack



Eigentlich dürfte das Ergebnis VfB Stuttgart gegen den FC Augsburg klare Formsache werden. Der mehrmalige Deutsche Meister spielte in den letzten Jahren immer wieder in europäischen Wettbewerben und kommt mit einigen Nationalspielern an den Lech. In den letzten Spielen gewann der VfB nicht nur oft sehr hoch, sondern er spielte – wie in Dortmund auch hervorragenden Fußball. Vor allem Vedad Ibisevic, der aus Hoffenheim nach Stuttgart wechselte und sich für einen Stürmer sehr schnell eingewöhnte, brachte eine unberechenbare Dynamik ins Angriffsspiel der Schwaben.

Tabelle nach Runde 29

Tabellensituation vor dem Spiel


Das „eigentlich“ zu Beginn steht nicht nur wegen der aktuellen Stärke der Augsburger, die wie gegen Dortmund auch gegen München gut dagegenhielten und in der heimischen SGL Arena seit einer gefühlten Ewigkeit ungeschlagen sind. Die Einschränkung bezieht sich auf die Launenhaftigkeit des VfB. Immer wieder brachen sie nach guten Spielen ein und verschenkten mitten in einem Aufwärtstrend wertvolle Punkte. Und dies gilt auch für ganze Spielzeiten. Wurde man 2007 eher aus dem Nichts Deutscher Meister, folgte eine mittelmäßige Saison. Danach war das Muster so: katastrophale Hinrunde, hervorragende Rückrunde. Mal reichte es für einen europäischen Wettbewerb, mal landete man im grauen Mittelfeld. Und das ist sicher nicht der Anspruch der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Fußballvereine als Spiegel ihrer Städte

Wenn man will, kann man aus dem Stand von Fußballvereinen ablesen, wie das Selbstverständnis einer Stadt ist. Beispiel München: Dort geht man davon aus, dass die Sonne nur aufgeht, um den Himmel über der bayerischen Landeshauptstadt in ein schönes Blau zu tauchen. Entsprechend werden Platzierungen des FCB ab Platz drei entweder als kleiner Ausrutscher, als blasphemische Fehlleistung des Fußballgotts oder als unverständliches Ärgernis gewertet.

Großartiges Potential - wenig Außenwahrnehmung: Stuttgart

Großartiges Potential - wenig Außenwahrnehmung: Stuttgart


Anders in Stuttgart. Dort sieht man sich eigentlich als eine Stadt, die in der europäischen Topliga mithalten kann, und das nicht nur im Fußball. Reihenweise ging der Titel „Oper des Jahres“ an den Neckar, dort wurde vor kurzem eine aufsehenerregende Stadtbücherei eröffnet, im Jahr 2005 ein städtisches Kunstmuseum, das erstligatauglich ist. Die etwas ältere Staatsgalerie gilt als eine der ersten Bauten der Postmoderne. Ganz zu schweigen davon, dass Stuttgart jahrelang die Hip-Hop-Szene Deutschlands dominierte.

Auch in der Wirtschaft spielt Stuttgart nicht nur wegen Mercedes-Benz und Porsche ganz vorne mit. Zahlreiche Weltmarktführer sind rund um den Talkessel angesiedelt.

Und doch: Die öffentliche Wahrnehmung von Stuttgart sieht anders aus. In der Berichterstattung über die Auseinandersetzung um die Tieferlegung des Hauptbahnhofs mischte sich vor allem Erstaunen, dass die „biederen Schwaben“ so rebellisch sein können. Und keine Unterhaltung über Stuttgart und kein Film der dort spielt, braucht mehr als drei Minuten, um die beliebte Kehrwoche aus der Schublade zu holen.

Was in der Stadt passiert, zeigt sich auch im Fußball

Dass das, was eigentlich in der Stadt passiert, außen nicht angemessen gewürdigt wird, zeigt sich nun auch im Fußball. Obwohl die Mannschaft mit dem roten Brustring schon lange in der Bundesliga spielt und eine hervorragende Jugendarbeit betreibt, gelingt es nicht, den Verein „emotional aufzuladen“, wie dies jemand aus dem Marketing formulieren würde. Die Liste derer, die im VfB entscheidende Schritte in ihrer Karriere gemacht haben, ist so lang wie eindrucksvoll: In den letzten Jahren gingen unter anderem Mario Gomez, Sami Khedira, Philipp Lahm, Kevin Kurany, Alexander Hleb oder Holger Badstuber wenigstens eine Zeitlang in Stuttgart in die Lehre.

Trotz dieser Namen ist es dem VfB nie gelungen, sich konstant in der Spitzengruppe der Bundesliga zu etablieren. Auch weil es nie gelungen ist, wichtige Spieler langfristig an sich zu binden. Und das deshalb – da beißt sich die Katze in den Schwanz – weil die Spieler nie die Gewähr haben konnten, in Stuttgart dauerhaft bei den ganz Großen mitzuspielen. Und deshalb gilt der Befund für die Stadt wie den Verein: Großartiges Potential und große Leistungen, die aber außen sehr wenig wahrgenommen werden.

„Die steigen ja eh wieder ab“

an wenigen Stellen führend - wenig Ehrgeiz, dies zu ändern: Augsburg

An wenigen Stellen führend in Deutschland - wenig Ehrgeiz, dies zu ändern: Augsburg


Eine Betrachtung, was die Lage des FCA über die Stadt Augsburg aussagen kann, kann hier nicht ausführlich dargestellt werden. Auf den ersten Blick scheint es so, dass viele eher irritiert sind, dass Augsburg in der ersten Liga mitmischt. Meist kam nach dem Erstaunen der Satz „die steigen ja eh wieder ab.“ Auch das bildet sich in der Stadtgesellschaft ab: Augsburg ist an wenigen Stellen führend in Deutschland und entwickelt wenig Ehrgeiz, dies zu ändern. Zu oft genügt das, „was es hier schon immer gab.“

Das Spiel am Dienstag wird aber völlig offen sein, da es für beide Mannschaften um sehr viel geht. Die Augsburger brauchen nach wie vor jeden Punkt im Kampf um den Klassenerhalt und der VfB möchte sich einmal mehr für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren. Deshalb erwartet die Fans in der ausverkauften Arena ein kämpferisches Spiel von zwei der lauffreudigsten Teams der Bundesliga.

Von der Stadionhymne „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid!“ sollten sich also alle angesprochen fühlen – und das nicht nur auf dem Fußballrasen.



Der Autor:

Jochen Mack begleitet vor allem Sozial-, Umwelt- und Jugendverbände in ihrer Öffentlichkeitsarbeit. In Augsburg arbeitet er unter anderem für das Grenzenlos-Festival, den Sozialdienst katholischer Frauen und die Grüne Stadtratsfraktion. Der Schwabe aus dem Württembergischen war über Jahrzehnte verhinderter VfB-Fan: „Könnten Sie Fan eines Vereins sein, dessen Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder heißt?“ Jetzt drückt er natürlich dem FCA die Daumen und ist regelmäßig im Familienblock zu finden.