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Samstag, 31.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der FCA und das neue industrielle Kraftzentrum

“Es bewegt sich was in Schwaben. Eine Region erfindet und erkennt sich neu”, so Stefan Mayr in der Süddeutschen Zeitung am Vorabend des Derbys Augsburg vs. Bayern. Mayr vertrat in der Süddeutschen eine wesentlich optimistischere Auffassung als DAZ-Gastautor Jochen Mack, der in seinem Vorbericht zum heutigen Spiel des FCA gegen die Stuttgarter Schwaben die Stuttgarter und die Augsburger Regionen verglich und dabei den Stadion-Klassiker “Steht auf, wenn ihr Schwaben seid!” bemühte. Augsburg sei an wenigen Stellen führend in Deutschland und würde wenig Ehrgeiz entwickeln, dies zu ändern, so Mack.

Dagegen spricht Mayrs Recherche, in der Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, folgendermaßen zu Wort kommt: “Schwaben ist ein industrielles Kraftzentrum und die bayerische Aufsteigerregion des letzten Jahrzehnts.” Nicht nur, um Jochen Macks Bauchgefühl ein paar Fakten entgegenzustellen, sondern auch, um einem ausgezeichneten Artikel ein wenig mehr Verbreitung in Augsburg zu garantieren, reicht die DAZ Mayrs Artikel mit dessen Genehmigung in voller Länge und mit einer Verbeugung ihren Lesern nach.

Mit dem Stolz der Aufsteiger

Augsburg in Hochstimmung

Von Stefan Mayr

Seit der FC Augsburg in die Bundesliga aufgestiegen ist, ist die Atmosphäre mehr als euphorisch – und das nicht nur im Stadion. Die Schwaben haben ein neues Selbstbewusstsein. Vor dem Derby FC Bayern gegen FC Augsburg zittert sogar Uli Hoeneß.

Fans feiern den Aufstieg des FC Augsburg im Mai 2011. Bis heute hält die Euphorie der Schwaben an.

Reinhold Schilling war jahrelang Mitglied des FC Bayern-Fanclubs ‘D”Mendlschpizer Offingen’. Schon als Soldat in den 1980er Jahren hatte er eine Jahreskarte für das Olympiastadion. Doch seit Sommer 2011 ist alles anders. Der 50-Jährige aus Jettingen-Scheppach (Kreis Günzburg) trat dem neugegründeten FC Augsburg-Fanclub Mindeltal bei. Ein Seitenwechsel mit fliegenden Fahnen – und wahrlich kein Einzelfall: Seit Menschengedenken waren Schwabens Fußballfans Samstag für Samstag nach München gegondelt, um Bundesliga-Fußball zu sehen. Aber jetzt, seit dem FCA-Aufstieg 2011, biegen immer mehr von ihnen schon in Augsburg ab – und identifizieren sich mit dem Underdog aus ihrer Bezirkshauptstadt in einer Art und Weise, wie sie es mit den Millionarios aus der Landeshauptstadt nie gemacht haben.

“Die Atmosphäre im Augsburger Stadion ist ja fast hysterisch”, sagt Reinhold Schilling, “da wird ein Eckball mehr bejubelt als in München die Meisterschaft.” Ja, die Stimmung ist blendend derzeit in Schwaben. Und das nicht nur auf den Tribünen der stets ausverkauften Arena, sondern auch in den Chefetagen der expandierenden Unternehmen. Mitunter scheint es, als könnten die Schwaben – einst eher sparsam und bescheiden und von den Großkopferten in München belächelt und benachteiligt – vor lauter Kraft und Selbstvertrauen kaum laufen. Sogar die Liste der sonnenreichsten Orte Deutschlands 2011 führt eine schwäbische Gemeinde an: Scheidegg im Allgäu.

Am Samstag gastiert der Emporkömmling FCA erstmals zu einem Bundesliga-Punktspiel beim Rekordmeister FCB, und Bayern-Boss Uli Hoeneß zittert schon: “Ehrlich gesagt habe ich vor Augsburg mehr Angst als vor Real.” Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), sagt: “Schwaben ist ein industrielles Kraftzentrum und die bayerische Aufsteigerregion des letzten Jahrzehnts.” Es bewegt sich was in Schwaben. Eine Region erfindet und erkennt sich neu.

In den ländlichen Gebieten Schwabens herrscht Vollbeschäftigung, im gesamten Regierungsbezirk liegt die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent. Das ist bayernweit die Bestmarke – und sogar besser als vor der großen Krise 2008. Im Chancen-Index der VBW stehen die Landkreise Augsburg und Dillingen auf den Plätzen zwei und fünf – bundesweit. Kein anderer Kreis Bayerns ist besser. Und in den Top Ten des Freistaats stehen fünf schwäbische Kreise (Donau-Ries, Ostallgäu und Lindau folgen auf den Plätzen fünf, sieben und acht). Natürlich gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Bundesliga-Aufstieg und Wirtschaftsaufschwung. Aber es gibt Wechselwirkungen: “Der FCA sorgt nicht nur für gute Stimmung”, sagt Peter Lintner von der IHK Schwaben, “sondern ist auch ein echter Wirtschaftsfaktor.” Die vielen Besucher bewirken einen “großen Kaufkraftzufluss, man darf das nicht unterschätzen”, betont Lintner.

Nun mischten Firmen wie Fendt und Eurocopter, MAN und Kuka im Weltmarkt schon vorne mit, als die FCA-Fußballer noch drittklassig waren. Aber neuerdings werkeln die Schwaben zusätzlich an vielen neuen Projekten herum, mit denen sie bundesweit oder gar europaweit ganz vorne mitspielen.

Die Region boomt

Dabei fällt auf, dass viel mehr miteinander statt wie bisher neben- oder gegeneinander gearbeitet wird: Das wichtigste und ehrgeizigste Projekt ist der Innovationspark Augsburg, in dem Wissenschaftler und Hightech-Firmen gemeinsam die Faserverbundtechnologie vorantreiben sollen. Der Park nimmt inzwischen Formen an, die Gebäude des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie des Fraunhofer-Institutes wachsen bereits auf dem Gelände empor. Das bayerische Wirtschaftsministerium pumpt 70 Millionen Euro in den Park. 15 Millionen davon fließen in die sogenannte Green Factory Bavaria. Hier sollen Forscher ressourcensparende Produktionstechnologien entwickeln. Auch Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) lobt die Schwaben: “Die Region entwickelt sich mit großen Schritten in Richtung eines führenden Kompetenzzentrums für Faserverbundtechnologien und Ressourceneffizienz.”

Fördermittelbescheide für den Innovationspark; v.l.: OB Dr. Kurt Gribl, Staatsminister Martin Zeil, Prof. Dr. Ulrich Buller (Fraunhofer-Gruppe), Klaus Hamacher (stellv. Vorstandsvorsitzender DLR)

Augsburgs Wirtschaftsreferentin Eva Weber trommelt unterdessen für eine sogenannte Aerospace Area. In diesem Verbund sollen sich die zahlreichen Luft- und Raumfahrt-Unternehmen aus der Region zusammenschließen und gemeinsam hoch qualifizierte Fachkräfte anlocken. Geplant ist ein “Bildungshaus Luft- und Raumfahrt” an der Universität Augsburg. Auf der Suche nach den besten Ingenieuren will Eva Weber sogar BMW und Audi überflügeln: “Luft- und Raumfahrt ist viel faszinierender als Automobil”, sagt sie ganz unbescheiden.

Von derart wuchtigem Selbstbewusstsein war man in Schwaben vor drei Jahren noch Lichtjahre entfernt. 2009 stand der Bezirk im Krisenatlas des Instituts der deutschen Wirtschaft noch ganz unten – als die am schlimmsten von der Wirtschaftskrise betroffene Region. Die Ursache war schnell ausgemacht: Der Branchenmix in Schwaben ist viel zu industrielastig, hieß es angesichts der Konkurrenz aus den Billiglohn-Ländern. “Damals wurde gefragt, ob Produktion in Europa noch Sinn macht”, erzählt IHK-Experte Lintner. Die Antwort der Schwaben lautete: Ja. “Wir sind die verlängerte Werkbank Bayerns geblieben, aber inzwischen eine hochwertige”, sagt Lintner stolz. Qualifizierung, Innovation und Networking seien die Zauberworte, sagt er. 2011 waren immer noch 39 Prozent aller schwäbischen Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe tätig – fünf Prozentpunkte mehr als im Bayern-Schnitt. “Das haben die Firmen und der FCA gemeinsam”, sagt Lintner, “sie schlagen sich wacker in schwierigem Umfeld.”

Das neueste Projekt zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit heißt: “Schwabenbund”. Im März haben sich in Memmingen zehn Landkreise und vier Städte aus dem bayerisch-württembergischen Grenzgebiet zusammengeschlossen. Der Verbund versteht sich als Sprachrohr der Bürger zwischen den Wirtschaftszentren Stuttgart und München – und als Vertreter des “stärksten Wirtschaftsraums Deutschlands außerhalb der Metropolregionen”.

Bereits seit 2008 zelebriert der Bezirk jährlich – analog zum “Tag der Franken” – einen “Schwabentag”. Allerdings wird die Idee kaum wahrgenommen, die identitätsstiftende Wirkung geht gegen null.

Dieses Problem bleibt den Schwaben trotz aller positiven Zahlen: Die Identifikation mit dem Bezirk ist schwierig bis unmöglich. Zu verschieden sind die Lebenswelten zwischen Nebelhorn und Ries-Krater, zwischen Neuschwanstein und Gundremmingen. Auch der Innovationspark oder die Aerospace Area werden die 1,8 Millionen Schwaben kaum vereinen. Wenn einer das Zeug dazu haben könnte, dann nur einer: der FC Augsburg. Ein Sensationssieg am Samstag in München – vielleicht wären dann alle ein bisschen mehr Schwabe als je zuvor. Reinhold Schilling hat seine Entscheidung bereits getroffen: Er wird “hundertprozentig” im FCA-Block sitzen. Und zum ersten Mal geht auch Ehefrau Ruth mit ins Stadion.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7. April 2012

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