Neue Spielzeit am Theater: „Die Akzeptanz ist da“
Mit der Präsentation der neuen Spielzeit des Augsburger Staatstheaters wird ein Jubiläum eingeleitet: es ist das 10. Interims-Jahr des Intendanten André Bücker, der das Haus sozusagen nur als Provisorium kennt. Eigentlich hätte er nur die Anfangszeit bis zur Fertigstellung der Renovierung und des Neubaus im Provisorium überbrücken sollen, doch es kam anders. Dafür fällt die Bilanz gar nicht so schlecht aus – und auch die Vorschau ist vielversprechend. Das liegt, wie der Intendant weiß, nicht zuletzt am Augsburger Publikum, das alles mitmacht und dem Theater auch unter widrigen Umständen die Treue hält.
Von Halrun Reinholz
Die Mitglieder der Theaterleitung bei der Spielplanpräsentation, v.l.n.r.: Benjamin Seuffert, Ricardo Fernando, Lukas Baueregger, Carla Silva, André Bücker, Sophie Walz, David Ortmann, Anna-Dorothea Promnitz-Pyrek, Nicole Schneiderbauer, Sabeth Braun, Domonkos Héja, Dr. Christine Faist (Foto: Jan-Pieter Fuhr)Der thematische Überbegriff der Spielzeit 2026/27 ist „ungeheuer“. Man kann ihn auch als ironische Anspielung auf die Widrigkeiten sehen, die das Theater nach wie vor heimsuchen. Außer der unendlichen Geschichte der Baustelle beim Großen Haus hat in der noch laufenden Spielzeit ja auch noch die plötzliche Schließung der Freilichtbühne alle Planungen durcheinandergebracht. Und dass die Interimsspielstätten auch allmählich Schwächen und Mängel aufweisen, beschäftigt die Theaterleitung zunehmend. Vor allem der große Saal im Martinipark ist nun seinerseits renovierungsbedürftig und angesichts der unsicheren Ausgangslage der Großbaustelle hat man nun sogar beschlossen, dort eine Klimaanlage einzubauen, die den Zuschauern und dem Ensemble im Sommer zugutekommen wird. Durch den Ausfall der Freilichtbühne, so der Intendant, verlängert sich automatisch die Spielzeit im Saal und bei Theaterabenden im Juli würde man eine Klimaanlage durchaus zu schätzen wissen.
Doch das war selbstverständlich nicht das Hauptthema der Spielplanpräsentation. Das Motto „ungeheuer“ bezieht sich vor allem auf die Herausforderungen einer immer unübersichtlichen und „ungeheueren“ politischen und gesellschaftlichen Realität, der das Theater mit seinen Mitteln begegnen muss. Doch „ungeheuer“ beschreibt auch „das Faszinierende und Überwältigende, das Theater von jeher so besonders macht“, erklärte der Intendant die Motto-Wahl.
Zwei neue Spielstätten, aber keine Freilichtbühne
24 Premieren in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Ballett und Digitaltheater verkündete André Bücker für die neue Spielzeit, darunter mehrere Uraufführungen, teils Auftragsarbeiten speziell für das Augsburger Staatstheater. Wiederaufnahmen beliebter Produktionen sollen aber auch nicht zu kurz kommen.
Für den bedauerlichen Wegfall der Freilichtbühne gibt es keinen Ersatz, selbst bei einer schnellen Renovierung sei der Vorlauf für die Produktionen dort viel zu lang. Immerhin konnte der Intendant aber zwei neue Spielstätten verkünden: das Mephisto-Kino im Herzen der Innenstadt, das dem Theater nach dem Wegfall des Rock-Cafés in Kriegshaber mit seinen 120 Sitzen eine neue Möglichkeit für kleine Formate, Talks oder Lesungen bieten wird. Dazu kommt die Bühne im Fronhof, wo die Philharmoniker zunächst die beliebten „Fronhof-Konzerte“ übernehmen, ihnen aber einen eigenen Stempel aufdrücken werden. Wobei sich dort auch weitere Möglichkeiten auftun könnten.
Das Schauspiel startet am 2. Oktober mit der ersten Premiere: „Frau Yamamoto ist noch da“. Es ist die Bayerische Erstaufführung eines Stücks von Dea Loher, der Brecht-Preisträgerin von 2006. Die weiteren Premieren zeigen eine Vielfalt zwischen Shakespeares „Macbeth“, Bölls „Katharina Blum“, einer Show-Revue von Felix Krakau zum Gedenken an Hans Rosenthal („Halli Galli“) und dem Märchenstück „Der Zauberer von Oz“. Hinzu kommt mit „Clean“ die Uraufführung eines Stücks von Sarah Kilter, das die Augsburger Drogenszene zum Thema hat und ein noch nicht näher bekanntes Stück von oder über Bertolt Brecht, das zum Brechtfestival Premiere haben wird. Mit „The Boys are Kissing“ und „Der Liebling“ werden noch zwei Komödien den Spielplan bereichern.
Das Musiktheater setzt am 10. Oktober mit der Erstaufführung der Oper „Die Verwandlung“ von Gordon Kampe nach dem Roman von Franz Kafka in die Spielzeit ein. Als Klassiker stehen Verdis „Luisa Miller“, Rossinis „Barbier von Sevilla“ und Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf dem Spielplan. Mit Glucks „Iphigenie in Aulis“ werden die Fans der Barockoper bedacht. Einen zeitgenössischen Akzent setzt „Die menschliche Stille“, eine Zusammenfassung zweier Kammeropern von Lee Holby und Francis Poulenc.
Ricardo Fernando kündigt für die Ballettsparte mit „Cinderella“ wieder einen abendfüllenden Klassiker an, der am 31. Oktober Premiere hat. Uraufführungen werden in dem Kammerballettabend „Blending“ zu sehen sein, eine Deutschlandpremiere bietet „Cathedral“ in der Choreografie von Marcos Morau. Mit „Newcomer“ bietet der Ballettdirektor wieder Ensemblemitgliedern die Möglichkeit, eigene Choreografien zu zeigen. Und selbstverständlich laufen die Vorbereitungen für die Internationale Ballett- und Tanzgala am 6. und 7. Februar bereits auf Hochtouren, wie Ricardo verkündet.
Fronhof-Konzerte und Beethoven-Marathon
Bei den Philharmonikern gibt es auch in diesem Jahr wieder einen „Artist in Residence“ , die chinesische Geigenvirtuosin Tianwa Yang. Ihren ersten Auftritt hat sie im zweiten Sinfoniekonzert im November mit dem Violinkonzert von Tschaikowski., im 8. Sinfoniekonzert wird sie eine Konzert von Paul Ben-Haim spielen. Daneben wird sie noch drei Kammerkonzerte (mit) bestreiten. Zu den Gastsolisten des Orchesters zählen im Laufe der Spielzeit der Organist Christian Schmitt und die ARD-Preisträgerin Selina Ott. Es gibt auch in der neuen Spielzeit ein Auftragswerk des Orchesters. Mit „Karneval der gefährdeten oder schon abhandenen Tiere“ lädt der Komponist Narkus Lehmann-Horn zu einer satirisch-musikalischen Entdeckungsreise nach Texten von Eckard Henscheid ein. Im April plant das Orchester zudem als Besonderheit ein „Beethoven-Marathon“ aus Anlass des 200. Todestags des Komponisten.
Ein Alleinstellungsmerkmal des Augsburger Staatstheaters ist die Digitalsparte, deren Produktionen überregional Beachtung finden. Sie geht nun schon in die 6. Saison und startet im Oktober mit einer „interaktiven Begegnung mit dem Geist von Kafka“. Eine Besonderheit wird auch das VR-Schauspiel nach dem Film „Metropolis“ von Fritz Lang im Frühjahr 2027.
Mit diesem vielfältigen Programm verfolgt das Theater Augsburg weiter den Spagat zwischen Innovation und Publikumsnähe, mit dem es insgesamt bisher gut gefahren ist. Der Kontakt zum Publikum wird einerseits über die „Theatervermittlung“ gesichert, die auf drei Stellen aufgewertet wurde. Durch die Arbeit an Schulen wird für den Publikumsnachwuchs gesorgt. Auch im Konzertsaal macht sich unter anderem bemerkbar, dass es nun die „Null Euro Tickets“ für Schüler und Studenten an der Abendkasse gibt. In diese Richtung zielt auch die Vernetzungsplattform „Plan A“ mit Mitmachprojekten und publikumsnahen und inklusiven Formaten. „Immer Dinge miteinander denken“, nennt der Intendant dieses Bemühen um breite Teilhabe. Der Theaterbegriff habe sich verändert und tue das weiterhin, es brauche immer wieder neue Formate, um glaubwürdig und authentisch zu sein. Mit der Ausstrahlung des Theaters in die Stadtgesellschaft ist er insgesamt zufrieden, „die Akzeptanz ist da.“ Wenn vielleicht in naher Zukunft auch noch die äußeren Rahmenbedingungen wieder stimmen, sieht er das Theater auf einem guten Weg.
Alle Stücke der Spielzeit 2026/27 des Augsburger Staatstheaters sind auf der Seite des Theaters unter staatstheater-augsburg.de/ungeheuer zu finden.




